Man muss ja nicht immer reden

Und der Wahnsinn geht weiter

Von 22. Januar 2008 um 16:26 Uhr

Verzeihung für die Pause, ab sofort gibt es wieder regelmäßiger Stoff.

Hoffentlich nicht immer solchen wie diesen hier:

beschn.jpg

Dieses Bild von Stephanie Sinclair stammt aus einer Diashow bei der New York Times (Registrierung vermutlich notwendig). Es zeigt Frauen in einer Grundschule im indonesischen Bandung, die auf ihre … Patientinnen warten.

Mädchen von 9 Monaten aufwärts, deren Mütter den jährlichen Termin nutzen (man könnte bei jedem dieser Wörter kotzen), um sie beschneiden zu lassen.

Der Vorsitzende der veranstaltenden islamischen Foundation sagt, nach den “Vorteilen” gefragt, die eine Beschneidung für ein Mädchen hat:

“One, it will stabilize her libido,” he said through an interpreter. “Two, it will make a woman look more beautiful in the eyes of her husband. And three, it will balance her psychology.”

Wenn das schon unfassbar klingt, dann darf man sich gar nicht erst vor Augen halten, dass es nicht nur Frauen sind, die diese Prozedur durchführen, sondern auch Frauen (Mütter), die ihre Töchter zu diesem Wahnsinn bringen – einem Wahnsinn, den sie selber als Kinder oder Mädchen ertragen mussten. (Zeitgleich werden übrigens in der Nähe auch kleine Jungen beschnitten. Und wenn man sich das immerhin mit gesundheitlichen Vorteilen wie einer geringeren Ansteckungsgefahr mit HIV schönreden kann, bleibt trotzdem die Frage, ob die wenigstens eine Betäubung bekommen.)

Wir leben im 21. Jahrhundert. Dies ist ein Ritual, von dem die ganze Welt weiß. Und das immer noch – in unterschiedlichen Grausamkeitsstufen – in großen Teilen der Welt durchgeführt wird. Es macht einen jedes Mal fassungslos.

Laura Guarenti, eine WHO-Mitarbeiterin, sagt in dem NYT-Artikel:

“These mothers believe they are doing something good for their children,” Guarenti, a native of Italy, told me. “For our culture that is not easily understandable. To judge them harshly is to isolate them. You cannot make change that way.”

Das mag ja stimmen. Aber manchmal ändern sich die Dinge schneller, sobald man nicht mehr höflich “Bitte” sagt.

Leser-Kommentare
  1. 9.

    … jo, die gute alte katholische tradition … *strafen, strafen, strafen …* was das mit humanismus zu tun hat …?

    • 24. Januar 2008 um 09:30 Uhr
    • margot
  2. 10.

    An Margot:

    Bei uns im Westen kann Frau sich üblichgerweise aussuchen, ob Sie hormonell verhütet oder nicht (sofern sie nicht “freiwillig” zur Kopftuchfraktion oder anderen “freiwillig” Minderberechteten gehört).

    Bitte unterlassen Sie diese unerträgliche Relativierung.

    Was da in Indonesien passiert, finde ich schlicht zum Kotzen! Dabei ist es völlig egal, was hier passiert oder nicht, ein Unrecht hebt ein anderes nicht auf.

    Die EU sollte ein Boykott von Indonesien veranlassen, bis solche Praktiken dort verboten sind! Wie bei vielen anderen Schweinerein auch!

    • 24. Januar 2008 um 15:57 Uhr
    • pvst
  3. 11.

    Sorry …
    Wenn jemand freiwillig, die Folgen abschätzend/erkennend und erwachsen genug ist, darf und kann er in Sachen Beschneidung machen was er/sie will. Das nennt man Freiheit. Wir haben nur dann etwas dagegen, wenn zwangsweise oder aus Unkenntnis oder weil minderjährig solches geschieht. Das entspricht unserem Gerechtigkeitsgefühl und das ist auch gut so.
    Aber wir wissen auch, dass sich Gerechtigkeitsempfinden durchaus ändert und ändern kann, also nicht immer und überall gelten muss und es durch Erziehung, Kultur und Gesetze geprägt wird. Das Eltern über ihre Kinder verfügen dürfen, ist auch gutes deutsches Recht. Dass sie sie vor körperlicher Gewalt schützen sollen auch. (Allerding im Hinterkopf behalten, dass das Züchtigungsrecht noch nicht lange abgeschafft ist). Also stellt sich doch erst einmal die Frage, ob die religiöse bzw. kulturelle Beschneidung rechtlich verboten ist.
    Wie sieht es damit in Deutschland aus? Verboten und doch heftig diskutiert: http://www.slaek.de/50aebl/2006/03/pdf/0306_104.pdf. Wenn es unter die Religionsfreiheit fällt (bei Jungen wird das unterstellt), ist es wohl noch nicht so ganz klar, ob es Rechtens ist oder nicht.
    Und in Indonesien? Nicht verboten: schariagegner.wordpress.com/2008/01/20/indonesien-genitalverstummelung-an-muslimischen-madchen.
    Und weltweit? Siehe auch: de.wikipedia.org/wiki/Beschneidung_weiblicher_Genitalien.
    Ein Aufruf zum Boykott von Indonesien ist daher etwas daneben, weil es die Beschneidung ja nicht nur in Indonesien, sondern in fast allen Staaten der Welt gibt, also Einzelfall rausgreifen und draufschlagen paßt nicht wirklich.
    Nochmal: es ist gut, dass wir immer wieder drauf gestoßen werden, dass da noch viel im Argen liegt, aber es gibt auch bei uns und in unseren Köpfen noch viel zu erledigen … Ich finde gerade deshalb diesen Blog so gut, weil er uns auf viele Dinge aufmerksam macht, die vielleicht sonst einfach unmerkt blieben. Alledings halte ich die Lösung vieler Probleme nicht unbedingt für einfach. Schnell mal eine Entrüstung posten oder zum Boykott aufrufen, wäre mir zu einfach …

    • 25. Januar 2008 um 10:58 Uhr
    • jasokuhl
  4. 12.

    @pvst:

    Ich bin völlig Ihrer Meinung, was die Sache an sich angeht!
    Dennoch ist ein Verbot oder Sanktion nicht sinnvoll, wie man in Somalia sehen kann, wo seit dem Verbot die Beschneidungen eben illegal an Orten durchgeführt werden, wo das Infektionsrisiko unendlich viel höher ist (die Beschneidungen auch teilweise mit Glasscherben durchgeführt werden) und die Mädchen an Blutvergiftung und wasweissich sterben.

    Aufklärung ist besser, weil viele der einfachen Leute nicht wissen, dass der Vorteil einer Beschneidung eine Legende ist.

    @Margot:
    Es scheint, als hätten Sie keine Ahnung, in welcher Freiheit Sie trotz allem leben und welches Glück Sie haben, sich unversehrt den Gepflogenheiten widersetzen zu können.

    • 25. Januar 2008 um 12:10 Uhr
    • Klemmschwester Lila
  5. 13.

    @margot
    lassen sie sich nicht provozieren, wer wie sie eine querdenkerische Analogie zu den bis heute mörderischen Restriktionen des katholizismus zieht überfordert natürlich die eine oder den anderen hier.”ahnungslos” (lila) & “unerträglich” (pvst) ist vor allem Denkfaulheit.

    • 26. Januar 2008 um 12:06 Uhr
    • machotom
  6. 14.

    @machotom
    nomen est omen?
    Im Ernst,
    man kann m. E. zu Recht sehr viel negatives über den Katholizismus sagen, ich habe viele Freunde, die aufgrund kath. “Erziehung” an der Seele verkrüppelt sind.
    Aber das Übel Kath. hebt nicht das Übel Beschneidung auf!
    Und ich finde in der Tat die Aussagen unerträglich, die das via das Zeigen auf andere Mißstände relativieren. Den Mädchen, die ihre Klitoris rausgeschnitten bekommen, ist es wohl ziemlich sch***egal, was in Europa oder anderswo an Mist ablief oder läuft.
    Im übrigen wurde (mal Kulturkampf googeln) und wird in Europa immer wieder massiv gegen die Kath. Kirche Stellung bezogen. Ich kann nicht erkennen, das was ähnliches gegen die Praxis des Beschneidens passiert, schon gar nicht von unseren Kulturrelativieren.
    Soviel zum Thema Denkfaulheit.
    Schönen Tag noch.

    • 27. Januar 2008 um 13:40 Uhr
    • pvst
  7. 15.

    @pvst
    Korrekt, kein Übel hebt ein andres auf.Aber relativiert hat hier niemand, nur provoziert (“unerträglich” “unterlassen sie”)nachdem margot sich erlaubt hat ein fenster aus einer primitiven Gut-&Böse-Diskussion zu öffnen.Wer die menschenfeindliche beschneidungspraxis kritisiert aber vor den durch Kondom-&Verhütungsverbot millionenfachen Morden die Augen verschließt wäre ein Heuchler.

    • 28. Januar 2008 um 09:16 Uhr
    • machotom
  8. 16.

    Genau das ist relativieren:
    “Wer die menschenfeindliche Beschneidungspraxis kritisiert aber vor den durch Kondom-&Verhütungsverbot millionenfachen Morden die Augen verschließt wäre ein Heuchler.”
    Ich frage mich ob sie mich wirklich verstanden haben? Völlig egal was die Katholische Kirche (oder wer auch immer) zum Thema Kondome oder Abtreibung sagt, es hat mit dem Thema Beschneidung schlicht und einfach ÜBERHAUPT NICHTS zu tun! (obwohl ich da wohl ihrer Meinung wäre)
    Stattdessen wäre eine klare Verurteilung der Beschneidung notwendig, ohne wenn und aber, ohne auf irgendein anderes Thema hinzuweisen, sofern man die Praxis tatsächlich verurteilt, übrigens völlig unabhängig davon wer das tut. Mir ist es völlig egal wer eine Frau die Klitoris herausschneidet, ich finde das schlicht menschenverachtend (für mich sind Frauen Menschen!)
    Insofern ist gerade das Einteilen der Tat in gut und böse NOTWENDIG, im wahrsten Wortsinne, um die Not zu wenden. Darum reagiere ich so empfindlich auch auf kleinere Relativierungen.
    Schönen Tag noch.

    • 31. Januar 2008 um 12:28 Uhr
    • pvst
  9. Kommentare sind geschlossen.