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Die Beschleunigung des Schachs

 

Der Schachweltmeister Magnus Carlsen ist jung und hip, doch vor Kurzem war er nicht auf der Höhe der Zeit. In der ersten Runde des Norway Chess Turniers hatte Carlsen den Bulgaren Weselin Topalow nach ruhiger Eröffnung allmählich überspielt und stand nach 60 Zügen kurz vor dem Sieg. Er suchte in aller Ruhe nach einem klaren Weg zum Gewinn, übersah aber, dass es, wie bei anderen Turnieren üblich, keinen Zeitbonus gab. Carlsen überschritt die Bedenkzeit und verlor die Partie.

Carlsen wurde Opfer der eigenen Nachlässigkeit – aber auch der unübersichtlichen Zeitregeln im modernen Schach. Jeder Turnierveranstalter kann nach Gutdünken entscheiden, wie viel Bedenkzeit die Spieler haben, verbindliche, einheitliche Normen gibt es nicht. Erstaunlich bei einem Spiel, in dem die Zeit eine so große Rolle spielt.

Die heutige Form des Schachs hat sich Ende des 15. Jahrhunderts etabliert. Als europäische Seefahrer neue Handelswege suchten, andere Kontinente entdeckten und die Welt größer wurde, änderten sich auch die Regeln des Schachs. Das Spiel wurde schneller und dynamischer. Die Bauern durften im ersten Zug zwei Felder nach vorne ziehen, die Dame wurde zur stärksten Figur und konnte, wie jetzt auch der Läufer, in einem Zug das gesamte Brett überqueren.

Diese Form des Spiels setzte sich im Laufe der Zeit allmählich gegen alle anderen Varianten durch. Aber manche Spieler brüteten noch immer ein bis zwei Stunden über ihren Zügen. Einzelne Partien konnten so zehn oder zwanzig Stunden dauern.

Das hatte mit der nächsten einschneidenden Änderung des Spiels ein Ende. Nicht zufällig geschah die im 19. Jahrhundert, dem Zeitalter der Industrialisierung. Der Takt der Industrialisierung machte dem großzügigen Umgang mit der Zeit ein Ende. 1836 regte der Franzose Saint-Amant an, die Bedenkzeit zu begrenzen, und als Ignaz Kolisch und Adolf Anderssen, zwei der damals besten Spieler der Welt, 1861 zu einem Wettkampf antraten, diktierten plötzlich Sanduhren das Tempo ihrer Züge.

Die Zeit wird knapp

Nur wenig später spielte man schon mit speziell angefertigten Schachuhren. Das waren eigentlich zwei Uhren. War man am Zug, lief die eigene Uhr, hatte man seinen Zug gemacht, drückte man auf einen Knopf, der die eigene Uhr stoppte und die gegnerische in Gang setzte. Neigte sich die Bedenkzeit eines Spielers ihrem Ende zu, hob der Zeiger der Uhr ein Fallblättchen (im Englischen Guillotine genannt) an, das fiel, wenn die Bedenkzeit verbraucht war. So wie es in der Welt der Waren darauf ankam, in kurzer Zeit möglichst viel möglichst gut zu produzieren, kam es jetzt auch beim Schach darauf an, innerhalb einer begrenzten Zeitspanne den besten Zug zu finden.

Ach, du liebe Zeit

© Michael Hofmann, Kitzingen, Wikipedia

Einheitliche Bedenkzeitregeln gab es allerdings noch nicht. Bei einem Turnier in Paris 1867 machten die Meister zehn Züge in einer halben Stunde, im schottischen Dundee im gleichen Jahr hatten sie dann zwei Stunden Zeit, um 30 Züge auszuführen. Auch die Folgen der Zeitüberschreitung waren nicht klar geregelt. In manchen Turnieren führte sie zum sofortigen Verlust der Partie, anderswo wurde sie mit einer Geldstrafe geahndet, die viele Spieler am Ende des Turniers häufig jedoch nicht zahlten. Erst Anfang des 20. Jahrhunderts hatte man sich geeinigt: Überschritt ein Spieler seine Bedenkzeit, war die Partie sofort für ihn verloren, egal, wie gut er stand.

Tücken der Technik

Da jetzt so viel von der Zeit abhing, mussten die Schachuhren zuverlässig funktionieren. Taten sie es nicht, war der Schiedsrichter gefragt. Mit wechselndem Erfolg. So spielte Tigran Petrosjan, Schachweltmeister von 1963 bis 1969, in zehn Schacholympiaden insgesamt 130 Partien und verlor nur eine einzige – durch eine defekte Uhr und einen uneinsichtigen Schiedsrichter. Damals fiel Petrosjans Fallblättchen in der Partie gegen den Deutschen Robert Hübner in klarer Remisstellung drei Züge vor der Zeitkontrolle und signalisierte Zeitüberschreitung. Doch der Zeiger der Uhr hatte seinen höchsten Punkt noch nicht erreicht – Petrosjan hatte noch eine Minute Bedenkzeit übrig, das Fallblättchen war zu früh gefallen. Petrosjans Protest beim Schiedsrichter verhallte ungehört, er hatte die Partie verloren.

Noch schlimmer erging es dem Amerikaner Arnold Denker bei der US-Meisterschaft 1942 in seiner Partie gegen Samuel Reshevsky. Reshevsky, früher ein Wunderkind und später einer der besten Spieler der Welt, hatte gegen Denker die Zeit überschritten und damit eigentlich verloren. Denker rief den Schiedsrichter, um die Zeitüberschreitung seines Gegners zu reklamieren und die Partie offiziell zu beenden. Der Schiedsrichter kam ans Brett, griff die Uhr von hinten, drehte sie um und entschied, dass Denker nach Zeit verloren hatte. Alle Proteste über diese offensichtliche Fehlentscheidung waren nutzlos: der Schiedsrichter beharrte auf seinem Beschluss. Reshevsky bekam den Punkt, gewann das Turnier und wurde US-Meister 1942.

Doch ein schnelles Spiel wurde Schach durch die Begrenzung der Bedenkzeit nicht. Turniere oder Wettkämpfe dauerten immer noch Wochen oder Monate. So begann das Kandidatenturnier in Curaçao 1962, bei dem acht Spieler jeweils vier Partien gegeneinander spielten, am 2. Mai 1962 und endete am 28. Juni 1962. Noch mehr Zeit ließen sich Anatoli Karpow, Weltmeister von 1975 bis 1985, und Garry Kasparow, Weltmeister von 1985 bis 2000, bei ihrem ersten Weltmeisterschaftskampf. Er begann am 10. September 1984 und endete über fünf Monate später, am 15. Februar 1985. Und das auch noch ohne Sieger. Florencio Campomanes, der damalige Präsident des Weltschachverbandes, hatte den Kampf, der auf sechs Gewinnpartien (Remispartien wurden nicht gezählt) angesetzt war, nach 48 Partien beim Stande von 5:3 für Karpow einfach abgebrochen. Er begründete das mit der zu großen Erschöpfung der beiden Spieler, die gegen diese Entscheidung jedoch vehement protestierten.

Die DDR gewann 1995 noch einmal eine Medaille

Nach dem Fall des Eisernen Vorhangs 1989, dem nächsten Weltbeschleuniger, tickten auch die Uhren im Schach noch einmal schneller. Anfang der neunziger Jahre schaffte man die Hängepartien ab, bei Turnieren wurde die Bedenkzeit verkürzt und bei Weltmeisterschaften ein schnellerer Modus gewählt. Als Garry Kasparow 1985 Weltmeister wurde, besiegte er Anatoli Karpow in einem Wettkampf über 24 Partien. Als Kasparow den Titel im Jahre 2000 an Wladimir Kramnik verlor, ging der Wettkampf über 16 Partien. Vier Jahre später, 2004, spielten Kramnik und Peter Leko 14 Partien und der Weltmeisterschaftskampf 2006 zwischen Kramnik und Weselin Topalov ging wie alle folgenden Weltmeisterschaftskämpfe nur noch über 12 Partien.

Für die größten Änderungen im Schach sorgten aber die Computer. Immer stärkere Schachprogramme machten das Training leichter und die weltweite Vernetzung durch das Internet führte auch im Schach zu einer Wissensexplosion. Früher mussten Spieler Wochen auf Berichte über aktuelle Turniere, spektakuläre Partien und neueste Entwicklungen der Schachtheorie warten, heute kann man alle wichtigen Partien im Internet live verfolgen und auf zahllosen Schachseiten nachlesen, was in der Schachwelt passiert.

Ohnehin regiert die Schnelligkeit. Das zeigt der Niedergang des Fernschachs und der Aufschwung des Blitzschachs. Fernschach ist die extrem langsame, Blitzschach die extrem schnelle Variante des Schachs. Beim Fernschach übermittelte man die Züge einst per Post und hatte tagelang Zeit, um sich zu überlegen, was man als nächstes zieht. Turniere konnten Jahre dauern. So begann das Finale der 10. Fernschach-Olympiade 1987 und endete 1995. Die Mannschaft der DDR wurde Dritter – als es den Staat schon fünf Jahre nicht mehr gab.

Heute kann man die Züge im Fernschach per E-Mail übermitteln, aber für viele Schachspieler hat diese Art des Schachs den Reiz verloren, da alle Spieler ihre Partien mit starken Computerprogrammen analysieren und die menschliche Kreativität immer unwichtiger wird.

Das Blitzschach hingegen erlebte durch das Internet eine wahre Blüte. Heute spielen Tausende von Menschen in aller Welt rund um die Uhr am Computer Blitzschach gegeneinander. Mal mit fünf, mal mit nur einer Minute für die ganze Partie.

Auch der Weltschachverband Fide wertete das schnelle Spiel auf und veranstaltet seit 2006 regelmäßig Blitzweltmeisterschaften. Seit 2012 veranstaltet die Fide auch regelmäßig Schnellschachweltmeisterschaften, in denen die Spieler zwischen zehn Minuten und einer Stunde Bedenkzeit haben. Die Fide adelte Blitz- und Schnellschach, indem es für beide Disziplinen Wertungszahlen und offizielle Weltrangliste einführte, immer mit der Hoffnung auf größere mediale Aufmerksamkeit und bessere Vermarktungsmöglichkeiten des Spiels.

Schach wird immer schneller, immer unterhaltsamer, das entspricht dem Zeitgeist. Aber ist das das Richtige für ein Spiel, das viele gerade wegen seiner Langsamkeit fasziniert? Magnus Carlsen mag das egal sein. Er ist Weltmeister im normalen Schach und auch im Blitz- und Schnellschach.

Magnus Carlsen gegen Pentala Harikrishna bei der Schachblitzweltmeisterschaft 2014 in Dubai. Gespielt wird mit einer Bedenkzeit von drei Minuten für die ganze Partie und einem Zeitaufschlag von zwei Sekunden pro Zug.

 

12 Kommentare

  1.   James Juce

    Köstlich! Die DDR lebte im Fernschach noch bis 1995….Ich bin sicher, wir haben noch weitere Nischen übersehen, in denen die Dinge einfach immer weiter ticken….

  2.   mi

    Ich habe früher viel Schach gespielt, aber immer mit Freunden, manchmal auch zu Zweit gegen den Computer. Die Schachuhr wurde nur genommen, wenn man in 2-3 Stunden noch was vor hatte. Das Blitzschach ist für mich nicht reizvoll, da hier die Ruhe und tieferes logisches Denken fehlt.

  3.   MKTrondheim

    Sehr schöner Artikel.

    Ich persönlich spiele immer noch gerne Fernschach, weil für eine ganze Schachpartie sich selten Zeit findet, allerdings nur gegen Freunde, wo ich weiß, dass sie nicht schummeln.

  4.   medienluemmel

    Laut Wikipedia endete die 10. Fernschach-Olympiade nicht mit einem Sieg der DDR, sondern der (ebenfalls nicht mehr existierenden) Sowjetunion.

  5.   Johannes Fischer

    Danke für den Hinweis. Das Versehen wurde korrigiert.

  6.   Iwan_Karamasow

    Blitzschach geht nur bis zu einer Zeitbegrenzung von drei Minuten pro Spieler und Partie. Alles darunter wird als Bullet bezeichnet.

  7.   samueldora

    Blitz oder Bullet ist das einzige Schach, das es sich im Internet zu spielen lohnt, weil man dort noch am besten davon ausgehen kann, wirklich einen Menschen und keinen verkappten Computer als Gegner zu haben.

    Wissen und Mustererkennung werden dabei genau so gefordert, aber die Disziplinen strategisches Denken und gründliches taktisches Rechnen, die für gutes Schach wesentlich sind, kommen dabei zu kurz.

  8.   Michael

    Tja, Carlsens Niederlage kann man auch der Arroganz eines Weltmeisters zuschreiben, der es glaubt, bei der offiziellen Erklärung der Zeitregeln vor Turnierbeginn nicht anwesend sein zu müssen, sondern es sich erlaubt, zu spät zu kommen.
    Schlimmer erging es da vor Kurzem Humpy Koneru, Tanja Sachdev und anderen bei den Commonwealth Meisterschaften in Indien, bei denen (verkürzt beschrieben) die Schiedsrichter vorher die Zeitregelung falsch erklärt hatten, die Spieler sich nach deren Aussagen gerichtet hatten und infolgedessen die Partie verloren. Begründung war: Die Spieler hätten die ausliegenden Turnierregeln kennen müssen und sich nicht darauf verlassen dürfen, dass die Schiedsrichter es richtig erklären. Nun ja.

  9.   Provinzposse

    Für mich ist Blitzschach als 5-Minuten-Partie die wahre Unterhaltung.

    Warum und wie sollen Turnierpartien mit 2 Std Bedenkzeit tiefere Gedanken hervorbringen? Wenn man den ELO-Zahlen glauben darf, hat Carlsen als WM in allen drei Disziplinen eine ELO jenseits von 2800 Punkten. Ist doch irgendwie komisch, dass dabei in allen drei Disziplinen ähnlich gute Leistungen erbracht werden.

    EIgentlich ist es nicht komisch. Die Strategien gelten ja wohl in allen drei Disziplinen und hier zeigt sich eben, dass man auch entsprechend in allen drei Disziplinen gute Leistungen erbringen kann.

    Im Gegenteil, häufig spielen „Blitzer“ in Turnierpartien schlechter, weil sie im Verlauf ihres Nachdenkens plötzlich auf abwegige Züge aufmerksam werden, an die sie beim Blitzen nie denken würden … :-)

  10.   Martin Erik

    Ich möchte eine Lanze für Carlsen brechen: Von Turnier zu Turnier eine im Detail andere Bedenkzeit – das ist schwierig. Viele starke Schachspieler befinden sich während der Partie „in einer anderen Welt“. Um ein Beispiel aus meiner eigenen Praxis zu nennen: Ein erfahrener Schiedsrichter sitzt selbst am Brett, seine Zeit wird knapp – oder auch nur die seines Gegners – und plötzlich kann dieser Mann, der von außen sonst trittsicher und souverän alle Regeln kennt, auch nur eine einfachste Frage zum Thema nicht beantworten. Er ist quasi im „Schachnovelle-Modus“. Oder: Praktisch gleiches wie dem Weltmeister ist vor einigen Jahren dem deutschen Großmeister Stefan Kindermann widerfahren – und wer diesen auch nur flüchtig kennt, weiß, dass Arroganz ihm völlig wesenfremd ist. Mit freundlichen Grüßen Martin Erik Lerch, MSA Zugzwang (München)