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Wie Frauen schneller kommen – und Männer langsamer

 
Ralf Hirschberger/dpa

Frauen dürfen seit neuestem nicht nur nicht keine Lust haben, sie sollen – wenn die folgende Meldung stimmt – auch möglichst schnell zum Orgasmus kommen. Weil Männer nämlich oft zu schnell kommen. Und weil Sex nach Ansicht gewisser Forscher offensichtlich etwas ist, das man lieber schnell hinter sich bringt. Oder weil irgendwelche Idioten immer noch glauben, sie müssten die Legende vom möglichst gleichzeitigen Höhepunkt als Erfüllung wahrer Liebe nähren?

Diese Meldung hier fügt sich jedenfalls in ein Puzzle ein, an dem leider auch (hiesige) seriöse Medien mitbasteln.

„Im normalen Geschlechtsakt gebe es eine Lücke von zwölf Minuten, sagen Experten. Der Mann erreiche einen Höhepunkt nach zwei Minuten, während eine Frau 14 Minuten dafür bräuchte. Ein Forschungsprojekt bemüht sich nun, ein Medikament zu finden, das den weiblichen Orgasmus beschleunigt. (…) Am Rande einer internationalen Konferenz über Sexualforschung berichtete Dr. T Kamaraj, Organisator der Konferenz, dass Forscher in den USA an einer psychoaktiven Substanz arbeiten würden, die im Gehirn wirken und auf diese Weise Frauen einen schnelleren Höhepunkt ermöglichen würde.“

Gleichzeitig berichtet Dr. Petra Boynton, kritische Sexexpertin aus Großbritannien, dass das Pharmaunternehmen Boehringer-Ingelheim den Weg für sein Medikament Flibanserin ein Stückchen weiter medial ebnet.

Dazu muss (noch einmal) erklärt werden, dass es zur Taktik von Pharmaunternehmen gehört, schon vor Zulassung neuer Medikamente den Markt zu bereiten. Sei es, indem eine Krankheit erst einmal erfunden bekannt gemacht wird, sei es, indem Ärzte mittels Informationsveranstaltungen auf die Krankheit (und deren bevorstehende Behandlungsmöglichkeit) aufmerksam gemacht werden.

So wird also bereits seit Jahren Frauen, die nicht andauernd geil sind, nahegelegt, an HSDD (Hyposexual Desire Disorder) zu leiden, an mangelnder Lust auf Sex, sozusagen. Gern werden auch Umfragen veröffentlicht, die untermauern sollen, dass viele Frauen unter dieser Lustlosigkeit tatsächlich leiden, nein, LEIDEN. Darauf bezieht sich Petra Boynton in ihrer aktuellen Zusammenfassung zu Flibanserin. Das Pharmaunternehmen hat nämlich vergangene Woche eine neue Umfrage veröffentlicht, der zufolge 11,6 % der 65.129 befragten Frauen zwischen 18 und 88 Jahren aus Deutschland, Frankreich, Italien, Spanien und Großbritannien angaben, mangelndes sexuelles Verlangen an sich festgestellt zu haben und darunter zu leiden („reported … distress“).

Das klingt nicht nach viel, aber es wird in einer dazugehörigen Presseaussendung auch eine Ärztin zitiert, der zufolge Frauen, die an HSDD leiden, auch Schuldgefühle hätten und die Distanz beklagten, die sie zwischen ihrem Partner und sich spürten. Dann freut sie sich noch schnell über die zunehmende Forschung und begrüßt die erhöhte Aufmerksamkeit dieses „missachteten, aber Leidensdruck verursachenden“ Zustandes. (Ich habe die Pressemitteilung leider nicht auf Deutsch gefunden.)

Das ist nichts Neues. Wie sehr und wie viele Frauen darunter leiden, zu wenig geil zu sein, lesen wir in schöner Regelmäßigkeit. In ebenso schöner Regelmäßigkeit lesen wir auch davon, dass nun aber endlich endlich ein Mittel gefunden wurde, diesem Missstand abzuhelfen. Wir erinnern uns an Intrinsa, ein Testosteronpflaster, das für postmenopausale Frauen entwickelt wurde, aber ganz subkutan auch allen anderen mehr Spaß am Sex verspricht. Oder sehen Sie sich einfach auf der dazugehörigen Webseite an, wie jung man heutzutage bereits in der Menopause sein kann.

In den USA ist Intrinsa übrigens noch immer nicht zugelassen.

PT-141, das berühmte Nasenspray, das 2007 als das „weibliche Viagra“, jetzt aber wirklich!, bezeichnet worden war, wurde ebenfalls nie zugelassen.

Wer jetzt also Flibanserin als die neue Wunderdroge bejubelt, sollte stattdessen vielleicht ein paar gedächtnisstützende Mittel einwerfen. Es befindet sich noch immer in dem für Pharmazeutika langwierigen Zulassungsprozess, und die Frage ist, ob es überhaupt Chancen hat, zugelassen zu werden. Die bisherigen Studien ergeben, berichtet Neuroskeptic, dass die behandelten Frauen lediglich 0,7 sexuell befriedigende Geschlechtsakte mehr hatten als „normal“.

Pro Monat.

Dafür muss das Medikament jedoch, wie ein Antidepressivum (was es von seinem Aufbau her auch ist), täglich eingenommen werden. Es greift also, wie ein Antidepressivum, in die Gehirnchemie ein. Das Überraschende: Neuroskeptic berichtet, dass es als Antidepressivum in den klinischen Tests nicht besser als ein Placebo gewirkt hat. Aber es ist auch in der Pharmabranche nicht unüblich, einen Fehlschläger, in den man vermutlich schon viel Geld gesteckt hat, für ein paar andere (angebliche) Diagnosen zu testen.

Natürlich ist es verlockend für alle Beteiligten. Die Pharmaindustrie kann viagramäßig Millionen machen, die Männer müssen kein schlechtes Gewissen mehr haben, wenn sie öfter wollen, als ihre Frauen – und vice versa – und vor allem muss sich ein Paar nicht mit so mühsamen Beziehungsdiskussionen aufhalten.

An deren Ende übrigens auch einfach rauskommen könnte, dass eigentlich beide keine Lust haben und ganz zufrieden mit dem Status Quo sind. Vielleicht glaubt ja nur der eine, dass der andere …

Es würde mich, um auf die Anfangsmeldung zurückzukommen, übrigens nicht wundern, wenn wir in den kommenden Monaten und Jahren auch verstärkt Leidensberichte von Männern, die zu schnell kommen, lesen. Kleine Anzeichen gibt es bereits, die versuchen, Ejaculatio praecox zum nächsten großen Problem für Männer zu machen. Wobei die Angaben, ab wann „zu früh“ ist, differieren.

Und wie es der Zufall so will, wird auch gerade an Medikamenten dagegen geforscht!

Das Puzzle setzt sich also zusammen aus der Betonung, dass mangelndes sexuelles Verlangen bei Frauen unnormal ist. Und dass sie darunter leiden. (Boehringer-Ingelheim betont, in der aktuellen Befragung explizit nach nachlassendem sexuellen Verlangen gefragt zu haben, das von den Befragten nicht mit Problemen in der Partnerschaft oder körperlichen Verletzungen begründet wurde.) Und dass Männer aber auch – trotz Viagra – noch immer nicht perfekt sind, sondern derzeit gern mal zu früh kommen. (In ein paar Jahren werden sie dann vermutlich zu lange brauchen.)

Und jetzt erklär mir einer, wie Herr und Frau Mangelhaft auf diese Weise ein entspanntes Sexleben haben sollen.

49 Kommentare

  1.   Porn 2 B Wild

    Die Taoisten (bzw. ihre mutmaßlichen Erbschleicher) haben eine ganz einfache Definition für Ejaculatio praecox: JEDER Samenerguss ist verfrüht, weil ein *richtiger* Mann die „Energie“ rechtzeitig umwandelt.
    Geradezu gemäßigt klingt dagegen der verstorbene Yoga-Guru André van Lysebeth: Man(n) darf kommen, sobald die Frau zwei oder wenigstens einen Höhepunkt hatte.
    Völlig unabhängig von diesen Gurus berichtete Michael Degen über einen jungen Mann, der sich beigebracht hatte, nach dem Höhepunkt seine Erektion beizubehalten und nahtlos weiter zu machen.
    Wer solche Techniken beherrscht, kann den Pharma-Lobbyisten natürlich eine lange Nase zeigen.
    Allen anderen sei die (Wieder-)Entdeckung der Finger ans Herz gelegt.

  2.   Porn 2 B Wild

    Shame on me: Michael Degen hat m.W. kein Sexbuch geschrieben. Gemeint war Rolf Degen und sein Buch „Vom Höchsten der Gefühle“

  3.   Me

    Hmmmpf, hab ich nicht kürzlich irgendwo gelesen, dass das „Massenphänomen“ der sexuellen Unlust bei Frauen eine Nebenwirkung der Pille ist? Wenn dem so ist, definiert die Pharmaindustrie einen selbstverursachten „Mangel“ als Krankheit, um noch mehr Kohle zu scheffeln….Wundern würde es mich nicht.
    Hab ich nicht auch gelesen, dass die Hmmm, Geschwindigkeit der Männer sich in langen Teenagerjahren des Selbsthandanlegens regelrecht antrainiert wurde?

    Und wieviel stimmt eigentlich von dem was man so liest?

  4.   kerle51

    Es gibt im Bereich der Sexualität nur eine einzige Wahrheit: es gibt keine Wahrheit, und es gibt keine Norm.
    Wenn Konzerne mit der Unsicherheit der Menschen ihr Geschäft zu machen verstehen, ist es ja normal, das tun sie ja in möglichst jedem Lebensbereich. Niemand ist gezwungen mitzumachen. Selbstdenken sei daher mal wieder empfohlen, die billiste Medizin, die gegen alles hilft, auch gegen Pharmakonzerne, Kirche und Tao.

  5.   toaster

    Der Geist des Tweakens. Bin ich müde, nehm ich nen Kaffee. Kann ich nicht schlafen, eine Schlaftablette. Werde ich alt, lass ich mir Botox spritzen. Fett? Absaugen. Der moderne Mensch reagiert auf die Symptome seines Körpers sofort. Und damit läßt sich viel Geld verdienen. Man muss den Leuten nur ihre angeblichen Unzulänglichkeiten ständig vor Augen halten und schon werden sie nach Gegenmitteln lechzen. Nach schnellen Gegenmitteln, denn es muss alles schnell gehen.

    Also, jedem seine Pille. Der Mann nimmt Viagra um später zu kommen und die Frau irgendein anderes Zeugs um früher zu kommen und dann treffen sie sich in der Mitte. Ist so etwas wie ein Kompromiss, das A und O einer guten Parterschaft, wie man uns immer sagt.


  6. Nebenwirkung der Pille ist richtig, das ist eine Auswirkung der Evolution. Frauen nehmen die Pille und können nicht schwanger werden, weil ihr Hormonhaushalt ihnen suggeriert, sie wären schon schwanger. Mit einer interessanten Nebenwirkung: Da sie als „Schwangere“ den besonderen Schutz ihrer Sippe brauchen, können sie Männer, die genetisch sehr verschieden von ihnen sind, nicht mehr riechen und scheuen sie, währenddessen sie größeres Vertrauen zu Männern empfinden, die ihnen genetisch gleichen (Vater, Brüder, Onkel u.s.w., die in der vormodernen Horde den Schutz der Sippe gegen Feinde übernahmen).
    Das ist der Grund für die Unlust, die viele hormonbehandelte Frauen gegenüber potentiellen Sexualpartnern empfinden. Und es ist ein Dilemma für die Frauen, denn sie nehmen die Pille ja, weil sie Verkehr wünschen.

    Im übrigen halte ich Frauen, die anderen Frauen den Wunsch nach erfülltem Sexualleben kleinreden und das auch noch in teilweise ultramodernem Gossensprech, wie es die Autorin des Artikels macht, aus feministischer Sicht für inakzeptabel.

  7.   Atarius

    Vielleicht könnte die Politik als flankierende Maßnahme den altruistischen Bemühungen der Pharmaindustrie noch ein Orgasmusbeschleunigungsgesetz beisteuern. Schließlich spricht so etwas die Wähler an, wobei man für HarzIV-Bezieher eventuell einen Sonderparagraphen hinzufügen müßte, um spätrömischen Dekandenzen im Unterschichtprekariats nicht noch weiter Vorschub zu leisten.

  8.   Sigrid Neudecker

    @ liladebila
    Wo tue ich das? Wenn Sie noch einmal genauer hinlesen möchten, werden Sie sehen, dass ich Frauen von dem Zwang, ein erfülltes Sexualleben haben zu müssen, „befreien“ will. Viele Frauen glauben heutzutage, Lust haben zu müssen, ob sie wollen oder nicht. DAS finde ich aus feministischer Sicht, mit Verlaub, inakzeptabel.

    Übrigens argumentieren Sie genau wie die Pharmaunternehmen. Sie arbeiten nicht zufällig bei Boehringer Ingelheim?

  9.   Berlinerin

    14 Minuten? Bei richtiger Technik 20 Sek. Empfehle Zwangsschulungen für Männer anstelle Tabletten für Frauen. Oder entspannte 14 Minuten gemeinsam.

  10.   Pyr

    Sex ist kein Leistungssport, sondern soll einfach Spaß machen. Und am Sex macht mit Verlaub der Orgasmus am wenigsten Spaß. Sex ist aber leasure and pleasure, d.h. hier geht es keinesfalls darum, das gewünschte Ziel einfach möglichst schnell zu erreichen.

    Im Prinzip ist das doch nur die moderne Form des Drogentrips: immer mehr Pillen schlucken, um möglichst schnell zum Kick (=Orgasmus) zu kommen. Beim Sex ist aber der Weg das Ziel, nicht der Orgasmus. Wer das nicht verstanden hat, bei dem wundere ich mich auch nicht, dass sein Sexleben scheiße ist.

 

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