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Ein Match für die Geschichtsbücher

 
Peter Svidler kann es nicht fassen (@ Fide)
Peter Svidler kann es nicht fassen (@ Fide)

Es war zum Davonlaufen, zum Schreien, zum Verzweifeln. Man hätte Gläser kaputthauen, Türen eintreten können. Peter Svidler hatte in der neunten Partie des denkwürdigen World-Cup-Finals in Baku in total gewonnener Stellung einen Turm eingestellt, so wie es bei uns Mittwochabend manchmal in der Kneipe nach ein paar Schwarzbier zu viel passiert. Karjakin nahm den Turm weg, er verschlang ihn geradezu. Svidler fiel in sich zusammen, versank in seinem Sessel, erstarrte. Nach einigen quälenden Sekunden streckte er zum fünften Mal seine Hand zur Aufgabe, nachdem er zuvor im gesamten Weltcup noch keine einzige Partie verloren hatte. Karjakin ging mit 5:4 in Führung.

Noch nie hat mich ein Schachmatch dermaßen in Ekstase versetzt. Es war ein Kampf zweier Gladiatoren, die beide alles für den Sieg riskierten. Ein offener Schlagabtausch, den nur der gewinnen konnte, dem es als Erstem gelingen würde, die groben Fehler einzustellen. Dem Verlierer dagegen, das war klar, würden so einige schlaflose Nächte bevorstehen.

Dabei befürchteten viele Experten im Vorfeld ein dröges Geschiebe mit vielen Remisen. Aber nichts dergleichen. Svidler legte in der ersten Partie einen Blitzstart hin, durchbrach die gegnerischen Wallungen in der Brettmitte und legte die gesamten schwarzen Streitkräfte lahm. Karjakin konnte fast nichts mehr ziehen und kapitulierte bald. Sich früh im Zugzwang befindend, riskierte der Jüngling in Runde zwei gegen Svidlers glänzende Verteidigung am Ende zu viel und verlor durch einen groben Überseher – 0:2, bei zunächst vier angesetzten Partien mehr als eine Vorentscheidung. Ein glänzend aufgelegter Svidler ließ an dem Tag verlauten, dass es „definitiv noch nicht vorbei sei“; er sich nun aber „als Favoriten sehe“. Niemand hat ernsthaft noch mit einer vierten Partie gerechnet.

Doch wieder einmal kam Karjakin, der für seine guten Nerven bekannt ist und während des gesamten Turniers nicht einmal das Gesicht verzogen hatte, ins Match zurück. In der dritten Partie durchschritt er zwar eine weitere Verluststellung, aber ein schwerer Fehler Svidlers hatte schnell das 2:1 zur Folge. Und in Runde vier fiel die Entscheidung wohl bereits im zweiten Zug, als der angeknackste St. Petersburger eine in Großmeisterkreisen extrem zweifelhafte Eröffnung wählte, auf die Karjakin glänzend reagierte. Svidler musste die halbe Partie mit einem tragikomisch eingesperrten Turm auf g7 agieren, und als er diesen befreit hatte, waren seine Bauern zu sehr geschwächt. Karjakin erzielte sicher, fast zu leicht das 2:2. Alleine hier sind schon die Statistiker gefragt, mir fällt nicht ein, wann auf diesem Niveau jemals zwei Partien hintereinander auf Bestellung gewonnen werden konnten.

Das richtige Drama spielte sich im Stichkampf ab, wo zunächst zwei Partien langsames Schnellschach auf dem Plan standen. In der ersten, der insgesamt fünften Matchpartie also (Video Final, ab 4:00), kam Karjakin desolat aus der Eröffnung, keine von Svidlers Figuren hätte sich eine schönere Aufstellung wünschen können. Svidler verbrauchte auf der Suche nach der Entscheidung Unmengen Zeit, und verlor immer mehr die Kontrolle, während sich Karjakins Springer über die schwarzen Bauern hermachte. Als Svidler diesen endlich eliminierte, entstand eine Stellung, in der wohl jeder Großmeister in Gewissheit eines sicheren Remis die Füße hochgelegt hätte. Aber nicht Karjakin, der mit knappster Zeit jede Ressource der Stellung nutzte und am Ende durch einen Bauerndurchbruch gewann, der wohl Eingang in viele Endspielbücher finden wird. 3:2!

Doch der totgeglaubte Svidler brachte noch einmal große Willenskraft auf und glich in der nächsten Partie (ab 1:29:30) nach langem Kampf aus. Im schnellen Schnellschach offenbarte sogar Karjakin auch Nerven und verlor die erste Partie (ab 2:38:00) auf desolate Weise – ihm gelang kein einziger guter Zug. Doch Svidler tat es ihm anschließend (ab 3:12:00) gleich – er hatte seine Gefühle nicht mehr beisammen. 4:4. Karjakin zeigte keinerlei Regung, Svidler raufte sich die Haare, stampfte auf der Bühne umher.

Der Weltcupsieger musste also im Blitzen entschieden werden. In dieser ominösen neunten Partie (ab 3:42:30) ließ sich Karjakin auf den Marshall-Angriff – Svidlers Spezialität – ein, warum, weiß wohl nur er allein. Beide blitzen die ersten 17 Züge im Stakkato herunter, dann nahm Karjakin zwei von den ihm zur Verfügung stehenden fünf Minuten Auszeit, um den Läufer passiv nach c2 zu stellen. Der Kommentator Evgenij Miroshnichenko sah umgehend, dass Svidler mit dem Springer auf c3 schlagen und sofort die Partie gewinnen kann. Svidler sah es nicht, zog seinen Bauern nach b4 und schlug sich sofort die Hände vor’s Gesicht. Es war zu spät. Er war nervlich am Ende, nicht mehr in der Lage, sein A-Game zu spielen. Das war so, als ob er gerade einen Elfer verschossen hatte, aber als einziger nominierter Spieler mit schlotternden Knien direkt wieder am Punkt antreten musste. Immer wieder hielt er sich die Augen zu, wollte versinken vor Ärger oder Scham. Doch Karjakin agierte auch in dieser Partie nicht auf der Höhe und gewährte Svidler nach mehreren Fehlern wieder eine Gewinnstellung. Alles hätte noch gut werden können. Doch dann ließ er seinen Turm auf b8 ungedeckt (Video „Svidler blunders the rook and loses in first blitz game“)

Svidler war angezählt, aber noch immer nicht ausgeknockt. Die zehnte Partie (Video „Last game of FIDE World Cup 2015“) verlief ebenso dramatisch und dürfte im Ganzen die hochwertigste des Stichkampfs gewesen sein. Svidler erarbeitete sich einen starken Angriff, Karjakin hielt stoisch dagegen. Svidler verpasste mehrfach Chancen, aber fand immer wieder Ressourcen, dem Gegner Probleme zu stellen, biss sich mit seinem Springer auf e4 in die schwarze Stellung fest. Doch Karjakin ließen seine Nerven diesmal nicht im Stich. Noch einen Zug vor dem Ende war das Ergebnis des Weltcups unklar. Schlägt Karjakin den weißen Bauern f7, folgt eine lange, zwingende Variante, in der Svidlers Springer die schwarze Stellung im Alleingang abräumt. Eine Armageddon-Partie hätte das Duell entscheiden müssen. Karjakin nahm den Bauern nicht und Svidler kapitulierte Sekunden später. Nicht einmal Karjakin konnte sich ein Lächeln der Erleichterung verkneifen. Später durfte er den Siegercheck über 120.000 US-Dollar in Empfang nehmen.

Diese epische Schlacht wird mit Sicherheit in die Geschichte eingehen. Die beiden  Gegner waren nach einem Monat Schach total erschöpft, der Wettkampfmodus wird nun aufs Neue diskutiert werden müssen. Beide Spieler haben angekündigt, ab dem kommenden Samstag bei der Blitz- und Schnellschach-WM in Berlin antreten zu wollen. Gut eingespielt sind sie schon.

 

7 Kommentare

  1.   joachimrang

    Wow, gefällt mir diese „aufregende“ Schachberichterstattung. Als Schachspieler hätte ich natürlich gerne ein paar Stellungen gesehen, aber das kann ich ja dann bei Chessbase nachholen.

  2.   sebi7777

    Was kann Svidler auf dem Foto nicht fassen?
    Dass er noch keinen einzigen Zug gemacht hat?

  3.   Njugaj

    „Svidler sah es nicht, zog seinen Bauern nach b4 und schlug sich sofort die Hände vor’s Gesicht. “
    Hä? Davon ist in der Aufzeichnung nichts zu sehen. Er verschränkt sofort die Arme vor sich auf dem Tisch. Eine solche Reaktion gab es nicht.

  4.   Ilja Schneider

    Sie haben Recht, Svidler fiel sein Malheur erst auf, nachdem er seinen nächsten Zug ausführte, etwa 2 Minuten später.

  5.   Njugaj

    stimmt.
    Interessant auch, dass auch der Schiedsrichter scheinbar irritiert war, dass Svidler nicht auf c3 nimmt. Er sieht schon so entspannt aus, als erwarte er das sofortige Partieende. Es folgen einige musternde Blicke auf Svidler, dann der Anflug eines Lächelns und es scheint ihm zu dämmern, dass es doch noch weitergeht.
    gehe ich recht in der Annahme, dass die übersehene Kombination
    Nxc3 bxc3 Qxc3 Rb1 Qxc2
    war ?

  6.   Iwan_Karamasow

    Es spricht für mich stark gegen den Modus des World Cups, wie das Finale gelaufen ist. Da spielen zwei Großmeister aus der Weltspitze gegeneinander, und sie machen beide Fehler um Fehler.
    Das ist Glücksspiel nach 20 Tagen Schach mit nur zwei Ruhetagen. Für mich hat das mit seriösem Schach auf hohem Niveau nichts zu tun. Genauso gut hätten sie würfeln können. Der Wettbewerb ist in dieser Form nicht Ernst zu nehmen.
    Zum Glück sind beide schon für das Kandidatenturnier qualifiziert. Dann gibt es endlich wieder richtiges Schach auf hohem Niveau zu sehen und nicht Gezocke im Stil von „Der vorletzte Fehler gewinnt, außer meine Zeit fällt vorher.“

  7.   C. E. Simioni

    An sebi777: Kleinlich. Man sieht doch an der Geste Svidlers ganz genau, was der Autor sagen wollte, on nun vor dem ersten Zug oder nicht.

    ***
    Der Kommentator vor Ort mit dem unaussprechlichen Namen war übrigens sagenhaft. Fast alle seine Analysen, die er blitzschnell vorspielte, hatten Fleisch am Knochen; die nächsten Züge sagte er oft mit verblüffender Sicherheit voraus. Man konnte richtig nachvollziehen, wie so ein Großmeister im Kopf funktioniert. Er war diesem elektrisierenden Wettkampf ein würdiger Dolmetscher (für schachlich Unbegabte wie ich es bin.) Svidler konnte einem wirklich leid tun.