‹ Alle Einträge

OSG Baden-Baden, der FC Bayern des Schachs

 

Die Endrunde der Bundesligasaison in Eppingen war ein Schaulaufen der Stars am vergangenen Wochenende, eine echte Schachgala. Der Vorstand des Deutschen Schachbundes gab sich die Ehre, Baden-Württembergs Innenminister ließ sich blicken. Es gab Simultanveranstaltungen, Freiluftschach, zahlreiche Infostände, ein Blitzturnier. Schach präsentierte sich als soziales Ereignis für alle Altersklassen. Das passiert in Deutschland selten.

Die Hauptattraktion war der Abonnement-Meister der vergangenen Jahre, die OSG Baden-Baden, zum ersten Mal in der Saison angetreten mit Lewon Aronjan. Etwa 500 Zuschauer, darunter viele Kinder, wollten allein am Samstag dem armenischen Superstar und seinen Mannschaftskollegen aus nächster Nähe bei der Arbeit zusehen. Die Schlange bei der Autogrammstunde vor dem Partiebeginn wollte nicht abreißen, während der Partie war Aronjans Brett unzugänglich, zu viele Zuschauer scharten sich herum. Wenn der Gegner am Zug war, lief Aronjan selbst durch den Saal, betrachtete andere Partien und war für jedermann für einen kurzen Plausch zu haben. Sein permanentes Lächeln verbreitete gute Laune. Sein schwaches Abschneiden beim Kandidatenturnier in Sibirien scheint überwunden zu sein, in Eppingen holte er aus drei Partien zweieinhalb Punkte.

IMG_6549
Lewon Aronjan in Eppingen. Rechts im blauen T-Shirt der Blogger Ilja Schneider (Copyright: Georgios Souleidis)

So viel zur guten Stimmung. Spannend war es dadurch nicht. Schon vor dem Beginn der Veranstaltung stand der Sieger quasi fest, und das obwohl die OSG Baden-Baden noch gegen den Zweiten und Dritten der Tabelle antreten musste.

Seit 2006 haben die Badener durchgehend die Meisterschaft gewonnen. Da eine Parallele zum FC Bayern zu ziehen, wäre leicht untertrieben. Die Wahrscheinlichkeit, dass es nächstes Jahr nicht mit dem zehnten Titel in Folge klappt, ist etwa so hoch, wie dass Kim Jong Un die nächste Parlamentswahl in Nordkorea verliert.

Die Spieler von Baden-Baden sind so gut, dass sie neben der Bundesliga auch andere Verpflichtungen haben. Gut dotierte Einzelturniere, Sekundantenjobs für andere, noch stärkere Spieler, oder andere Ligen zwingen Sven Noppes, den Mannschaftsführer, die Aufstellung im Stile eines Guardiola durchzurotieren. Vor einigen Jahren musste sogar ein Spieltag verlegt werden, da neun von 16 Spielern beim Weltcup teilnahmen.

Neben Aronjan ist seit mehr als zehn Jahren Viswanathan Anand Baden-Badens Aushängeschild. Während seiner Zeit als Weltmeister blieb er dem Verein treu. „Der Tiger von Madras“ kommt wegen seines vollen Terminkalenders aber meist nur in wenigen Partien zum Einsatz, ist also eher Papiertiger. Sein Honorar wird geheim gehalten, dürfte aber bei einigen Tausend Euro pro Partie liegen. Laut Noppes werden die Spieler erfolgsabhängig bezahlt. Der jährliche Etat des Vereins wird auf etwa 300. 000 Euro geschätzt, das dürfte etwa ein Viertel des Etats der ganzen Liga mit ihren 16 Mannschaften sein.

Die meisten Mitglieder der deutschen Nationalmannschaft spielen ebenfalls in Baden-Baden. Allein der Usbeke Rustam Kasimdschanow, FIDE-Weltmeister von 2004, hat als Nummer acht des Kaders eine höhere Elo-Zahl als die Topspieler der meisten anderen Vereine.

Zusammen trainieren brauchen die Stars, die ein bis zwei Tage vor den Spielen aus ganz Europa anreisen, nicht. Nach einem gemeinsamen Abendessen am Freitagabend ziehen sich die Spieler aber manchmal in Kleingruppen zurück und helfen einander etwas bei der Vorbereitung. Dies hat aber nur begrenzten Effekt. Beim Schach gibt es keine Doppelpässe, Flanken oder Eckbälle, jeder muss am Ende für sich alleine spielen.

Schach ist eben nur ein künstlicher Mannschaftssport. Das Versagen des Einzelnen ist nicht fatal, da es von einer Überlegenheit der anderen kompensiert werden kann. Da die Spieler von Baden-Baden im Verlaufe der Saison gegen Kontrahenten spielen, gegen die sie mathematisch eine Gewinnerwartung von 70-80% haben, ist diese Überlegenheit so drückend, dass es jedes Mal ein Wunder ist, wenn der Dauermeister ein Match nicht gewinnt. In dieser Saison kam dies nicht vor, Baden-Baden gewann alle 15 Spiele, im Schnitt mit 6:2.

Hinter dem ehrgeizigen Projekt steht die in Baden-Baden angesiedelte Grenke Leasing AG, deren Vorstandsvorsitzender Wolfgang Grenke Vereinsmitglied ist. Im Gegensatz zu dem im Schach sonst weit verbreiteten Mäzenatentum sieht Grenke seine Tätigkeit als Sponsoring mit gegenseitigem Nutzen. Parallel zum europaweit agierenden Konzern, der seinen Kunden die Anschaffung von Bürokommunikationsgeräten finanziert, wurde schrittweise eine Mannschaft aufgebaut, die Spitzenspieler des ganzen Kontinents vereinigen soll. Zusätzlich investierte Grenke in die Renovierung des 1820 erbauten Palais in Baden-Baden und eröffnete dort 2009 das Kulturhaus LA8, in dem der OSG seitdem seine Heimspiele austrägt, an einem der schönsten Spielorte der Bundesliga.

Kulturhaus-LA8
Das Kulturhaus LA8 in Baden-Baden, das Clubhaus der OSG. (Copyright: Moritz Grenke)

Breiten- und Jugendschach werden in Baden-Baden ebenfalls gefördert, der Verein ist mit über 200 Mitgliedern einer der größten in Deutschland. Im LA8 befindet sich ein Leistungsstützpunkt, in dem oft Lehrgänge der deutschen Nationalmannschaft stattfinden, die Großmeister in Diensten des Vereins geben regelmäßig Jugendtraining. Noppes spricht von einer Vision, irgendwann einem jungen deutschen Spieler den Aufstieg in die oberste Weltspitze zu ermöglichen. Dafür werde die Infrastruktur bereitgehalten und die teure, mit Stars gespickte Mannschaft finanziert. Ähnlich wie die traditionellen Dortmunder Schachtage soll es auch in Baden-Baden ein jährliches Großmeisterturnier geben.

Das hoffnungsvolle Talent, das irgendwann einmal diese Möglichkeiten nutzen soll, ist bisher nicht bekannt, doch im Verein lässt man sich davon nicht beirren. Das Projekt ist langfristig und nachhaltig angelegt. Bis es so weit ist, vertreibt sich der ehrgeizige Grenke die Zeit mit weiteren Meistertiteln.

Vielleicht klappt es dann auch mal mit dem Feiern. Zwar fand am Sonntag vor der letzten Runde ein Festessen von Mannschaft und Sponsoren statt, doch ganz bis zum Ende der Saison wahrte der vielbeschworene Baden-Badener Teamgeist nicht. Bei der offiziellen Siegerehrung hielten genau drei Akteure den Meisterpokal in die Höhe, darunter Julia Bochis, deutsche Mädchenmeisterin U18 aus dem Jahre 2011, die an diesem Tag ihre einzige Partie für den alten und neuen Meister spielen durfte. Weil diese so lange gedauert hatte, hatten sich die anderen Profis, Aronjan inklusive, zu diesem Zeitpunkt schon längst verabschiedet.

 

6 Kommentare


  1. „Beim Schach gibt es keine Doppelpässe, Flanken oder Eckbälle, jeder muss am Ende für sich alleine spielen.
    Schach ist eben nur ein künstlicher Mannschaftssport.“

    Nun ja. Wie es in der Königsklasse ausschaut, kann ich nicht beurteilen, aber letzlich wird wohl, zumindest in engeren Kämpfen, auch dort die anderen Stellungen beachtet?
    Zumindest von den Amateuren der unteren Klassen kann ich das behaupten.
    Dort wird schon mal erwartet, daß man eine Stellung, die man selbst noch als hoffnungsvoll einschätzt, remis gibt, wenn der Manschaftssieg dadurch gesichert ist. Ebenso andersherum, daß man noch „Knetet“, auch wenn man selbst mit einem Remis zufrieden wäre, weil es mal nicht so gut ausschaut.

    Mag sein, daß diese Erwartung und Bereirschaft mit der Höhe der Spielklasse etwas abnimmt, aber allein dies rechtfertigt für mich schon die Bezeichnung „Manschaftssport“.
    Übrigens ist man auch beim Elfmeter allein. ;)

  2.   HPC

    Noch ein Grund mehr nach Baden-Baden zu ziehen.

    Da ist übrigens die sauberste Stadt Deutschlands, die ich in den letzten 20 Jahren kennengelernt habe.

  3.   Herbert Huber, Wasserburg am Inn

    „Da eine Parallele zum FC Bayern zu ziehen, wäre leicht untertrieben.“ Und unpassend. Das Präsidium des FC Bayern unter der Führung von Kaiser Franz strich 1995 die Schachprofimannschaft des FC Bayern; er degradierte sie zu „Klötzchenschieber“. Viele Fussballer stehen mit dem Intellekt auf falschem Fuss: man sieht es daran, welchen Körperteil sie beim Freistoß schützen.


  4. „Kaiser Franz und die Klötzchenschieber“ – war da nicht auch noch was anderes im Spiel, nämlich daß die Geistesheroen ihrem „Mäzen“ Jellissen nicht nur ihre Seele, auch auch ihre finanziellen Rücklagen verpfändet hatten?! Der generöse Kunstkenner hatte daraufhin mit dem Geld seiner Mannschaft wüste Immobilien-Spekulationen im „Wilden Osten“ veranstaltet – sic finis superbae Bavariae! Und die Fußball-Granden wußten das schon länger … Das war noch zu der Zeit, als Uli Hoeness als ein solide wirtschaftender Würstchen-Fabrikant auftrat … O Tempora, o mores!


  5. […] von 300.000 Euro: Warum steckt ein Sponsor so viel Geld in einen deutschen Schach-Verein? mehr lesen © zeit.de […]