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Al-Kaidas Filialen drängen auf Einheit der Dschihadisten

 

Die Beziehungen zwischen Al-Kaida und dem “Islamischen Staat” (IS), der in Teilen Syriens und des Iraks ein “Kalifat” ausgerufen hat, sind kompliziert. Kurzfassung: Sie liegen miteinander im Streit, bekämpfen sich und konkurrieren miteinander. Die Kaida-Zentrale unter Führung von Aiman al-Sawahiri im fernen pakistanisch-afghanischen Grenzgebiet hat sich auch deshalb lange nicht zu den Ereignissen in Syrien und im Irak geäußert. Heute aber haben zwei Kaida-Filialen genau das getan: Die Filiale auf der Arabischen Halbinsel (AQAP) und jene in Nordafrika (AQIM) fordern die “Brüder” in Irak und Syrien gemeinsam zur Einheit im Angesicht der “satanischen Allianz” aus USA und Verbündeten auf.

Das ist bemerkenswert. Aber nicht sensationell. Eine Sensation wäre es gewesen, wenn AQAP und AQIM sich dem “Islamischen Staat” und dessen “Kalifat” unterstellt hätten. Das kann auch noch irgendwann passieren, aber so weit sind wir noch nicht.

Bemerkenswert ist der Vorgang aus drei Gründen. Erstens, weil AQAP und AQIM noch nie zuvor ein gemeinsames Kommuniqué veröffentlicht haben. Zweitens, weil die beiden Filialen etwas fordern – nämlich dass die “Brüder” in Irak und Syrien sich nicht länger gegenseitig umbringen mögen –, was Aiman al-Sawahiri derzeit nicht fordern kann, weil er die Statur dazu nicht mehr hat. (Das Statement ist also auch ein Ausdruck der Tatsache, dass die Kaida-Zentrale im Moment ein bisschen abgehängt ist. Die Filialen aber führen ein Eigenleben.)

Und drittens, weil in der Erklärung weder das Kalifat noch Dschbhat al-Nusra erwähnt werden; die Kaida-Kader wollen also niemanden vor den Kopf stoßen und beziehen auch gar nicht Partei. Dabei ist Dschabhat al-Nusra seit dem Streit mit dem IS de facto die Syrien-Filiale Al-Kaidas – gehört also theoretisch zu ihrem Team. (Bitte lesen Sie die Korrektur am Ende dieses Posts.)

Aber wenn man dem Tenor des Schreibens glauben will, ist ja die Einheit im Angesicht des Feindes ohnehin das Wichtigste. Die Kämpfer im Irak und in Syrien möchten sich also berappeln, finden die Kollegen von der Halbinsel und aus dem Maghreb. Ich weiß nicht, ob die Gotteskrieger im Irak und in Syrien darauf nun gerade gewartet haben. Die Reaktionen im dschihadistischen Teil des Internet waren jedenfalls wenig euphorisch. Oder sagen wir mal: Weniger euphorisch als die Absender vermutlich gehofft hatten.

Die Beziehungen bleiben also kompliziert. Aber das heutige Kommuniqué und frühere Meinungsäußerungen aus dem Umfeld von AQAP und AQIM lassen darauf schließen, dass es innerhalb der Filialen mehr Sympathisanten für das Kalifatsprojekt gibt als in der Kaida-Zentrale. Es wird also wichtig sein, diese Entwicklung weiter im Auge zu behalten.

Kommen wir zu einem weiteren Punkt, der mir bemerkenswert erscheint. In dem Text rufen nämlich die beiden Filialen alle Gesinnungsgenossen auf der Arabischen Halbinsel und in den Staaten, die Teil der “satanischen Koalition” sind, dazu auf, sich dieser und ihren “kollaborierenden Regierungen” mit “allen zulässigen Mitteln” entgegenzustellen. In dem Text findet sich auch ein Bin-Laden-Zitat, mit dessen Hilfe noch einmal die Zulässigkeit der Tötung von Amerikanern betont wird. Die Filialen machen es also auch zu ihrem Anliegen, die USA und ihre Alliierten und Partner in der Region wegen ihrer Intervention im Irak (und bald vielleicht auch in Syrien) anzugreifen. Das kann Folgen haben – Folgen wie Anschläge auf Botschaften, etc.

Also noch etwas, das man im Auge behalten muss.

Um zusammenzufassen: Das Kommuniqué von AQAP und AQIM ist kein abgeschlossenes Ereignis. Es ist Teil einer Entwicklung, bei der noch unklar ist, wie sie weitergeht. Im Grunde gibt es drei Möglichkeiten: Al-Kaida und der IS bleiben verfeindet; Al-Kaida und der IS vereinigen sich; Al-Kaida und der IS finden einen Modus Vivandi.

 

PS: Ein paar abschließende Bemerkungen noch zur Authentizität des Dokuments. Die Verbreitungskanäle und der Inhalt sowie das generelle Layout deuten darauf hin, dass es echt ist. Ich bin nur über eine Sache gestolpert, die ich irgendwie merkwürdig finde: Oben auf der Seite, wo Datum und die laufende Nummer des Kommuniqués eingetragen sind, findet sich der seltsame Vermerk: “Anhänge: ohne”. Das kommt mir seltsam sinnlos vor bei einem geschriebenen Dokument. Aber ich werte das auch nicht automatisch als Hinweis auf eine Fälschung, zumal bisher auch noch keine dschihadistischen Internetaktivisten behaupten, es sei nicht echt. 

KORREKTUR: Der Islamische Staat ist sehr wohl ein Mal namentlich erwähnt; ich habe das zunächst übersehen. Aymenn al-Tamimi hat mich auf dieses Versehen hingewiesen. Ich glaube aber, dass das an meiner Argumentation in diesem Blog Post nichts ändert.

 

 

 

 

 

6 Kommentare


  1. ISIS = Boko Haram = Hamas = Taliban

    Viele Namen für ein und die selben grausame islamistische Ideologie. Mich wundern die EInheitsbestrebungen nicht.


  2. Konsequent sollte man in diesem Zusammenhang erwähnen, dass die sogenannten “moderaten Rebellen” u.a. der “FSA” am heutigen Tag laut libanesischen Daily Star mitgeteilt haben von Fall zu Fall mit den Jihadisten von u.a. der terroristischen Al Nusra Bande zusammen zu arbeiten. Zur Erinnerung, SL Nusra sind seit Jahren auf der US Terror Liste. Der aus den Medien bekannte Menschen Fresser steht ihr nahe. Al Nusra gehört zu den Kop Abhackern.

    Soviel dann zu den “gemäßigten Rebellen” an die seit Jahren Milliarden und nun immer mehr Waffen und Ausbildung gehen. Kapiert keiner, dass hier unsere Feinde aufgebaut werden und die “gemäßigten” nur eine Fassade sind? Egal was Qatar und Saudi Arabien unterstützen oder Vorschlagen, es ist nur ihren Interessen förderlich und wird später gegen uns sein!
    Stärkt die Säkularen und nicht die gestörten Islamisten.


  3. Wie gesagt: Nicht ungewöhnlich.

    Der IS ist momentan die erfolgreichste Terroristengruppe. Dagegen kann alQuaida wenig vorweisen. Daher strömen Gelder Waffen und Rekruten primär zum IS. Wenn der IS nicht eine substantielle niederlage erfährt wird sich AlQuaida aufgrund von Erfolglosigkeit dem IS anschließen müssen.

    Für uns bedeutet das leider, dass die momentane Anschlagsgefahr steigt, denn speziell die Al Quaida kann nur durch einen erfolgreichen Angriff noch seine Position behaupten.


  4. “Aber das heutige Kommuniqué und frühere Meinungsäußerungen aus dem Umfeld von AQAP und AQIM lassen darauf schließen, dass es innerhalb der Filialen mehr Sympathisanten für das Kalifatsprojekt gibt als in der Kaida-Zentrale. Es wird also wichtig sein, diese Entwicklung weiter im Auge zu behalten.”
    meine prognose: das “kalifatsprojekt” ist aktuell aufgrund seiner erfolge attraktiver und wird daher die oberhand gewinnen – al-kaida sind möglichweise in den augen der ingroup-hardliner weicheier, international erfolglos und nicht mehr auf linie des propheten; zudem kann ich mir vorstellen, dass die kalifatsanhänger wie in syrien/irak versuchen werden, strategisch wichtige punkte in ihre gewalt zu bekommen, von denen aus sie dann nach absicherung weitere korridore schlagen können. was gegen meine prognose spricht: algerien und ägypten. tunesien ist noch wackelig, und libyen kann man wohl abschreiben.

  5.   Antonia

    Das war doch wohl klar, dass es darauf hinaus läuft.


  6. Danke für die Einsichten.

    “Konkurrenzkampf der Terrornetzwerke”

    Einen Tag, bevor dieses Dokument auftauchte, hat sich eine algerische Jihadistengruppe: “Kalifat-Soldaten in Algerien” von der Qaida losgesagt und al-Baghdadi die Treue geschworen. http://www.spiegel.de/politik/ausland/is-im-irak-und-syrien-uno-sicherheitsrat-ueber-terroristen-algerien-a-991599.html