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„Nö, stört uns nicht…“

 

Dieses Weblog ist die eine Säule der Kampagne, die andere ist der ´Störungsmelder on tour´. Konkret bedeutet das, dass wir zusätzlich zum Internetauftritt auch „raus“, sprich an Schulen gehen, um vor Ort zu erfahren, wie die Neonazis sich organisieren und wie groß ihre Definitionsmacht ist. Wir versuchen, mit den Schülern Strategien zu entwickeln, wie man dem Treiben Einhalt gebieten kann. Letzte Woche stand unser erster Schulbesuch an. Er sollte eher den Charakter einer Pilotveranstaltung haben, mittels derer wir das Programm für die folgenden Tourstopps festzurren wollten. Daher war es auch unsere bewusste Entscheidung, zunächst ohne großen Presserummel an eine Schule zu gehen, die kein konkretes Neonaziproblem hat. Es galt rauszufinden, ob unser Konzept schlüssig ist. Grob sieht das so aus, dass ein Prominenter zusammen mit Leuten, die sich professionell mit dem Thema Rechtsextremismus auseinandersetzen, an Schulen geht und eine offene Diskussion und eine Art Workshop abhält. Wir taten dies in Hennigsdorf in Brandenburg.

Die Stadt zählt etwa 26.000 Einwohner. Vor und während des Krieges sowie zu DDR-Zeiten war Hennigsdorf ein wichtiger Industriestandort, noch heute gibt es dort ein großes Lokomotivwerk.Wenn man nach Hennigsdorf rein fährt, denkt man nicht unbedingt, und da trete ich auch wohl niemanden zunahe, dass dies der schönste Ort der Welt ist. Das Stadtbild wird weitestgehend beherrscht von Nachkriegs-Mietskasernen. Nur vereinzelt sieht man ältere Gebäude. Aber klar, im Krieg wurde hier einiges platt gemacht, insofern ist es eh schon positiv, wenn einem auch das Attribut „beschaulich“ in den Sinn kommt. Dennoch sind wir natürlich nicht dorthin gefahren, um einen netten Spaziergang an der Havel zu machen, sondern uns darüber zu informieren, was die Neonazis da so treiben.

Auf dem Weg zur Schule sticht einem sofort ein Indiz für braune Präsenz ins Auge. An einer Straßenecke am Rande des Zentrums von Hennigsdorf befindet sich der Laden ´On The Streets´. Seit einigen Jahren werden dort Produkte vertickt, die eindeutig der rechten Szene zuzuordnen sind, unter anderem Klamotten der einschlägig bekannten Marken sowie CDs ebenso einschlägig bekannter Nazi-Bands. Hinter dem Geschäft steht eine zentrale Figur der Rechtsrockszene: Alexander Gast, der Frontmann der Gruppe ´Spreegeschwader´. Einer Band, die nicht nur im Vorprogramm der inzwischen verbotenen ´Landser´ spielte, sondern auch eine Live-DVD aufnahm, die bei einem Konzert des NPD-Landesverbandes Sachsen entstand. Im Zusammenhang mit dem Strafbestand der Volksverhetzung gab es 2004 auch eine Hausdurchsuchung bei ´On The Streets´, im Zuge derer drei Kartons mit verbotenen CDs beschlagnahmt wurden. Unstrittig ist, dass Gasts Laden ein Treffpunkt für Neonazis aus Hennigsdorf und Umgebung ist. Zur Stammkundschaft zählten angeblich auch Mitglieder der Kameradschaft ´Freikorps´ aus Falkensee. Die Organisation wurde mittlerweile als terroristische Vereinigung eingestuft und verboten, nachdem man ihr unter anderem etwa zehn Brandanschläge auf von Migranten betriebene Imbisse im Osthavelland nachweisen konnte.

Aktuell ist der Laden in zweierlei Hinsicht zusätzlich problematisch: Zum einen besuchen ´On The Streets´ immer wieder mal unpolitische Jugendliche, die in Ermangelung anderer Freizeitaktivitäten somit Gefahr laufen, in die rechte Szene zu geraten. Zum anderen liegt der Laden genau auf dem Weg vom Asylbewerberheim Stolpe-Süd ins Stadtzentrum. Nicht selten kommt es deswegen zu rassistischen Pöbeleien und Übergriffen auf Ausländer. Ein anderes Mal geriet Hennigsdorf im Juli dieses Jahres regional in die Schlagzeilen. Linke Jugendliche besetzten ein Haus, um es als alternativen Jugendtreff für sich zu beanspruchen. Am späten Abend wurde das Haus von einer größeren Gruppe gewaltbereiter Neonazis angegriffen. Nach einem halbstündigen Scharmützel zogen diese sich einigermaßen überraschend zurück. Tags darauf wurde das Gebäude von der Polizei geräumt.

Die Rechten sind also präsent in Hennigsdorf. Wie präsent sie im Alltag sind, galt es an der Schule herauszufinden. Vor uns, also meiner Wenigkeit sowie meinen zwei Begleiterinnen von ´Gesicht zeigen!´, saßen zehn Jugendliche im Alter zwischen 16 und 17 Jahren. Sehr schnell stellte sich heraus, dass jeder im Kurs Neonazis aus dem Ort persönlich kennt und/oder schon mal mit ihnen zu tun hatte, und dies auf teilweise erschreckend unspektakuläre/banale/normale Weise. Einer ist mit zwei Faschos im Boxclub. Tenor: „Wegen mir können die ruhig da boxen. Sind ganz nette Typen, außer dass sie halt Nazis sind. Aber mir tun sie ja nichts.“ Ein anderer spielt mit ihnen Fußball. Weil gerade keine anderen Gegner auf dem Bolzplatz waren, wird halt mit Nazis gekickt. Die Springerstiefel mit den weißen Schnürsenkeln stehen am Spielfeldrand. „Unsere politische Einstellung stört euch doch nicht…“ „Nö, ist ja egal, gegen wen man spielt.“ Einer der ehemals besten Freunde eines Schülers ist mittlerweile überzeugter Rechter. „Ich hab ihm gesagt, dass ich das scheiße finde. Hin und wieder treffen wir uns noch. Es stört ihn nicht, dass ich seine Ansichten nicht teile.“ Der Punk-Freund einer Schülerin wird verprügelt, und auch während des alljährlichen Hennigsdorfer Stadtfestes ist es am späteren Abend mittlerweile eine unschöne Tradition, dass Rechte auf Punks losgehen. Die Lehrkraft des Kurses befürchtet massive Beschädigungen an ihrem Fahrzeug, sollte sie sich zu offensiv gegen Rechts engagieren.

Ich kann all diesen Hennigsdorfern nur schwerlich einen Vorwurf machen. Mit Blick auf ihre individuelle Lebenssituation und die unmittelbaren Umstände in ihrer Stadt ist ihr Verhalten teilweise sogar nachvollziehbar. Sie sind nahezu täglich mit Rechten konfrontiert, kennen sie persönlich, und offenbar ist bei jedem Einzelnen der Drang, ungeschoren davon zu kommen, wesentlich größer als jener, etwas zu unternehmen. Und genau da liegt das Problem, das Hennigsdorf mit vielen anderen Gemeinden teilt: Die Rechten nutzen diese Wegschaumentalität, um sämtliche Bereiche des täglichen Lebens zu unterwandern. Ihre Macht und Präsenz wächst so lange, bis ihrer Einschüchterungstaktik etwas entgegen gesetzt wird. Bis man erkennt, dass man alleine wenig ausrichten kann und deswegen den Schulterschluss gegen Rechts proben muss. Das ist es, was wir den Schülern versuchten zu vermitteln. Auch, dass es bei rechten Übergriffen andere Reaktionsmöglichkeiten als Gegengewalt oder Weglaufen gibt, und so sind ´Zivilcourage´, ´Deine Stimme als Waffe´, ´Opferschutz´ und ´Polizei´ wichtige Schlagworte im Workshop.

Ein verteilter Umfragebogen, den die Schüler am Ende anonym ausfüllen, zeigt, dass wir in jedem Fall Denkanstöße geben konnten. Den meisten war nicht klar, was man als Einzelner tun kann und was passieren kann und wird, wenn man nichts tut. Wir machen das jetzt an so vielen Schulen wie möglich.

26 Kommentare

  1.   Demokratin

    Alles gut und schön. Mich als Bürgerin dieses Ländle interessieren keine extremen Meinungen und politischen Ansichten.

    Die Rechten gehen mir genauso auf die Eierstöcke, wie die Linken!

    Beide Lager zeigen sich als Bürgerschreck. Die Rechten mit ihren Springerstiefeln und Glatzen-Mentalität, die Linken mit ihrer Flasche Bier im Schlund und dem regelmäßigen Abfackeln diverser Eigentümer von Menschen, die ihre Ruhe haben möchten! Alles neu macht der Mai, nein, eben nicht!

    Dabei sind diese pubertären Pickelfreunde beider Lager politisch meisten vollkommen ungebildet, unterbelichtet und möchten ausschließlich provozieren.

    Die Bürgerinnen und Bürger, früher als Spießer beschimpft, aber auch heute noch der Großteil der Steuerzahler, möchten diesen Käse von links und rechts nicht sehen, geschweige denn die besoffenen Großschnauzen ernstnehmen.

    Daher ist es an Bildungsoffensiven, den Pickelfreunden beiderseits ein Benehmen beizubringen, denn von Demokratie haben die keine Ahnung. Deren Hauptanliegen besteht darin, der strafrechtlichen Verfolgung zu entgehen.

    Tolles Hobby.

    Ein Gedicht:
    Ich möchte Ruhe in diesem Land,
    am braunen und am linken Rand.

    Schönen Abend noch!

  2.   och

    Tolle Aktion, kommt doch bitte auch nach Neukölln.
    Es ist durchaus interessant, diese Gruppen zu beobachten und in der eigenen Wohngegend hat man m.E. nur dann eine Chance, wenn man nicht alleine steht oder wenn man besser bekannt ist als die NeoNazis.
    Es hilft nicht allen, aber ich setze meine Hoffnung auch auf die Kirche.
    Habe gerade Delta gesehen über den neuen A-theismus, sehr interessant. Mir zeigt sich anhand der Diskussion eher die kommende Bedeutung der Religion für Europa ab.
    Es ist ein Bereich, der die NeoNazis als Kinder Gottes umfasst, sie aber „entwaffnet“.

  3.   stella

    Da kommen nun ein „Prominenter“ und ein „Professioneller“ angetourt, um sich zu informieren, ein Konzept zu testen, verteilen Sprüche und Fragebögen, stellen fest, dass die Rechten ganz banal und normal am Leben teilnehmen und fahren wieder ab.
    Und nun?
    Ach ja, der Laden ist immer noch problematisch, weil er auch unpolitische Jugendliche anlockt …
    weil sonst nix los ist.
    Da war es wieder, das alte Thema. Wo bleiben die nachhaltigen Gegenangebote für die noch ansprechbaren Jugendlichen ?
    Soll das etwa so laufen:
    „Linke Jugendliche besetzten ein Haus, um es als alternativen Jugendtreff für sich zu beanspruchen.“ ?
    Toll, Rechtsbruch für die eigene Sache hält man für ok, aber man beklagt sich, wie Rechte ganz legal Räume in Leben besetzen bzw. normal am Alltagsleben teilnehmen.
    Fehlt noch, dass man sich wundert, wenn man gesagt bekommt, dass die Linken vielen Leuten genauso stinken wie Rechten.


  4. liebe stella,

    ich habe nicht so ganz verstanden, was du mir sagen willst. sollen wir´s gleich ganz bleiben lassen mit diesem schultourquatsch? oder wie oder was?

    fragt: markus kavka

  5.   stella

    Genau, solche Eintagesfliegentouren, bei denen Du doch nur siehst, was Du eh schon weisst/ahnst bringen nichts, das ist publicitymäßiger Aktionismus. Statt dessen an hinlänglich bekannten Brennpunkten Alternativen zu rechten Angeboten aufbauen und dauerhaft begleiten, gern auch mit „Promi & Profi“..

  6.   sascha

    @stella

    mag schon alles sein. bloß kann markus kavka nicht die komplette arbeit allein rocken. ich versteige mich mal zu der aussage: selbst nichts machen, aber andere begaffen und dran rumkritteln. immer schön konsumieren ist natürlich einfach.

  7.   stella

    @ Sascha Du musst es ja nicht lesen, wenn Dir die „Kritteleien “ nicht passen und das herabsetzende Beurteilen von Leuten, die Du nicht kennst, kannst Du Dir schenken. Wenn Du auf flashy-Promi-action ohne große Wirkung bei den eigentlichen Adressaten stehst, so wie Du ja auch Parteispeech gut findest, bleibt Dir das völlig unbenommen. Nur nicht wundern, wenn sich dadurch trotz ständiger „Aktionen“ und geschickter „Sprachregelungen und abgestimmten wordings“ nix zum Besseren ändert. Aber vielleicht will man ja nur Konsumenten für seine Aktionen und wer das nicht schluckt, der „krittelt“?

    Wer sagt, das wer alles allein macht / machen muss? Wer sagt, dass die Unterstützung nachhaltiger Basisarbeit mehr Aufwand ist als die Touren? Solche Touren sind wie Regierungsbesuche und Gipfeltreffen, ein Haufen Aufwand und auch Kosten, die Arbeit vor Ort müssen vorher, nachher und zusätzlich für die Tour ohnehin andere machen.

  8.   Phil

    @Demokartin

    Würdest du was gegen extreme Rechte haben, wenn Sie keine Springerstiefel und Glatzen mehr tragen, sondern zivilisiert herum laufen und sich gewählt ausdrücken können?

    Das ist wirklich schlimm was du da so schreibst. Jungen Menschen nicht zu zu trauen, dass sie politische und soziale Kompetenzen besitzen. Faule, saufende Menschen findest du in jeder Schicht, in jedem politischen Spektrum – auch in der „naiven“ Mitte.

    Das Motto deines Kommentars könnte auch lauten: „Mich betrifft das alles nicht, sollen die Extremis doch die Köppe einhauen.“ Doch genau diese Einschätzung halte ich für unterbelichtet und verdammt gefährlich…

  9.   stella

    Wo ist meine Antwort hin ?
    Die war hier heute vormittag schon mal zu sehen.

    Hallo Stella, der müsste eigentlich da sein. Ist in der Moderationsschleife gelandet.//Mod, cb

  10.   Stanni

    Sag mal Stela, woher weit du eigentlich, wie das Projekt gelaufen ist? Und warum es sinnlos war? Wenn ich das richtig verstanden habe, waren da ja auch durchaus kompetente Anti-Rechtsextremismus-Initiativen dabei.
    Für mich hört sich das nach gelangweiltem Gemecker an. Was machst du denn so gegen Rechtstexremismus?