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Das wusste ich schon immer

 

Vor einigen Tagen ist es schon wieder passiert. Es erwischte mich kalt und ich merkte sofort, dass sich in meinem Nacken so eine Art Ärgergerinsel bildete. Ich kenne diese Momente. Und jedes mal schwöre ich mir, vorbereitet zu sein. Aber es klappt nicht. Es gibt eine kleine Routine, die ich dann doch abfahren kann, aber sie ist jämmerlich.

Diesmal lief es wie folgt: Zwischen zwei Kollegen ging es um Autos. Eigentlich ein tägliches Thema:
– „Springt einfach nich an!“…
– „Ach bei mir neulich auch…“
– „Ich hab alles probiert: Kontaktspray, neue Sicherung, Batteriewechsel, nicht: Lampe brennt nicht.“
– „Gibt’s ja gar nicht!“
– „Stell Dir vor: ein Platten von einer Konservendose.“
– „Da denkt man, die stell’n heute so gute Reifen her und dann das…“
usw.

Ich wartete auf die Erwähnung einer weiteren Elektropanne, um von meinem kaputten Fensterheber erzählen zu können.

Aber die beiden wollten mich irgendwie nicht reinlassen in ihre Konversation. Jetzt sprachen sie über Entfernungen zur Heimat, darüber, wie sie mit ihren wenig zuverlässigen Autos am Wochenende problemlos zwei Mal sechshundert Kilometer schafften. Ich schaltete ab. Ich hatte nur zehn Kilometer zu Mutti und Papa. Doch das Abschalten war der Fehler.

– „Und laut ist der dann plötzlich.“
– „Echt laut? Du meinst lautlaut, so wie ein … Trabi.“
– „Haha, Trabi, genau. Stefan, das kennst Du doch. Trabi, Du weißt schon.“

Ich reagierte nicht. Ich konnte nicht. Sie wollten mir helfen. Sie wollten mich dabei haben in ihrem Gespräch. Sie versuchten dann noch, das Trabi-Geräusch nachzumachen, damit ich aufspringen konnte auf ihren Konversationszug.

Zum Glück erinnerte ich mich dann irgendwie an diese alte Routine für eine Pro-forma-Teilnahme an einer Konversation. Ich sah sie an, ließ meine Hände auf der Tastatur, machte meine Augen ganz groß und zog die Mundwinkel nach oben: das diplomatische Ich-weiß-schon-Lachen. Und dann schrieb ich weiter auf meiner Tastatur: asdf jklö. Wörter gingen nicht, aber das sah ja nur ich. Meine Routine.

Mir wird nicht warm ums Herz, wenn ein Trabi vorbei fährt und mir schmeckt das Ei nicht besser, wenn es in einem huhnähnlichen Ost-Plaste-Eierbecher steckt. Ich will auch nicht über die Unterschiede von S50 und S51 fachsimpeln. Und die Holloren-Kugel kann von mir aus Oma naschen.

Möglicherweise stimmt da was bei mir nicht, denn nach Ansicht eines Experten, Marko Sarstedt von der Fakultät für Wirtschaftswissenschaften der Otto-Von Guericke-Universtät Magdeburg stehen Ostler auch auf das Ostzeug. Er sagt, sie freuen sich, sie beharren sogar darauf, also auf Ostprodukte. Und dieses Verhalten ist Sarstedt zufolge ein Aufschrei, Ausdruck einer Suche nach Bodenständigkeit und Langlebigkeit. Die Menschen im Osten seien bis heute unbewusst an die Ostprodukte gebunden. Sagt Sarstedt.

Stimmt nicht! Denke ich jedenfalls.

Aber da solch ein Widerspruch von mir, wenn er einfach so publiziert wird, sofort als falsch denunziert wird, widerlegt jemand anderes die Richtigkeit meines Widerspruchs: ein Schwede. Professor Lars Hall von der Uni Lund. Lars Hall hat in einer Studie belegt: Menschen kehren sich heute nur noch sehr wenig um ihre Überzeugungen von gestern. Unbewusst natürlich. Die schwedischen Wissenschaftler fragten moralische Urteile in mehreren Runden bei Probanden ab. Und abhängig von den Formulierungen sagten die Leute vollster Überzeugung eben noch das eine und im nächsten Augenblick schon das andere.

Dieser Schweden-Beweis belegt, dass die Ostler flunkern, die sagen, der Ostkrempel sei gut und dass sie das auch schon immer so gesehen hätten.

Das wusste ich schon vor den Schweden. Also: Das wusste ich schon immer. Und das werde ich meinen Kollegen das nächste Mal auch genau erklären.

2 Kommentare

  1.   Siegfried Wittenburg

    Die DDR im Hochregal: Irgendwie klingt das Angebot im DDR-Kaufhaus Tangermünde nach Ostalgie-Kitsch. Es wäre auch interessant zu hinterfragen, wohin die Gewinne aus diesem Geschäft fließen. Dass man mit Gartenzwergen Geld verdienen kann, steht außer Zweifel. Mit Produktion und Vertrieb dieser Produkte kann man sogar Arbeitsplätze schaffen. Während die Menschen in der untergegangenen DDR die Initiative dem Arbeitsamt überließen, wurden gleich hinter der Grenze zu Polen Milliarden umgesetzt. Mit Gartenzwergen und Nostalgiekitsch, zurück bis in die Kaiserzeit.

    Eine Stralsunder Möbelfabrik wurde mit Millionen Fördermittel so modernisiert, dass sie die gewohnten Anbauwände produzieren konnte, die lange nach der Wende nachgefragt wurden, weil sie so gut in die Arbeiterschließfächer passen. Eine Entwicklungsabteilung für neue Möbelideen gab es nicht und brauchte die Firma auch gar nicht.

    Es soll ja sogar Pläne geben, den Trabbi neu aufzulegen, damit diejenigen, die schon immer auf den Kapitalismus geschimpft haben, diesen gegen ihren BMW und Porsche eintauschen, um überzeugter argumentieren zu können.

    Aus dem Saarland liegt schon eine Anmeldung vor. Als Zweitwagen. Insofern stimmt die Aussage des Professors aus Schweden.

  2.   Catherine Booker

    Herr Sarstedt kann ich nur widersprechen. Sicher sind – auch für mich – Koivo Duschbad, Othello-Kekse und andere DDR-Utensilien schöne Erinnerungen. Ich habe mich hier und da selbst schon erwischt, nach altem Spielzeug zu suchen. Man muss sich nur einmal vorstellen, dass es diese Gesellschaft, dieses System nicht mehr gibt und es wird voraussichtlich auch nicht wiederkommen. Aber die Erinnerungen an alltägliche Sachen und unsere Vergangenheit, Kindheit werden sich die Ostdeutschen nicht nehmen lassen. Das ist sicher. Meines Erachtens gut und wertvoll. Warum soll man seine Herkunft verleugnen. Ob man dies nun positiv oder negativ bewertet, lasse ich offen. Aber deswegen bestimmen ostdeutsche Produkte bei mir nicht mein Kauf- und Verbrauchsverhalten.
    Im Übrigen, Herr Wittenburg nur zur Info, haben die Ostdeutschen in den Fabriken überwiegend für das Ausland, sprich den Westen, gearbeitet und möglicherweise auch Ihr Sakko gefertigt. Dies wurde schon in zahlreichen Dokumentationen bekanntgegeben. Quelle, Ikea sogar riesige Konzerne profitierten von der ausgezeichneten Qualität. Und mit den exportierten Sakkos kamen dann die westdeutschen Unternehmer schnell nach der Wende, um sich an und mit Immobilienkäufen gesundzustoßen.
    Herr Ruwoldt, ich denke, bei Ihnen stimmt alles. Lassen Sie sich nicht unterbuttern. Ich denke, mit entsprechenden diplomatischen Contra können Sie nur punkten.