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Die Schachwelt im Monat Juni

 

Wesselin Topalow gewinnt ein Superturnier – und es ist ihm (fast) egal
Das schachliche Highlight im Juni war das Norway Chess  in Stavanger. In Präsentation und Außendarstellung setzte die Veranstaltung hohe Maßstäbe, alle Partien wurden in voller Länge live im norwegischen Fernsehen übertragen. Neu dabei: der „Confession Room“. Die zehn Spieler konnten während der laufenden Partien freiwillig vor die Kamera treten und die Zuschauer ganz aktuell an ihren Gedanken, Berechnungen und Sorgen teilhaben lassen, wovon besonders die jüngeren unter ihnen rege Gebrauch machten.

Gewonnen hat das Turnier der zweitälteste Teilnehmer und der ehemalige Weltmeister Wesselin Topalow, der in einigen seiner Partien (u.a. in der ersten Runde von Magnus Carlsen persönlich) allerdings reich beschenkt wurde. Topalow, der vor dem Turnier noch nicht einmal zum erweiterten Kreis der Favoriten auf den Sieg gezählt wurde, scheint an sich eine philosophisch-stoische Ader entdeckt zu haben. Mehrfach betonte er, sich auf seine Partien viel weniger intensiv vorzubereiten und entspannter zu spielen, als noch vor einigen Jahren. Selbst die Teilnahme am Kandidatenturnier 2016, die er sich mit dem Erfolg in Norwegen dank seines Aufstiegs auf Platz drei in der Weltrangliste so gut wie sicher erspielt hat, wolle er noch einmal überdenken, da er beim letzten Kandidatenturnier 2014 schlechte Erfahrungen gemacht habe und von Motivationsproblemen geplagt worden sei.

Wer von seinem eventuellen Rückzug profitieren könnte, erscheint noch unklar. Vishy Anand, der älteste Teilnehmer im Feld und für viele der Turniersieger der Herzen, hat seinen Platz dagegen als Unterlegener des letzten WM-Kampfes schon sicher. Für den nunmehr entthronten Weltranglistenzweiten Fabiano Caruana lief Stavanger dagegen äußerst durchwachsen, aber er versucht aktuell, die verlorenen Punkte beim nächsten Superturnier in Dortmund zurückzuholen.

Die Weltranglistenzweite kopiert unfreiwillig Magnus Carlsen
Die Frauen sorgten im vergangenen Monat für gute und nicht so gute Schlagzeilen. Die beste von ihnen, Yifan Hou, hält sich aktuell wacker bei ihrer ersten Teilnahme beim Dortmunder Sparkassen-Chess-Meeting , dem deutschen Traditionsturnier schlechthin, das Ende Juni begann. Nach fünf von sieben Runden hat sie allerdings noch nicht viel Zählbares vorzuweisen: vier Punkteteilungen, aber auch eine Niederlage gegen den Exweltmeister und den Dortmunder Seriensieger Wladimir Kramnik.

Für ihre Dauerrivalin, die Weltranglistenzweite Humpy Koneru, ist derweil ein anderes Turnier, die diesjährige Commonwealth-Meisterschaft, bereits nach vier Runden beendet: Die Inderin ahmte Magnus Carlsen nach und überschritt in der vierten Runde ihre Bedenkzeit, weil sie von der Regel nichts gewusst haben wollte. Die Ankündigung des Schiedsrichters über „30 minutes grace time“ scheinen einige Spieler als einen Zusatz nach Ablauf der regulären Bedenkzeit interpretiert zu haben (dem gleichen Irrtum erlag bereits in der ersten Runde die bekannte indische Spielerin Tania Sachdev), gemeint war aber lediglich eine Karenzzeit, um die man sich straffrei zur Partie verspäten durfte. Aus Protest über die Niederlage zog sich Koneru vom Turnier zurück.

Hexenjagd im 21. Jahrhundert
Ganz unerfreuliche Nachrichten gab es noch von der Fraueneuropameisterschaft im georgischen Chakvi zu hören, die Ende Mai zu Ende ging. Gewonnen wurde diese von einer der Favoritinnen Natalia Zhukowa, in Erinnerung behalten wird man das Turnier aber aus einem anderen Grund. Die rumänische, weitgehend unbekannte Spielerin Mihaela Sandu wurde von ihren Kolleginnen mehr oder weniger offen des Betruges verdächtigt, es wurden zwei Unterschriftenlisten gesammelt, die die Liveübertragung von Sandus Partien ins Internet verhindern sollten. Beide an erster Stelle von der künftigen Europameisterin Zhukowa unterschrieben.

Obwohl nach bestem menschlichen und computerunterstützen Ermessen an den Betrugsvorwürfen nichts, aber auch gar nichts Wahres dran war, scheint die Hexenjagd ihr Ziel erreicht zu haben – Sandu, die mit fünf (teilweise glücklichen) Siegen am Stück ins Turnier gestartet war, zerbrach am Druck und verlor am Ende mehrere Partien in Folge. Der rumänische Verband kündigte derweil die Überprüfung rechtlicher Konsequenzen gegen die Unterzeichnerinnen der Briefe an.

Die deutschen Spieler in Dortmund
Auch für die Deutschen brachte der Juni gemischte Ergebnisse. Drei von ihnen dürfen beim Superturnier in Dortmund mitspielen, welches Ende des Monats begann. Der vor einem Jahr eingebürgerte Dieter Nisipeanu belegt aktuell sogar den geteilten ersten Platz zusammen mit Fabiano Caruana, die beiden werden vermutlich bis zum Ende um den Turniersieg mitspielen können. Arkadij Naiditsch konnte zwar schon Kramnik besiegen, verlor aber auch schon zwei Partien und befindet sich im Mittelfeld. Der dritte im Bunde, Georg Meier, spielt bisher sehr unterhaltsam, wurde aber schon zweimal Opfer seiner unter anderem durch mangelnde Spielpraxis bedingten Zeiteinteilung, die ihn bereits zwei Partien kostete.

Enttäuschung beim Mitropa-Cup
Beim diesjährigen Mitropa-Cup (ein Mannschaftsturnier mit zehn Nationen aus Mitteleuropa, zu dem die Verbände traditionell ihren talentierten Nachwuchs schicken), ausgetragen im österreichischen Mayrhofen, konnte das deutsche Team nicht vollends überzeugen, obwohl es mit den beiden „Prinzen“ Matthias Blübaum und Dennis Wagner an den Spitzenbrettern durchaus als Turnierfavorit angetreten war. Souveräne Sieger wurden die Gastgeber aus Österreich, während den Deutschen nur die Bronzemedaille hinter dem Überraschungsteam aus der Slowakei vorbehalten blieb. Wirklich stark agierte in Mayrhofen nur Andreas Heimann am dritten Brett, während die beiden jungen Männer und Elisabeth Pähtz an Brett vier teilweise wackelten. Auf eine kuriose Weise kam zudem noch der knappe 2,5:1,5-Sieg gegen Kroatien zustande, als der Gegner von Elisabeth Pähtz ihr in totaler Gewinnstellung ein seltenes Pattbild erlaubte – Nachspielen unbedingt empfehlenswert! Im Frauenwettbewerb verpasste das deutsche Team durch ein 0:2 in der Schlussrunde gegen die zweite Vertretung von Österreich sogar ganz die Medaillenplätze und wurde Vierter.

Wenn die Hände schneller sein müssen, als der Kopf
Einen Vizetitel gab es für einen deutschen Spieler aber auch noch zu feiern. Der deutsche Meister Daniel Fridman gewann Silber bei den Niederländischen Meisterschaften im Lightning-Schach, bei dem jeder Spieler lediglich zwei Minuten für die ganze Partie hat. Im Finale unterlag er trotz guter Stellungen dem niederländischen Weltklassespieler Loek van Wely. Hier die entscheidende Finalpartie, man kann nur immer wieder den Hut davor zu ziehen, wieviel die Spieler selbst bei solch knapper Zeit noch sehen!

Wie geht es in der Schachwelt weiter?
Im Juli kehrt nach dem Ende des Dortmunder Superturniers eine gewisse Stille ein – die Sommermitte ist traditionell eher den Open-Turnieren für Amateure und schwächere Profis vorbehalten. Das nächste Top-Event wird der Sinquefield-Cup im US-amerikanischen St-Louis sein, wo sich neun von zehn Teilnehmern des Norway Chess zur zweiten Etappe der Grand Chess Tour wiedersehen werden. Er beginnt am 21.August, vermutlich ist das auch der Tag, an dem Magnus Carlsen und die meisten seiner Kollegem zum nächsten Mal am Brett sitzen werden. Auch für die deutschen Spieler wird es im August richtig spannend: In Dresden wird das German Masters ausgetragen, bei dem sich drei eingeladene Vertreter der deutschen Spitze gegen drei vorher im Challenge ermittelte Kandidaten messen werden, welches ebenfalls nur deutschen Spielern offen steht.