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Thilo Sarrazin, die Intelligenz und die Einwanderer. Was sagt die Forschung?

 

Im ZEIT-Interview, das meine Kollegin Özlem Topçu und mein Kollege Bernd Ulrich geführt haben, kann man die zum Teil fragwürdigen Thesen Thilo Sarrazins zur Vererbbarkeit von Intelligenz und der Gefährdung Deutschlands durch muslimische Einwanderer nachlesen.

Dabei beruft er sich mehrfach auf die angesehene Kognitionspsychologin Elsbeth Stern, die an der ETH Zürich lehrt. Offensichtlich hat Sarrazin die ZEIT-Interviews mit ihr gelesen, in denen Sie den Stand der Forschung dazu darstellt – aber nur Ausschnitte daraus richtig wahrgenommen.

Deshalb zum Nachlesen für Herrn Sarrazin und alle, die mit ihm streiten wollen, hier zwei Interviews der ZEIT mit Elsbeth Stern aus den Jahren 2003 und 2005:


Der dumme Streit um die Intelligenz

Ein Gespräch mit der Lernpsychologin Elsbeth Stern über die Leistungen von Einwandererkindern

DIE ZEIT: Sind türkische Schüler dümmer als deutsche?

Elsbeth Stern: Daraus, dass sie in einem Intelligenztest schlechter abschneiden, lässt sich so ein pauschales Urteil nicht ableiten. Rassistische Deutungen wie »die Deutschen« seien intelligenter als »die Türken« verbieten sich in jedem Fall.

ZEIT: Aus Gründen der Political Correctness?

Stern: Nein, es gibt einfach keinerlei Beleg dafür. Wenn man die türkischen Einwanderer in Deutschland betrachtet, dann muss man bedenken, dass sie in ihrer sozialen Zusammensetzung nicht repräsentativ für die Türken an sich sind. Migrationsprozesse sind immer sozial selektiv. Als Deutschland Türken ins Land holte, brauchte man vor allem Leute, die am Fließband stehen, also Menschen aus der bildungsfernen Unterschicht. Einwanderer aus Vietnam dagegen, um ein anderes Beispiel zu nennen, stammen vorwiegend aus gebildeten Schichten, sie kamen vor allem aus politischen Gründen nach Deutschland. Ihre Kinder schneiden in Intelligenztests besser ab als die aus deutschen Familien. In den USA wurde das sehr genau untersucht: Jüdische und asiatische Einwanderer sind intelligenter als die Durchschnittsamerikaner. Daraus lassen sich aber keine Rückschlüsse auf Juden oder Asiaten allgemein ziehen.

ZEIT: Dann wäre nicht überraschend, was die Studie über Hannovers Grundschulkinder (siehe unten „Eine Studie schlägt Wellen“, Anm. d. Red.) zeigt: Im Durchschnitt sind die türkischstämmigen Schüler kognitiv weniger leistungsfähig, also weniger intelligent als ihre deutschen Mitschüler.

Stern: Nein, das ist nicht überraschend. Aber das hat eben vorwiegend soziale Ursachen, keine ethnischen. Außerdem sind Durchschnittswerte immer problematisch. Es gibt große Überlappungen bei der Verteilung der Intelligenz, also auch viele türkische Schüler, die einen hohen Intelligenzquotienten haben und viele deutsche Kinder, die weniger intelligent sind. Über das einzelne Kind sagt die Intelligenzverteilung gar nichts aus.

ZEIT: Sollten wir entspannter mit solchen Studien umgehen?

Stern: Auf jeden Fall. Es zeigt sich beispielsweise auch in vielen Studien, dass Mädchen im Durchschnitt schlechtere Mathematikleistungen bringen als Jungs. Nur ein Dummkopf schlösse daraus, dass Mädchen dümmer sind als Jungen. Auch dort sind die Überlappungen sehr groß; viele Mathe-Asse sind Mädchen. Man nimmt solche Studien vernünftigerweise zum Anlass, um über einen Mathe-Unterricht nachzudenken, der den Mädchen mehr gerecht wird. Genau so, wie die Pisa-Studie Rückstände der Jungs beim Lesen festgestellt hat, und man jetzt überlegt, wie die Jungs speziell gefördert werden können.

ZEIT: Kann es sein, dass Einwandererkinder bei Intelligenztests einfach schlechter abschneiden, weil sie die Sprache nicht beherrschen?

Stern: Ja, wobei der Test, den die Hannoveraner Kollegen angewandt haben, ein so genannter nichtsprachlicher Test ist. Den hätte ich auch eingesetzt. Trotzdem können solche Tests letztlich nie das Umfeld ausblenden. Der eingesetzte Test verlangt vor allem, dass man logische Strukturen in Figurenfolgen erkennt. Wer zu Hause beispielsweise viel mit Puzzles spielt, ist gegenüber anderen Kindern im Vorteil. Die stärkste Aussagekraft haben Intelligenztests dann, wenn das soziale und kulturelle Umfeld der Testpersonen gleich ist. Wenn also ähnlich sozialisierte Akademikerkinder unterschiedlich gut abschneiden, dann macht eben die Intelligenz den Unterschied.

ZEIT: Die Hannoveraner Forscher ziehen aus dem kognitiven Rückstand der Einwandererkinder den Schluss, dass sie nicht nur sprachlicher Förderung bedürfen, sondern darüber hinaus einem geistig anregenderen Klima ausgesetzt werden sollten.

Stern: Auch Sprachförderung schlägt sich in Intelligenzzuwachs nieder. Aber die Schlussfolgerungen der Kollegen kann ich teilen: Mehr Einwandererkinder sollten in den Kindergarten, weil sie dort einer geistig anregenden Atmosphäre ausgesetzt sind. Sie brauchen stimulierende Lernumgebungen, also etwa Schulklassen, in denen nicht nur leistungsschwache Schüler sind. Und sie brauchen zum Beispiel auch in Mathematik und den Naturwissenschaften einen anregenden Unterricht, der sie geistig fordert – und damit fördert.

ZEIT: Kann man dadurch die Intelligenz steigern?

Stern: Sicher. Bis zum Alter von etwa zehn Jahren – Achtung, das ist ein Durchschnittswert! – können sich die IQ-Werte noch beachtlich verändern. Dabei spielt die Schule eine ganz entscheidende Rolle.

ZEIT: Also sind die Gene nicht alles?

Stern: Nein, sie legen ein Potenzial fest, das mehr oder weniger gut ausgeschöpft werden kann. Auch die Ernährung trägt übrigens einen Teil zur Intelligenzentwicklung bei. Kinder, die Muttermilch getrunken haben, sind geistig leistungsfähiger als solche, die es nicht getan haben.

ZEIT: Was kann ein Vergleich der Intelligenz deutscher und türkischer Kinder noch bringen?

Stern: Man könnte mit Hilfe solcher Studien realistischere Ziele für die Schule definieren. Zum Beispiel, dass es ein völlig überhöhtes Ziel wäre, von türkischen Kindern im Schnitt die gleichen Leistungen in Mathematik oder eine ähnlich hohe Abiturientenquote zu erwarten wie von deutschen Kindern. Weil die türkischen Kinder einfach Nachteile in der intellektuellen Sozialisation erfahren haben. Auch in einer anderen Richtung sind Daten zur kognitiven Leistungsfähigkeit interessant: Wenn wir etwa feststellen, dass türkische Kinder, die genauso intelligent sind wie deutsche Kinder, in der Schule nicht so erfolgreich sind, weist das auf Mängel in der Chancengerechtigkeit hin.

ZEIT: Wir sprechen hier wie selbstverständlich über Intelligenz. Was ist das überhaupt?

Stern: (lacht) Genau weiß man das nicht. Aber man kann sie mit Intelligenztests sehr genau messen. Sie drückt aus, wie effizient das Gehirn arbeitet. Wie gut man logische Schlüsse ziehen kann. Und, sehr wichtig: wie gut man sich geistig auf neue Situationen einstellen kann.

ZEIT: Was ist mit der oft beschworenen emotionalen Intelligenz?

Stern: Ich halte mich lieber an die Intelligenz, wie sie mit Intelligenztests gemessen werden kann. Sonst vermischt man Dinge, die nicht zusammengehören. Aber Intelligenz ist natürlich nicht alles.

ZEIT: Inwiefern?

Stern: Intelligenz führt nicht automatisch zu Erfolg im Leben, da spielen auch andere Faktoren, wie etwa die Fähigkeit zum Umgang mit Gefühlen, eine Rolle. Außerdem können Mängel in der Intelligenz ausgeglichen werden.

ZEIT: Wodurch?

Stern: Durch gut organisiertes Wissen. Wer nicht so intelligent ist, aber sich systematisch zum Beispiel mit Mathematik befasst, der wird dort bessere Leistungen bringen als ein intelligenter Faulpelz. Intelligenz ist kein Freibrief.

ZEIT: Aber wer intelligent ist und viel lernt, der wird am weitesten kommen.

Stern: Ja, hier gilt das so genannte Matthäus-Prinzip: »Wer hat, dem wird gegeben.« Wenn man das weiterdenkt, hat das übrigens Konsequenzen für die Bildungsdebatte, die vielleicht nicht jeder hören mag.

ZEIT: Nämlich?

Stern: Wenn wir das Ideal der Chancengerechtigkeit in der Schule umsetzen, dann erreichen wir nicht mehr Gleichheit, sondern im Gegenteil mehr Ungleichheit. Je besser der Unterricht ist, je mehr wir die Schüler ihren individuellen Möglichkeiten entsprechend fördern, desto mehr schlagen die Gene durch – und die sind nun einmal ungleich verteilt. Intelligente Schüler können aus anregendem Unterricht den meisten Honig saugen.

ZEIT: Und wo bleiben die weniger starken Schüler?

Stern: Die werden auch besser. Denn der zweite Teil des Matthäus-Zitats aus der Bibel stimmt in diesem Zusammenhang nicht: »Wer nicht hat, dem wird genommen, was er hat.« Wer schwach ist, kann immer noch dazulernen. Lehrer tun weniger intelligenten Kindern daher keinen Gefallen, wenn sie immer nur das Einmaleins üben. Anregender Unterricht nützt allen.

Elsbeth Stern , 47, forscht am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin über die Rolle der Intelligenz beim Lernen

Interview: Thomas Kerstan und Jan-Martin Wiarda

Quelle (c) DIE ZEIT 28.07.2005 Nr.31

Eine Studie schlägt Wellen

Ein Satz reichte. Eine Schulstudie habe gezeigt, dass der Intelligenzquotient bei türkischen Einwanderern niedriger sein könne, sagte Dieter Lenzen, Präsident der Berliner Freien Universität Mitte Juli in einem Interview mit der Berliner Zeitung. Sofort brach ein Sturm der Entrüstung los. Die Aussagen seien untragbar, kritisierten türkische Verbände in einer gemeinsamen Erklärung und forderten eine Entschuldigung Lenzens. »Ich sehe eine Art Lafontaine-Virus um sich greifen«, sagte Safter Cinar, Sprecher des Türkischen Bundes Berlin. »Die Mutmaßungen schüren Vorurteile«, sagte die Grünen-Bundesvorsitzende Claudia Roth, die grüne Hochschulexpertin Lisa Paus nannte Lenzens Äußerungen gar »rassistisch«.

Der FU-Präsident fühlte sich zu Unrecht kritisiert und verwies erneut auf die Hannoveraner Grundschulstudie, bei der die Erziehungswissenschaftler Joachim Tiedemann und Elfriede Billmann-Mahecha 1700 Dritt- und Viertklässler auf ihre kognitiven Leistungen hin getestet haben. Niemand behaupte, dass Einwandererkinder von Geburt an dumm seien, sagte Lenzen. Allerdings blieben sie in der Studie nachweisbar hinter den deutschen Kindern zurück. Auch in der Pisa-Studie hatten Migranten eine niedrigere Punktzahl erreicht als deutsche Schüler.

Der Autor der Studie selbst zeigt sich überrascht von der Schärfe der Debatte. »Die Diskussion geht in eine Richtung, die durch unsere Daten überhaupt nicht gestützt wird«, sagt Joachim Tiedemann von der Universität Hannover. Die Ergebnisse der Studie seien völlig überinterpretiert, wenn man rassistische Motive daraus ablese. Im Kern hätten er und seine Kollegin lediglich festgestellt, dass es eine Problemgruppe unter Grundschülern gebe. »Diese Problemgruppe besteht aus Kindern, in deren Familien kein Deutsch gesprochen wird und die in allen Leistungsbereichen der Studie schlecht abschneiden.« Um die Schüler in den Tests nicht von vornherein aufgrund der Sprache zu benachteiligen, habe man sich für nicht-sprachliche, figurale Aufgaben entschieden. Doch auch so hätten die Migrantenkinder deutlich schlechtere Leistungen erzielt. »Daraus folgt vor allem eines«, sagt Tiedemann. »Die schulische Förderung von Einwanderern muss mehr leisten als reine Sprachförderung.« Damit widerspricht der Wissenschaftler der Auffassung vieler seiner Kollegen, die Beherrschung der deutschen Sprache allein sei der Schlüssel zum Lernerfolg. »Schulische Förderung muss zusätzlich kognitive Defizite ausgleichen, die in der sozialen Herkunft der Kinder begründet sind.« Genau das sei der Ansatz der Studie: eine Bestandsaufnahme der förderbaren Denkleistung, nicht der genetisch bestimmten Intelligenz.

Manche kümmert alles Differenzieren indes wenig: Die Bild- Zeitung hatte nach Lenzens Statement bereits die »Berliner Dumm-Debatte« ausgerufen. Jan-Martin Wiarda

Quelle (c) DIE ZEIT 28.07.2005 Nr.31

„Wissen schlägt Intelligenz“

Der Geist kann nicht an beliebigen Themen trainiert werden. Ein Gespräch mit der Lernforscherin Elsbeth Stern

Die Zeit: Frau Professor Stern, muss man als Hochschullehrer intelligent sein?

Elsbeth Stern: Es gibt Berufe, die eine höhere Intelligenz voraussetzen, und dazu gehört sicher auch der des Professors, insbesondere weil man als Wissenschaftler ständig Neues dazulernen muss. Ein hoher Intelligenzquotient reicht jedoch nicht. Bei einem erfolgreichen Wissenschaftler müssen Ausdauer, Fleiß, Anstrengungsbereitschaft oder Motivation hinzukommen.

Zeit: Man könnte meinen, Sie führten einen Feldzug gegen die Intelligenz.

Stern: Wie kommen Sie darauf?

Zeit: Gerade haben Sie mit Kollegen aus Österreich in einer Studie gezeigt, dass weniger intelligente Menschen ihr Fachgebiet beherrschen können, wenn sie nur üben (siehe unten: „Taxifahrer kennen sich aus“). Und von Ihnen stammt der Satz: „Wissen, nicht Intelligenz ist der Schlüssel zum Können.“

Stern: Stimmt. Aber Intelligenz bleibt ein sehr sinnvolles wissenschaftliches Konstrukt, um die unterschiedliche geistige Leistungsfähigkeit von Menschen zu erklären, die die gleichen Lerngelegenheiten hatten. Intelligenz beeinflusst ohne Zweifel den Erfolg in der Schule und im Beruf.

Zeit: Weshalb warnen Sie dann vor einer Überschätzung der Intelligenz?

Stern: Aus zwei Gründen: Zum einen haben wir ja das Ziel, dass alle etwas lernen und nicht nur Menschen mit günstigeren geistigen Voraussetzungen. Da wird die Frage interessant, in welchem Ausmaß und in welchen Bereichen weniger günstige Voraussetzungen kompensiert werden können. Mit der von Ihnen angesprochenen Studie versuchen wir erstmals, diese Kompensationsmöglichkeiten anhand der Gehirntätigkeit zu erforschen. Zum anderen ist klar belegt, dass Intelligenz zur Erklärung von Leistungsunterschieden in einem bestimmten Bereich an Bedeutung verliert, sobald das Vorwissen über diesen Bereich einbezogen wird. Dies zeigen insbesondere auch Ergebnisse der Expertiseforschung.

Zeit: Zum Beispiel?

Stern: Das Schachspiel ist ein sehr gut erforschtes Gebiet. Vergleicht man nun Schachexperten und Anfänger, so genannte Novizen, dann zeigt sich, dass intelligente Novizen schlechter abschneiden als weniger intelligente Experten. Und Leistungsunterschiede zwischen Experten lassen sich nicht auf Intelligenzunterschiede zurückführen.

Zeit: Und wie sieht es in der Schule aus?

Stern: Ähnlich. Hier sind insbesondere die Arbeiten meines vor zwei Jahren verstorbenen akademischen Lehrers Franz E. Weinert vom Max-Planck-Institut für psychologische Forschung in München zu nennen. Es zeigte sich: Den größten Einfluss auf den Lernfortschritt hatte das zu Beginn eines Schuljahres verfügbare Wissen – und zwar weitgehend unabhängig von der Intelligenz. Eine Fortführung dieser Studien für das Fach Mathematik ergab, dass die Mathematikleistung in Klasse 11 eng mit der Leistung in der Grundschule zusammenhängt, viel enger als mit dem Intelligenzquotienten der Elftklässler. Die Ergebnisse sprechen dafür, dass man sich über einen längeren Zeitraum mit mathematischen Problemen auseinander setzen muss, wenn man ein guter Mathematiker werden möchte. Zugespitzt kann man sagen: Wissen schlägt Intelligenz.

Zeit: Aber intelligente Kinder lernen leichter.

Stern: Das ist ihr Vorteil. Die Kombination aus Wissen und Intelligenz ist natürlich die beste Voraussetzung. Wenn intelligente Kinder jedoch die Gelegenheit zum Lernen nicht wahrnehmen, dann verschenken sie diesen Vorsprung. Sie werden von weniger intelligenten Kindern überholt, die sich Wissen, etwa in Mathematik, angeeignet haben.

Zeit: Uneinholbar?

Stern: Natürlich nicht. Aber wer sich auf seiner Intelligenz ausruht, der wird abgehängt. Defizite in der Intelligenz können durch Vorwissen offensichtlich wettgemacht werden. Defizite im Vorwissen hingegen nicht. Wenn man die Intelligenz nicht in Wissen umgesetzt hat, dann nützt sie einem gar nichts.

Zeit: Ihre Ansichten über die Schule und das Lernen wirken auf den ersten Blick recht altmodisch: „Übung macht den Meister“ lassen Sie über Ihre neue Studie verlautbaren. Die Schule habe die Aufgabe, „Wissen weiterzugeben und zu bewahren“, schreiben Sie in einem Aufsatz. Sie polemisieren gegen das Lehren von so genannten Schlüsselqualifikationen wie Sozial- oder Lernkompetenz. Wollen Sie zurück zur guten alten Paukschule?

Stern: Nein, ganz im Gegenteil, wir brauchen einen viel moderneren Unterricht. Und natürlich sind Sozialkompetenz und Lernstrategien wichtig. Aber die Vorstellung, wonach man derartige Kompetenzen losgelöst vom Inhaltswissen lernen kann, ist nicht richtig.

Zeit: Das bedeutet?

Stern: Es ist nicht sinnvoll, vor einer Unterrichtseinheit zunächst Trockenübungen zu Lernstrategien zu machen. Lernstrategien fallen vielmehr als Nebenprodukt eines anregenden Unterrichts ab. Die so genannten Schlüsselqualifikationen sind lernbar, aber nicht lehrbar. Nehmen Sie das Beispiel der Sozialkompetenz. Die umfasst auch die Fähigkeit, einen schwierigen Sachverhalt anderen Menschen erklären zu können. So etwas kann nicht in einer beliebigen Situation trainiert werden. Wenn die Kinder als Übung zur Sozialkompetenz gemeinsam frühstücken, dann lernen sie dabei nicht, wie man einem anderen Kind eine Mathematikaufgabe erklärt. Der Inhalt ist eben nicht egal.

Zeit: Was würden Sie stattdessen machen?

Stern: Zum Beispiel die Schüler ein Experiment arbeitsteilig gestalten lassen, von der Vorbereitung bis zur Auswertung. Damit bereite ich sie auf Situationen vor, mit denen sie im Beruf konfrontiert werden. Ich sage statt Sozialkompetenz lieber „Fähigkeit zur inhaltsbezogenen Zusammenarbeit“. Das hat nichts damit zu tun, wie nett jemand ist oder wie gut er Partys schmeißen kann.

Zeit: Aber Fähigkeiten oder Wissen aus einem Bereich lassen sich doch auf andere Bereiche übertragen. Ist nicht gerade die berühmte Fähigkeit zur Transferleistung das Ziel der Schule?

Stern: Transfer bleibt häufig ein frommer Wunsch. In Deutschland ist die Idee der formalen Bildung noch weit verbreitet und bestimmt auch die Lehrpläne.

Zeit: Was meinen Sie damit?

Stern: Die Auffassung, dass wir unseren Intellekt am besten an möglichst komplexen und abstrakten Problemen schulen, unabhängig vom Inhalt. Dahinter steckt häufig die Annahme, dass eine Aufgabe auf ihre abstrakte Struktur reduziert wird, welche dann auf neue Probleme übertragen werden kann. Diese Art von Wissenstransfer – das zeigen zahlreiche Studien – bleibt jedoch in der Regel aus. Es gibt kein Lernen ohne Inhalt. Wenn man möchte, dass Schüler verstehen, warum ein Auto fährt, müssen sie physikalische Gesetzmäßigkeiten verstehen. Wenn ich lernen will, Texte zu lesen und zu verstehen, dann muss ich eben anspruchsvolle Texte lesen und interpretieren. Da kann ich nicht irgendwas machen. Latein ist auch ein gutes Beispiel: Dem Lateinlernen wurde immer ein geheimnisvolles Gehirntraining nachgesagt. Unsere Studien haben aber ergeben, dass es nicht etwa das logische Denken fördert. Es fördert das, was es zum Inhalt hat, etwa das genaue Achten auf grammatische Strukturen. Wir müssen uns von der Vorstellung lösen, dass unser Gehirn mit beliebigen geistigen Aktivitäten trainiert werden kann.

Zeit: Aber das Anhäufen von Wissen kann doch nicht die Alternative sein.

Stern: Mir geht es um intelligentes Wissen, das sich breit und flexibel einsetzen lässt, nicht einfach nur um Faktenwissen. Die Schüler sollen Konzepte verstehen, nicht isolierte Informationen sammeln.

Zeit: Zum Beispiel?

Stern: In der Grundschule lernen Kinder normalerweise, dass Holz schwimmt, Eisen jedoch nicht. Erklärungen, die auf den physikalischen Konzepten Dichte und Auftrieb beruhen, werden jedoch nur selten erarbeitet. Das wäre aber genau die Form von Wissen, an die der spätere Physikunterricht anknüpfen könnte.

Zeit: Überfordert das die Schüler nicht?

Stern: Es gibt keine Untersuchung, die darauf hinweist, dass anregender Unterricht, der an das Vorwissen der Kinder anknüpft und dieses dann gezielt erweitert, schwächeren Schülern schadet.

Zeit: Gilt das auch für Klassen, in denen die Hälfte der Schüler nicht deutsch spricht?

Stern: Nein, was da in einigen deutschen Hauptschulen abläuft, ist natürlich geradezu grotesk. Guter Unterricht knüpft an das Vorwissen der Schüler an. Wenn das aufgrund von Sprachschwierigkeiten auch mit größter Anstrengung nicht kommunizierbar ist, dann müssen zunächst andere Probleme gelöst werden.

Zeit: Sie plädieren auch fürs Auswendiglernen.

Stern: Wenn es sinnvoll in verständnisförderndes Lernen eingebettet ist, ja. Wenn ich etwas auswendig kann, dann hat mein Gehirn mehr Ressourcen für andere geistige Aktivitäten verfügbar. Aber wer nur das Einmaleins runterbeten kann, ohne ein Gefühl für den Zahlenraum zu haben, der weiß natürlich nicht wirklich etwas.

Zeit: Den Grundschulunterricht kritisieren Sie als zu wenig anspruchsvoll. Bei der Iglu-Studie haben die Deutschen doch im internationalen Vergleich recht passabel abgeschnitten.

Stern: Ich sehe das nicht ganz so rosig. Beim Lesen hätten wir eigentlich besser sein müssen. Die deutsche Schriftsprache ist leichter zu erlernen als etwa die englische, denn im Deutschen erfolgt das Übertragen von Lauten auf Buchstabenfolgen viel regelmäßiger. Beim naturwissenschaftlichen Test wiederum gingen kaum Aufgaben ein, die ein Verständnis physikalischer Gesetzmäßigkeiten erfassen. Da wurde mehr nach Fakten gefragt. Das kommt dem deutschen Unterricht entgegen. Und was die mathematischen Kompetenzen angeht, ist das deutsche Ergebnis ja nicht so gut. Aber den Grundtenor in der Debatte um die Iglu-Studie teile ich: So richtig schlimm wird es nach der Klasse 4.

Zeit: Die Grundschule ist Ihnen nicht anspruchsvoll genug. An der Frühförderung von Kindern nörgeln Sie aber auch herum.

Stern: Nicht an sinnvoller Frühförderung, im Gegenteil. Wenn Vierjährige im Kindergarten singen, klatschen und reimen, dann fördert das später das Lesenlernen. Aber die fixe Idee, Kinder in den ersten Lebensjahren mit Lernstoff voll zu stopfen, weil deren Gehirn den wie ein Schwamm aufsauge, diese Idee lässt sich mit keiner wissenschaftlichen Studie erhärten. Selbst über den Fremdsprachenerwerb in der Grundschule lässt sich trefflich streiten. Für seinen Nutzen gibt es jedenfalls keinen Beleg. Unterricht ist etwas ganz anderes als das natürliche Lernen einer zweiten Muttersprache in bilingualen Familien.

Zeit: Sie sprechen gern von nützlichem Wissen. Wo bleibt da die Bildung?

Stern: Natürlich will ich, dass die Schule gebildete Menschen, autonome Bürger entlässt. Aber gerade wenn es das Ziel ist, urteilsfähige Bürger heranzubilden, dann geht das nicht, ohne eine breite Wissensbasis zu vermitteln. Das Wissen über unsere Geschichte, das Wissen über das mächtige Werkzeug namens Mathematik oder auch das Wissen darüber, woher unser Wissen kommt – das alles ist nützliches Wissen, ohne das es keine Bildung gibt.

Das Gespräch führte Thomas Kerstan

Quelle (c) DIE ZEIT 26.06.2003 Nr.27

Taxifahrer kennen sich aus (aktuelle Studie)

Kann fehlende Intelligenz durch Üben kompensiert werden? Dieser Frage gingen Elsbeth Stern und die Psychologen Roland H. Grabner und Aljoscha C. Neubauer von der Universität Graz in einer Studie nach, die demnächst im veröffentlicht wird.

Dazu stellten die Forscher 31 berufserfahrenen Taxifahrern aus der Stadt Graz folgende Aufgabe: Die Experten für das Grazer Straßennetz bekamen zunächst eine Route vorgegeben. Dann erschienen auf einem Bildschirm Straßennamen, und sie mussten unter Zeitdruck entscheiden, ob die Straßen auf der vorgegebenen Route liegen oder nicht. Dabei wurde ihre Gehirnaktivität gemessen.

Frühere Untersuchungen hatten ergeben, dass intelligente Menschen beim Lösen schwieriger Aufgaben ihr Gehirn nicht so stark belasten wie ihre weniger intelligenten Mitmenschen. Sie nutzen offenbar ihr Gehirn effizienter.

Für die Auswertung wurden die Taxifahrer nun nach Intelligenzquotienten in eine stärkere und eine schwächere Hälfte geteilt. Es zeigte sich, dass die weniger intelligenten Taxifahrer ihr Gehirn nicht stärker beanspruchten als ihre intelligenteren Kollegen. Offenbar gleicht Berufserfahrung mangelnde Intelligenz aus, wenn es um das Lösen einer Routineaufgabe geht.

Bei einem Kontrolltest konnte die intelligentere Hälfte ihre Überlegenheit demonstrieren. Bei dieser Aufgabe wurde den Taxifahrern der Plan einer fiktiven Stadt vorgelegt. Sie mussten sich dort eine Route aussuchen. Dann leuchteten auf einem Computerbild des Straßenplans Punkte auf. Wiederum mussten sie entscheiden, ob die Punkte auf ihrer Route liegen oder nicht. Dieses neue Problem lösten die Intelligenteren mit deutlich weniger geistigem Energieaufwand als ihre Kollegen, die beim Intelligenztest schlechter abgeschnitten hatten.

Mit diesem Test wurde erstmals mithilfe des Messens der Gehirntätigkeit gezeigt, inwieweit Üben fehlende Intelligenz ausgleichen kann. Die Aufgabe war relativ einfach. Die Forscher wollen nun mit schwierigeren Aufgaben herausbekommen, wo die Grenzen der Kompensation liegen. stan

Quelle (c) DIE ZEIT 26.06.2003 Nr.27

Und hier die Online-Links:

http://www.zeit.de/2005/31/C-Stern

http://www.zeit.de/2005/31/C-KastenStudie

http://www.zeit.de/2003/27/C-InterviewStern

http://www.zeit.de/2003/27/Kasten_Stern

20 Kommentare

  1.   Leseschwäche

    Herr Dr. Sarrazin scheint eine Leseschwäche zu haben. Auch die folgende Aussage aus Lettre International scheint nicht zu stimmen.

    „Ich erinnere an ein Dossier der Zeit dazu. Es berichtet
    von den zwanzig Tonnen Hammelresten der türkischen Grillfeste, die die Stadtreinigung jeden Montagmorgen aus dem
    Tiergarten beseitigt – das ist keine Satire.“

    (Lösung ohne das lange Dossier lesen zu müssen: Es ist forensisch sehr schwierig die Essensreste bestimmten Rassen zuzuordnen. Und im Winter wird nicht gegrillt, sonder dank Herrn Dr. Westerwelle Schnee geschippt)

  2.   Ron777

    Biedermann und die Brandstifter. Alte Schullektüre von Max Frisch. Selbst als der Mieter Benzinfässer ins Haus schleppt, will Biedermann in ihm immer noch nicht den Brandstifter erkennen. Wofür müssen Schüler sowas lesen, wenn Politiker sich blind gegenüber best. gesell. Entwicklungen zeigen. Nicht Sarrazin ist der, der Öl ins Feuer gießt, es sind die Wegschauer, Beschwichtiger, Feiglinge…

  3.   BerndL

    Zwei Anmerkungen:
    TS hat nicht gesagt, dass die Deutschen klüger als die Türken sind (was auch völlig unsinnig ist), sondern es hat von der spezifischen Situation bildungsferner Einwanderergruppen gesprichen- da stimmen seien Aussagen.
    Die Aussage über die Vietnamesen in der DDR ist nicht richtig, denn viele Vietnamesen waren auch einfache Arbeiter- die haben sich eben eingefügt und druchgeboxt. Kürzlich kam im MDR ein Bericht über eine vietnamesische Schülerin, die im Gymnasium an der Spitze liegt, deren alleinstehende Mutter als Schneiderin arbeitete und die keine besondere Schulbildung hatte.
    Die Welt ist leider nicht so schwarz-weiß wie man es gern hätte.

    Zu den Beiträgen 1 und 2 ein Rat:
    Besser sie argumentieren zu inhaltlichen Aussagen.


  4. auf die gestellte Frage ob Türkische Schüler dümmer als deutsche sind bräuchte Sie eigentlich nicht rumzueiern , ein ja hätte gelangt, denn das Sie nicht über die Türken in Amerika oder der Türkei gefragt wurde war nun klar.

  5.   Mette Mertens

    Botschaft

    An all die Menschen in dieser Welt,
    die von der Idee beseelt sind,
    sich aufzumachen und in ein fernes Land zu ziehen,
    um dort ein neues Leben anzufangen,
    allein oder mit ihren Familien,
    dort neue Wurzeln auszubilden.

    Um in diesem fremden Land zu partizipieren an dem Wohlstand,
    der dort von den Menschen in Generationen erarbeitet wurde.

    Wo aus Ruinen durch den Einsatz, das Engagement und Herzblut,
    Zielstrebigkeit und Arbeitswille,
    schon oft ein neuer Anfang hoffnungsvoll gewagt wurde,
    auf dem Fundament schmerzlicher Erfahrungen und Erkenntnisse.
    Und so etwas Neues entstehen konnte,
    und gemeinsam, beflügelt durch neue Ideen, erschaffen wurde.

    Bis zum Erblühen, bis zum Ernten der Früchte,
    war es ein weiter Weg, der viel Kraft und Liebe,
    Hingabe, Unerschrockenheit, Wagemut und Tatkraft
    nach all den Entbehrungen erforderte.

    Menschen, die selber existentielle Not und Drangsal erfahren haben,
    und die jederzeit bereit sind, ihr Herz aufzumachen,
    um anderen heraus zu helfen aus ihrer Bedrängnis.

    Menschen, die Freundschaft und Unterstützung anbieten,
    als Basis für einen Neuanfang an einem sicheren Ort.

    Ja, wir sehen eure Not und euren Entschluss,
    ein anderes, neues Leben in der Fremde zu wagen,
    und wir reichen euch die Hand und öffnen unsere Stadttore,
    um unseren Reichtum mit euch zu teilen, unser Brot und unser SO-SEIN.

    Als Gäste… in partnerschaftlicher Verbundenheit
    und Interesse an den Gaben, die ihr mit euch bringt:
    eure Fähigkeiten, euer SO-SEIN,
    um alles in Freundschaft mit uns zu teilen
    und unsere Gepflogenheiten kennen zu lernen –
    was uns Lachen und Weinen macht
    und welche Ziele wir in unserem Leben verwirklichen wollen
    und was unser Leben sinnvoll macht.

    Und so werdet ihr uns auch Einblick in euer Leben gewähren –
    im gemeinsamen Austausch, gemeinsamen Tun,
    im Leben, Lieben, Lachen und Weinen.

    Wie bei der Osmose unserer Körperzellen –
    werden wir nach und nach die uns gemäßen Dinge assimilieren
    und so etwas Neues erschaffen,
    etwas nie Dagewesenes, Umfassenderes,
    und so wird es auch euch ergehen.

    Wenn wir mit einander in Kontakt kommen,
    lasst es sein wie ein schöner Tanz,
    lasst Freude und Inspiration und Leichtigkeit entstehen.

    Wie in einem Perlen-Laden,
    wo alle Arten von nie gesehenen Formen und schillernden Farben
    sortiert in ihren Kästen liegen und nur darauf warten,
    dass ein kreativer Geist ihre wahre Schönheit entdeckt, ihre Einmaligkeit,
    als eine Facette schöpferischer Ausdruckskraft.

    Und auf das leise Flüstern lauscht:
    „Schenke mir Beachtung, nimm mich wahr in meiner wahren Schönheit,
    nimm mich mit und reihe mich auf deinen unsichtbaren Faden
    zu einem Ganzen.“

    So wird es prachtvoll werden, wie sich alles fast wie von selbst
    zu einem Kleinod, zu einem kostbaren Schmuckstück zusammenfügt.

    Immer wieder neu und ein jedes auf seine Weise.

    31. Juli 2010

  6.   Dr. Michael Simons

    Es gibt viele Gründe, die Äußerungen Herrn Sarrazins für widerlich zu halten. Sachlich falsch ist sein Verständnis der Vererblichkeit von Intelligenz. Wissenschaftlich belegt sei, dass die Intelligenz zu 50 – 80 Prozent vererbt sei, „dann ist der Rest von 20 Prozent bis 50 Prozent umweltbedingt.“ Falsch ist das zugrunde liegende additive Modell (50-80 plus 20-50 gleich 100), und falsch ist die Idee, die Psychologie erkläre mit diesen Komponenten die Intelligenz. Tatsächlich werden hier nur die Intelligenzunterschiede in einer bestimmten Stichprobe erklärt. Wenn ich also eine sehr heterogene Stichprobe habe, lassen sich die gefundenen Unterschiede mehr auf Umweltfaktoren zurückführen. Wenn es umgekehrt gelingt, alle Personen der Stichprobe optimal und für alle gleich zu fördern (den Umweltfaktor also konstant zu halten), dann lassen die Intelligenzunterschiede gar nicht mehr auf die Umwelt (Bildungsangebote) zurückführen, sondern zu 100% auf genetische Faktoren (genau das sagt auch die Studie von Elsbeth Stern, die er zitiert). Turkheimer und Kollegen (2003) fanden eine Vererblichkeit von 10 Prozent in den ärmsten untersuchten Familien, aber 72 Prozent bei den wohlhabendsten. Der Hinweis auf eine hohe Vererblichkeit ist somit in keiner Weise dazu geeignet, Pessimismus bezüglich Förderangeboten zu schüren. Sollte Herr Sarrazin dies dennoch tun, so hat dies jedenfalls mit Intelligenz nichts zu tun.


  7. […] rüber zur ursprünglichen Nachricht auf Das Schulblog Bildung   Bildungsforscher, Deutsch, Einwanderer, Elsbeth Stern, […]


  8. @3 BerndL:
    „TS hat nicht gesagt, dass die Deutschen klüger als die Türken sind (was auch völlig unsinnig ist), sondern es hat von der spezifischen Situation bildungsferner Einwanderergruppen gesprichen- da stimmen seien Aussagen.“

    Zitat Stern:
    „Rassistische Deutungen wie »die Deutschen« seien intelligenter als »die Türken« verbieten sich in jedem Fall.“

    Mit der Art und Weise, wie hier gegen Äußerungen und Thesen Sarrazins polemisiert wird, welche dieser niemals aufgestellt hat, kann man prima Vernebelung betreiben. Daneben gleich die Diffamierung der Person Sarrazins, indem man ihm solche Dinge in den Mund legt oder mit ihm in Verbindung bringt. Die Gegner Sarrazins müssen argumentativ wirklich total am Ende sein.

  9.   Bakwahn

    Ein paar Anmerkungen und Einsichten zur Intelligenz, genauer zur kognitiven Intelligenz, zum intellektuellen Leistungsvermögen.

    • Jeder von uns hat im Verlaufe seiner Biographie die (vielleicht bittere) Erfahrung gemacht, dass es bei ihm – trotz Ehrgeiz, Fleiß und Anstrengungen nicht zu Spitzenleistungen gereicht hat: Ob bei Schulnoten oder später im Studium oder heute in einem beruflichen Weiterbildungslehrgang. Nur durchschnittliche Leistungen. Andere – und es sind und waren fast immer die gleichen – waren und sind stets deutlich besser. Dabei waren die Lernbedingungen für alle gleich.

    • Warum hat der Kommilitone die Assistentenstelle bekommen und nicht ich, der ich doch so fleißig war? Seine Leistungen in Seminaren und erst recht seine schriftlichen Arbeiten – so musste ich es mir ehrlicherweise eingestehen, waren einfach besser und überzeugender; mit anderen Worten: er war der Intelligentere und Begabtere! Er verfügte über etwas, was durch nichts in der Welt auszugleichen war: eine angeborene, ererbte Hochbegabung. Seine gezeigten Leistungen basierten nicht auf einen größeren Fleiß, höheren Zeitaufwand, mehr Engagement, angenehmere sozialen Bedingungen. Nein, nur seine Hochbegabung war ausschlaggebend.

    • Es steht zu vermuten, dass unsere Bundestagsabgeordneten einen sehr deutlich über dem allgemeinen Durchschnitt von 100 liegenden Intelligenzquotienten verfügen. Sie haben sich gegen die vielen anderen Mitbewerber in ihren Parteien durchgesetzt. Viele ihrer Mitbewerber waren unter Umständen engagierter bei der Parteiarbeit, fleißiger in ihren Ortsvereinen etc. Es hat ihnen nichts genützt. Bei den parteiinternen Abstimmungen und Auswahlen haben sich die intelligenteren Kandidaten durchgesetzt.

    • An Herrn Kerstan: Warum hat es der eine zum Top-Journalisten und zur Edelfeder gebracht, der heute für die Zeit, den Spiegel, die FAZ, den Cicero und von mir aus auch für Lettre International schreibt, während die vielen anderen sich bei Käseblättern verdingen müssen? Ist nicht ein ganz entscheidendes Kriterium für den beruflichen Erfolg eines Journalisten die Intelligenz?

    Wir alle wissen aus unserer alltäglichen Lebenspraxis und Lebenserfahrung, dass wir Menschen mit einer je unterschiedlichen Intelligenz ausgestattet sind; einer Intelligenz, die ererbt, angeboren, genetisch bedingt ist. Diese je unterschiedliche intellektuelle Leistungsfähigkeit führt zu unterschiedlichen Schulerfolgen, zu unterschiedlichen Zeugnis- und Prüfungsabschlüssen, zu unterschiedlichen beruflichen Laufbahnen und Lebenserfolgen.

    Wir leben in einer hochentwickelten Industrie-, Wissens- und Leistungsgesellschaft. In solch überkomplexen Gesellschaften wird der Faktor Intelligenz sowohl für den einzelnen und seinen Lebenserfolg wie auch für die Gesamtgesellschaft immer wichtiger.
    Einige andere Eigenschaften der Intelligenz, die uns allen aus der Alltagserfahrung bekannt sind:
    – Intelligenz ist leider nicht beliebig formbar, anerziehbar und steigerbar; nur in einem sehr begrenzten Maße. Leider! Jemand, der regelmäßig bei IQ-Tests ein Ergebnis von 90 erreicht wird sich nie auch bei noch so vielem Training auf 120 steigern können.
    – Intelligente Eltern haben in der Regel wiederum intelligente Kinder. Weniger intelligentere Eltern haben in der Regel weniger intelligente Kinder. Ich beziehe mich hier auf eine große Anzahl und nicht auf wenige Ausnahmen.
    – Intelligenz ist in unserer Gesellschaft unterschiedlich verteilt. In den mittleren und oberen Mittelschichten findet man einen deutlich höheren IQ als in den unteren Mittelschichten und den Unterschichten.

    Ich habe in den letzten Jahren eine ganze Reihe von Büchern, Studien, Aufsätzen zur und über Intelligenzforschung gelesen. Ich verfolge aufmerksam die Debatten und Diskussionen über die Schulpolitik und über die PISA-Studien.
    Wir können davon ausgehen, dass Intelligenz in unserer Gesellschaft normal verteilt ist. Die Masse der Menschen verfügt über einen IQ von 85 bis 115, wobei der Durchschnitt bei 100 liegt. Unterhalb von 85 wird es kritisch, dort beginnt allmählich die Schwachsinnigkeit. Über 115 beginnt der Bereich der Hochbegabten, ab 130 der der Genies.

    Worum geht es im Schulstreit? Über den schulischen Erfolg werden Lebens- und Einkommenschancen vergeben.
    Zum einen geht es um die Ausschöpfung von Intelligenzreserven (hauptsächlich vermutet in den Unterschichten unserer Gesellschaft) und zum zweiten um „soziale Gerechtigkeit“, d.h. um die Förderung von sozial benachteiligten Kindern, um möglichst viele von ihnen zu einem höherwertigen Schulabschluss( Realschule oder Abitur) zu führen.

    Für mich ergibt sich aus meinem Schmökern der wissenschaftlichen und sonstigen Literatur zu diesem Thema die überraschende Erkenntnis, dass man mit einem IQ von ca. 98 an aufwärts bei entsprechenden günstigen sozialen Verhältnissen sowie Fleiß und Leistungsbereitschaft ein befriedigendes Abitur machen kann, und mit einem IQ von ca. 100 ein Hochschulstudium absolviert werden kann.

    Das ist doch überraschend, oder etwa nicht?

  10.   Bakwahn

    Warum schlagen die Wellen der Empörung und der Emotionen so hoch, wenn in unserer Öffentlichkeit über Intelligenz diskutiert wird?

    Die west- wie auch die ostdeutschen Nachkriegsgenerationen sind auf ein demokratisches Gleichheitsideal getrimmt worden. Alle Menschen sind gleich, alle haben gleiche Rechte und Pflichten, alle sind gleichberechtigt und haben gleiche Chancen.

    Dieses politische und weltanschauliche Postulat wenden wir in vollem Umfang auf alle Bereiche der Lebenswelt an. Wir sind in der Tat alle gleich: im Straßenverkehr genauso wie vor dem Gesetz und von mir aus auch vor Gott.

    Wir erleben aber in unserem täglichen Dasein, dass wir Menschen alle voneinander verschieden sind, besonders jedoch unter dem Aspekt der Begabung und Intelligenz. Es ist mir völlig klar, dass es aufgrund unserer Gleichheitsauffassung und unseres Harmoniebedürfnisses schwerfällt, sich einzugestehen, dass es eine deutliche, durch keine noch so ausgeklügelten Erziehungs- und Bildungsmaßnahmen veränderbare Intelligenzverteilung in unserer Bevölkerung gibt. Intelligenz ist hauptsächlich und eigentlich etwas Genetisches.
    Den meisten Menschen widerstrebt es, anzuerkennen, dass Intelligenz etwas genetisch Vererbtes ist: es ist von den Eltern (und deren Eltern) auf das Kind Überkommenes, Weitergegebenes. Es gibt hunderte von Studien, hunderte von Intelligenzuntersuchungen und Tests, die das eindeutig und unbezweifelbar aufzeigen.

    Verehrte Leser, streifen Sie ihre ideologische Befangenheit ab und anerkennen Sie, dass Intelligenz, Begabung, intellektuelles Leistungspotential hauptsächlich und in erster Linie etwas Ererbtes ist. Einen Tag alte Babies, die in ihrer Wiege liegen, sind nicht alle gleich, sondern bereits zu diesem Zeitpunkt mit unterschiedlicher Intelligenz ausgestattet. Es kann dabei nur noch um die Frage gehen, wie das prozentuale Verhältnis von genetischer Ausstattung auf der einen Seite und Einflüssen der Sozialisation und Umwelt auf der anderen Seite ist. Sind es 60% bis 80% geerbte Intelligenz und 40% bis 20% soziale Bedingungen?