Wir müssen reden. Über Nazis.

Hessen: Aussteiger sorgt für Unmut bei den Ex-Kameraden

Von 9. Dezember 2007 um 13:12 Uhr

Simon Zimmermann, JN-Chef und NPD-Landesvorstandsmitglied der hessischen NPD, ist aus der rechtsextremen Bewegung ausgestiegen. In einem Interview mit dem Hessischen Rundfunk berichtet der 21-Jährige, er habe Konzerte und Fahrten zu Konzerten organisiert, wo Musik gespielt wurde, die zu Gewalt gegen Ausländer aufruft. Weiterhin wollte Zimmermann nicht bei der Nazi-Verherrlichung mitwirken. Diese werde durch den hessischen NPD-Chef Marcel Wöll vorangetrieben, so Zimmermann. Wöll mache aus seiner Hitler-Verehrung keinen Hehl, heißt es in dem Bericht. Schließlich habe es offenen Streit um das Programm der NPD für die Landtagswahl gegeben. Dafür habe die NPD Teile des Parteiprogramms aus NSDAP übernommen. Auf internen Schulungen werde das NSDAP-Wahlprogramm diskutiert, so Zimmermann weiter. Außerdem warf er Wöll eine “exzessive Gewaltbereitschaft” vor. Interessant auch, was der Ex-JN-Chef zum Thema Meinungsfreiheit in der NPD sagt: Als Zimmermann anfing gegen den Kurs der NPD zu widersprechen, wurde er von Kameraden beleidigt.

Neben Zimmermann ist fast der gesamte Landesvorstand der JN-Hessen zurückgetreten. Damit marginalisiert sich die Partei in Hessen weiter. Zimmermann hatte vor zwei Jahren die bis dahin in Hessen kaum existierende Jugendorganisation reaktivieren können, schreibt redok zum Thema. Mit einem “4-Säulen-Konzept” wollte Zimmermann die JN Hessen auf Vordermann bringen. Dazu zählte er den “Kampf um die Dörfer”, den “Kampf um die Schulen”, die “Zusammenarbeit mit den Kameradschaften” und die “Intellektualisierung der Jugend”.

Drohungen gegen Aussteiger

In der Nazi-Szene sorgte Zimmermanns Ausstieg denn auch für verbitterte Reaktionen. In Reaktionen wurde abgestritten, dass der JN-Chef wichtig gewesen sei, außerdem wurden Drohungen ausgestoßen. Das “Aktionsbündnis Mittelhessen” verstieg sich zu der Behauptung, der Aussteiger habe zwar den Landesvorsitz der hessischen JN (Junge Nationaldemokraten) innegehabt, “jedoch sollte klar gestellt werden, dass er weder große Verantwortung noch jegliche Führungsposition sein eigenen nennen konnte”. Die Neonazis beenden ihre Mitteilung mit dem mehrdeutigen Satz: “Wann ausgestiegen wird, entscheiden wir!” Qed.

Wöll äußerte sich wie folgt: “Es ist schon reichlich anmaßend von Zimmermann, wenn er sich indirekt als quasi unverzichtbarer Aktivist geriert.” Wahr sei vielmehr, “daß er nach etlichen Monaten Beitragsrückstand und nachdem sich zeigte, daß er völlig unfähig ist, Ämter in NPD und JN zu bekleiden, unsererseits zum Verlassen von Partei und JN aufgefordert wurde. Dieser Aufforderung kam er auch nach und weder die hessische NPD, noch die Jungen Nationaldemokraten haben Herrn Zimmermann bisher auch nur eine Träne nachgeweint.” Außerdem drohte Wöll juristische Schritte an, eine in rechtsextremen Kreisen beliebten Vorgehensweise, um die eigene Entschlossenheit zu demonstrieren. Allerdings folgen in den wenigsten Fällen tatsächlich irgendwelche konkreten Schritte.

Rückschläge in Serie

Nachdem Wöll durch seine rechtsextremes Nachrichtenprojekt im Internet zunächst einen Erfolg feiern konnte, läuft es seitdem eher schlecht für den NPD-Landeschef: Anzeigen, Demonstrationen mit wenigen Teilnehmern, Debatten um seine Gewaltbereitschaft, interne Kritik am NPD-Wahlkampf. Die NPD-Bundespartei glaubt sowieso nicht an einen Erfolg bei der Landtagswahl in Hessen und mobilisiert ihre Kräfte nach Niedersachsen, wo es aber auch nicht sehr rosig für die Rechtsextremisten aussieht.

Kategorien: Hessen
Leser-Kommentare
  1. 1.

    Irgendwie riecht das für mich ganz ganz stark nach Verfassungsschutz! Pünktlich und gut getimed vor den Landtagswahlen verlässt ein hochrangiger Nazikader (wie auf Kommando des V-Mann-Führers) die NPD, gibt bereitwillig Interviews in denen er über seine ehemaligen Kumpanen herzieht und kolportiert auch sonst jedes Klischée, das einen braven (aber möglicherweise unzufriedenen) Spießer von der (Protest-)Wahl dieser Partei abschrecken könnte.

    Auch bei uns in der Linken gibt es mal Zoff, Streit und (leider manchmal auch) Trennungen im Zorn; aber sowas wie in diesem Fall kann ich mir beim besten Willen nicht als bloßen Zufall vorstellen.

    Jemand der jahrelang jeden rassistischen Scheiß mitgemacht und gedeckt – vielleicht sogar selbst organisiert – hat, findet genau diesen Mist nun, wenige Stunden nach seinem Parteiaustritt, widerlich, abstoßend und verabscheuenswert und prangert ihn öffentlich an?!! – Wer’s glaubt…

    Meine Vermutung ist, dass der Herr Ministerpräsident Koch Angst um mögliche Stimmenverluste nach rechtsaussen hat, die angesichts der knappen Umfragen seine Wiederwahl gefährden könnten. Da würde mich eine dezente Anweisung an seinen Verfassungsschutzpräsidenten “was gegen mögliche Stimmen für die NPD zu unternehmen” nicht sonderlich wundern.

    Macht und Machterhalt sind und waren immer ein schmutziges Geschäft!

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    • 9. Dezember 2007 um 14:21 Uhr
    • Parviz
  2. 2.

    “…jedes Klischée, das einen braven (aber möglicherweise unzufriedenen) Spießer von der (Protest-)Wahl dieser Partei abschrecken könnte.”

    Naja, es ist ja nicht gerade so, dass die NPD bislang einen sonderlich überzeugenden Wahlkampf geboten hätte… Und was ist mit den anderen JN-Vorstandsmitgliedern, die zurückgetreten sind?

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  3. 3.

    Oja, Parviz. Das war bestimmt die jüdisch-bolschwestische Weltverschwörung des Finanzjedentums von der Ostküste…… Spinner.

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    • 10. Dezember 2007 um 06:48 Uhr
    • Meth
  4. 4.

    Was auch bemerkenswert ist, seit 2 Wochen ist in Wetzlar (Mittelhessen) kein NPD Infostand mehr zu finden. Ob die armen Zutts wohl auch eingesehen haben, dass sie viel weniger sind?

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    • 10. Dezember 2007 um 10:02 Uhr
    • Daniel
  5. 5.

    hier stellt sich wohl die grundlegende frage: können nazis überhaupt “bekehrt” werden? und wenn ja, wie?

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    • 10. Dezember 2007 um 10:33 Uhr
    • Sven N.
  6. 6.

    Wieso wird eigentlich immer behauptet man könne aus der NPD nicht aussteigen ohne Probleme zu bekommen? Die NPD ist eine demokratische Partei wie jede andere auch, sonst wäre sie längst verboten! ihr kleingeistigen büttel!
    @ meth

    jaja is klar medienmanipulation gibt es garnicht richtig? Ist ja auch zu schön die dort aufgebaute schwarz/weiss Fasade. Ich erinnere mal an die Glatzen mit NSDAP aufkleber jetzt das und es kommt sicher noch mehr. Ganz zufällig 2 monate vor der Wahl! Zufall?

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    • 10. Dezember 2007 um 16:44 Uhr
    • Bongo Otto
  7. 7.

    sag mal, bongo otto, hast du den text gelesen? da steht ja drin, dass jemand, der aus der npd austritt probleme bekommt…und: die npd ist (noch) nicht verboten, weil das erste verfahren gegen sie eingestellt wurde- dabei ging es aber um verfahrensfehler und nicht um inhalte…tja..

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    • 10. Dezember 2007 um 17:10 Uhr
    • ich nu wieder
  8. 8.

    @bongo otto: soll ich mich jetz bei “kleingeistigen kleinbütteln” beleidigt fühlen? putzig^^

    dass die NPD eine demokratische Partei sein soll, ist mir neu…

    ich glaube eher, dass du selber in schwarz/weiß denkst, natürlich werden die medien manipuliert, dahinter aber eine weltweite verschwörung zu sehen ist einfach nur paranoid. und ich wage zu bezweifeln, dass ausgerechnet die nazis alles durchschaut haben und die wahrheit für sich gepachtet haben…

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    • 10. Dezember 2007 um 18:26 Uhr
    • Sven N.
  9. Kommentar zum Thema

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