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Wunderkind gegen Publikumsliebling

 
Worldcup: Wunderkind gegen Publikumsliebling
Die beiden Finalisten: Peter Svidler und Sergej Karjakin / Quelle: candidates2014.fide.com

Alle drei Tage schied ein Spieler aus. Von den 128 Schachprofis, die sich im Turniersaal des Fairmont Hotels in Baku zum diesjährigen Worldcup trafen, stehen sich ab heute nur noch zwei Spieler im Finale gegenüber. Mit Peter Svidler und Sergej Karjakin sind es zwei völlig unterschiedliche Charaktere, deren Schnittmenge sich wohl aufs Schachspiel begrenzt.

Sergey Karjakin
Der jüngste Großmeister aller Zeiten: Sergej Karjakin / Quelle: chess.com

Da ist zum einen der 25-jährige Sergej Karjakin, der trotz Magnus Carlsen und der Nachwuchshoffnung Wie Yi immer noch den Rekord als jüngster Großmeister aller Zeiten hält – 12 Jahre und 7 Monaten war er damals alt. Längst ist aus dem Wunderknaben von der Krim ein Weltklassespieler geworden, der sich in den vergangenen Jahren fest in der Top 10 etabliert hat. Dazu hat laut eigener Aussage der Wechsel zur russischen Föderation im Jahre 2009 beigetragen. Offiziell ging es um bessere Förderungsmöglichkeiten durch den russischen Verband. Während der Krim-Krise machte er durch unbedachte Äußerungen in den sozialen Netzwerken auf sich aufmerksam.

Ohnehin wirkt Karjakins Verhalten häufig noch etwas kindlich und naiv. Seit gut einem Jahr lebt der 25-Jährige in zweiter Ehe und man hat häufig den Eindruck, dass es neben Schach kaum Dinge gibt, für die sich das einstige Wunderkind begeistern kann.

Auch dass er das Finale erreichte, lässt sich eher durch jugendlichen Ehrgeiz und Siegeswillen denn durch Weitblick und Erfahrung erklären. Bereits in der zweiten Runde musste der Russe einen 0:1-Rückstand gegen den Außenseiter Alexander Onischuk hinnehmen. Doch Karjakin nutzte seine wohl größte Stärke: seine Nerven. Ihm gelang mit den weißen Steinen der Ausgleich zum Stechen, bei dem er seine spielerische Überlegenheit letztlich doch demonstrieren konnte. Auch in den darauf folgenden Matches bewies Karjakin, wie nervenstark und eiskalt er sein kann, wobei das Glück es in den entscheidenden Momenten gut mit ihm meinte.

Besonders knapp wurde es dann im Halbfinale gegen seinen ehemaligen ukrainischen Mannschaftskollegen Pawel Eljanow, der bis dato das stärkste Schach aller Spieler gezeigt hatte. Nachdem Karjakin bereits in der ersten Stichkampfpartie mit 0:1 hinten lag, gelang ihm mit den schwarzen Steinen der Ausgleich. Im nächsten Stichkampf ging er sogar in Führung. Doch Eljanow erkämpfte sich mit den schwarzen Figuren eine Gewinnstellung. Im Falle eines Sieges käme es zu einem erneuten Stechen. Doch Eljanow unterlief ein folgenschwerer Fehler: Er ließ eine dreifache Stellungswiederholung zu. Dies führt nach den Regeln des Weltverbandes Fide zur Punkteteilung, wenn der Gegner korrekt reklamiert. Karjakin ließ sich in Verluststellung nicht zweimal bitten (ab 3:15:40) und stand im Finale.

Pavel Eljanov Unglückrabe
Spielte bis dato das stärkste Schach: Unglücksrabe Pawel Eljanow / Quelle: http://bakuworldcup2015.com

Etwas überzeugender verlief das Turnier des 39-jährigen Sankt Petersburger Peter Svidler. Mit seiner Erfahrung schaltete Svidler ebenfalls Weltklassespieler aus, darunter den ehemaligen Weltmeister Veselin Topalov und das wohl derzeit größte Talent Wei Yi. Natürlich brauchte Svidler auch Glück, um sich für das Finale zu qualifizieren. Im Gegensatz zu Karjakins Spiel merkte man jedoch die Übersicht an, die der russische Rekordmeister in sein Spiel legt. So konnte er im entscheidenden Moment die Fehler der Gegner ausnutzen. Dass Svidler das K. o.-Format liegt, hat er bereits 2011 bewiesen, als er den Worldcup schon einmal gewinnen konnte.

Peter Svidler Worldcup finalist
Publikumsliebling Peter Svidler / Quelle: http://bakuworldcup2015.com

Kaum ein Weltklassespieler ist bei den Schachfans und Kollegen so beliebt wie Peter Svidler. Mit seiner herzlichen und freundlichen Art bezaubert er nicht nur hinter dem Schachbrett, sondern ist bei den Kommentatoren ein stets gern gesehener Gast. Kein Spieler seiner Klasse nimmt sich so viel Zeit, dem Publikum nach einer Partie seine Gedankengänge zu erläutern. Dabei sprudelt es nur so aus Svidler heraus. Selbst nachdem er sich bereits für das Finale qualifiziert hatte, ließ es sich Svidler nicht nehmen, das Halbfinale Karjakin-Eljanow live zu kommentieren, während viele andere Spieler sich in ihr Hotelzimmer eingeschlossen und Varianten gebüffelt hätten.

Ob sich am Ende Karjakins Kondition und sein unbedingter Siegeswille oder Svidlers Erfahrung und Gelassenheit durchsetzen wird, hängt sicherlich mehr vom Glück als von anderen Faktoren ab. Beide sind in der Lage, Schach auf höchstem Niveau zu spielen. Grund zur Freude haben beide jetzt schon. Mit dem Einzug ins Finale haben sie sich für die anstehenden Kandidatenwettkämpfe qualifiziert, bei denen in einem achtköpfigen Feld der nächste Herausforderer von Weltmeister Magnus Carlsen bestimmt wird. Ab heute geht es ums Prestige. Und zusätzliche 40.000 Dollar Preisgeld.