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83 Jahre und noch immer schachbesessen

 

Selten dürfte es in dem Hörsaal der Universität Leipzig so still gewesen sein wie an diesem Freitag. Sogar die Mädchen in der zweiten Reihe, kaum älter als sechs oder sieben Jahre, sitzen gebannt da. Sie können ihren Blick nicht von der Bühne abwenden, von Viktor Kortschnoi, einem Mann im Rollstuhl, der ihr Urgroßvater sein könnte. Trotz seiner 83 Jahre strahlt sein Schach Stärke und Kraft aus. Und das, obwohl er Mühe hat, an den anderen Brettrand heranzureichen. So unsauber er die Figuren auf die Felder setzt, so messerscharf sind seine Züge.

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Viktor Kortschnoi

Früher wurde Kortschnoi „Viktor, der Schreckliche“ genannt. Seine Gegner sollen Angst vor ihm gehabt haben. Er gewann reihenweise Turniere, kämpfte seine Partien bis zum Ende aus. Wenig hatte er mit der nordischen Kühnheit, dem Pragmatismus gemein, die heute an Magnus Carlsen bewundert werden. Kortschnoi ging immer volles Risiko. Er war ein Besessener, Schach war für ihn seit der Kindheit Liebe und Leben zugleich. Immer wieder erzählt er, dass er ohne das Schach im Krieg die Blockade seiner Heimatstadt Leningrad nicht überstanden hätte.

Nur Weltmeister wurde Kortschnoi, der sich 1976 aus der Sowjetunion abgesetzt hat, nie. 1978 und 1981 qualifizierte er sich für das Finale gegen den damaligen Weltmeister Anatoli Karpow, der als Parteitreuer die gesamte sowjetische Schachelite hinter sich hatte. Beide Male musste sich Kortschnoi geschlagen geben. Besonders beim ersten Anlauf versagten ihm dabei die Nerven, die letzte Partie zum 5:6 verlor er durch eine unerklärlich riskante Spielanlage.

Doch er blieb dem Schach treu, spielte weiter bis ins hohe Alter, während sich seine Kontrahenten vergangener Zeiten schon lange zur Ruhe gesetzt hatten. 2006 wurde er Seniorenweltmeister. 2011 besiegte er in Gibraltar den 61 Jahre jüngeren Superstar Fabiano Caruana und gewann die Meisterschaft der Schweiz, wo er seit seiner Emigration lebt. Seit seinem Schlaganfall im Jahre 2012 darf er kein Schach mehr spielen, aber tut es manchmal trotzdem. Kortschnois Autobiografie trägt den Titel „Mein Leben für das Schach“. Er wird das Schachbrett wohl auch mit ins Grab nehmen.

Boris Spassky
Boris Spasski in Reykjavik 1972 (Copyright: Getty Images)

An diesem Tag sollte er nochmal seinen alten Weggefährten Boris Spasski treffen, den er noch aus den Zeiten im Leningrader Pionierpalast kennt. Spasski war von 1969 bis 1972 Weltmeister, aber am meisten in Erinnerung bleibt sein verlorenes Match gegen den US-Amerikaner Bobby Fischer. Spasski, ein vielgewandter Mann und starker Tennisspieler, ließ seine Karriere deutlich schneller ausklingen als Kortschnoi. Er ist aber bis heute ein gern gesehener Zuschauer und Kommentator bei Turnieren, lässt sich gerne am Brett mit den heutigen Weltstars ablichten, die seine Gesellschaft und Meinung schätzen.

Schachlegenden spielen in Leipzig
Wolfang Uhlmann und Viktor Kortschnoi kurz vor ihrer Partie (Copyright: dpa Pictures)

Wegen einer Erkrankung musste er allerdings durch Wolfgang Uhlmann ersetzt werden, der einen Tag später seinen 79. Geburtstag hatte. Uhlmann ist elfmaliger DDR-Meister und war mal die Nummer 17 der Welt. Als Dresdener ist er auch in Leipzig sehr bekannt. Lange vor dem Beginn der Veranstaltung schüttelt er viele Hände. Doch als Kortschnoi in seinem Rollstuhl hereingefahren wird, gehört die Bühne ihm.

Kortschnoi ist stolz auf sein Lebenswerk, wirkt nicht gerne schwach und gebrechlich. Als seine Frau ihm aus dem Jackett hilft, schimpft er auf eine Kamerafrau, die dies filmen will. Bei der anschließenden Autogrammstunde signiert er Bücher und Karten. Bei Kindern tut er dies bereitwillig, manchem Erwachsenen gegenüber lässt er durchblicken, wie albern er es findet, ihnen Autogramme geben zu müssen. Kortschnoi hatte schon immer seinen eigenen Kopf.

Diesen zeigt er auch beim Empfang. Mehrfach unterbricht er die Begrüßungsreden, auch die des Bürgermeisters. Als ein Offizieller den beiden Spielern Wasser einschenkt, prostet Kortschnoi dem Publikum zu. Seinen Wunsch, auf seine alten Jahre nicht nur als schachliches Museumsstück ausgestellt zu werden, kann man mit beiden Händen greifen. Dabei wirkt er ein wenig unbeholfen.

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Der Händedruck vor der Partie

Bei der Partie ist Kortschnoi der Alte. Regungslos und konzentriert sitzt er am Brett. Er antwortet blitzschnell und beobachtet aus dem Augenwinkel seinen Gegner Uhlmann, der sich für jeden Zug Zeit lassen muss und nervös mit den Fingern auf den Schachtisch klopft, ein Originalstück von der Leipziger Schacholympiade 1960, an der beide teilgenommen haben. Uhlmann gerät schnell in die Defensive, obwohl er die Königsindische Verteidigung spielt, der er ein Leben lang die Treue gehalten hat. Zeit hat er auch fast keine mehr auf der Uhr, auf Kortschnois Gesicht macht sich ein verstohlenes Siegerlächeln breit. Er hat die Chance, die Partie schneller zu beenden, aber wählt eine Fortsetzung, bei der er sich noch einmal in den Mittelpunkt stellen kann. „Zweite Dame!“, ruft er in die Stille des Hörsaals hinein, er möchte einen Bauern umwandeln, obwohl er noch eine andere Dame auf dem Brett hat. Als keine zweite Dame gebracht wird, stellt er einen umgedrehten Turm nach a8, sonst nur beim Kneipenschach üblich. Gelächter im Saal.

Der Rest der Partie ist für Wolfgang Uhlmann pure Agonie. Dutzende Züge lang verteidigt er eine Stellung, die eigentlich schon zu schlecht zum Weiterspielen ist, aber noch zu gut zum Aufgeben. Kortschnoi beeilt sich nicht, die Partie schnell zu beenden, er genießt sie wie ein Festmahl und kostet sie bis zum Schluss aus. Dieses Mal legt er seinem Gegner ausnahmsweise nicht die Aufgabe nahe.

Irgendwann hat Uhlmann genug und gibt seinem Kontrahenten die Hand. Langer Applaus, die beiden bauen nach einem kurzen Gespräch die Figuren wieder auf und spielen die Partie noch einmal nach. Auch in diesem Alter wollen sie noch wissen, was sie falsch gemacht und welche Chancen sie ausgelassen haben. Es ist ein Genuss, dieser Analyse zuzusehen, doch bevor Kortschnoi gefragt wird, warum er statt a7 auf Dd3 verzichtet hat, haben die beiden schon abgebrochen. Einen Reporter des MDR, der geduldig eine halbe Stunde gewartet hat, winkt Kortschnoi ab wie eine lästige Fliege. Dann geht er mit seiner Frau davon. Die beiden Spieler müssen noch Kräfte für die zweite Partie am nächsten Tag schonen. Kortschnoi wird auch diese gewinnen.

19 Kommentare


  1. Es ist ein toller Sport, den man nicht früh genug seinen Kindern beibringen kann. Fairness und Verlierenlernen und strategisches Denken. Warum das nach einem Schlaganfall gefährlich ist, bleibt dem Leser verschlossen. Ich vermute, dass bei einem so spannenden Kampf der Blutdruck steigt?

  2.   subse

    An Mina, es ist kein Sport, und sollte auch nicht als solches bezeichnet werden.
    Schach reicht als Titel.
    Und dieser ältere Herr braucht viel Ruhe und nicht noch mehr Schachspiele!

  3.   Archäoopath

    Vermutlich ist nicht Schach an sich das Problem, sondern das nervenaufreibende Spiel gegen die Uhr.


  4. Beeindruckend.

    Warum man nach einem Schlaganfall nicht mehr Schach spielen sollte, bedarf für mich allerdings einer Erklärung.


  5. Selbstverständlich ist Schach „Sport“ – ebenso wie Bogenschießen, Darts, Curling und manches andere … Aber, liebe Frau Menzel, warum Ärzte dem Patienten nach Schlaganfall vom Schach dringend abraten, können Sie am besten verstehen, wenn Sie mal bei einem großen Seniorenturnier in der 4. Stunde zuschauen: Die Anzahl der hochroten Köpfe ist geradezu erschreckend. Ja, strategisches Denken können Sie nirgendwo so gut und unterhaltsam lernen wie gerade beim Schach – aber glauben Sie bitte nicht daran, daß das auch auf Fairness und Verlierenlernen zutrifft. Darüber könnte Viktor Kortschnoi ganze Bände schreiben (und hat es auch schon!) – es ist eben ein Spiel, bei dem es auch in hohem Maße um Prestige (bis in höchste politische Rängen hinein) geht. Viktor gibt immer gern die Anekdote zum besten, als er einmal auf Kuba beim Simultan auf Ernesto „Che“ Guevara traf. Nach etwa 10 Zügen bedeuteten hochrangige Funktionäre dem russischen Gast, „Che“ erwarte nunmehr ein Remisangebot. Das hat Kortschnoi empört abgelehnt – und den eitlen Revoluzzer vom Brett gefegt. Er war eben immer auch „Viktor der Ehrliche, der Undiplomatische“. Und Sie werden bei Schachabenden und Turnieren eine ganze Reihe von höchst merkwürdigen Gestalten kennenlernen, die man am besten mit Humor nimmt (sofern man gelassen wird!). Die englische Nationalmannschaft vor 50-70 Jahren bestand übrigens sämtlich aus … höheren Geheimagenten. (Nur James Bond konnte kein Schach!). Ach, lieber Herr Kortschnoi, es ist schön und tut weh, Sie wieder am Brett zu sehen. Sollten Sie etwa darauf abzielen, im Angesicht der Figuren zu gehen …?! Alles Gute für Sie und Ihre Frau wünscht Ihr ergebener Fan.

  6.   DAHBiker

    @subse:
    Ihre persönliche Meinung, aber leider haben sie nicht die Definitionshoheit darüber was Sport sei und was nicht. Und sind Sie Arzt oder sogar Neurologe?

    @Thema:
    ich finde den alten Herrn beeindruckend.


  7. @subse
    selbstverständlich ist Schach Sport. Das kann man aber nur richtig begreifen, wenn man regelmässig Wettkämpfe betreitet oder mal Live bei einem Turnier dabei war.

  8.   p.vonwerter

    schach ein köstlicher geistessport,der schon im kindergarten spielerisch gelehrt
    werden sollte!


  9. verstehe ich auch nicht – nimmt man jemandem noch die letzte Leidenschaft, die einem bleibt, wie hier das Schachspiel, was hat der Mensch dann noch? Ich würde auch nicht aufhören, nur weil ein Arzt davon abrät.

  10.   Deutschmeister

    „Wenig hatte er mit der nordischen Kühnheit, dem Pragmatismus gemein, die heute an Magnus Carlsen bewundert werden. Kortschnoi ging immer volles Risiko.“

    Nordische Kühnheit = Kühnheit ohne volles Risiko…?