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Ich spiele wie Magnus Carlsen

 

 

Magnus Carlsen - Nicht nur im Schach hat er seinen eigenen Stil
Magnus Carlsen – nicht nur im Schach hat er seinen eigenen Stil. (Copyright Getty Images)

Zugegeben, was da in der Überschrift steht, ist eine sehr gewagte Aussage, wenn man sie auf die reine Spielstärke reduzieren würde. So ist die Aussage aber nicht gemeint, sie stammt auch nicht von mir selbst. Die Internetseite chesspersonality.com ermittelte anhand von 20 mehr oder weniger repräsentativen Fragen meinen Spielstil. Dabei geht es nicht um die Messung der individuellen Spielstärke, sondern vielmehr um eine Typisierung des eigenen Stils, ähnlich wie bei Fragen aus Frauenmagazinen, bei denen man herausfinden kann, welcher Beziehungstyp man ist.

Als Ergebnis der etwa fünfminütigen Befragung erhielt ich das Prädikat “prodigy“, was übersetzt dem Begriff “Wunderkind” wohl am nächsten kommt. Als Vertreter dieser Zunft wird der amtierende Weltmeister Magnus Carlsen angegeben, der schon in frühen Jahren als “wonder boy”  verschrien war.

Mein Ego war umschmeichelt. Ich gehöre also der gleichen Gattung an wie der meiner Meinung nach beste Schachspieler, den die Welt je gesehen hat. Als prodigy, so steht es auf der Seite geschrieben, spiele ich aggressiv auf Gewinn und das vom ersten Zug an. Dabei habe ich meine Gefühle stets unter Kontrolle.  Mein Wille zum Sieg übersteigt sogar das Bestreben, den Gegner auf eine besonders ästhetische Art und Weise zur Aufgabe zu bewegen. Hauptsache der Punkt steht! Meisterwerke gelingen mir dabei immer wieder, auch wenn sie nicht gewollt sind. Mein Talent setzt sich am Ende des Tages durch. Ja, das passt zu mir.

Umso mehr ich darüber nachdachte, desto mehr wurde mir natürlich bewusst, dass die Bezeichnung “Wunderkind” eher dem entsprach, was ich gerne wäre, als dem, was ich in Wirklichkeit bin. Doch warum war ich im ersten Moment so davon angetan, mit einer großen Persönlichkeit wie Magnus Carlsen, oder zumindest seinem Stil, verglichen zu werden?

Es liegt wohl in der Natur des Menschen, sich Vorbilder zu suchen und diesen, wenn auch nur in seiner Vorstellung, nachzueifern. Wie sonst lassen sich die hohen Verkaufszahlen der Trikots von Lionel Messi oder Michael Jordan erklären. Beim Schach geht dieser Personenkult gar über das bloße Überstülpen eines Kleidungsstücks hinaus. Viele Amateure streben stets danach, sich einen Teil unseres Lieblingsspielers einzuverleiben und seinen Spielstil zu kopieren. Ganze DVD-/Schachbücherserien bauen auf diesem Prinzip auf, indem sie mit großen Namen werben und einen vermeintlichen Einblick in die Welt des Superstars und seiner Gedanken versprechen. Da der Mensch von Hause aus ein faules und ängstliches Lebewesen ist, versuchen wir eher zu kopieren, als selber etwas zu kreieren.

So verwundert es nicht, dass ich von der Kreisklasse bis hin zur Bundesliga häufig Sätze höre wie: “Du spielst diese Art von Stellung wie Vladimir Kramnik” oder “Hättest du die Bücher von Anatoli Karpov studiert, dann hättest du das Endspiel bestimmt noch gewonnen”. Gemeint ist dabei eine vermeintliche Fertigkeit des Meisters, die anscheinend nur jener so praktizieren kann. Sei es die hohe Endspielkunst Karpovs, die er erst kürzlich wieder unter Beweis stellte oder die Fertigkeit Alexei Shirovs, aus dem Nichts einen Angriff vom Zaun zu brechen.

 

Anatoli Karpov gegen Felix Graf beim Bundesligawochenende in Eppingen
Anatoli Karpov remisierte beim letzten Bundesligawochenende zunächst gegen Felix Graf, um tags darauf in typischer Manier ein Endspiel zu gewinnen. (Copyright Gergios Souleidis)

 

Vielfach verschmilzt ein bestimmter Spielstil mit einem bestimmten Spieler in unseren Köpfen und auch wir wollen beim Spiel, wie auch im echten Leben, einem bestimmten Ideal nacheifern. Viele leben dabei eine gänzlich andere Spielweise aus, als man es ihnen zutrauen würde. Bei anderen wiederum kann man anhand  ihrer Partieanlage wie in einem offenen Buch lesen und exakte Rückschlüsse auf deren Persönlichkeit schließen.

Eine häufige verwendete Einteilung bei Spieltypen im Schach ist die Einteilung der Lager in “Taktiker” und “Strategen”. Während der Taktiker viele konkrete Varianten berechnet und durch risikofreudiges Spiel versucht, den Gegner “auszutricksen”, schreibt sich der Stratege ein tiefes, langfristiges Verständnis auf die Fahnen. Völlig zu Recht beschreibt der schottische Großmeister Jonathan Rowson in seinem Meisterwerk Schach für Zebras, wie schädlich eine solche eindimensionale Einteilung für gutes Schach ist und das beide Typen sich nicht ausschließen, sondern ergänzen sollten. Doch der Mensch braucht Zugehörigkeit und so steckt er sich häufig selbst in eine Schublade, aus der er selbst nicht wieder herauskommt.

Doch wie sieht es eigentlich mit den Idolen selbst aus? Schreiben sie sich selbst einen bestimmten Spielstil zu? Leben sie ebenfalls ihre Fantasien auf den 64 Feldern aus?

Wie hier bereits berichtet, bezeichnet sich Kramnik selbst als Künstler, die derzeitige Nummer zwei der Welt, Levon Aronian, legte vor ein paar Jahren noch großen Wert darauf, als faules Genie zu gelten und Anatoli Karpov beantwortete die Frage nach seinem Stil mit den Worten, dass er gar keinen Stil besitze.

Das ewige Talent: Levon Aronian
Das ewige Talent: Levon Aronian (Copyright dpa picture alliance)

In Karpovs Antwort steckt wohl viel Wahres. Häufig geht es beim Schach darum, den besten Zug zu finden oder denjenigen, der dem Gegner die meisten Probleme bereitet. Dies ist allerdings eher eine Frage der Objektivität, als der des Stils. So verschmelzen im modernen Schach die Spielstile immer mehr, Flexibilität gerade in der Eröffnungsphase zwingt immer mehr Weltklasseleute neue Pfade einzuschlagen. Extremstes Beispiel dürfte wohl der Weltmeister Magnus Carlsen selbst sein, der durch sein extrem weites Eröffnungsrepertoire für seine Gegner kaum auszurechnen ist.

Ich befürchte, dass im Zeitalter der Computerprogramme sich im Spitzenschach immer weniger ein klarer Spielstil herauskristallisieren wird und die Züge der kommenden Weltmeister eher die Handschrift eines Prozessors, denn eines genialen Professors tragen werden. Vladimir Kramnik widerspricht dieser These in diesem interessanten Interview. Ich hoffe, er hat recht.

7 Kommentare


  1. Ich träumte immer, wie ein Kasparow zu spielen, doch es reichte nur für Karpow. Nur der Stil natürlich, nicht die Stärke. ;-)

    Und statt “ich habe keine Ahnung von den modernen Eröffnungsvarianten und spiele deshalb lieber etwas harmloses Altmodisches” sage ich lieber “ich spiele wie Magnus Carlsen gegen Anand”. Klingt irgendwie besser.


  2. Ja die Schachidole wirken.
    Selbst meine Begegnung mit Kramnik auf der Toilette, beim Sparka$$en-Chess Meeting zählt dazu. Niemals werde ich den Moment vergessen, als ich , ein Superamateur (DWZ 1600), gerade am Waschbecken stand, in einem engen Klo, und er, der grosse Kramnik hineinkam , und ich gerade heraus wollte und wir irgendwie zusammenstiessen. “Pardon”. Er lächelte.

    Andere Momente kenne ich leider nicht.
    Tiefenanalytisch glaube ich, dass man grundsätzlich zwei oder drei Spielweisen unterscheiden kann. Das Taktische, das Strategische und das Opportunistische (sowohl das eine wie das andere, wie es gerade der Gegner zulässt).

    Einzelne Spielweisen, festzumachen an Topalov, Carlsen oder sonstwen würden sich doch nur an diesen drei Kategorien aufhängen lassen.


  3. Ach so, ich bin eher der Stratege, liebe geschlossene Stellungen, Bauernketten (lechz) und diese einzelnen Punkte in einem Spiel, auf die sich alles konzentriert um zB einen Ausbruch, Durchbruch, rechtzeitige Öffnung zu veranstalten. Achte im Eröffnungsstudium auf Besonderheiten, um taktische Schläge zu vermeiden.

    Mein Bruder voll der Taktiker, kennt die offenen Eröffnungen sehr gut, und studiert diese um taktische Schläge zu veranstalten. Wenn wir gegeneinander spielen, ärgern wir uns gegenseitig, und spielen aber oft gewisse Eröffnungen, die immer dieselben sind. Schottisches Gambit sein Fall. Gegen ihn kann ich nie Spanisch spielen. Und Russisch ist mir zu seicht. Geht zu schnell in das einfache Mittel-Spiel über, wo alles abgetauscht ist, obwohl man als Schwarzer in Russisch auch sehr schnell auf die Nase fallen kann, wenn man gegen einen spielt, der Russisch kennt.

    So kennen wir die für uns typischen Eröffnungen einige Züge weit. Denn ich sah aufgrund seiner taktischen Spielweise mich gezwungen, “seine” Eröffnungen zu lernen.
    Das ist schon sehr interessant.

    Er spielt im Verein und ist daher etwas besser, da lange Partien (über Stunden) das Spielgeschick doch sehr schulen. Er verzettelt sich mit Taktik allerdings auch manchmal und das ist dann meine Chance, es auszunutzen. Auf diese Momente seiner Schwäche warte ich allerdings nicht. Und es ist eine echte Lernerfahrung, gegen ihn meine eigene Spielweise zu finden .

    Mit Weiss ärgere ich ihn dann mit d4. hehehe.


  4. Interessanter Kommentar, unterhaltsamer Link.
    Ich sehe im Jugendtraining immer wieder kommende Taktiker und Strategen, teilweise stark ausgeprägt.

    Langfristig achte ich darauf, dass die Taktiker eine Stellung auch abstrakt abschätzen lernen und dass die Strategen Stellungen identfizieren können, in denen sich ganz konkretes Rechnen lohnt.

    Die Strategie, auf diese Art und Weise das vorhandene Talent auszubauen und mit Neuem zu erweitern, ist bisher ganz gut aufgegangen.


  5. “So verschmelzen im modernen Schach die Spielstile immer mehr, Flexibilität gerade in der Eröffnungsphase zwingt immer mehr Weltklasseleute neue Pfade einzuschlagen. Extremstes Beispiel dürfte wohl der Weltmeister Magnus Carlsen selbst sein, der durch sein extrem weites Eröffnungsrepertoire für seine Gegner kaum auszurechnen ist.”

    Widerspruch :

    Magnus Carlsen gewinnt so gut wie gar keine Partien wegen seines ‘Eröffnungsrepertoires’. Im Gegenteil, er ist die Antithese zur extremen Überbewertung der Eröffnungsphase seit/ durch Kasparov, der als erster auch die Datenbanken für diesen Zweck entdeckte.
    Kramnik hat Kasparov später u.A. mit der unerwarteten Berliner Verteidigung als Weltmeister abgelöst, Anand wiederum, als E4-Spieler, überraschte später Kramnik mit D4-Eröffnungen.
    Topalov ist ein weiteres Beispiel für außergewöhnliche Vorbereitung der Eröffnung, die ständige Suche nach den sog. ‘Novelties’.

    Magnus Carlsen dagegen geht oft auch mit weiß ohne Vorteil oder sogar mit kleinem Nachteil aus der Eröffnung.
    Aber er vertraut auf seine überlegene Spielstärke und Ausdauer, und gibt sich nicht mit frühen Remis zufrieden. Er gewinnt oft – nach vielen Stunden am Brett – vorher scheinbar ausgeglichene Positionen, z.B. sog. ‘Remisendspiele’, weil er minimale Vorteile erkennt und sie fehlerfrei ausbauen kann.
    Mit einem ‘Eröffnungsrepertoire’ haben seine Erfolge nichts zu tun.

  6.   Knallo

    Bin auch “prodigy”. Fühle mich aber nicht so.

  7.   Nelutu

    Yes! Carlsen right now is the best and certainly one of the gartes. As usual all records get broken one day or another. WC Anand is going downhill,silently screaming all the way. No disrespect to him,a great champ, but time and tide wait for no man and age and babies takes it toll.Same with Judith. H’ver let us not compare past and present. The pre computer era gartes were superb and they truly had to tax their minds.