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Lyotard: Das Postmoderne Wissen

 

Aus unserer Serie: Einführung in die Philosophie

Das Postmoderne Wissen
© Andreas Siegel/Photocase

Als die Industrialisierung die Wirtschafts- und Warenwelt Mitte des 19. Jahrhunderts revolutioniert, zahlen etliche Arbeiter dafür den Preis: Unter miserablen Bedingungen verrichten sie ihr oft gefährliches Werk, und werden dafür kläglich entlohnt. Auch Kinder und Frauen werden gebraucht. Wer in dieser Zeit zur unteren Arbeiterschicht gehört, den erwartet ein kurzes Leben. Friedrich Engels hält vor diesem Hintergrund den Kommunismus für unausweichlich. In seinen „Grundsätzen des Kommunismus“ kritisiert er die den Arbeitern gegenüber gleichgültige Industrie. Er schreibt: „daß […] die große Industrie selbst entweder ganz aufgegeben werden muß […] oder daß sie eine ganz neue Organisation durchaus notwendig macht“.

Im nun folgenden Video wird Ihnen die von diesem Motiv getragene Hymne der Arbeiterbewegung vorgestellt: „Brüder zur Sonne zur Freiheit“. Sehen Sie sich das Video an.

  • Aufgabe: Erörtern Sie, im Stillen für sich oder im Kommentarbereich, ob Sie daran glauben, die in den beiden Beispielen angekündigten gesellschaftlichen Entwicklungen würden so eintreten müssen. Nennen Sie für Ihre Antwort mindestens zwei gute Gründe.

Anschließend bedenken Sie das Problem allgemein: Ist die durch den Kommunismus skizzierte Gesellschaft denn überhaupt wünschenswert? Unter welchen Bedingungen kann überhaupt etwas darüber gesagt werden, was das Beste für eine Gesellschaft ist?

Sprechen Menschen in zutreffenden Begriffen über die Welt?

Da Sie sich nun auf das Thema eingestimmt haben, setzen wir unsere Überlegungen anhand einer weiteren Beobachtung fort. Gehen wir einmal davon aus, dass viele Menschen der Verheißung von Marx und Engels glaubten, der Klassenkampf sei unausweichlich und die proletarische Revolution werde die Bedingungen der kapitalistischen Produktion überholen. Die Grundlage, auf der Marx und Engels ihre Behauptung anstellen konnten, lässt sich in Kurzform folgendermaßen darstellen:

„Das kapitalistische System fördert Arbeitsbedingungen, unter denen die Arbeiter nicht in der Lage sind ein menschliches Leben zu führen. Das Heer der Arbeiter, das nun einmal aus Menschen besteht, besorgt daher eines Tages die Abschaffung dieses Systems, um zu einem besseren Leben zu finden.“

Viele Menschen legten in die kommunistische Vision ihre Hoffnungen. Der getroffenen Aussage hätten sie zugestimmt und sie vermutlich als eine Wahrheit bezeichnet, die systemisch und ungeachtet der politischen Ausrichtung des Theoretikers gültig ist. Erinnern wir uns aber an Nietzsche und seine Theorie der Wahrheit zurück: Demnach bestimmt die Sprache, was als Wissen gelten kann und was nicht. Versuchen zwei Menschen in unterschiedlichen Sprachen miteinander über eine Sache zu sprechen, kann es passieren, dass sie aneinander vorbeireden. Selbst dann, wenn beide eine Sprache teilen, kann es immer noch sein, dass sie über die Begriffen, die sie verwenden, unterschiedlicher Auffassung sind. Sie würden vielleicht meinen, sie verstünden einander, doch das wäre ein Trugschluss. Sprechen Menschen dann überhaupt in zutreffenden Begriffen über die Welt?

Ziehen wir für unsere Erwägung noch eine weitere Theorie hinzu: Die der Wittgensteinschen Sprachspiele (im Nietzsche-Dossier unten angerissen). Wenn verschiedene Menschen die Dinge mit verschiedenen Ideen und Begriffen belegen: Wer glaubt dann noch an eine komplexe marxistische Verheißung, noch dazu an eine, die für die Lebensbedingungen aller Menschen gültig sein soll?

Entscheidend ist an dieser Stelle nicht so sehr die Frage nach dem Kommunismus oder dem Kapitalismus, sondern die Frage danach, auf welche Wahrheit sich Engels und Marx in ihrer Prognose berufen. Sowohl Nietzsche als auch Wittgenstein hätte ihnen die Gültigkeit ihrer Prognose absprechen müssen: Nichts als verschiedene Sprachnutzungen, hätte Nietzsche gesagt. Nichts als verschiedene Eindrücke, die wir mit den Begriffen in den verschiedenen Sprachspielen verbinden: Wittgenstein. Man gelangt, wenn man sich an die beiden Denker hält, zu einem beunruhigenden Schluss: Es gibt keine eindeutige, wirkliche Wahrheit mehr, über die wir sprechen könnten. Von Kultur zu Kultur, von Zeitalter zu Zeitalter, und von gemachter Erfahrung zu gemachter Erfahrung: Wir erzählen einander mehr oder weniger genaue Geschichten, können aber nie sicher sein, dass unser Zuhörer wirklich versteht, die wir meinen.

Können wir uns mittels der Sprache sinnvoll über Dinge austauschen?

Natürlich gibt es Dinge in der Welt, die nun einmal so sind, wie sie sind, aber können wir uns darüber sinnvoll austauschen? Nein, sagt Lyotard in Das postmoderne Wissen, weil wir sie in verschiedenen Sprachen beschreiben. Oder weil für uns die Begriffe selbst in nur einer einzigen Sprache, in der wir über sie sprechen, noch so verschiedene Bedeutungen haben, dass ohnehin viele an Verschiedenes denken, während wir meinen, über dasselbe zu sprechen. Anders formuliert: Orientieren wir uns an Lyotard, müssen wir uns von der Idee verabschieden, Wahrheiten überhaupt noch beschreiben zu können. An die Stelle des klaren Wissens treten ungezählt viele Wahrheiten, die gleichberechtigt nebeneinander existieren.

Lyotard leitete aus dieser Beobachtung den Begriff der Postmoderne ab. Vielleicht bestätigt es seine Theorie, dass seitdem eine Vielzahl anderer Verständnisse desselben Begriffs auftauchten.

  • Aufgabe zum freien Philosophieren: Unsinniger Text oder nicht? Die Ärzte geben mit Sohn der Leere viele Rätsel auf. Interpretieren Sie den Song http://www.youtube.com/watch?v=9tg5Gx6_-OU. Diskutieren Sie mit anderen Lesern, ob vielleicht eine Bedeutung erschlossen werden kann, die zum Thema passt.

 

Weitere Materialien zu Lyotard und zum Postmodernismus:

100 Sekunden Wissen (SRF) zum 30. Jubiläum der Schrift von Lyotard. (Quelle: www.srf.ch)


Auszug aus The Postmodern Condition als Hörtext. (Quelle: YouTube)

Sternstunde Philosophie zu Strömungen in der Postmoderne (Quelle: www.srf.ch)

Linda Hutcheons Artikel Historiographic Metafiction (Quelle: ieas.unideb.hu)


„Hab‘ ein letztes Mal Vertrauen“: Die Frage, ob es überhaupt gesellschaftliche Utopien geben kann, haben auch die Toten Hosen einmal thematisiert. Hier ist auch das Video mit seinen einzelnen Elementen sehenswert.

Jean François Lyotard: Biografische Daten

Jean François Lyotard (1924 – 1998), französischer Literaturtheoretiker, Philosoph und Begründer des Begriffs von der Postmoderne.

Tabellarische Biografie und Werke (Quelle: iis-db.stanford.edu)

Ausführliche, englischsprachige Biografie (Quelle: www.biography.com)

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1 Kommentar

  1.   Oyamat

    Vielleicht sollte man, bevor man die Wahrheit einer Utopie seziert, erst einmal überlegen, ob „Wahrheit“ in diesem Zusammenhang ein anwendbares Konzept ist.

    Wahrheit ist ganz gut auf mathematische Fragestellungen anzuwenden. Aber ist es wahr, daß Mariechen eine vorwitzige Göre und eine zurückhaltende Verhandlungspartnerin ist? Muß sie nicht das eine _oder_ das andere sein?
    Tja, nein, sie muß nicht. Sie kann beides sein – in verschiedenem Alter, oder sogar in gleichem Alter, aber verschiedenen Personen gegenüber, oder abhängig von der Situation, um die es geht. Was ist also die Wahrheit bezüglich Mariechen? Daß sie verschieden reagieren kann…

    Wahrheit ist nicht grundsätzlich digital (kennt also nur zwei Endpunkte, „wahr“ und falsch“) und nicht einmal nur analog (kennt also beliebig viele Abstufungen zwischen „wahr“ und „falsch“), sondern vieldimensional analog, kennt also Abstufungen zwischen einer Reihe von Endpunkten, die jeweils ein „wahr-falsch-Spektrum“ aufspannen.

    Und dann ist unsere Sprache gar nicht so schlecht geeignet, um damit umzugehen. Sie täuscht uns keine analogen Aspekte vor, wo in der Welt tatsächlich auch keine sind, erlaubt uns aber, innerhalb der verschiedenen Spektren recht gut zurechtzukommen. Davon enttäuscht sein kann eigentlich nur, wer die Welt für so krude strukturiert halten wollte, daß er sie mit seinem kleinen Hirn hätte erfassen können.

    MGv Oyamat