Ostdeutschland ist anders. Wir schreiben drüber.

Such den Jammer-Ossi!

Von 29. Dezember 2012 um 12:02 Uhr

Wie denken die Menschen in Ostdeutschland eigentlich über sich und wie über ihre Brüder und Schwestern im Westen? Dieser Frage ist das Institut für Demoskopie in Allensbach kürzlich im Auftrag der Hochschul-Initiative Neue Bundesländer nachgegangen.

Befragt wurden rund 1.600 Personen. Und als hätten wir es nicht schon geahnt: Ost- und Westdeutsche haben nicht die beste Meinung vom jeweils anderen Teil der Bevölkerung. Der Wessi ist in den Augen des Ossis vor allem arrogant, geldgierig, selbstbewusst und bürokratisch. Der Ossi wiederum ist nach Ansicht des Wessis vor allem unzufrieden, misstrauisch und ängstlich.

Wie gut, dass wenigstens das Selbstbild einigermaßen positiv ist. Der Ostdeutsche hält sich laut dieser Studie für bescheiden, zurückhaltend, erfinderisch und hilfsbereit. Der Westdeutsche, schon etwas selbstkritischer, schreibt sich vor allem Selbstbewusstsein und Ehrgeiz als positive Eigenschaften zu, hält sich allerdings auch ein wenig für arrogant und bürokratisch.

Soweit die Ergebnisse. Kommen wir nun zu den Erklärungsversuchen. Allensbach-Projektleiter Thomas Petersen sieht die Ursachen der doch recht unterschiedlichen Selbstwahrnehmungen von Ost- und Westdeutschen im Kalten Krieg. Während die Ostdeutschen in der DDR in einer Gesellschaft lebten, in der die Überlegenheit gegenüber dem kranken kapitalistischen System im Westen propagiert wurde, die sozialistischen Bürger mithin also die besseren Menschen waren, waren die Westdeutschen nach dem Zweiten Weltkrieg vor allem mit Selbstgeißelung wegen der Schuldfrage beschäftigt, sagt Petersen sinngemäß der Mitteldeutschen Zeitung. Thüringens Ministerpräsidentin Christine Lieberknecht formulierte in der Welt am Sonntag ähnlich: “Die ständige Selbsthinterfragung, der intensive Diskurs gehörte im Westen zur Kultur. Aus einer Diktatur kommend kennt man das so nicht.”

Was soll man nun davon halten? Wie schafft es der Westdeutsche, arrogant und selbstbewusst zu werden, wenn er sich doch dauernd selbst in Frage stellt? Müssten nicht eher die Wessis ängstliche und unzufriedene Menschen sein? Und wie wird aus einem ehemaligen DDR-Bürger, der in einer – jedenfalls aus marxistischer Sicht – besseren, überlegeneren Gesellschaft aufgewachsen ist, dann ein ängstliches und unzufriedenes Wesen?

Vielleicht deshalb, weil die Bilder, die wir von unseren Mitmenschen jenseits der ehemaligen innerdeutschen Grenze haben, eher das Ergebnis der letzten zwei Jahrzehnte sind. Vielleicht gelten Westdeutsche im Osten deshalb arrogant, weil so mancher “Entwicklungshelfer”, der am “Aufbau Ost” mitgewirkt hat, dies mit der Botschaft an die Ostdeutschen verbunden hat: Jetzt zeigen wir Euch Versagern mal, wie man es richtig macht und wie das mit der Freiheit und der Demokratie und der Marktwirtschaft funktioniert. Und vielleicht gelten Ostdeutsche im Westen als unzufrieden und ängstlich, weil sie lieber darauf warten, dass ihnen der Staat oder wer auch immer Arbeit oder irgendwie geartete Hilfe gibt, anstatt ihr Schicksal selbst in die Hand zu nehmen?

Vielleicht aber stimmen all diese Bilder gar nicht mit der Realität überein und sind nur sorgfältig gepflegte Klischees. Denn erstaunlicherweise, auf diese Zahlen verweist Allensbach-Projektleiter Petersen in der MZ, sind 79 Prozent der Westdeutschen noch nie einem “Jammer-Ossi” begegnet und nur 16 Prozent der Ostdeutschen bisher einem “Besser-Wessi”. Vielleicht nehmen wir uns für das Jahr 2013 alle mal eine Reise in den anderen Landesteil vor und suchen da diese beiden Typen. Wer einen findet, kriegt ne Mark aus dem Solidarpakt-Topf.

Kategorien: Allgemein
Leser-Kommentare
  1. 1.

    Und was ist mit den Deutschen, die inzwischen als Ossis im Westen, als Wessis im Osten, nach der Wende im Osten und im Westen erst erwachsen geworden sind, nach der Wende geboren und auch schon erwachsen sind, und was ist mit denen, die als Deutsche im Ausland leben?

    • 30. Dezember 2012 um 10:28 Uhr
    • Siegfried Wittenburg
  2. 2.

    Auch die werden vermutlich ein Bild von West- und Ostdeutschen haben. Viele Grüße, Dirk Reinhardt

    • 30. Dezember 2012 um 11:47 Uhr
    • Dirk Reinhardt
  3. 3.

    @ Dirk Reinhardt

    Ja, vermutlich. Doch ich bezweifle sehr, dass sich mein ehemaliger SED-Vorgesetzter als bescheiden, zurückhaltend, erfinderisch und hilfsbereit bezeichnet. Und wenn doch, dann lügt er.

    Das zu dieser Art von Studien. Bekommt etwa jemand Geld dafür?

    • 31. Dezember 2012 um 12:12 Uhr
    • Siegfried Wittenburg
  4. 4.

    “…waren die Westdeutschen nach dem Zweiten Weltkrieg vor allem mit Selbstgeißelung wegen der Schuldfrage beschäftigt..”
    Offenbar gibt es erheblich Wahrnehmungsunterschiede. Die Selsbtgeißelung hat u.a. dazu geführt, dass Nazi-Richter im Amt blieben, Ritterkreuzträger im Bundestag saßen, Straßaen Plätze und Kasernen nach Nazi-Größen benannt wurden und noch sind etc. In welch selbstüberschätzender Weise diese Fakten ausgeblendet werden ist für einen solchen Artikel beschämend. Frau Lieberknecht ist zwar gewählte Ministerpräsidentin , muß aber deshalb nicht Recht haben. Sie ist schließlich ihrer Partei und ihrem Glauben verpflichtet.

    • 10. Januar 2013 um 07:30 Uhr
    • arnster
  5. 5.

    @ arnster

    “Die Selsbtgeißelung hat u.a. dazu geführt, dass Nazi-Richter im Amt blieben, Ritterkreuzträger im Bundestag saßen, Straßaen Plätze und Kasernen nach Nazi-Größen benannt wurden und noch sind etc.”

    Das ist vollkommen richtig. Die erste 1952 vom ARD-Fernsehen ausgestrahlte Wetterkarte zeigte das gesamtdeutsche Reich in den Grenzen von 1939, als wäre nichts geschehen. Heute empfinden wir das als sehr peinlich. Doch das Volk konnte man nach dem Krieg nicht einfach austauschen. Auch das Gedankengut nicht.

    Erst ab 1968 hat sich dieses im Westen geändert und ab 1989 im Osten. Und dieser Prozess ist noch nicht abgeschlossen, denn die ostdeutsche Folgediktatur mit den Biografien und dem Gedankengut von Millionen Menschen muss ebenfalls verarbeitet werden.

    Sehen Sie sich im Osten nur die Straßennamen an!

    • 10. Januar 2013 um 09:14 Uhr
    • Siegfried Wittenburg
  6. 6.

    Da ich mit Mitte 20ig den Mauerfall erlebte und mich sehr freute über die Freiheit die endlich stattfand für die Menschen im Osten, ja sogar vor Freude weinte. Ich kannte aber die Menschen gar nicht, woher auch. es war ja eine Mauer dazwischen. Ich habe mir wohl in meinem jungen Kopf nichts gedacht und glaubte, wir sind alle ein Volk “Deutsche” Doch dies hat sich im laufe der Jahre anders entpuppt. Ich kann hier leider nicht meine gesamte Erfahrung von über 20 Jahren posten mit den Menschen aus . Ostdeutschland. Nur soviel, ich habe dort 3 Jahre verbracht “beruflich” begegnete auch danach immer wieder privat und beruflich vielen Menschen aus der ehemaligen DDR. Was zuerst stest auffallend ist, (nenne es mal Ostler” und Westler” ) (ich bin Westler)
    Es begann als ich beruflich im Osten lebte damit, dass ich hörte, he AISCHE geh dahin wo du herkommst. Bin aber weder Türkin noch ist einer in meiner Familie ausländischer Abstammung. Bin einfach nur optisch ein offenbar eher südländischer Typ. Dunkle lockige Haare braune Augen.

    Das nächste was ich oft erlebte, ich wurde im Geschäft in dem ich arbeitete dumm angesprochen, Leute fassten dort alles an, ich bat dies sein zu lassen, war ein Juwelier!! Da hörte ich dann. GEH dahin wo Du herkommst, diesmal meinten die den Westen. Ältere Kunden die davon öfter ungewollt Zeugen wurden, erzählten mir “das war hier immer schon so” Ausländerfeindlichkeit. Egal woher man kommt. Drei Jahre reichen um eine Meinung dazu offen zu sagen. Ich fand die Leute da dumm, unwissend und vor allem sehr schlampig, was mich am meisten schockierte, die Schlampigkeit zu Hause. Wir aus dem Westen waren ein rotes Tuch. Da wurde gar nicht gefragt wer “ICH” bin!! Sondern nur nachdem “Woher”

    Mein Bild über die Bewohner aus der ehemaligen DDR hat sich also negativ geprägt. Schon in den ersten 3 Jahren nach dem Mauerfall.

    So nun geht es weiter. Es sind ja viele Jahre vergangen.

    1. Kann ich sagen, dass ich beruflich oft auf Leute treffe die auch mit Ostlern zu tun hatten. Alle haben “leider” die gleiche Meinung im laufe der Jahre bekommen wie auch ich. Eine Negative!!

    Ich lebe seit nun fast 20 Jahren im Ausland und habe täglich mit Menschen zu tun. Ostler erkenne ich schon an der ach so ” fröhlichen” Art. Doch näher hingeschaut, sind Sie extreme Egoisten, nicht in der Lage global zu denken geschweige denn echte innere moralische Werte zu kennen. Ostler wiederum halten sich selbst für total missverstanden GAAANZ Liebe Leute!! Praktische Menschen! Doch dies sind Sie nicht. Sie sind laut, übertrieben, benutzen selbst vor Kindern Worte die man vermeiden sollte. Alle Mietnomaden in den letzten 4 Jahren die ich hier erlebte kamen woher?? AUS dem OSTEN! Schon etwas seltsam.

    Wohnungen werden verdreckt hinterlassen, Kaution wird abgewohnt. Man ist der Ansicht… he was wollen die, habe ja auch lange genug denen Miete gezahlt. Das ist ein Ostler! Hauen ab bei Nacht und Nebel und hinterlassen Schulden und Dreck. Ais dem Westen hatte ich bisher noch keinen solchen Fall. Nur einen aus der Schweiz. Aber 14 in einem Jahr aus dem Osten!! Also was soll ich sagen? Da wächst nichts zusammen, weder bei denen noch bei mir. Von Jahr zu Jahr mag ich die Ostler noch weniger. Schuld sind Sie selber!

    • 31. Januar 2013 um 22:20 Uhr
    • Genervte
  7. 7.

    @ Genervte

    Das ist für mich ein erschütternder Bericht. Vielen Dank für Ihre Offenheit.

    Ich bin aus dem Osten und habe mich mit vielen Gleichgesinnten für Freiheit und Demokratie engagiert. Wenn ich 22 Jahre nach Mauerfall die Menschen aufzähle, die mir entweder Böses oder Gutes angetan haben, ist die Anzahl der Ostler und Westler gleich. In manchen Fällen haben auch Ostler und Westler, oder umgekehrt, für kriminelle Taten kooperiert. Was das Gute betrifft, so erkenne ich kaum noch eine innerdeutsche Grenze, sondern unterscheide die Menschen in Rheinländer, Sachsen, Bayern, Thüringer, Hamburger, Hessen, Mecklenburger usw. Sie sind überall etwas anders.

    Doch häufige Probleme habe ich mit den Umgangsformen der Leute aus dem Osten, die in der DDR zur Oberschicht zählten. Das sitzt ganz tief. Viele sind von einen Fettnapf in den anderen gefallen. Denen geht es oft gut, sie gehen shoppen, reisen ins Ausland und haben oft genau die Eigenschaften, die Sie beschreiben. Und einem Westdeutschen fehlt das Verständnis, dieses zu differenzieren. Für ihn sind Ossis oft eine „breite Masse“. So ist es aber nicht.

    Inzwischen erlebe ich in meiner unmittelbaren Umgebung und in meinem Wirkungsfeld eine Vermischung. Ostdeutsche haben Westdeutsche geheiratet, und umgekehrt, gemeinsame Kinder, Ostdeutsche haben Amerikaner, Polen und Italiener geheiratet, und umgekehrt, Ostdeutsche sind in den Westen gegangen, ja, sogar Bundespräsident und Kanzler geworden, Westdeutsche, Holländer und Dänen leben sozusagen in meiner Nachbarschaft.

    Ja, es gibt auch Ostdeutsche, die mich fürchterlich aufregen und wenn ich in fremde Wohnungen komme, sind manche schlampig, andere tiptop. Es gibt keine generelle Aussage mehr. Die Betonplattenbauten, wo vor 20 Jahren viele Menschen schmelztiegelartig wohnten, werden nach und nach abgerissen und wenn ich von Schleswig-Holstein die Landesgrenze zu Mecklenburg-Vorpommern passiere, empfängt mich ein farbenfrohes Wohngebiet mit schön angelegten Gärten und anschließend eine restaurierte und gepflegte Kleinstadt, die im krassen Gegensatz zum Nachbarort in Schleswig-Holstein steht. Keine Frage, das hat etwas mit Fördergeldern zu tun.

    Ich weiß, es ist nicht überall so. Ob an der Oder oder in der Pfalz: „Problemzonen“ habe ich überall gesehen. Doch eins ist gewiss: Die Menschen im Westen können sich mehr leisten. Die Mehrheit ist wohlhabender, reicher, kann mit Dingen anders umgehen, ist kreativer, konsumfreudiger, verantwortungsbewusster, geschäftstüchtiger – kurz: Sie sind für dieses Leben geübter. Hier, wo ich lebe, sind die Berufschancen geringer und das Einkommen beträgt nur zwei Drittel von dem, was man ein, zwei Stunden weiter westlich bekommt. Die Fixkosten sind annähernd gleich.

    Jetzt wächst schon die dritte Generation heran. Ich hoffe, dass diese nicht mehr „he Aische“ sagt. Doch über Krisen jammern können die Westdeutschen besser. Auch darin sind sie geübter.

    • 1. Februar 2013 um 10:36 Uhr
    • Siegfried Wittenburg
  8. Kommentar zum Thema

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