Man muss ja nicht immer reden

Und wieder kein “rosa Viagra”!

Von 22. Juni 2010 um 14:15 Uhr

Die Suche nach dem “rosa Viagra” hat einen erneuten Rückschlag erlitten. Vergangenen Freitag wurde der Zulassungsantrag des Pharmaunternehmens Boehringer Ingelheim für sein Medikament Flibanserin von der amerikanischen Behörde U.S. Food and Drug Administration (FDA) abgelehnt. Die Entscheidung kam nicht unerwartet. Schon in den Tagen zuvor veröffentlichte die FDA Material, das Boehringer Ingelheim nicht viel Hoffnung machen konnte.

Wie von Neuroskeptic und Dr. Petra Boynton kurz zusammengefasst, scheiterte der Antrag im Grunde daran, dass in den Studien, die vom Hersteller im Vorfeld einer Zulassung durchgeführt werden müssen, nicht wirklich bewiesen werden konnte, dass Flibanserin tatsächlich gegen die ominöse HSDD (Hypoactive Sexual Desire Disorder – auf deutsch: zu wenig Lust) bei Frauen hilft. Flibanserin ermöglichte den Testpersonen 4,5 “sexuell befriedigende Begegnungen” pro Monat, während ein wirkstofffreies Placebo 3,7 Begegnungen ergab.

Dafür berichteten die Probandinnen über Nebenwirkungen wie Schläfrigkeit, Benommenheit, Angstgefühle.

Im Gegensatz zu Viagra, dem nicht versiegen wollenden Füllhorn der Pharmaindustrie, sollte Flibanserin nicht auf die weiblichen Genitalien wirken, sondern die Gehirnchemie beeinflussen. Eine Erhöhung der Dopamin- und Noradrenalin-Spiegel sollte in Kombination mit einer Senkung des Serotonin-Levels zu einer gesteigerten Libido führen. Laut New York Times könnte ein solches Medikament allein in den USA zwei Milliarden US-Dollar Umsatz erzielen.

Vermutlich werden wir deshalb noch lange von weiblichen Viagras und ähnlichen Schwachsinnigkeiten hören. Es steht einfach zu viel Geld auf dem Spiel. Und deshalb wird HSDD weiterhin als ernsthafte Störung bezeichnet werden. Nur eigenartig, dass auffällig viele Sexualtherapeuten dagegen ankämpfen und jetzt auch froh sind, dass Flibanserin nicht für den Markt zugelassen werden wird.

Um es genauer zu formulieren: viele Sexualtherapeuten, die nicht mit Boehringer Ingelheim zusammenarbeiten.

Berit Brockhausen zum Beispiel, eine Berliner Therapeutin, die sagt: “Mich ärgert, dass durch die Medikalisierung das schon lange wiederlegte Triebkesselmodell der Lust erneut Nahrung bekommt. Es impliziert, dass jeder und vor allem jede, die nicht spontan geil ist, einen Defekt hat, der medikamentös ausgeglichen werden kann und muss. Doch die Lust auf Sex entsteht nicht von selbst, sondern durch die Beschäftigung mit Sex. Sei es durch einen anregenden Anblick, vergnügliche Fantasien oder Gedanken an Sex, oder auch stimulierende Berührungen, die genossen werden können.”

Wer also den ganzen Tag arbeitet und/oder Kinder betreut oder einfach sonst mehr als ausreichend beschäftigt ist, hat am Abend eher verständlicherweise nicht automatisch Lust auf Sex, sondern vielleicht eher Lust auf Ruhe. Das passiert sogar Männern! Doch gerade Frauen haben oft im Hinterkopf, dass sie ihrem Mann ja auch noch als Geliebte zur Verfügung stehen müssen und setzen sich dann selbst unter Druck, wenn sie merken, dass sie einfach gerade keinen Bock auf Sex haben.

Frauen seien dann gern mit Selbstzweifeln und Ansprüchen beschäftigt, sagt Berit Brockhausen: “Wieso macht mich das jetzt nicht an, ich müsste das doch erotisch finden, alle anderen finden das geil, nur bei mir ist mal wieder gar nichts, er wird sicher enttäuscht sein, aber ich kann ihm doch nichts vorspielen, oder vielleicht doch? Aber …”

Oft würden sich die Partner auch einfach in unterschiedlichen “Aufladungsstadien” treffen, hat Brockhausen beobachtet: “Er hat sich möglicherweise schon den ganzen Nachmittag ausgemalt, wie sie den Abend verbringen können – dann scheitert die lustvolle Begegnung der beiden nicht an ihrer fehlenden Lust, sondern daran, dass sie glaubt, sie müsste genauso bereit sein wie er. Und weil das nicht so ist, sagt sie Nein. Dabei ist noch nicht vorhandene Lust kein Grund, sich nicht auf einen erotischen Kontakt einzulassen. Im Gegenteil: Alles, was es braucht, ist die Lust herauszufinden, ob in einem genussvollen Körperkontakt auch erotische Lust entstehen mag.”

Oder wie man auch sagen könnte: Mit dem Essen kommt manchmal der Appetit. Und man wirft ja schließlich auch keine Pille ein, um Hunger zu bekommen.

Was also normal und verständlich ist, wird dann schnell zu einem Problem, das oft mit einer offenen Aussprache geregelt werden könnte. Stattdessen ist aus dem Problem mittlerweile eine Störung mit schicker Abkürzung geworden, für die man eine einfach einzuwerfende Pille sucht, anstatt die Gründe zu suchen, die für die Nicht-Lust verantwortlich sein könnten.

Hin und wieder könnte es einfach eine normale Reaktion darauf sein, mit einem Partner schon lange zusammen zu sein. Die Anthropologin Helen Fisher meinte einmal sinngemäß, man solle ihr einmal eine Frau zeigen, die, sobald sie sich neu verliebt, nicht sofort wieder Lust auf Sex habe. Dann ist die Störung also wundersamerweise von einem Tag auf den nächsten geheilt?

Es ist gut, dass die FDA Flibanserin nicht zugelassen hat. Es steht allerdings zu befürchten, dass damit die Suche nach dem “rosa Viagra” noch längst nicht beendet ist. Weiterhin wird Frauen eingeredet werden, dass sie sexuell zu funktionieren haben, pardon, dass sie ein Problem haben, wenn sie keine Lust mehr auf ihren Partner verspüren.

Dies kann, zugegeben, sicher problematisch für eine Beziehung werden. Aber all jene, die jetzt wieder auf den Leidensdruck dieser Frauen verweisen, der mit einer Pille behoben werden könnte, sollen doch bitte einfach kurz überlegen, ob man Frauen damit nicht auch ein bisschen zu sexuell ordnungsgemäß funktionierenden Robotern macht. Will ein Mann tatsächlich eine Partnerin, die nur dank einer Pille Lust auf ihn hat? Hat eine Frau, die keine Lust auf ihren Mann hat, tatsächlich selbst ein Problem oder glaubt sie sozusagen ihrem Mann zuliebe ein Problem zu haben?

Berit Brockhausen bezweifelt jedenfalls, dass Flibanserin oder alle sicher noch kommenden Wundermittel “dem größten Teil der Frauen, denen es angedient wird, überhaupt nutzen würde. Selbstvertrauen, Gelassenheit und eine gesunde kritische Distanz zu den gängigen Sexnormen wären eindeutig wirksamer!”

In diesem Sinne warten wir nun also ab, welche Sau als nächste durchs Pharmadorf getrieben werden wird. Zwei Milliarden US-Dollar sind leider ein zu großer Anreiz, dieses Thema endlich fallen zu lassen.

Kategorien: Über Frauen
Leser-Kommentare
  1. 9.

    @Leonas3

    “Wenn es nicht den Wunsch Betroffener gäbe, dass so ein Mittel auf den Markt kommt, dann würde es bestimmt nicht entwickelt.”

    HAHAHA :-D Das ist jetzt aber nicht ernstgemeint, oder??

    Man beachte bitte die Nuance zwischen dem “Wunsch Betroffener”, der zur Vermarktung eines Produkts führt, und dem “Markt”, den es für ein Produkt gibt bzw. den man als cleveres Marketingunternehmen schafft, indem man dem Zielpublikum suggeriert, es habe eben einen solchen Wunsch und das Marketingunternehmen bzw der Hersteller besitze das dazu passende Allheilmittel…
    Ich zitiere an dieser Stelle die immer wieder gern bemühten Beispiele “schwarze Slipeinlagen” oder das “Pearl&Beauty”-Deo, das rasierte Achseln schöner machen soll – beides Erfindungen, die ebenfalls einzig und allein auf den verzweifelten Hilferuf der “Betroffenen” geantwortet haben… ;-)
    Aber mal im Ernst: Sicher gibt es vielleicht Frauen, die eine medizinisch “nachweisbare” Luststörung haben. Dennoch stimme ich der Autorin zu: Das hier angesprochene Medikament zielt auf ein *sehr* viel breiteres Publikum ab, und in der Tat in einer für unsere Gesellschaft typischen Art und Weise: (Realitätsferne?) Anspruchshaltung in Bezug auf “Funktionieren” –> Unfähigkeit zur Anspruchserfüllung –> Suche nach unaufwendiger Ruck-Zuck-Lösung.
    Kopfschmerzen? Schmerztablette! Durchfall? Immodium und ähnliches. Verstopfung? Abführmittel! Übergewicht? Appetitzügler. Obst essen für Vitaminzufuhr? Nee, Vitamintabletten! Und so weiter…

    Und wer definiert eigentlich, wieviel Lust auf Sex mann/frau haben muss…? Herzlich Willkommen in der “was ist eigentlich ‘normal’”-Debatte ;-)

    • 23. Juni 2010 um 11:41 Uhr
    • abeillle
  2. 10.

    Der Artikel ist sehr gut, was auch die wie ich finde, sehr differenzierten Kommentare zeigen.

    Egal wie man dazu stehen mag, deutlich wird, dass Sexualitaet ein nicht geringes Manipulationspotential besitzt. Wer seine individuelle Freiheit als sexuelle Freiheit versteht, dem moegen Pillen und Therapeuten helfen, auch wenn diese Freiheit damit zum Zwang degeneriert.

    Den grundlegenden Widerspruch loest das aber nicht: Wer keine sexuelle Lust verspuert, leidet erst dann, wenn ihm suggeriert wird, dies sei pathologisch. Denn ein Mangel, den man nicht empfindet, loest auch keine psychische Dissonanz aus.

    Ich denke, sexuelle Erfuellung in der Partnerschaft hat auch mit dem Vertrauensverhaeltnis zu tun. Ein ueberforderter Partner ist nicht allein fuer seine Ueberforderung verantwortlich, sondern ist auch der jeweils spezifischen Partnerdynamik unterworfen. Also ist eine eventuelle psychische Dissonanz nicht das Ergebnis der Lustlosigkeit, sondern oftmals ihr Ausgangspunkt …

    • 23. Juni 2010 um 12:09 Uhr
    • Nikolaus
  3. 11.

    Es bleibt in der Tat zu hoffen, dass ein solches Produkt niemals auf den Markt kommt. Einzig geht es hier der Pharmaindustrie um Absatzmöglichkeiten. Eine Krankheit/ Störung wird gern erst “erfunden” um dann das entsprechende Mittel herstellen zu können. Geilheit dürfte wohl kaum planbar sein. Denken wir nur zurück an die “Kennlernphase”. Was haben wir uns alles einfallen lassen um Männlein oder auch Weiblein in die Kiste zu kriegen? Und dann, vielleicht Jahre später, alles eben nicht mehr so wie in den ersten Tagen, Wochen, Monaten oder auch Jahren. Liebe Mitmenschen, geben wir uns doch alle viel mehr Mühe, dann klappt es auch ohne “Pharmakeulen” wieder im Bett und vielleicht sogar mit den Nachbarn.

    Schönen Tach noch und … machen Sie es besser.

    • 23. Juni 2010 um 13:46 Uhr
    • Businessprofi
  4. 12.

    Statt Psychopharmaka vielleicht etwas mehr als ein 30-Sekunden-Vorspiel? Statt Tabletten vielleicht nicht direkt Sex nach dem Streit einfordern? Wer unter Lustlosigkeit leidet, leidet unter den Ansprüchen der Gesellschaft oder des Partner, vielleicht helfen den Anspruchstellern ja Tabletten. Eine Erektionsstörung ist damit niemals vergleichbar.

    • 23. Juni 2010 um 14:02 Uhr
    • Rockotrom
  5. 13.

    Ein schöner Artikel, der Probleme anspricht, die nicht marginalisiert werden sollten.
    Die Unlust-Problematik gibt es sowohl bei der Frau, wie auch beim Mann. Im zweiten Fall, ist es entweder Faulheit, oder der Mann fühlt sich durch seine Frau nicht ausreichend angeregt. Da lässt sich natürlich für Abhilfe sorgen.
    Sexuelle Unlust bei Frauen tritt häufig in zunehmendem Alter (über 40) auf und wird nicht selten durch die Hormonumstellung vor, während und nach der Menopause verursacht. Andere Gründe, wie Überlastung (Beruf, Familie) sind ebenfalls keine Seltenheit. In den meisten Fällen lässt sich sehr viel durch die richtige Kommunikation zwischen den Partnern erreichen. Haben sich beide in ihrem Umgang miteinander nicht (mehr) viel zu sagen, dann dürfte sich das auch auf die sexuelle Erwartung und Lust niederschlagen. Also, erst garnicht soweit kommen lassen!

    • 23. Juni 2010 um 14:43 Uhr
    • ngi
  6. 14.

    Wer keine sexuelle Lust verspuert, leidet erst dann, wenn ihm suggeriert wird, dies sei pathologisch. Denn ein Mangel, den man nicht empfindet, loest auch keine psychische Dissonanz aus.

    Das ist zu kurz gedacht. Ich kenne Frauen, die ihr Lustgefühl verloren haben und darunter leiden.

    Dessenungeachtet kenne ich auch Frauen, die sich durch Mittel wie diese in ihrer Asexualität pathologisiert fühlen. Die Materie ist eben nicht so einfach.

    • 23. Juni 2010 um 18:05 Uhr
    • Sonja
  7. 15.

    @ Leonas3:
    Sicher, bei denjenigen, die darunter reell leiden, wird die Verheißung einer solchen Pille Sehnsüchte wecken und damit die Nachfrage sichern.
    Die tiefer liegenden Probleme hinter dem “Problem” HSDD wurden im Artikel sehr schön genannt, die unrühmliche Rolle der lieben Pharma-Industrie nur etwas gestriffen: Leider bezahlt diese inzwischen immer höhere Beträge an Lobbyisten, um auf unauffällige Weise die öffentliche Meinung, schlimmer noch aber auch die öffentliche Wahrnehmung zu manipulieren – und zwar sowohl innerhalb der Fachkreise als auch in den Massenmedien.
    Beispiel ADHS:
    Das Syndrom an sich ist für alle wirklich Betroffenen eine echte Qual und der Leidensdruck aller Beteiligten hoch. Aber zum einen löst das hier übliche Medikament Ritalin das Problem nicht, sondern hilft den Kindern nur, in Zukunft besser in der Gesellschaft zu funktionieren. Ehemals Ritalin-Behandelte berichten über Gefühle der Fremdsteuerung, der Entfremdung von ihrem Innersten – nichts, was wirklich wünschenswert ist in meinen Augen.
    Was aber viel schlimmer ist: ADHS wird seit Jahren auch sehr hochgepusht, mit dem Ergebnis, daß viele Eltern, deren Kinder halt nicht wie gewünscht funktionieren (sondern z.B. einfach Bewegungsdrang haben) zum Arzt schleifen mit der Überzeugung, es habe ADHS. Wenn es ein qualifizierter Arzt ist, wird er die Verdachtsdiagnose gewissenhaft überprüfen – und meist feststellen, daß sie nicht zutrifft. Allerdings stellen auch viele Ärzte, die das gar nicht überblicken, mal eben die Diagnose ADHS – und die Namen solcher Ärzte werden in ADHS-Selbsthilfegruppen weitergereicht. Es wirkt ja nur wenig anrüchig, daß die Leiter eben solcher Selbsthilfegruppen (natürlich vollkommen selbstlos) von Pharma-Lobbyisten großzügig unterstützt werden bei ihrer Arbeit…
    Fazit: Die Pharma-Industrie stillt nicht nur Bedürfnisse – sie weckt sie auch gezielt, und das wird mit Sicherheit in den nächsten Jahren bei Thema HSDD zu beobachten sein. Mein Wort drauf – ich bin als Arzt regelmäßig mit diesen Leuten konfrontiert und muß gut aufpassen, daß ich mich nicht einwickeln lasse.

    • 23. Juni 2010 um 23:35 Uhr
    • Merhaba
  8. 16.

    Wieviel Lust soll ein Mensch haben? Soviel, daß der andere nicht wegläuft. Gilt für Männlein und Weiblein. Und ich glaube nicht, daß da Chemie jemals helfen kann. Der Markt von Charles Darwin ist wesentlich härter als der von Adam Smith.

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