Man muss ja nicht immer reden

Sexshops für Frauen? Vergiss es!

Von 17. März 2010 um 11:49 Uhr

Fiel bei der weiblichen Kundschaft durch: der Erotik-Shop "Mae B.", den Beate Uhse 2004 in Deutschland eröffnete Foto: Kay Nietfeld/dpa

Es gibt nichts, das die Wissenschaft nicht erforscht.

Richard Tewksbury von der University of Louisville und Richard McCleary von der University of Irvine zum Beispiel haben über zwei Jahre lang die Besucher von 33 Sexshops in drei kalifornischen Counties gezählt und ausgewertet. Vor allem interessierte den Professor für Rechtspflege und den Sozialökologen, ob Kollegen, die vor wenigen Jahren etwas Ähnliches gemacht hatten, auf ein realistisches Ergebnis gekommen waren.

Die hatten nämlich bei ihren Zählungen festgestellt, dass die Hälfte aller Besucher zweier beobachteter Sexshops Frauen waren. Ein Ergebnis, das in der heutigen Zeit, wo die Standard-TV-Szene “Zwei Freundinnen gehen gemeinsam Sexspielzeug kaufen” schon ins Abendprogramm Einzug gehalten hat, durchaus realistisch klang. Vielleicht überraschend aufgrund der Eindeutigkeit, aber wer wollte das damals (2007) anzweifeln?


Zur Sicherheit: Wir sprechen hier ausschließlich von in den USA durchgeführten Studien.

Tewksbury und McCleary gingen das Ganze mit männlicher Gründlichkeit an. Sie beobachteten, wie gesagt, nicht nur zwei, sondern 33 Shops. Und sie führten ihre Zählungen nicht ausschließlich an Freitagen und Samstagen durch, wie das ihre Vorgänger taten.

Und prompt kamen sie zu reichlich unterschiedlichen Ergebnissen: 83 Prozent der Kunden waren Männer, entsprechend 17 Prozent Frauen. Die Männer kamen zu 75,6 Prozent allein, während die Frauen zu 86,9 Prozent entweder in Gruppen, mit einem Freund oder ihrem Partner shoppen gingen. Die Geschlechtergleichheit aus den früheren Studien stimmte an den Wochenenden sehr wohl überein. Frauen scheinen den Sexshopbesuch also eher als Freizeitvergnügen denn als Mittel zum Zweck des Erwerbs von Toys zu sehen.

Die Autoren untersuchten allerdings auch, welche Kriterien Frauen eher dazu veranlassen, ein Geschäft dem anderen vorzuziehen. Sie gingen tendenziell lieber in Geschäfte mit höherem Kundenaufkommen (ich weiß, ich hätte auch -verkehr schreiben können …) und in jene, an deren Eingang ein Wachmann stand. Sie mieden allerdings eindeutig und “statistisch signifikant”, wie es in wissenschaftlichen Studien heißt, solche mit Videokabinen.

Im Gegensatz zu Männern: Wenn die in Gruppen kamen, dann meistens, nachdem die Bars in der Umgebung geschlossen hatten (ah, wunderbares Rund-um-die-Uhr-Shopping!). Und sie bevorzugten Geschäfte mit Videokabinen.

Das Überraschende an Tewksburys und McClearys Untersuchung ist allerdings, dass Frauen Geschäfte mit männlichem Verkaufspersonal bevorzugten, und zwar genauso eindeutig wie jene ohne Videokabinen.

Frauen lassen sich also nicht gern von anderen Frauen beim Kauf von Sexspielzeug beobachten oder beraten?

In der Studie heißt es: “Im Prinzip soll die Anwesenheit von weiblichen Angestellten den Frauen signalisieren, dass sie hier willkommen sind und nicht befürchten müssen, von männlichen Kunden angesprochen zu werden. Die Zahlen widersprechen dieser Erwartung allerdings.”

Im ersten Moment hat mich das an den Versuch des Erotikkonzerns Beate Uhse erinnert, der im Jahr 2004 die ersten Shops seines Ablegers Mae B. eröffnete. Mae B. richtete sich gezielt an Frauen, war bewusst so unschmuddelig wie möglich eingerichtet (aber vielleicht auch ein bisschen zu plüschig) und wollte ein stilvoller Sexshop sein.

2007 gab der Konzern bekannt, dass die (wenigen) vorhandenen Geschäfte geschlossen werden. Funktionierte einfach nicht. Ob es an den weiblichen Angestellten lag (allerdings arbeiten auch in “normalen” Beate-Uhse-Shops hauptsächlich Verkäuferinnen) oder an der Einrichtung oder am Timing – im Zeitalter der diskreten Online-Shops werden wir es wohl nie erfahren.

Leider hat sich bei Richard Tewksbury seit Veröffentlichung der Studie niemand mit einem Erklärungsvorschlag für dieses Phänomen gemeldet.

Sind Frauen einfach fauler als Männer und lassen sich ihre Einkäufe lieber per Post nach Hause liefern? Aber würde es sich nicht gerade für solch körpernahe Produkte empfehlen, sie vor dem Kauf auch einmal aus der Nähe gesehen und in der Hand gehalten zu haben? (Wenn das schon eindeutig für unpersönliche Geräte wie einen Miniofen gilt, dem man seine klapprige Verarbeitung auf dem Bild im Internet eindeutig nicht ansehen konnte. Aber auch das ist eine ganz andere Geschichte.)

Vielleicht wollen Frauen beim Kauf von Sextoys lieber Party machen (und dabei eventuelle Spuren von Unsicherheit überspielen). Eine meiner Bekannten hat jedenfalls von ihrem wunderbaren Erotikladen vor einigen Jahren zu tupperware-ähnlichen Verkaufspartys gewechselt. Wo die Kundinnen allerdings wiederum von einer Frau beraten und im Kreise anderer Frauen ihre Käufe tätigen. Was Tewksburys Beobachtung widerspricht.

Sind Frauen trotz aller Sex-and-the-City-Aufgeschlossenheit doch noch nicht so weit, sich in Sexshops einfach zu holen, was sie gern hätten? Männer schaffen das ja auch – und noch extremer. Wer aus einer Videokabine rauskommt, hat sich mit ziemlicher Sicherheit dort gerade einen runtergeholt. Was sich wiederum jeder denken kann, der ihn dort rauskommen sieht.

Oder sind Sexshops einfach genauso kein Geschäftszweig für Frauen wie, sagen wir, der gute Rasierpinselfachhandel? Und sollte man das einfach – es gibt ja wahrlich Schlimmeres – akzeptieren?

Auch wenn man Sexshops nun nicht wirklich zur Grundversorgung zählen kann – interessant ist diese Diskrepanz im männlichen und weiblichen Verhalten sehr wohl. Aber vermutlich wird sich demnächst auch darum die Wissenschaft kümmern.

Leser-Kommentare
  1. 1.

    Bei den Dessous- und Toy-Parties von ENGEL9 http://www.ENGEL9.de ist es meistens so, dass sich beim ersten Mal nur Frauen zu so einer Party zusammenfinden, dann aber meistens der Wunsch nach einer Pärchenparty kommt. Offensichtlich sind Frauen sehr wohl bereit auch mit dem Partner und in Gesellschaft über Dessous und Toys zu sprechen, wenn Sie sich sicher sein können, dass alles wirklich seriös ist. Und die Bestellungen können dann ja ohnehin ganz diskret bei der Beraterin oder dem Berater(!) – ja die gibt es bei ENGEL9 auch – gemacht werden.

    • 17. März 2010 um 12:22 Uhr
    • Gina
  2. 2.

    Eines haben die Statistiker bei der ganzen Sache vergessen: Ja, Frauen geben in der Regel weniger Geld für Sex und allem was dazu gehört aus. Aber: Die Frauen sind es die auswählen und schicken die Männer zum Kauf. Daher ist die Zielrichtung an Frauen sehr wohl wichtig. Das zeigen auch die enormen Zuwächse der Internetportale für Frauen, die sich mit Erotik befassen.

  3. 3.

    “Das ist Männersache” sagt meine sex-positive, anarcho-feministische Freundin wenn ich ihr vorschlage, sich doch bitte auch mal um Sextoys zu bemühen. Im günstigsten Fall kommt sie noch mit ins Geschäft, aber sie würde nie allein gehen oder eine Bestellung im Internet aufgeben. Aus meinem Bekanntenkreis kenne ich eigentlich nur ähnliches Verhalten. Es hat den Anschein, dass Frauen ihren Männern immer noch eine geschlechtsspezifische Scheinkompetenz im Bereich Sex(shop) zugestehen.

    Ganz so wie bei Autos und Computern verlassen Frauen sich drauf, dass mit dem kleinen y ein grosses Wissen über alles einhergeht, was typisch männlich ist. Und typisch männlich waren vor einigen Jahren noch schmierige Betriebssysteme zu installieren, unter schmierigen Autos zu liegen und in schmierige Sexshops gehen.

    Wenn den Damen erst mal klar wird, dass kaum noch ein Mann sein Auto aufbockt, das iPhone ganz ohne wildes Formatieren der Festplatte auskommt und Männer auch nicht mehr in der Videokabine sozialisiert werden, dann werden eines Tages Frauen ihre Männer mit taschenlampenförmigen Masturbatoren genaus so beschenken wie sie einst selbst mit vibrierenden Maulwürfen beschenkt wurden.

    • 17. März 2010 um 13:51 Uhr
    • Barbarossa
  4. 4.

    Ich bin 24, weiblich und finde Sex-Shops auch so etwas von ungeil. Das Ambiente stimmt einfach hinten und vorne nicht. Da ich aus der Schwarzen Szene komme, ist die Musik am Eingang total abtörnend. Letztens bin ich mal in Köln an einem Sex-Shop vorbeigelaufen – lief da doch glatt irgendetwas von Söhne Mannheims oder sowas. Ich bin schnell vorbeigelaufen, damit man mich nicht lachend vom Bürgersteig hätte kratzen müssen. Und natürlich ist die Beschallung in allen Läden, in denen ich bis jetzt war, viel zu laut.
    Die Schaufensterdekoration ist auch alles andere als Ansprechend. Warum lassen die einfach nicht mal die Plakate mit den silikongeschädigten Blondinen weg? Das wäre meines Erachtens eine Verbesserung.
    Innen geht das alles dann weiter: Die Musik ist nach wie vor zu laut (und natürlich falsch – da wäre selbst Scooter eine eindeutige Qualitätsverbesserung). Und innen finde ich zu dunkel. Man kann gar nicht richtig das Warenangebot sehen. Zumal es alles andere als übersichtlich präsentiert wird: Zu viel, zu durcheinander, zu viel Mist den sowieso niemand braucht. Und von dem ich auch nicht weiß, was ich damit anfangen soll.
    Aber entgegen des Ergebnisses muss ich sagen, dass es mir relativ egal ist, ob dort Männlein oder Weiblein verkauft.

    Deshalb gehe ich nur in solche Läden, wenn ich von irgendwelchen Leuten mal wieder dort hingeschliffen werde.

    • 17. März 2010 um 13:58 Uhr
    • VMK
  5. 5.

    Ganz eindeutig ist das ja meistens nicht einzuordnen, mit der Wäsche.
    Sextoys sind vielleicht eher was das nur im Sexshop ganz unverholen verkauft wird, aber Wäsche wird da eigentlich nur zum ausziehen verkauft.
    Ich bin zwar Solist aber, kein Durchgängiger und mit Wäsche suchen auch schon befasst gewesen. Da war ehrlich gesagt die Kaufhausabteilung wesentlich besser, mit ganz wenigen Ausnahmen vielleicht, die dann wiederum mehr Spielerei waren. Von der Qualität der Verarbeitung mal abgesehen, das Angebot ist einfach zu klein, und wenn es wie das Beispiel “Mae B.” zeigt etwas ganz anderes wird ist das auch nicht der Hit. Es sind also nicht alle Klischees aus der Luft gegriffen.

    Wie Frauenfußball eben ein Lesbensport ist. Da beißt die Maus kein Faden ab. Das macht es für Männer wesentlich unatraktiver zuzusehen. Mensche haben nun mal Erkennungsmuster im Kopf.

    Wie die Studie wohl ergeben hat, kaufen Frauen so ein, wie sie eben immer einkaufen. Männer die aus Videokabinen kommen, werden mit hoher Wahrscheinlichkeit für jemand gehalten der sich gerade eben einen runtergeholt hat. Männer die nicht ausder kabine kommen für jemanden der das nicht so zeitnah getan hat und bei Frauen ebenso. Mit ziemlicher Sicherheit. Es kommt halt immer drauf an was man denkt wenn man was denkt, und das, auf das bezieht was man sieht.

    Was ich aber total blöd finde, ist die traurige Tatsache das man genauso Sch…. an den Anfang des Blocks kommt, wie bei der alten Gestaltung von Zeit-Online.

  6. 6.

    Die einfache Lösung, auf die Männer einfach nicht kommen ist die: Für Frauen ist Sex, was eine Maniküre für Männer ist: im besten Fall ganz nett, man kommt aber auch gut ohne aus. Jahrzehntelang, ohne Kompensationstätigkeiten und ohne das Gefühl, daß einem was fehlt, ganz zu schweigen von irgendeinem “Druck”. Genausogut könnte man fragen, wieso Tupperparties extra für Männer kein Erfolgsmodell sind.

    • 17. März 2010 um 15:25 Uhr
    • Shanafi
  7. 7.

    Die alten Vorurteile lese ich im vorigen Beitrag Shanati. Es mag prüde Frauen geben, aber es gibt auch leidenschaftliche. Wenn wir ehrlich sind, genießen keusche Frauen höheres Ansehen als solche, die Affären haben. Kommt dieses überholte Denken von Frauen oder von Männern?

    • 17. März 2010 um 15:50 Uhr
    • Pia
  8. 8.

    @ Shanafi

    So wird es wohl sein. da haben doch vor Jahrzehnten bereits aufmerksame Leute festgestellt, das zB. die primären Geschlechtsorgane beim Man außen liegen und bei mechanische Stimulation wesentlich erregtiler sind als bei Frauen, die sozusagen ein augeprägtes sexuelles Innenleben haben, das wesentlich weniger mechanische Stimulation braucht um in etwa die gleiche Befriedigung zu erlangen wie der Mann.

    Wie auffällig die Natur doch ist, wenn man hinschaut.

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