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Magnus Carlsen lässt sich nicht einfach so anspringen

 

Am Samstag beginnt im russischen Sotschi der WM-Kampf im Schach. Es treten an: der Weltmeister Magnus Carlsen und der Herausforderer Viswanathan Anand. Ende ist voraussichtlich am 28. November. Nachdem der Inder Anand seinen Titel 2013 im heimischen Chennai mit 3,5:6,5 deutlich an Carlsen abgeben musste, qualifizierte er sich überraschend durch einen starken Auftritt beim Kandidatenturnier in Chanty-Mansisk für einen Rückkampf. Wer wird diesmal gewinnen? Unsere drei Experten wagen eine Prognose.

Im Vergleich mit Chennai sind die Rollen vertauscht: Carlsen empfängt als Weltmeister seinen Herausforderer Anand. Es ist kein klassischer Rückkampf, wie er in den 1950er und 1960er Jahren üblich war, als jeder Verlierer ein automatisches Recht zu einer Revanche besaß. Anand musste sich im Qualifikationsturnier von Khanty-Mansijsk durchsetzen und er tat es bravourös, zumal seine Hauptkonkurrenten Kramnik und Aronian indisponiert agierten.

Danach machte sich Anand rar und zog sich ins Trainingslager zurück, seit März spielte er sechs gewertete Partien. Niemand kann einschätzen, wie gut er in Form ist. Seine Niederlage beim Schnellschachturnier auf Korsika gegen den Durchschnittsgroßmeister Sergey Fedorchuk von Mitte Oktober kann höchstens als ein schlechtes Omen gewertet werden, ein Gradmesser ist sie nicht.

Magnus Carlsen –– Oli Scarff/Getty Images News
Magnus Carlsen –– Oli Scarff/Getty Images News

Und Carlsen? Er tat 2014 das, was von einem Weltmeister erwartet wird, nämlich spielen, spielen, spielen. 39 Partien bestritt er in der gleichen Zeit. Brilliert hat er selten, was dieses Jahr neben dem Aufsteiger Fabiano Caruana aber schwer war. Bei der Olympiade schlug er Caruana zwar, sein Gesamtergebnis war trotzdem enttäuschend, genauso wie seine vorzeitige Abreise für die norwegischen Fans. Die Erstürmung der „magischen“ Schallmauer von 2.900 Elo-Punkten scheint vorerst gestoppt. Carlsens Freestyle wendet sich nun auch häufiger mal gegen ihn, er überstand fast kein Turnier ohne Niederlage.

Es muss sich zeigen, ob Anand etwas aus dem verlorenen Match im Vorjahr gelernt hat, ob er gemerkt hat, dass Carlsen zwar ein genialer Koch ist, aber mit dem gleichen Wasser wie alle kocht. Ob es Anand gelingt, in Carlsens langweiligen Turmendspielen wachsam zu bleiben, aber trotzdem nicht in Panik zu verfallen? Ob es ihm gelingt, in seiner Vorbereitung Systeme zu finden, in denen Carlsen nicht einfach die prinzipielle Auseinandersetzung verweigern kann, sich stellen muss? Dann haben wir die Chance auf ein offenes Match.

Einen Tipp auf Anand mag ich trotzdem nicht riskieren. Ich glaube, dass Carlsen dieses Jahr bislang nur Spaß getrieben und alles für die WM gespart hat, vielleicht sogar etwas Revolutionäres, dass wir es uns noch gar nicht vorstellen können. Etwa eine neue Eröffnung oder eine ganze Matchstrategie oder auch bloß eine Sitzhaltung. Zu erwarten wäre das von ihm.

Meine Prognose: 6,5:4,5 für Magnus Carlsen. (Ilja Schneider)

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Der Ausgang des WM-Kampfs 2014 scheint nach den Erfahrungen im Vorjahr klar zu sein. Warum sollte Anand jetzt plötzlich eine Chance haben gegen den damals überlegenen Carlsen?

Ganz so eindeutig liegen die Dinge diesmal aber nicht. So hatten viele geglaubt, Anand würde sich nach seiner Niederlage gegen Carlsen vom Turnierschach zurückziehen. Doch beim Kandidatenturnier feierte er ein überraschendes Comeback, sicherte sich souverän das Recht auf Revanche.

Carlsen hingegen dominierte die Schachszene als Weltmeister nicht so überzeugend wie in der Zeit vor dem Titel. Zwar wurde er 2014 Weltmeister im Blitz- und im Schnellschach, aber beim Norway-Superchess-Turnier musste er Sergei Karjakin den Vortritt lassen. Beim Sinquefield Cup landete er ganze 3 Punkte hinter Fabiano Caruana und bei der Schacholympiade verlor Carlsen gleich zwei Partien und erzielte mit 6 aus 9 weniger Punkte, als seine Fans erwartet hatten.

Trotzdem sprechen die Zahlen für den 23-jährigen Weltmeister und gegen den 44-jährigen Herausforderer. Vor allem die Elo-Zahl. Carlsen, die Nummer eins der Weltrangliste, hat aktuell 2.863 Punkte, 78 mehr als Anand, mit 2.785 die Nummer sechs der Welt. Im November 2013 hatte Carlsen 2.870 Punkte, Anand 2775.

Auch die Geschichte spricht für Carlsen. Bislang konnte sich noch kein Ex-Weltmeister für einen Rückkampf qualifizieren und den gewinnen. Wenn ein Weltmeister seinen Titel zurückgewann, dann nur im direkten, zuvor vereinbarten Revanchekampf.

Andererseits hat Anand eine erstaunliche Karriere vorzuweisen. 1995 spielte er das erste Mal um den WM-Titel: im World Trade Center gegen Garri Kasparow. Anand verlor, zwölf Jahre später wurde er Weltmeister. Neunzehn Jahre nach seinem ersten WM-Kampf ist Anand jetzt Herausforderer, das hat noch nie jemand vor ihm geschafft.

Aber was bedeuten Zahlen? Entscheiden werden Einstellung und Motivation. Da hat traditionell der Herausforderer Vorteile. Der will Weltmeister werden, der Titelverteidiger will bloß Weltmeister bleiben.

Aber in der Vergangenheit hat Carlsen immer wieder gezeigt, dass er nicht an Erfolge und Rekorde denkt, sondern einfach gerne spielt. Wenn Carlsen das auch dieses Mal gelingt und er vergessen kann, was man als Weltmeister von ihm erwartet, wird er seinen Titel verteidigen.

Meine Prognose: Magnus Carlsen gewinnt 6,5:4,5 und bleibt Weltmeister. (Johannes Fischer)

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Kann es für eine Sensation reichen und der Gewinner Anand heißen? Eins steht schon fest: Das Match wird anderen Gesetzen folgen als der vorige WM-Kampf. Für Anand besteht wesentlich weniger Druck als 2013. Kein heimisches Publikum, das in den Jahren zuvor erfolgreiche Titelverteidigungen erlebt hatte. Keine WM-Krone, die es zu verteidigen gilt. Und Anand kann eine wesentlich bessere Form vorweisen. Zuletzt gewann er das Bilbao Masters Final – und das bereits eine Runde vor Schluss.

Magnus Carlsen hingegen konnte in jüngster Zeit keine Leistungssprünge verzeichnen, musste sich auf großen Turnieren meist mit dem zweiten Platz begnügen. Zum Teil war das Spiel von Carlsen zu kompromisslos, die Gegnerschaft zu gut in Form. Der Weltmeister konnte sie nicht wie gewohnt deklassieren.

Vishy Anand –– Raveendran/AFP/Getty Images
Vishy Anand –– Raveendran/AFP/Getty Images

Doch was neben der Form während des Kampfs zählt, ist vor allem die Spielstärke, die man abrufen kann. Was das angeht, liegt zwischen altem und neuem Weltmeister weiter mindestens eine Klasse. Dies zeichnete sich auch schon beim vergangenen WM-Kampf ab, obwohl der Sieg Carlsens etwas zu hoch ausfiel. Anand zeigte, dass er streckenweise sehr gutes Schach spielen kann, er hielt über weite Strecken mit.

Damit ist das Problem indirekt benannt. Ohne Frage kann Anand phasenweise annähernd perfekt spielen. Doch wird dies nicht ausreichen. Anand müsste es schaffen, Carlsen unter Druck zu setzen und ihn zu Fehlern zu verleiten. Doch Anands Ansatz, den Gegner mit einer guten Eröffnungsvorbereitung anzuspringen, hat schon 2013 nicht funktioniert. Und wird es auch dieses Mal nicht.

Zu flexibel und unberechenbar ist Carlsens Spiel. Ein Bonus, der gerade in einem Zweikampf einen ungeheuren Vorteil darstellt, spielt doch die monatelange Vorbereitung eine zentrale Rolle. Dazu gesellt sich ein Altersunterschied von mehr als zwanzig Jahren. Carlsen wird auch dieses Mal versuchen, den Kampf über viele Stunden zu führen und seine bessere Fitness auszuspielen.

Es bleibt im Sinne einer spannenden WM zu hoffen, dass Anand ein Mittel gegen die Spielart Carlsens gefunden hat. Und wer weiß, vielleicht geschieht ein kleines Wunder und Anand kann durch einen Fehler Carlsens in Führung gehen? Dann könnte die Weltmeisterschaft zu einem echten Krimi werden. Zu wünschen wäre es, daran glauben tue ich nicht.

Meine Prognose: 7:4 für den alten und neuen Weltmeister Magnus Carlsen. (Dennes Abel)

9 Kommentare

  1.   Schach-Fan

    Super Artikel!!!

    Hoffe wieder auf eine brillante Berichterstattung wie bei der letzen WM :-D

    (Man denke nur an den Bericht zur neunten Partie!)

  2.   donquichotte

    Schon aus mephistophelischen Gründen lege ich vorsorglich Widerspruch ein: Die Gefahren für Carlsen lauern exakt in seinen Stärken, die – wenn erst einmal erkannt und neutralisiert – keineswegs welche mehr sind. „Kompromißlosigkeit“? Die Kehrseite der Medaille heißt: Überziehen unklarer Stellungen, bei denen Anands Schachinstinkt höher zu bewerten ist als Carlsens sportive Hau-drauf-Neigungen. „Flexible Partieanlage“: Je ausgeprägter der Hang zum Dehnen des eigenen Repertoires („spiel doch, was Du willst – ich habe am Ende mehr Kraft als Du“), desto größer die Wahrscheinlichkeit, auf dünnem Eis einzubrechen. „Unberechenbarkeit“: Das setzte voraus, daß Eigenwilligkeit ein schachlicher Wert an sich ist – wohl nicht; Bockigkeit ist eher eine Charakterschwäche. Überdies lugt beim amtierenden Champ stets die Hybris um die Ecke – seht her, ich kreiere „Norwegisch“. Überdies sind 12 Partien für jemand, der rasch in Rückstand gerät und den nicht (sagen wir mal bis zur 8. Partie) aufholen kann, eine zusätzliche Bürde; wie schnell zerbröselt doch Nervenstärke …
    Mein Tip: 6,5 : 5,5 für Anand.

  3.   Ron

    Anand kan mir Carlsen mithalten, wenn er leichte Fehler aus Konzentrationsschwäche vermeidet und wenn er mutiger spielt. Carlsen spielt auch Remis-Stellungen mutig zu ende und zeigt damit, dass er immer auf einen Fehler des Gegeners lauert: psychologischer Vorteil.
    Eine unglücklich verlorene Partie eines der Kontrahenten kann das ganze Match psychologisch entscheiden. Leichte Vorteile für Carlsen – aber weniger als in Chennai.

  4.   Ben Obi

    Wie auch immer das Ergebnis ausfallen wird: Realistische und konkrete Chancen haben durchaus beide Spieler….
    Gehören doch beide unzweifelhaft zu dem Zirkel der momentan stärksten Spieler dieser Welt….

    Schafft es Annand zurück auf den „Schachthron“, in der Vergangenheit ähnlich dem großen Aljechin oder dem bodenständigen Botwinnik?
    Oder fordert einfach das jüngere Alter, die vermutlich stärkere Physis des jüngsten Schachweltmeister seinen Tribut?

    Das Ergebnis kann man nur erraten, außer man ist Besitzer einer in die Zukunft blickenden Kristalkugel..

    Ich würde die Ausschlag gebenden Parameter in etwa wie folgt benennen:
    60% werden das eigentliche Schachverständnis, Schachwissen, Erfahrung, etc. ausmachen….
    20% fallen auf die individuelle Vorbereitung speziell auf den anstehenden Gegner…
    10% werden wohl der „Tagesform“ zuzurechnen sein….
    5% betreffen die Psychologie
    und die letzten 5% sind -salopp gesagt- einfach nur Glück;

    Ich persönlich tendiere jedoch auch zu Magnus Carlsen und schließe mich den drei im Artikel geäußerten „Tipps“ an. Wie auch immer, es wird wohl spannend werden…

  5.   iSinn

    Beeindruckender Sport! Alle Achtung!

  6.   Ron

    Guter Tipp von Ilja:
    „Carlsen hat dieses Jahr bislang nur Spaß getrieben und alles für die WM gespart, vielleicht sogar etwas Revolutionäres“. Danach sollte man Ausschau halten! Viele halten Carlsen für einen stoischen, unveränderlichen Computer-Menschen, aber sein Schach ist im Verborgenen öfters von subtiler Ironie und riskanter Unvorhersehbarkeit geprägt. Es könnte z.B. sehr gut sein, dass er sich mit Hilfe von norw. Supercomputern u. Sekundanten nun auf rasche Eröffnungsvorteile konzentriert – ganz anders als alle es erwarten. Nur damit er wieder still am Brett in sich hineinlachen kann…


  7. Es wird keine Überraschung geben. Anand wird vielleicht mal eine Partie gewinnen, aber dennoch wird es eine deutliche Angelegenheit für Carlsen, Carlsen kann seine „Schwächen“ in der Eröffneung leichter überspielen, als Anand seine Defizite im Endspiel.

  8.   okay

    Ich meine, Anand wird es noch einmal packen.

  9.   okay

    Begründung: Seine Erfahrung, sein Gespür
    und die ausführliche Analyse des vorherigen
    Matches. Es steht ihm auch gut, Außenseiter zu sein.