Man muss ja nicht immer reden

Machen Pornos impotent?

Von 12. März 2010 um 11:07 Uhr

Vielleicht war’s damals bei der Erfindung des Automobils ja ähnlich. Die einen hielten es für das Transportmittel in die Hölle, die anderen meinten, man werde sich schon dran gewöhnen. Oder bei der Entdeckung der Röntgenstrahlung für die Medizin. Die ersten Warner wurden vielleicht als Miesunken beschimpft, die immer alles bekritteln müssen.

Wie schön wäre es, jetzt kurz ins Jahr 2030 vorspulen zu können. Dann wären jene Kinder-, Jugendlichen- und Erwachsenengenerationen, die erstmals so gut wie unbeschränkten Zugang zu Pornografie hatten, 30, 40, 50 Jahre alt und man könnte wohl mit einiger Sicherheit sagen, wie sich dieser Konsum auf sie ausgewirkt hat.

Derzeit versuchen sich kluge Leute an Vermutungen, die Wissenschaft versucht sich an Studien, und Berater und Therapeuten, die sozusagen “an der Front” arbeiten, versuchen sich als leise Warner, weil sie tatsächlich Verhaltensänderungen und damit einhergehende Probleme an ihren Klienten beobachten.

Oder zu beobachten glauben. Denn genau dies ist das Gefährliche am Thema Internetpornografie: Die eigene Meinung kommt einem immer am logischsten vor.

Klar hat das Auswirkungen, wie könnte es nicht?!

Ach Quatsch, vorm Auto haben sich auch erst einmal alle gefürchtet.

Bei Scienceblog gibt es eine Autorin namens Reunited, die sich vor kurzem dieses Themas annahm. Leider erfährt man nicht sehr viel über sie und ihre Kompetenzen, aber in dem Blogeintrag zitiert sie Userkommentare zu früheren Postings über Pornografie. Das können bedauerliche Einzelfälle sein – oder die Spitze des Eisberges.

Einer meinte, er sei sicher, dass eines Tages ein Zusammenhang zwischen Pornokonsum und erektiler Dysfunction festgestellt werden könne, weil die Pornos unerreichbare Maßstäbe (Betonung auf Stäbe) setzen würden. Ein anderer schilderte seine eigenen Erfahrungen:

I’ve been looking at Internet pornography since I began college 13 years ago. Around age 24, I noticed difficulty getting aroused with real women. Generic Viagra off the Internet allowed me to have real relationships with few problems until the age of 29. Then, it became increasingly difficult to have real sex, even with the pills.

(Kleiner Einschub: Wem es lieber ist, solche Passagen in Zukunft hier in der Übersetzung zu lesen, möchte bitte in den Kommentaren oder per PM Bescheid geben.)

Dies sind, man muss es noch einmal betonen, Anekdoten ohne jeden wissenschaftlichen Wert. Ein Pornosüchtiger macht noch keinen Gesellschaftstrend. Also sehen wir uns einmal an, was zu diesem Thema aus der Wissenschaftsecke kommt.

An der Université de Montréal führt Simon Louis Lajeunesse derzeit eine Studie über den Pornokonsum von jungen Männern durch. Und konnte bis jetzt keine Veränderung ihres Verhaltens feststellen. Alle Befragten würden nach wie vor Geschlechtergleichheit unterstützen, und ihr Frauenbild hätte sich ebenfalls nicht verändert. Sie würden jedenfalls keine Freundin haben wollen, die wie ein Pornostar aussieht. “Alle Jungs sagten: Um Himmels Willen, niemals!” zitiert die Calgary Sun den Professor. Und freut sich, dass diese Pornoverdammung endlich widerlegt ist.

Das ist ja schön. Nur: Lajeunesse befragte bislang 20 junge Männer. Und er befragte sie persönlich. Und jetzt stellen Sie sich einmal einen jungen Mann vor, der einem Interviewer sagt: “Ja klar glaube ich, dass Frauen gern von fünf Männern gleichzeitig genommen werden! Und als Freundin will ich eine mit solchen Titten!”

Dann gab es vor wenigen Wochen einen australischen bzw. internationalen Report, laut dem Jungen, die Internetpornos konsumieren, größere Schwierigkeiten hätten, später stabile Beziehungen einzugehen und eher zu unverbindlichem Sex neigten – was man jetzt auch bewerten kann, wie man will.

Michael Flood, der Autor der Studie (die ich bislang nirgends gefunden habe), meinte sogar: “Das heißt nicht, dass jeder junge Mann irgendwann jemanden vergewaltigen wird, aber es erhöht die Wahrscheinlichkeit dafür.”

Puh, das sind jetzt auch wieder große Worte! Die, wenn man es genau nimmt, in die Kategorie “Schlussfolgerungen/Vermutungen” gehören.

Jeder, der sich schon einmal mehr als einen Porno angesehen hat, wird bestätigen können, dass ein und derselbe Film ein und dieselbe Szene sehr schnell langweilig wird. Nach ca. 1,5 Mal Ansehen, grob geschätzt. Es muss laufend neuer Stoff her – wieso, wird vielleicht eines Tages die Wissenschaft klären.

Es muss aber nach einiger Zeit auch anderer Stoff her. Das gilt vor allem für die Heavy User. Immer nur Blümchengevögel bringt’s nicht mehr. Deswegen werden Pornos ja auch am Fließband produziert. Und deswegen nehmen Gewaltpornos zu, zum Teil, weil es endlich einmal etwas anderes ist, zum Teil, weil es vielleicht wirklich tiefliegende Gelüste anspricht – aber hier sind wir ebenfalls wieder bei den Vermutungen.

Wie sich beides – zunehmende Verbreitung von Breitbandinternet und Verhardcorisierung von Pornos – auf eine Gesellschaft auswirken wird, sehen wir, wie gesagt, spätestens in 30 Jahren.

Wir wissen also: Wir wissen nichts. Selbst ein großer britischer Report über die Sexualisation of Young People befand, dass mehr Forschung notwendig sei.

Wenn Sie also wieder einmal irgendwo lesen, dass nun endlich festgestellt wurde, Pornokonsum sei nicht schädlich, fragen Sie doch genauso kritisch nach wie bei Meldungen, dass man durch Pornografie impotent wird.

Ansonsten gilt der übliche Aufruf, den gesunden Menschenverstand zu bemühen. Ein Mann, der sich jeden Abend stundenlang Pornos reinzieht und dann keine Lust mehr auf seine Frau hat, wird wohl selbst merken, dass er ein Problem hat.

Leser-Kommentare
  1. 97.

    @Porn 2 B Wild

    War der Text zu lang ? (Smily (bin zu Faul zum suchen))

    Sie glauben das Pornographie eine Ergänzungsdroge ist. Haben Sie zumindest geschrieben. Das ist schon mal nicht richtig, oder ?
    Wenn man also verschieden Sachen gleichsetzt, die das nicht sind, entspricht das zwar einiger gängiger psychologischer Methodik und Rhetorik, erklären lässt sich so aber herzlich wenig. Verklären dagegen recht viel.

    Übrigens gibt es keine unideologische Diskussion zu Freuds These.
    Sie ist zu 100% ideologisch. Nicht das ich jetzt so verstanden werde, daß ich meine das man alles was Freud so von sich gab in den Müll werfen soll, nein, soll man nicht, sonst ließe sich ja nicht zeigen, daß er eben auf Ideen als Grundlage von physischen Vorgängen in seinen Thesen zurückgreift.

    Er ist ziemlich nahe an den antiken Vorstellungen geblieben. Nur so genau hat er Sie wohl nicht gelesen. Der Eros kam zB. mit Platon, über eine Diotima, in die Welt der Ideen. Wie er, Freud, den zum Jupiter macht, ist ebensowenig nüchtern nachvollziehbar wie Goethe.
    Bedenken Sie bitte, das psychoaktive Substanzen erst verhältnismäßig kurz einer Regulierung unterliegen wie wir das heute kennen.

    Das es einen sehr vehementen Feldzug gegen die Onanie bereits vor Freud, der keinen führte, gab, und dieser ohne Verteufelung der Pornographie auskam, sollte doch wenigstens zu denken geben ?

    Das Freud was von der ersten Sucht erzählte ist so einleuchtend wie die bekannte Floskel das Haschisch eine Einstiegsdoge ist. Das ist es sicher, in ein kriminelles Milieu, weil es verboten ist. Logisch ?
    Die Einstiegsdroge Nummmer 1 ist aber Alkohol, weil er erlaubt ist. Somit ist er die Einstiegsdroge Nummer 1 in eine Suchtkarriere. Es stimmt also beides, es wird nur nicht im Kontext genannt und erhält so eien Richtigkeit die vieles verklärt.
    Ich bin mir auch ganz sicher, daß junge Männer, die noch nicht mal das sind, also vor ihrer Geschlechtsreife, mit der niedrigprozentigen Substanz in Kontakt kamen die eine Einstiegsdroge genannt werden kann ?
    Ob das mit der ertsen Sucht, in unseren Breiten und zur Zeit Freuds so stimmte, wage ich einfach mal ganz strak anzuzweifeln.

    Was ich sagen eigentlich sagen wollte, war aber eine Frage, die nach dem “Modell eienr Sucht” ? Ist das genannte da nicht in den Grundzügen mit dem Essen vergleichbar, eine Mäßigung somit eine sehr individuelle Angelegenheit ?
    Oder reichen Ideen von Trieben die selbst Ideen sind, die uns “befallen” können und ausgetrieben (schmunzel, schmunzel(Comikgeneration, ich gehöre zu dir, leider)) werden müssen ?

  2. 98.

    “Dieser “Stoff” entspricht ganz und gar der biologischen begründeten angestrebten Handlung möglicht viele “Weibchen” zu befrüchten, also die eigenen Gene an möglichst viele Partnerinen zu übertragen.
    Das ist nur der visuelle Teil der Bestätigung dieses Vorgangs, der nicht tatsächlich stattfindet.”

    Was im Porno vorgeturnt wird, ist ja paradoxerweise, dass der “normale” Akt schnell ausgereizt ist und man zwecks Lust(wieder)gewinnung oder -steigerung schräge Varianten durchturnt, die zur Befruchtung nicht geeignet sind. Also Frau Neudecker: wenn man Impotenz als Zeugungsunfähigkeit definiert, dann lautet die Antwort auf die eingangs gestellte Frage: JA, Pornos machen impotent. Oder ‘impornotent’. ;-)

    • 23. März 2010 um 09:46 Uhr
    • Porn 2 B Wild
  3. 99.

    Is klar: Der Geschlechtsakt hat nur zur Zeit der Fruchtbarkeit des Weibchens zu erfolgen. Jawoll !

    Wir sind ja bereits aufgeklärt, und wissen deswegen auch ganz genau das Männer und Frauen beide tatsächlich eine ganzjährige und dabei sogar identische Forpflanzungsfähigkeit aufweisen.
    Darum sollte »Frau« »Mann« sagen was er wie zu tun hat. Auch mit sich selbst. Es ist ja bekannt wo Despotismus beginnt und was für Gestalten das familiere Matriarchiat schon hervorgebracht hat.
    Wir sollten diese alten und gut bewährten Ideen nicht einfach vergessen.

    Sehen Sie’s doch als Empfängnisverhütung und nicht als “Impornotenz”. So ist doch schon ziemlich viel erreicht ?

  4. 100.

    Grandios, wie wir an aneinander vorbeireden. Nächste Frage: machen Schwulen-Pornos potent? Oder fruchtbar? Weil (hetero-)man den Schweinkram irgendwann nicht mehr sehen kann und sich am besten mit einer Frau ablenkt? Da hat die Sexualwissenschaft noch viel zu forschen …

    • 23. März 2010 um 13:09 Uhr
    • Porn 2 B Wild
  5. 101.

    Das würde ja meiner vorherigen, etwaigen Grundaussage widersprechen, daß sich das als die visuelle Bestätigung der Genverteilung beschreiben lassen kann ?

    Das kann doch nur jemand sagen, der Schwulen-Pornos sozusagen gegen seine eigene sexuelle Orientierung betrachtet. Da wird es wohl nicht all zu viele geben ?
    Es wird doch niemand potent oder impotent weil er oder sie sich etwas ansieht. Wird irgend jemand seine romantische Sicht zu diesem oder jenem verlieren, wenn er oder sie sich romantische Filme ansieht ?

    Ich muß mal gestehen, daß ich noch nie “Telefonsex” hatte, obwohl das ja ein Millionen- oder sogar Milliardebgeschäft ist. Mir kam das vom ersten Moment an als es aufkam, also so seit Ende der 80er, wie “Essen am Telefon” vor. Was finden die Leute da dran ?
    Gibt es da sexualwissenschaftliche Forschungen dazu ?
    Macht Telefonsex potent oder steigert er die Lust, oder ist das gar kein Sex? Ich meine nicht die endlosen Weiterleitungen von denen man da so hört, die ja gerne mal mit erstmal angebotenen visuellen Reizen verbunden sind und so eine gewisse Erwartung vom vermutet oder angenommenen Gesprächspartner wecken. Nein, ich meine den “Telefonsex”, bei dem am einen Ende der Leitung eine Frau was erzählt, oder auch ein Mann. Da habe ich zwar noch nichts Dergleichen mitbekommen, aber kann ja sein das es einen Homotelefonsex auch gibt.

  6. 102.

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  7. 103.

    Klar werden unrealistische Maßstäbe in Pornos gezeigt, aber ehrlich will ich mir ja auch was anschauen, was mich anmacht und eigentlich sollte auch jedem bewusst sein, der sich den Porno anschaut, dass es nunmal ein Porno ist und nicht “real”. Ist halt mal ne Abwechslung!

    • 1. April 2010 um 01:13 Uhr
    • Ninannn
  8. 104.

    Langfristig wäre es aber schon klüger sich der tatsache zu stellen und nicht aus dem weg zu gehen.
    Es ist gibt ein paar unschöne wahrheiten.
    Es könnte nämlich sein, du bist einfach ein grottenschlechter liebhaber, gerade wegen des porno-wissens und deine frau ist froh, dich los zu sein :/

    oder sie hat unglaublich viel zu tun und fällt immer müde ins bett und du hilfst ihr nicht genug. Es gibt umfragen, die bestätigen, dass frauen sich oft im alltag allein gelassen fühlen und dann keinen lust auf sex haben.

    • 16. April 2010 um 12:00 Uhr
    • fio
  9. Kommentare sind geschlossen.