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Die Entmündigung des Schachzuschauers

 
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Ein Schachcomputer aus dem Jahre 1989. Damals musste man wenigstens noch die Figuren selbst bewegen. (Copyright: Morn/Wikipedia)

Seit einigen Jahren sind sie Teil der Schachübertragungen im Internet: Enginebewertungen, also Angaben einer allwissenden Maschine darüber, wie es gerade in der Schachpartie steht. Dargestellt werden diese durch kryptische Zahlen in der Partienotation. Als ob für einen Laien 24.Sbxd4 noch nicht verworren genug aussieht, steht neuerdings auch noch 0.35 daneben. Das bedeutet, dass Weiß in dieser Stellung einen leichten Vorteil besitzt, etwa ein Drittel Bauerneinheit. -1.03 würde gut eine Bauerneinheit für Schwarz anzeigen, Weiß müsste anfangen, sich Sorgen zu machen.

Meist sind diese Bewertungen noch graphisch über den gesamten Partieverlauf gesehen dargestellt. In jeder Stellung werden unabhängig davon, welcher Zug tatsächlich gespielt wurde, die drei besten Vorschläge des Rechners angezeigt, inklusive Varianten, wie es weitergehen könnte und entsprechender Bewertungen. Schach will massentauglich werden, sich nicht abkapseln von denen, die es nicht können. Daher dieses Entgegenkommen besonders an Zuschauer, die das Geschehen auf dem Brett nicht sofort beurteilen können.

Statt Entgegenkommen könnte man auch sagen: Betrug.

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Übertragung der Partie Anand-Ragger auf der Bundesliga-Homepage

Die mitlaufenden Zahlen und Varianten gaukeln dem Betrachter vor, die Wahrheit über eine Partie auszusagen. Sehen wir mal davon ab, dass einige dieser Bewertungen und Varianten schlicht fehlerhaft sind, da die Maschine im Hintergrund ja nicht endlos an den Stellungen rechnet, sondern nur solange, wie diese in der realen Partie auf dem Brett stehen. Ziehen die Spieler schnell, hinterlässt dies ungenaue Berechnungen.

Doch das ist nicht das größte Problem.

Eine objektive Wahrheit einer Schachpartie existiert höchstens in den Köpfen der Spieler. Wird eine ausgelassene taktische Möglichkeit angezeigt, wird nichts darüber verraten, wie schwer es gewesen wäre, diese zu finden. Für die Schachprogramme Rybka oder Houdini ist alles gleichermaßen einfach. Oder ein anderer Fall: Der Computer zeigt einen Fehler an, der Vorteil fällt von 2.52 auf 1.77 – aber der Mensch hat vielleicht genau dies absichtlich in Kauf genommen, um ein paar Figuren abzutauschen und mit zwei Mehrbauern in ein leicht gewonnenes Endspiel überzuleiten. Im Schach gibt es keine Extrapunkte für Schönheit oder Schnelligkeit, manchmal scheinen die Engines das aber zu denken.

Andersherum lobt der Computer gerne materialistische und aus menschlicher Sicht unpraktische Entscheidungen. Keine Fehler im strengen Sinne, aber oft Vorboten von Fehlern.

Wenn es also aus Sicht des Menschen schon schief läuft, ist für die Maschine oft noch lange alles in Ordnung. Sie kennt keine Nerven und kann genauso ruhig auf der grünen Wiese mit Stoffbällen jonglieren wie mit brennenden Kerzen auf dem Drahtseil.

Daher lassen Engines uns oft glauben, dass wir einen Fehler viel später begangen haben, als es in Wirklichkeit der Fall war. Sie erzeugen beim Zuschauer einen fehlerhaften Eindruck über den Partieverlauf und bestätigen den Verlierer in einer Reihe falscher Entscheidungen. Die ausgeworfenen Varianten und Bewertungen richtig zu interpretieren, ist eine Kunst, die man erst als starker Spieler erlernen kann, für einen Neuling sind diese elektronischer Datenmüll.

Enginebewertungen und Variantenvorschläge sind aber vor allem deswegen Betrug, weil sie dem User das verweigern, was er braucht und wofür er gekommen ist. Indem sie ihn an die Hand nehmen, sobald er die Webseite betritt, rauben sie ihm die Chance, sich selbst – mit seinen vielleicht noch so bescheidenen Mitteln – Gedanken über die Partie zu machen. Sie tragen dazu bei, dass der User sich niemals aus seiner von ihnen verursachten Unmündigkeit befreien kann. Rousseau würde sogar sagen, sie verpassen es, ihn zu seiner eigenen Freiheit zu zwingen.

Zwar kann man die Tools manchmal auch abschalten, aber Menschen essen aus Bequemlichkeit auch Chips und Fertigpizza, obwohl sie niemand dazu zwingt. Im Fall des Enginekonsumenten verlieren sie dabei leider auch jeden Respekt vor den Leistungen der Sterneköche. Der Ton in einem Chat während einer Liveübertragung kann ganz schön rau sein, wenn sich computerbewaffnete Amateure über das „Rumgepatze“ von Anand, Kramnik oder anderen auslassen.

Doch auch für stärkere Spieler ist die neue Technologie kein Segen. Eine besonders problematische Mischung ergibt sich bei ihrer Benutzung mit Smartphones, zumindest für die Kommunikation nach einem Mannschaftskampf. Wo früher ein Brett in der Tischmitte stand und acht erwachsene Männer durcheinander Zugvorschläge brüllten und sich darum rissen, ein paar Figuren bewegen zu dürfen, sitzen nun acht Zombies und starren wortlos auf Displays unterschiedlicher Helligkeit und Größe. Manchmal erlischt bei jemandem der Akku. Dann ist der einzige Satz des Abends oft die Frage an den Nachbarn: „Kann ich bei dir mal kurz meinen Partiegraphen sehen?“

11 Kommentare


  1. […] gibt es wieder frischen Content vom ehemaligen Schachzooblogger Ilja Schneider. Er hat sich heute die Entmündigung des Schachzuschauers […]

  2.   Veräntergung

    Naja, ich meine wenn ich Schachpartien (ich: DWZ 1500-1600) anschaue, dann tut es mir gut, wenn die Arbeit verlässlicher von einem Computer gemacht wird, und es gibt auch Momente wo ich vom Computer gar nichts wissen will, weil die Stellung zB brandscharf ist und geradezu einläd, selbst mitzudenken.
    Die Freiheit die Compiterzeile zu betrachten sollte man nicht mit Zwang verwechseln.

  3.   Marcchan

    Ein sehr guter Artikel, ich kann das als Zuschauer und Turnierspieler nur bestätigen.
    Umso schöner sind livekommentare von guten Spielern, die nicht nebenher die Engines mitlaufen lassen.

    Ansonsten sollte der lernende lernen, selbst zu denken und HINTERHER mal auf die Computerbewertungen zu schauen.

  4.   Mick O'Brien

    Ein fieser, furchtbarer Artikel! Kritik and Fertigpizzen ist niemals gerechtfertigt.
    Die Kommentare zum Thema Schach stimmen allerdings.


  5. Publikumsbeschimpfung der feineren Art, lieber Blogger – Sie haben ja so recht … und dennoch ist es billig, den Fischdosen vorzuwerfen, Sie sollten gefälligst etwas anderes enthalten als Ölsardinen. Vor etwa 12 Jahren habe ich mal die Computerprogramme auf der Cebit energisch in Schutz genommen, als von unkundiger Seite (es war „nur“ der Nicht-Schachspieler Weizenbaum) der Vorwurf kam, Schach sei eigentlich tot, weil durch Brute Force niedergerechnet. Was nicht stimmte … denn in den Stellungsbeurteilungen gab es gravierende Unterschiede etwa zwischen Fritz, Shredder und Junior. Das hieß ja nichts anderes, als daß man eine ambivalente Stellung so oder so oder auch ganz anders einschätzen konnte. Diese Nuancen scheinen im Zeitalter des großen Zauberers Houdini untergegangen zu sein. Wenn dann noch der Hinweis von interessierter Seite kommt, Houdini habe etwa die Spielstärke von 3200 bis 3300 Elo, dann dürften Sie dem nach Wahrheit dürstenden Schächer nicht übelnehmen, daß er dem Ministerium für Newspeak seine Seele ausliefert. „Ich habe mein Hirn nicht dabei – es hat ja doch keine Chance gegen den übermächtigen Magier“. Und da (fast) jeder gerne auf der Seite der Sieger stehen will, sind allzu viele froh, dem großen Onkel Houdini zu vertrauen. Verlierer wurden leider immer schon geschmäht – der Mensch ist von Natur aus charakterschwach – umso „besser“, wenn es dann einen „patzenden“ Großmeister trifft – und nicht das eigene kleine armselige Ego. Wie schlägt man einen Computer?! „Mit dem Hammer“ – sagte der bekennende Anarchist Jan Hein Donner. Auf seine Weise hatte er recht …


  6. Also mich, der ich Laie bin, freut dieser neumodische Computer-Zusatz. Wenn ich mir eine Partie etwa in der Mitte des zeitlichen Ablaufs ansehe, weiß ich meist nie, wer besser steht (es sei denn, einer hat drei Bauern mehr oder so…). Wenn aber alles ausgeglichen ausschaut und Houdini sagt -2.5, dann versuche ich herauszufinden, worin denn dieser Vorteil für Schwarz eigentlich besteht, usw.

    Daß die computerbewaffneten selbsternannten Experten sich in den Kommentarspalten lächerlich machen, hat nur an der Oberfläche mit Schach zu tun. Es ist die Manifestation der neuen Leserbriefpresse, die an die Stelle der fundierten Recherche getreten ist. In ihr wird so getan, als sei die Wahrheit eine demokratische Größe, und sie verwechselt obendrein Demokratie mit Wortschwall.


  7. Ich sehe das nicht so dramatisch. Für mich ist die Online-Rechnerbewertung mit ein paar Varianten ein guter Service. Man muss das ja nicht nutzen. Ich sitze selten stundenlang vor dem Bildschirm, um ein Turnier zu verfolgen, sondern schaue hin und wieder mal, wie die Dinge stehen. Reihenfolge: 1. Selbst die Stellung beurteilen. 2. Dann auf die Rechnerwertung sehen. 3. Wenn es übereinstimmt, weiter zum nächsten Brett, ansonsten lohnt es sich, genauer hinzusehen.

    Um die Stellung besser zu verstehen, die taktischen und strategischen Muster zu erkennen, braucht man immer noch kompetente Kommentatoren, aber als Basisunterstützung sind Rechneranalysen sehr gut.


  8. @6 Niemand verkündet hier die „Wahrheit“, lieber Schachfreund Simioni – jeder steht auf seinem eigenen Maulwurfshügel auf dieser wunderschönen Spielwiese, genannt „Blog“, und berichtet, um welche Ecke er da gerade gucken kann und was die anderen möglicherweise nicht sehen. Das ist doch schon mal ein Fortschritt gegenüber Hyde Park und seinen Apfelsinenkisten-Propheten. Daß aber Houdini und die anderen Jungs aus der elektronischen Band von manchen für absolut gültig gehalten werden – dagegen hat Herr Schneider voller Wut und Verve anargumentiert. Natürlich wird auch er wieder – wenn er die Fischdose braucht – zu ihr greifen … so what


  9. Sie, werter Donquichotte, habe ich natürlich nicht gemeint. Ich habe mich mit der zweiten Hälfte meines Kommentars auf diesen Satz in dem Artikel bezogen:

    „Der Ton in einem Chat während einer Liveübertragung kann ganz schön rau sein, wenn sich computerbewaffnete Amateure über das “Rumgepatze” von Anand, Kramnik oder anderen auslassen.“

    Freundlichen Gruß aus Fernost

    CES

  10.   HenryEdward

    Ich finde die Einblendung der Enginebewertung ebenfalls nicht so tragisch. Tragisch finde ich, wenn bei Live- Kommentierung die Engine dauernd eine Rolle spielt, was zum Glück nicht mehr so oft der Fall ist. Mein Lieblingskommentator ist Nigel Short mit seinem Humor und Weltklassegespür für die Stellung. IM Trent ist mir zwar sympathisch, vermag den Spirit einer Partien aber oft nur oberflächlich wiederzugeben