‹ Alle Einträge

Herbert Bastian: “Gari Kasparow polarisiert zu stark”

 

ZEIT ONLINE: Herr Bastian, vor wenigen Monaten musste der Schachsport um Fördermittel des Bundes, ja um seine Anerkennung als Sportart kämpfen. Darüber wurde breit debattiert, auch bei uns (hier und hier). Aber ganz praktisch gesprochen: Was macht es für einen Durchschnittsspieler für einen Unterschied, ob es etwas mehr oder weniger Fördermittel gibt?

Herbert Bastian: Das ist eine etwas egoistische Haltung. So wird man in der Konkurrenz zu anderen Sportarten nicht bestehen können. Die Diskussion um die Fördermittel war eine rein formal-juristische um die Formulierung der Förderrichtlinien. Es ist nicht so, dass jemand das Schach plötzlich nicht mehr fördern wollte, ganz im Gegenteil: Schach hat in der Politik einen sehr guten Rückhalt.

Herbert Bastian, seit 2011 Präsident des Deutschen Schachbundes wurde im August zum Vizepräsidenten des Weltschachbundes gewählt. Hauptberuflich ist er Lehrer für Physik und Mathematik. Seine aktuelle ELO-Zahl: 2315
Herbert Bastian, seit 2011 Präsident des Deutschen Schachbundes wurde im August zum Vizepräsidenten des Weltschachbundes gewählt. Hauptberuflich ist er Lehrer für Physik und Mathematik. Seine aktuelle ELO-Zahl: 2315 (Bild: Deutscher Schachbund)

ZEIT ONLINE: Aber was hätte sich geändert, wenn diese 130.000 Euro pro Jahr wirklich entfallen wären?

Bastian: Im Extremfall hätte man das komplette Leistungssportpersonal entlassen können, dann hätten wir keine Trainer mehr. Oder wir hätten die Beiträge erhöhen müssen. Wenn die Mitglieder bereit gewesen wären, einen bis zwei Euro im Jahr mehr zu zahlen, dann hätten wir uns diese Diskussion sparen können. Aber man kann sich leicht vorstellen, was passiert wäre, wenn wir das vorgeschlagen hätten.

ZEIT ONLINE: Und zwar?

Bastian: Die Landesverbände hätten sich gegen die Beitragserhöhung gestemmt und wir hätten doch Personal entlassen müssen. Und die vielen Ehrenamtlichen hätten dadurch noch mehr Arbeit als vorher. Es kann nicht sein, dass der Staat sich dermaßen aus der Verantwortung zurückziehen will wegen einer unglücklichen Formulierung (“eigenmotorische Aktivität des Sportlers”, Anm. des Autors). Es ist ja nicht so, dass man Schach generell nicht fördern will, oder nicht als etwas Sinnvolles ansieht, es stand nur diese Formulierung im Wege. Deshalb haben wir auch erbittert gekämpft.

ZEIT ONLINE: Es hat sich gelohnt?

Bastian: Es steht eine Einigung bevor, nach der es eine gewisse Reduzierung der Fördermittel geben wird. Die Richtlinien für förderungswürdige Sportarten werden im Dezember überarbeitet und anstelle der notwendigen eigenmotorischen Aktivität wird dort eine andere Formulierung stehen, die auch das Schach wieder diskussionslos mit einschließen wird.

ZEIT ONLINE: Ist auch eine Finanzierung jenseits der nächsten vier Jahre gesichert, oder ist die kommende Einigung ein letzter Akt der Kulanz seitens der Politik?

Bastian: Das glaube ich nicht. Wie gesagt, die Unterstützung der Politik ist sehr gut und es wird durchaus wahrgenommen, welche positiven Effekte das Schachspielen auf junge Leute ausübt.

ZEIT ONLINE: Beim Fide-Kongress am Rande der Schacholympiade in Tromsø wurden Sie zu einem der Vizepräsidenten der Fide gewählt. Versprechen Sie sich durch ihr neues Amt auch Vorteile für den Deutschen Schachbund?

Bastian: Zuallererst hoffe ich, dass sich das Verhältnis zur Fide etwas verbessert. Da ist einiges zu tun, zum Beispiel wurden bei den letzten zwei Olympiaden keine deutschen Schiedsrichter eingesetzt, als Strafe, weil der Deutsche Schachbund zuvor zusammen mit anderen Landesverbänden die Fide verklagt hatte. Solche Streitigkeiten müssen endlich ein Ende nehmen. Ein möglicher Vorteil für den Schachbund aus der engeren Zusammenarbeit könnte zum Beispiel ein Spitzenturnier der Fide sein, das in Deutschland stattfinden könnte. Auch für das Senioren- und das Frauenschach erhoffe ich mir starke Impulse.

ZEIT ONLINE: Ihre Wahl war für die Öffentlichkeit eine ziemliche Überraschung. War Ihre Nominierung geplant oder spontan?

Bastian: Solche Wahlen laufen nie unvorbereitet. Allerdings habe ich die Diskussion in Deutschland bewusst vermieden, weil es ja auch Diskussionen darüber gab, ob bei den Fide-Präsidentschaftswahlen der Herausforderer Gari Kasparow unterstützt werden soll oder nicht oder ob man eventuell sogar den alten Präsidenten Iljumschinow unterstützt. Wir haben uns entschieden, neutral zu bleiben, das soll auch weiter so sein. Deutschland ist ein starker und selbstbewusster Verband und wird sich auch weiter keinem Lager zuordnen oder instrumentalisieren lassen.

ZEIT ONLINE: Sie finden es nicht schade, dass es Kasparow nicht geschafft hat?

Bastian: Geld ist sicherlich auf beiden Seiten in Unmengen geflossen. Aber die Mehrheit für Iljumschinow ist nicht nur dadurch zustande gekommen. Kasparow gilt nicht als Teamplayer und er hat im Wahlkampf einen klaren strategischen Fehler gemacht: Er hat seine Opposition gegen Putin mit dem Engagement in der Fide verknüpft. Das konnte nicht gutgehen. Die russische Föderation ist seit jeher die stärkste und die wichtigste in der Fide und es ist unklug, wenn man diese gegen sich aufbringt. Der Präsident der Fide muss ein Diplomat sein und mit allen 181 Mitgliedsnationen klarkommen. Und Kasparow polarisiert zu stark.

ZEIT ONLINE: Aber ist Iljumschinow nicht schon aus dem Grunde untragbar, dass sich, solange er an der Macht ist, nichts daran ändern wird, dass jedes Land bei den Wahlen genau eine Stimme hat?

Bastian: Ich glaube nicht, dass er nichts ändern will. Das ist im Übrigen einer der Punkte, warum ich mich engagiere. Ich werde versuchen auszuloten, was man ändern könnte. Diese Regel ist in der Tat unsäglich und sie muss infrage gestellt werden. Aber es geht nur, wenn man Änderungen im Rahmen der geltenden Gesetze beschließt, also mit Einverständnis einer Mehrheit der Föderationen.

ZEIT ONLINE: Kein Präsident vor Iljumschinow hat diese Regel so skrupellos ausgenutzt. Warum sollte sich irgendetwas ändern?

Bastian: Der Pessimismus ist für mich durchaus nachvollziehbar, aber man muss sich trotzdem nicht in sein Schicksal ergeben. Wenn man etwas verändern will, muss man anfangen und nach Möglichkeiten suchen. Dass es nicht einfach sein wird, ist klar, aber so eine Materialschlacht wie bei diesem Wahlkampf war mit Sicherheit für keine der Seiten gut. Was da an Geld verpulvert worden ist, hätte man besser sinnvoll für Schach eingesetzt.

ZEIT ONLINE: So ist das Geld überall auf der Welt bei irgendwelchen Schachfunktionären versickert.

Bastian: An sich macht die Fide eine kluge Politik, weil sie Projekte bezuschusst. Aber es ist klar, dass diese Unterstützungen auch mit dem Wahlkampf zusammenhängen. Nur es darf auf keinen Fall passieren, dass man an Privatpersonen Geld verteilt im Rahmen des Wahlkampfs.

ZEIT ONLINE: Kann man sagen, dass Sie auch angetreten sind, um Iljumschinow zu zähmen?

Bastian: Mit so einer Formulierung würde ich mich selbst überschätzen. Aber ich sehe Iljumschinow gar nicht so negativ, wie er in der Presse dargestellt wird.

ZEIT ONLINE: Was ist Iljumschinow denn für ein Mensch? Wenige kennen ihn persönlich. In den Medien steht er nicht besonders positiv da.

Bastian: Ich empfinde ihn als sehr angenehm, als einen Menschen der sehr freundlich ist, immer lächelt und seinen Gegnern grundsätzlich immer die Hand ausstreckt. Wer in der Fide aber das Sagen hat, ist Georgios Makropoulos. Iljumschinow hat das Geld. Worüber man sich auch im Klaren sein muss: Iljumschinow ist ein Sonderbotschafter von Putin. Seine Besuche bei Gaddafi und Assad waren politische Missionen und dass das Schach dabei mit auf den Tisch gekommen ist, war sehr unglücklich. Diese Auftritte sind ihm sehr negativ angelastet worden, aber man muss auch bedenken, was die Fide in den vergangenen Jahren Positives geleistet hat. Im Grunde ist sie ein hervorragend funktionierender Apparat mit gesicherten Finanzen und kompetenten Mitarbeitern, wenn auch teils etwas überehrgeizigen Zielen. Iljumschinow und die Fide sind nicht das Gleiche.

ZEIT ONLINE: Schach wurde in Tromsø auch gespielt. Wie beurteilen Sie das Abschneiden der beiden deutschen Mannschaften?

Bastian: Die Frauen haben sehr gut gespielt. Leider hat es noch nicht für eine Medaille gereicht, aber jetzt haben sie endlich gemerkt, dass sie noch mehr können und werden hoffentlich in Zukunft weiter an Selbstbewusstsein gewinnen. Die Männer haben nur in den letzten beiden Runden Konditionsprobleme gehabt, bis dahin konnte man sogar auch auf eine Medaille hoffen. Deswegen bin ich mit dem Abschneiden der Männer nicht so unzufrieden, wie es Platz 30 vielleicht vermuten lässt. Wir brauchen aber noch mehr Spieler, die in der Nationalmannschaft spielen können. Aktuell sind wir zu sehr auf die Form einiger weniger angewiesen. Es wird sich bald zeigen, ob die Prinzen Dennis Wagner und Matthias Blübaum schon so weit sind, gegen Weltklasseleute antreten zu können.

ZEIT ONLINE: Der Schachbund und seine Sponsoren lassen sich das Schachjahr der beiden Jugendspieler einiges kosten. Die Spieler, die zurzeit in der deutschen Mannschaft spielen, sind aber auch ohne großartige Fördermaßnahmen dahin gekommen, wo sie jetzt stehen. Wie erklären Sie diese Schachjahr-Ausgaben dem normalen Beitragszahler?

Bastian: Vieles sind sowieso zweckgebundene Sponsorengelder. Es werden für das Schachjahr nicht mehr Gelder aus den Beiträgen benutzt als sonst, diese werden nur anders verteilt.

ZEIT ONLINE: Aber kommt das Geld auch irgendwann zurück?

Bastian: Wir müssen in Deutschland langfristig sowieso das komplette Ausbildungssystem von jungen Spielern umstellen. Es geht nicht nur um den Einsatz von mehr Geld, es muss sich auch strukturell einiges verändern. Wir müssen viel mehr Menschen an der Basis motivieren, dass sie die Talente früher erkennen und schneller zu einer hohen Spielstärke führen, dass wir schneller herausfinden können, wie konkurrenzfähig wir auch international sind. Wenn man eine Sportorganisation ist, muss man das Bestreben haben, in die Weltspitze zu kommen, sonst macht man sich überflüssig. Aber da haben wir noch lange nicht alle Möglichkeiten ausgeschöpft. Die Investition in Spitzenspieler zahlt sich immer aus, weil sie Sogwirkungen erzeugen.

ZEIT ONLINE: Für viele, die es versucht haben, hat sich der Weg Richtung Weltelite aber nicht als der richtige erwiesen.

Bastian: Das stimmt. Aber man lebt ja länger als ein paar Jahre. Es ist durchaus denkbar, dass eine Entwicklung wie in anderen Sportarten einsetzt: Dass unsere besten Talente ein paar Jahre Profischach machen und anschließend, vielleicht gerade mit Hilfe des Schachverbandes, wieder in den Jobmarkt eingegliedert werden. Viele Arbeitgeber schätzen hochqualifizierte Schachspieler sehr.

7 Kommentare

  1.   jimknopf

    Dieses Inverview gehört zum Peinlichsten, was ich je von den Lippen eines Vorsitzenden des Deutschen Schachbundes gehört habe.

    Die FIDE wird unter Ilyumshinov und Makropoulos seit vielen Jahren mit denselben verabscheungswürdigen oligarchischen Methoden geführt, mit denen Präsident Putin russchische Politik macht. Unvergessen sind die russischen Gangstermethoden beim Wahlkampf um die Karpov-Kanditatur gegen Ilyumshinov, die nun beim letzten Wahlkampf wieder fröhliche Urständ gefeiert haben. NICHTS an dieser FIDE Wahl entspricht seriösen demokratischen Standards.

    Allerdings wird in dem Interview deutlich, mit welchen Mitteln es die jetzige FIDE-Gang es mal wieder geschafft hat, wenn selbst ein europäischer Bund, der aus einer demokratischen Gesellschaft kommt, alle entsprechenden Standards vergisst und den FIDE-Oligarchen auf den klebrigen Leim geht. Herr Bastian sollte sich dafür jeden Tag eine Stunde in die Ecke stellen und sich schämen.

    Denn wenn jemand wie er das alles weiß und sogar selbst zum besten gibt, wie verstörend die Ilumshinov-Besuche bei Gaddhafi als und Assad als “Putins Sonderbotschafter” waren, würde man wohl alles andere erwarten, außer
    – a) dem Bedürfnis, einem solchen lausigen, von Rußland vereinnahmten und missbrauchten FIDE Regime mit “Neutralität” zu begegnen.
    – b) diese angebliche “Neutralität” dann fröhlich so zu interpretieren, dass man sich schon im Vorfeld der FIDE-Wahl unter der Hand zum Teil des widerwärtigen Filzes machen und zum Vizepräsidenten wählen lässt, während man nicht etwa die sich an keinerlei Spielregeln haltenden Oligarchen, sondern Kasparov als “polarisierend” abwertet. Unglaublich!

    Angesichts eines solchen rückgradlosen Schleimer-Verhaltens gegeüber einer ununterbrochen oligarchisch handelnden Willkür- und Vetternwirtschaft kann es einen nur schaudern. Und ein Schachbund, der sich einen derartig anpassungsfähigen (um es höflich auszudrücken) Vorsitzenden leisten kann, kann man angesichts der Tatsache, dass diese FIDE weltweites öffentliches Interesse für Schach zugunsten ihrer russchischen Seilschaften völlig den Bach runtergehen ließ, nur fassungslos bestaunen.

    Mit solchen Einknickern an Bord hat Europa wohl auch seinen nicht weniger unsäglichen nächsten Vorsitzen gewählt. Wir sind also wohl gerüstet für die in Angriff genomme Verlängerung der bereits Jahrzehnte dauernden Schach-Steinzeit durch Menschen dieser moralischen Klasse! :-)))

  2.   Ron

    Bastian hat m.E. mit einem garnicht so unrecht: Kasparov zeigte sich bisher nie als kompromissbereit. Er sieht sich in Schach, Politik, Leben als vehementer, genialer Kämpfer für das Gute, gegen einen bösen Feind, der besiegt werden muss. Aber nicht alles ist immer ein Kampf Schwarz vs Weiß, vor allem nicht in der Schach-Politik. Schach ist nun einmal in vielen Ländern echte Top-Sportart, die unseren demokratischen Standards u. Lebensstil nicht voll entsprechen. Man muss mit ihnen auskommen, darf sie nicht ausgrenzen. Ilyumshinov hat auch einiges zustandegebracht, was vergessen wird: Frauen-Grand-Prix mit Sponsoren auch in islamisch geprägten Ländern, Schachweltmeisterschaft in Indien; Super-GM-Turniere in China… Vor allem in Asien (China, Indien) liegt wohl die Zukunft des Weltschach. Dies macht ihn nicht zu einem guten Präsidenten.
    Aber die Frage ist nicht geklärt, ob der kompromisslose Politik-Aktivist Kasparov ein besserer wäre, wenn er z.B. mal gleich alle russischen Funktionäre als “Mafia” bezeichnet?
    Des weiteren ist es vielen Schachspielern weltweit egal, ob das Geld für Superevents von russischen u. arabischen Ölmagnaten kommt, oder von amerikanischen Hedge-Fonds-Managern: Hauptsache jemand investiert. Auch ist m.E. nicht sicher, ob eine Fide mit Kasparov an der Spitze demokratischer wäre: Würde Kasparov nicht alle (ungewollt) dominieren?
    Beide waren wohl keine gute Wahl!

  3.   jimknopf

    Man muss mit oligarchischen Machtmissbrauchs-Kartellen und Leuten wie Ilyumshinov, Makropoulos, Yazici, Tkachiev und am besten gleich noch Putin selbst möglichst prima auskommen, weil sie halt etwas anders sind? Da habe ich wieder dazugelernt. :-)

    Was die russiche Schachföderation betrifft, hat sie sich schon bei der Karpov-Wahl wie ein drittklassige Mafia-Seifenoper aufgeführt. Und derselbe nette Herr Filatov, der 2012 so eine schöne Schach-WM in Moskauer Museen organisiert hat, hat auch gerade sein wahres Gesicht gezeigt, als er versucht hat, Kasparovs völlig berechtigte Kritik als Ausdruck pathologischer Gestörtheit darzustellen (er solle sich hüten, nicht zu enden wie Fischer, meinte die kleine oligarchische Giftnatter). Oligarchen sehen Kritik halt nicht so gern, das muss man doch verstehen. Viele von ihnen sehen ihre Kritiker gern entweder tot (wie bestimmte russische Journalisten, die Putin und Ilyumshinov zu nahe kamen), im Gefängnis (wie bei dem lächerlichen gewalttätigen Polizei-Übergriff auf Kasparov) oder in der geschlossenen Psychiatrie.

    Sie haben halt eine andere Kultur als wir, das sollten wir diplomatisch akzeptieren. :-)))

    Und wo wir schon dabei sind, gewöhnen wir uns am besten auch an solche Dinge wie Buschs seinerzeitigen Einmarsch in den Irak, dessen Folgen wir jetzt sehen, oder Putins Militärvorstoß in das Nachbarland Ukraine, damit wir uns dann über durchgeknalltes FIDE-Manöver im Freizeitsport Schach erst gar nicht mehr wundern müssen.

    Man sollte das alles halt nicht so schwarz weiß sehen, schließlich sind in der Nacht ja auch alle Katzen grau, und sinnfreie Relativierung ist die beste Voraussetzung für Appeasement und Wegsehen. Hat schon zur Zeit der Olympiade in Berlin 1936 wunderbar funktioniert: einfach Sport und schmutzigen Machtmissbrauch innerlich trennen, freundlcih beschwichtigen und darüberweggehen, dann klappt auch alles.

    Dann springt den Oligarchen mal kräftig weiter auf den Schoß: Ist immer wieder ein fazinierendes Schauspiel, Hündchen auf solchen Schößen beim Nett und Harmlos-Sein zu betrachten.

  4.   Beobachter

    Lieber jimknopf,

    solche völlig maßlosen Aussagen wie die ihren sind genau der Grund, weshalb Kasparov nicht gewählt wurde. Viel zu radikal und einseitig.

  5.   jimknopf

    Und ich finde kaum etwas maßloser als die gemütliche Bräsigkeit des Wegsehens, Beschönigens und Anpassens im Umgang mit Machtmißbrauchs-Menschen und -Strukturen. Niemand, der derartiges in Schutz nimmt, kann stolz auf sich sein.

    Und ein deutscher Schachbund im Ilyumshinov-Gefüge ist nichts weiter als eine unfreiwillig komische Lachnummer ohne jeden Anspruch auf moralische Seriosität.

  6.   Ron

    Des einen Oligarch ist des anderen Respektsperson u. Mäzen. Aus der Sicht vieler kleiner “rückständiger” Länder ist z.B. Kasparov auch undurchsichtig u. autokratisch: ungesicherte Finanzierung durch US-Milliardäre, zu enge Freundschaft mit Carlsen-Familie, Gegnerschaft zu Anand, Kramnik, Finanzierung seiner Politik-Stiftungen durch USA? usw.
    Beide Seiten können berechtigte Kritikpunkte vorbringen. Die Wahrheit liegt wohl in der Mitte. Die Fide ist jedenfalls nicht für die politischen Missstände in UDSSR, China etc. verantwortlich und man sollte zum Wohle des Weltschachs diese nicht mit ihr verknüpfen. Dass die Fide im “Westen” ein schlechtes Image hat, liegt u.a. auch stark an Kasparov, der seit Jahren in den Medien einen Kampf gegen sie führt, nach dem Motto: die oder ich. Da traut sich dann kein “westlicher” Sponsor Geld zu investieren. Diese Polarisierungen sind schlecht für das Schach: auf beiden Seiten sind uneigennützige Menschen, die ihr Leben der Förderung des Schachs verschrieben haben, jenseits der Politik.

  7.   jimknopf

    Natürlich ist die FIDE nicht für russische Einmärsche in Nachbarstaaten verantwortlich. Sie wird nur von zwielichtigen Charakteren beeinflusst und mißregiert, die diesem Regime z.T. sehr(!) nahe stehen. Zu diesem Filz gehören ehemalige und jetzige russische Provinzfürsten ebenso wie andere russische Oligarchen, von Funktionärs-Menschen, die außerhalb der FIDE wohl nirgends Karriere machen könnten, ganz zu schweigen.

    Ilyumshinov hat den letzten Wahlkampf aus meiner Sicht (und der Sicht vieler anderer) ein weiteres Mal großflächig betrügerisch und mit massiver russischer Beteiligung (Missbrauch russischer Botschaften) geführt. Auch wenn Kasparov kein Engel ist, steht er moralisch m.E. immer noch gleich mehrere Klassen über dem völlig unerträglichen Machtmißbrauchs-Sumpf der jetzigen FIDE-Führung. Diese FIDE wird seit Jahrzehnten willkürlich, erratisch, plump, dreist und feist mit Mitteln geführt, wie wir sie sonst aus diktatorischen Bananen-Republiken kannten oder eben jetzt aus oligarchischen (d.h. in der Tendenz mafiösen) Strukturen kennen.

    Wer so was schön redet oder solchem Verhalten einen relativierenden Persilschein ausstellt, hat sich aus meiner Sicht klar entschieden, für welche (Un-)werte er oder sie stehen möchte. Die Folgen solchen Anpassungsverhaltens werden leider dafür sorgen, dass Schach weiter (und auf diesem Weg auch völlig zu Recht) genau das überflüssige Schattendasein führen wird, für das genau dieser FIDE-Sumpf seit Jahrzehnten wie ein eingetragenes Markenzeichen negativ steht.