Ostdeutschland ist anders. Wir schreiben drüber.

Kredit mit Karl Marx

Von 30. Januar 2013 um 11:43 Uhr

Chemnitz hat ja so manchen berühmten Sohn hervorgebracht, zum Beispiel den Schriftsteller Stefan Heym. Ein anderer berühmter Mann war Karl Marx. Der hat den Kommunismus erfunden und war deshalb so etwas wie ein Nationalheiliger in der DDR. Wobei der Begriff Heiliger in diesem Zusammenhang eigentlich unsinnig ist, weil in dem sozialistischen Land solche Dinge wie rückständig-religiöse Heiligenverehrung offiziell verpönt waren. Mit Chemnitz hatte Marx Zeit seines Lebens eigentlich nichts zu tun. Doch der Stadt hat die, sagen wir mal: Würdigung des Schriftgelehrten durch die DDR einiges eingebracht, zum Beispiel einen neuen Namen. Im Jahr 1953 wurde sie in Karl-Marx-Stadt umbenannt, und einen übergroßen Marx-Schädel aus Bronze bekam sie auch noch ins Stadtzentrum gestellt.

Nach der Wende hat die Stadt den Bindestrich-Namen wieder abgelegt. Den Bronze-Nischel hat sie behalten. (Für alle Nichtsachsen: Nischel bedeutet Kopf.) Und weil man den irgendwie nicht loswurde oder vielleicht auch gar nicht loswerden wollte, immerhin handelt es sich bei diesem Monument auch um ein Kunstwerk, hat man ihn gelegentlich für Marketingzwecke genutzt. Und im Jahr 2008 wurde er mal für ein paar Wochen von Kunststudenten verhüllt.

Seit Sommer 2012 ist der Nischel auch auf Kreditkarten der Sparkasse Chemnitz zu finden. Die hatte die Einwohner der Stadt per Online-Voting zur Auswahl neuer Motive für ihre Kreditkarten aufgerufen. Und da hat Karl Marx gewonnen. Die Karten mit seinem Konterfei gehen, das meldete jetzt der MDR, weg wie warme Semmeln. Mehr als 500 Stück wurden inzwischen ausgegeben.

Nun mag mancher sich sagen: Diese Ostdeutschen können nicht von ihren alten, sozialistischen Vorbildern lassen. Aber halt: Dass ausgerechnet Marx auf einer Kreditkarte auftaucht, ist höchst logisch. Immerhin hat er sich sein Leben lang mit Geld und seiner Funktion in einer kapitalistischen Wirtschaftsordnung beschäftigt. Marx’ Werke zählen zu den Klassikern der Wirtschaftswissenschaften und werden heute mehr denn je gelesen und zitiert. Schließlich ist der Kapitalismus gerade mal wieder in einer Krise. Da hilft Marx’ geniale Kapitalismus-Analyse. Nur von der Umsetzung seiner Schlussfolgerungen, also der Kommunismus-Utopie, sollte man angesichts der eher schlechten Erfahrungen der vergangenen Jahrzehnte wohl doch erstmal die Finger lassen.

Marx jedenfalls hätte so eine Kreditkarte mit seinem Konterfei vermutlich durchaus gefallen. Schließlich soll er ja ständig Geldsorgen gehabt haben. Aber möglicherweise hätte er auch gar keine bekommen – wegen mangelnder Kreditwürdigkeit. Ironie der Geschichte.

Kategorien: Allgemein
Leser-Kommentare
  1. 1.

    “Chemnitz hat ja so manchen berühmten Sohn hervorgebracht, zum Beispiel den Schriftsteller Stefan Heym. Ein anderer berühmter Mann war Karl Marx. Der hat den Kommunismus erfunden und war deshalb so etwas wie ein Nationalheiliger in der DDR.”

    Karl Marx wurde in Trier geboren. Und er hat auch nicht den Kommunismus erfunden, sondern ertäumt, was wohl jeder nachvollziehen kann, der kein Kapital hat.

    • 31. Januar 2013 um 09:24 Uhr
    • Siegfried Wittenburg
  2. 2.

    “Nur von der Umsetzung seiner Schlussfolgerungen, also der Kommunismus-Utopie, sollte man angesichts der eher schlechten Erfahrungen der vergangenen Jahrzehnte wohl doch erstmal die Finger lassen.”

    Ja, wenn irgendwann alle genug Geld haben, kann man ja noch mal darüber nachdenken.

    • 31. Januar 2013 um 09:35 Uhr
    • Siegfried Wittenburg
  3. 3.

    @ S. Wittenburg (Kommentar 1): Reingefallen. ;-) Viele Grüße, Dirk Reinhardt

    • 31. Januar 2013 um 11:42 Uhr
    • Dirk Reinhardt
  4. 4.

    @ Dirk Reinhardt

    Nun, Karl Marx promovierte in Jena, aber inwieweit hat Chemnitz ihn hervorgebracht?

    • 31. Januar 2013 um 13:09 Uhr
    • Siegfried Wittenburg
  5. 5.

    Ich habe nicht geschrieben, dass Chemnitz ihn hervorgebracht hat.

    • 31. Januar 2013 um 23:23 Uhr
    • Dirk Reinhardt
  6. 6.

    @ Dirk Reinhardt

    Dann einigen wir uns auf “unglücklich ausgedrückt”.

    Karl-Marx-Straßen und Karl-Marx-Plätze gibt es in fast allen Dörfern, Klein- und Großstädten Ostdeutschlands. Weitere Denkmäler stehen in Berlin, Wernigerode, Karlsbad (Karlovy Vary), London, Moskau, Addis Abeba und gewiss noch anderswo.

    Sicher, der Nischel ist das größte. “Sie haben ihn durch ein Denkmal gesteinigt”, hat der polnische Aphoristiker Stanislaw Jerzy Lec geschrieben.

    Weiter hatte Karl Marx mit Chemnitz nichts zu tun.

    • 1. Februar 2013 um 09:23 Uhr
    • Siefreid Wittenburg
  7. 7.

    Lieber Herr Wittenburg, das war nicht “unglücklich ausgedrückt”, sondern absichtlich so geschrieben, um mal zu sehen, wer den Text aufmerksam liest. Aber vielen Dank für Ihre Kommentare und freundliche Grüße, Dirk Reinhardt

    • 1. Februar 2013 um 10:44 Uhr
    • Dirk Reinhardt
  8. 8.

    @ Dirk Reinhardt

    Aha. Wir könnten kooperieren. Meine Mailadresse haben Sie ja. Beste Grüße zurück. S. W.

    • 1. Februar 2013 um 11:15 Uhr
    • Siegfried Wittenburg
  9. Kommentar zum Thema

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