Ostdeutschland ist anders. Wir schreiben drüber.

Melodiös nach Hause oder “…aigaifjuhmaihaht”

Von 24. Dezember 2012 um 19:52 Uhr

Weihnachten ist das Fest der … Lieder, richtig. Die Menschen singen. Einige tun das in der Gemeinschaft, die meisten aber allein. Zunächst einmal.

Bevor viele Deutsche ihre Füße unter die geschmückte Tanne strecken können, müssen sie heimfahren: Zurück zu Mutti&Papa, Oma&Opa oder zu anderen Liebenden geht es für viele von ihnen über die A2/4/9/11 in den tiefen Osten. Und auf dem Weg dahin wird hinterm Lenkrad gesungen.

Was da genau geschmettert wird, muss sich jeder selber ausmalen, Erhebungen gibt es keine. Christliches Liedgut jedenfalls ist bei den ostdeutschen Heimfahrern nicht angesagt, so viel steht fest, denn der deutsche Osten ist ohne Glaube, oder bleiben wir korrekt: Er ist konfessionslos. Die Fünf Neuen Länder (FNL) bewegen sich klar in der weltweiten Spitzengruppe der Ungläubigen irgendwo auf der Höhe von Estland (60 Prozent) und bundeslandweise sogar noch hinter Tschechien (76 Prozent), gemittelt etwa zu vergleichen mit dem Nordkorea-Niveau: 71 Prozent.

Und was singt der Ungläubige auf der Reise aus den Jobmetropolen des Westens in die Heimat der Herzen? – “Lahstkrismis”, “Nausatitskrismis” oder “Andasekrismistrie” wahrscheinlich, angstiftet von Radio PSR, MDR 1 Radio Thüringen oder Hitradio. Beim Schmettern dieser und anderer semi-religiöser smash hits malen sich die Heimfahrer aus, was ihnen der Weihnachtsmann so alles unter den Baum legen könnte. Sie kümmert weder das Lukas- noch das Matthäus-Evangelium und Krippenspiele kennen sie meist nur von den Generalprobennachmittagen ihrer Patenkinder in den Vorweihnachtswochen. – Hört sich rabaukenhaft und ungläubig an? – Richtig, ist es auch, aber der Osten will und macht es nicht anders, jedenfalls glaubensstatistisch.

Natürlich versuchen die Gemeinden gegenzusteuern und hoffen dabei immer wieder auch auf Weihnachten, weil sich die Menschen in den FNL dann irgendwie an irgendwas erinnern. Sie versuchen dann rauszukriegen, wie nun der Weihnachtsmann und der erste Feiertag zusammenhängen und gehen auf der Suche nach Santa in die Kirche. (Wo er aber auch nicht ist.)

Unterstützung für den Glauben naht aus der Populärkultur und – man glaubt es kaum – vom Sport: Tief im Berliner Osten singen die Anhänger des Fußballgottes bewaffnet mit Kerzen und Glühwein Weihnachtslieder derart begeistert, dass man glauben könnte, Kaiser Augustus kommt aus den FNL. Tausende Anhänger des 1. FC Union Berlin (in diesem Jahr 22.500) kommen seit neun Jahren, also traditionell, zum so genannten Weihnachtssingen ins Heimstadion des Vereins in der Wuhlheide und schmettern dabei – nach einigem Warmsingen mit der Nina-Hagen-Vereinshymne – christliche Lieder, dass es den anwesenden Geistlichen die Gänsehaut auf den Rücken treibt und sogar die Tagesschau (ungläubig) berichtet.

Ja, nun ist dieses fußballernde Weihnachtssingen kein Gottesdienst und selbst das dabei in diesem Jahr abgehaltene Krippenspiel ist für die meisten genauso wenig mit dem Neuen Testament verbunden wie ein Fußballschuh, aber immerhin: Kerzen, Gemeinschaft, Andachtsstimmung, Gesang und Liturgie. “Driving Home for Christmas” – im Osten singt man das am lautstärksten in Köpenick – für viele Ostberliner Fußballfans eine Glaubensfrage. Immerhin.

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