5. Juli 2008
Der Nationalismus als Flucht vor dem Tod - Ein Versuch zu verstehen
In ihrem Werk “Vita activa” charakterisierte die politische Publizistin Hannah Arendt den antiken Begriff des Politischen dahingehend, dass der Betätigung der Menschen im öffentlichen Raum “eine potentielle Unvergänglichkeit eignet, weil sie sich von sich aus der andenkenden Erinnerung der Menschen einprägen.” Die antike Politik geriet so angeblich zu dem Versuch, sich selbst auf Erden unsterblich zu machen. Während Arendt sich mit Blick auf die Interpretation Platons und Aristoteles’ mächtig gewaltig irrte, könnte diese Figur jedoch die Motive eines so manchen Nationalisten aufklären helfen.
Arthur Schopenhauer bemerkte bekanntlich einmal, dass “erbärmliche Tröpfe” lediglich deshalb Nationalstolz empfänden, weil sie sonst nichts hätten, worauf sie stolz sein könnten. Wenn die Welt so einfach wäre, hätten wir nur wenig zu befürchten. Indes ist diese Figur vor allem geeignet, sich auf Seiten der Linken zu beruhigen und sich selbst spöttisch über seinen Gegner zu erheben. Unter Nationalisten finden sich indes leider nicht nur “erbärmliche Tröpfe”.
Alles in allem keine guten Voraussetzungen, die bestehenden Probleme zu beseitigen oder zumindest zu verkleinern. Denn wer Nationalismus und Rechtsextremismus erfolgreich bekämpfen will, muss dies von innen heraus unternehmen. Das selbstgefällige Einschlagen auf den Feind macht diesen hingegen lediglich unzugänglich und ist daher kaum geeignet, Einfluss auf ihn zu gewinnen. Für Pädagogen ist dies freilich eine selbstverständliche Einsicht. Wer also Nationalisten, Rechtsextremisten etc. aus ihren Milieus herausbrechen will, muss bereit sein, sich auf sie einzulassen, nach ihren Motiven zu fragen: sie zu VERSTEHEN. Nationalistische Ideologien mögen verheerende Versuche der Welterklärung und -aneignung sein, aber sie sind immerhin das: Versuche, die Welt zu verstehen und sich in ihr zu orientieren.
Auch Nationalisten sind Menschen - geplagt von Sorgen um die Bedingtheiten des menschichen Daseins. Hierzu zählt nicht zuletzt das tragische Bewusstsein um die eigene Sterblichkeit, die jedwedem Handeln im Kleinen gänzlich allen Sinn zu rauben droht. Der Natalismus entbindet dabei von der alltäglichen, konkreten Selbstsorge um den Lebensinn, indem er sie auf die eigenen Nachkommen überträgt. Die Sinnlosigkeit des irdischen Daseins wird so aufgehoben in der unbedingten Liebe für das hilflose Eigene, das wie ganz selbstverständlich und ursprünglich Anspruch auf Fürsorge für sich reklamiert. Plötzlich gibt es keine Sinnfrage mehr - scheinbar.
Denn die Sorge um den eigenen Nachwuchs vermag nur im Augenblick und im Konkreten von der Sinnfrage zu suspendieren. Sobald die Kinder für sich selbst sorgen können, spätestens jedoch zum Ende des eigenen irdischen Daseins kehrt sie mit aller Wucht ins Leben zurück. Ein Ausweg aus der Sinnkrise scheint einigen der Nationalismus zu sein. In der Nation (und damit teilweise auch in den Kindern) könne der Tod transzendiert werden, indem das Individuum “Spuren” in der Geschichte und im kollektiven Gedächtnis hinterlässt. Der Nationalismus gerät so zu einer Art säkularisierter Ersatzreligion, zu einer Rettung aus der Sinnkrise, zu einem Himmel auf Erden.
Es wird daher kein Zufall sein, dass ausgerechnet der Soldat Ernst Jünger diesem Motiv in Vor- und Nachwort zum Buch “Die Unvergessenen” (1928) nachgegangen ist. Im Soldaten gewinnt die Bereitschaft zur Aufopferung für ein Ganzes und damit die Sinnfrage ihre dichteste Gestalt. Die Aufopferung lebt geradezu von dem Motiv, dass man “in einem lebendigen Bilde, das als Teil eines anderen Menschen noch lange Zeit durch diese Welt getragen wird”, weiter lebt. Diese Aufopferungsbereitschaft dürfte dabei um so höher ausfallen, je mehr sich der Einzelne selbst als Gemeinschaftsleistung erlebt und daher eine Verpflichtung dieser Gemeinschaft gegenüber verspürt. Nationalisten sind - so gesehen - keine Anti-Individualisten, sondern haben einen anderen Begriff vom “Individuum”. “Jedes Einzelleben ist (…) das Abbild der wirkenden Kräfte einer Zeit, die auch in allen anderen lebendig ist.”, so Jünger. Ohne die Gemeinschaft wäre das Individuum demnach also schlicht nicht möglich. Für Jünger sind die Toten am Ende sogar “lebendiger” als die Lebenden, weil Erstere das Äußerste gewagt hätten, wozu Menschen in der Lage wären.
Jedoch nicht nur der Soldat und Schriftsteller Jünger, sondern auch der Soldat und NPD-Fraktionsvorsitzende Pastörs ringt mit dem Sinn des Lebens. Pastörs erklärte so vor geraumer Zeit in einer Saalveranstaltung, dass der Sinn des Lebens ursprünglich das “Weitergeben des Lebens” gewesen sei und aktualisiert diesen für seine Politik wie folgt: “Der Sinn des Lebens ist ganz einfach, dass wir in tausend Jahren jemandem noch ins Gesicht schauen können, der so ähnlich aussieht wie wir.”
Darüber mag man freilich schmunzeln und sich an einen “erbärmlichen Tropf” erinnert fühlen. Indes ändert dies nichts an der Tatsache, dass die Politik der säkularisierten Gesellschaft eine Antwort auf die Sinnfrage nicht nur nicht bietet, sondern bereits das Aufwerfen der Frage unterlässt. Verhandelt und diskutiert wird über Steuersätze, das Wachstum des Bruttoinlandsprodukts, die Höhe des Kindergeldes - über den Sinn unseres Tuns, über das gute Leben, über die Grundfragen unseres menschlichen Zusammenlebens in einem politischen Gemeinwesen hingegen diskutieren wir nicht. Für die Sozialdemokratie argumentierten einst Thomas Meyer, Johanno Strasser oder Anthony Giddens für eine “Politik des guten Lebens” oder eine “Politik der Lebensführung” - jenseits aller der ausschließlich auf das Individuum konzentrierten Fragen des irdischen Daseins. “Spuren” hinterlassen haben diese Beiträge in der gegenwärtigen Politik indes bis heute nicht.
Allerdings vermag auch und gerade der “Ausweg” des Nationalismus keiner zu sein. Genau genommen ist er vielmehr sogar eine billige Flucht vor dem Tragischen im menschlichen Leben. Die Frage nach dem Sinn läuft letztlich zu in der Sehnsucht nach der Ewigkeit. Hierin berühren sich die Motive von gleichermaßen eschatologisch inspirierten Nationalisten und Kommunisten. Nichts Irdisches jedoch ist ewig. Es gibt keinen Himmel auf Erden: Weder den der Nation noch den des kommunistischen Paradieses.
gewidmet: einem Manne, auf den Verlass ist

weitere Informationen: http://www.endstation-rechts.de






“Nationalisten, Rechtsextremisten etc. aus ihren Milieus herausbrechen”
Solch unangemessene “Gleichsetzungstrategie” führt doch nur zu einer unnötigen Verunglimpfung der Nationalisten.
Grundsätzlich habe ich auch Verständnis für das Ringen um etwas Bleibendes, einen alltags- und zukunftstauglichen “Anker”. Ich kann auch kaum Böses erblicken in der Suche, diesen in Familie, Religion, Kultur oder meinetwegen auch Nation zu finden. Das Problem ist doch nicht der existierende oder nur eingebildete “Anker” sondern eher der herabsetzende Vergleich zu anderen “Ankern” nach dem Motto: Meine Familie, Religion, Kultur, Nation ist besser als Deine.
Kommentar von peter — 5. Juli 2008 @ 21:52
Nun, peter sagt da einiges Wahres - aber den wichtigen Kern ihrer Aussagen ist damit in meinen Augen noch nicht berührt.
leider komme ich gerade von einer kleinen Party, hab ein Bier intus, bin satt, faul und vollgefressen und kann ihren text nicht so antworten, wie er es verdient - und das meine ich mit einem respekt gesagt, da ich ihnen ein paar der von ihnen oben getroffenen erkenntnisse nicht zugetraut hätte.
Ein paar sachen trotzdem:
Ihren Ansatz - oder aufhänger - halte ich für falsch in ein paar auch in systematischer Hinsicht wichtigen Fragestellung:
Sinnverlust bedeutet erst das aufkommen der frage nach Sinn - nicht der zustand der Sinnlosigkeit.
Und natalismus hin oder her - Der Mensch macht die erfahrung des sinnvollen, nämlich des lebens zuerst - das Lebendige selbst ist die erste Erfahrung des Menschen, nicht das Tote - und diese Erfahrung beinhaltet auch die Erfahrung der eigenen Lebendigkeit als intensionale qua eben der Erfahrung der Welt als Lebende.
Man könnte daraus vermuten, dass wir somit im Grunde für uns selbst unsterblich sind - und erst in der Erfahrung des Toden unsere eigene Vergänglichkeit erahnen und somit befürchten.
Dann dieses:
“Nationalisten sind - so gesehen - keine Anti-Individualisten, sondern haben einen anderen Begriff vom “Individuum”. “Jedes Einzelleben ist (…) das Abbild der wirkenden Kräfte einer Zeit, die auch in allen anderen lebendig ist.”, so Jünger. Ohne die Gemeinschaft wäre das Individuum demnach also schlicht nicht möglich.”
Dies würde ich ihnen sofort so wie es dasteht uneingeschränkt unterschreiben. Sie haben einen anderen begriff von Individuum, ja, lieber brodkorb?
Dann formulieren sie ihn doch einmal - und ich bin gespannt, wie sie das tun ohne dabei in einen Art Seelenglauben abzurutschen.
Pastör macht etwas anders daraus - und das hätte ihnen auffallen müssen - er spricht nämlich nicht mehr von ‘erinnerung’, von Prägung eines ganzen (das man unter Nation auch fassen kann - aber auch anders), sondern von biologischen, von physischen Merkmalen:
““Der Sinn des Lebens ist ganz einfach, dass wir in tausend Jahren jemandem noch ins Gesicht schauen können, der so ähnlich aussieht wie wir.””
Das ist etwas anders als die eigetlich logische weiterführung: “der so ähnlich denkt wie wir” oder “dessen Denken partiell von uns entstammt”. Pastör verändert: von der Kultur(leistung) zur (Biologischen) Abstammung.
“Allerdings vermag auch und gerade der “Ausweg” des Nationalismus keiner zu sein. Genau genommen ist er vielmehr sogar eine billige Flucht vor dem Tragischen im menschlichen Leben. Die Frage nach dem Sinn läuft letztlich zu in der Sehnsucht nach der Ewigkeit. Hierin berühren sich die Motive von gleichermaßen eschatologisch inspirierten Nationalisten und Kommunisten. Nichts Irdisches jedoch ist ewig. Es gibt keinen Himmel auf Erden: Weder den der Nation noch den des kommunistischen Paradieses.”
Ihr schluss nötigt mir dann auch noch ein paar abschließeneden Worte ab - viel wahres, viel daneben zugleich - udn zum teil erstaunlicherweise sogar daneben.
Zuerst einmal - sie sagen:
“Nichts Irdisches jedoch ist ewig.”
Nun, klingt nett, klingt einleuchtend - leider falsch, aber sonst sehr gut.
Doch es gibt ewigkeit und unsterblichkeit - sie und ich praktizieren sie täglich - denn sie und ich sind ewig und unsterblich - denn nur so kennen wir uns.
Und das ist kein ‘billiger tachentrick’ jetzt.
Sie legen einen Masstab an - irgendeine zeitliche latte und sagen - so, ab hier gibt es etwas, davor nicht, und ab da gibt es etwas nacht mehr. Das ist mit allem, an dem ich diesen Massstab anlege so, ergo: es gibt nichts ewiges.
Nun, nicht mit allem, legen sie doch einmal diesen masstab an sich selbst an - und nehmen sie sich zu dem, was sie sind, nämlich auch zur Grundlage der messung. Sie kennen nur immer sich und nur immer soweit, wie sie sich erinnern. und sie leben bis ans ende der erinnerung, nämlich ihrer.
Und das ist das tragische - das im scheitern selbst sich zum göttlichen erheben, die autoepiphanie.
Wir menschen sind erinnerungen, und erinnerungen sind wir - denn wir nehmen uns selbst eben immer nur in den erinnerungen wahr, der vergleich, der rückbezug eines immer nach rückwärts blickenden Wesens, dass blind vorwärts tappt.
Und da steckt auch eine Art Unsterblichkeit eben drinnen, die über unser leben selbst hinausgeht - in der vermittlung an die uns folgenden. Platon lebt, nämlich als das an Platon erinnern durch sie und mich z. b. und er lebt selbst dann noch, wenn niemand mehr den namen platon kennt, aber er als kuilturwesen etwas ererbt, was positiv von platon abstammt.
Das gedächtnis, die erinnerung, ist die dauer, die in sich als abgeschlossene ein unbegrenstes darstellt, denn ihre grenzen können eben von innen heraus nicht erfasst werden. Diese Form des grenzenlosen selbst ist eine form der ewigkeit udn grundlage ihrer quantitaiven Mess-ewigkeit, dann das erinnern der einzelnen Messschritte ist Bedingung der Messung selbst.
Und das ist eben auch eine Form des Bocksgesangs, des Gottesdienstes an den Herrn des Lebens und des Todes, dem Herrscher nach Zeus, dem mit dem Spiegel und den Ball spielenden Kindes.
Das Erinnern durch das, das menschliche Masss übershreitende Scheitern und das somit Unsterblich werden in der Erinnerung.
Viele Dinge sind gewaltig, doch nichts ist gewaltiger als der Mensch.
Nun, und auch dies war eine Form des nationalismus, denn ich habe gerade dasjenige angewandt, was sie als wesensmerkmal des nationalismus richtig erkannt haben, ohne dabei leider zu reflektieren, dass dieses Wesensmerkmal das wesensmerkmal jeder bewegung ist - ob der kommunistischen, jeder religiösen oder auch den der Arbeiterbewegung, der spd der fahnen und aufmärsche. Steuerrecht reist wirklich wenige nur mit, dass sich selbst erleben im gemeinschaftlich vollzogenen ereignis der bedeutungszuschreibung wie z. b. einem aufmarsch, einem chor, einem gebet oder einer massenansprache tut es hingegen - denn es generiert Sinn.
Kommentar von Zagreus — 6. Juli 2008 @ 00:17
@ Zagreus:
“leider komme ich gerade von einer kleinen Party, hab ein Bier intus, bin satt, faul und vollgefressen und kann ihren text nicht so antworten, wie er es verdient - und das meine ich mit einem respekt gesagt, da ich ihnen ein paar der von ihnen oben getroffenen erkenntnisse nicht zugetraut hätte.”
Oh Zagreus, was täten wir bloß, wenn wir Sie nicht hätten!
Kommentar von Mathias Brodkorb — 6. Juli 2008 @ 06:04
“Oh Zagreus, was täten wir bloß, wenn wir Sie nicht hätten!”
??? Was wohl? Weinen, bitterlich weinen; tränen des leides und des Verlustes vergiesen, was sonst?
Kommentar von Zagreus — 6. Juli 2008 @ 07:05
Kleine ergänzungslektüre fürs Wochenende - dürfte ihnen sogar gefallen - von H. M. Enzensberger: der radikale Verlierer, vor allem in seiner kollektiven Erscheinungsform:
http://wissen.spiegel.de/wissen/dokument/dokument.html?id=42983347&top=SPIEGEL
Und wie gsagt: ich würde mich über ein anders als das pobrige Konzept von “Individuum” im verhältnis zu “Kollektiv” (ob als Familie, gesellschaft oder wie auch immer) freuen.
Kommentar von Zagreus — 6. Juli 2008 @ 13:34
Von Roland Baader gibt es ein gutes Buch mit dem Titel “Totgedacht: Warum Intellektuelle unsere Welt zerstören”. Man kann’s mit dem gedanklichen Durchdringenwollen auch übertreiben. Dabei kann das Leben doch so einfach sein, da muss ich nicht wildeste Gedankenkonstrukte basteln. “Was du nicht willst, das man dir tu’, das füg’ auch keinem and’ren zu.” Einfacher kann man die Ethik für ein aus meiner Sicht freies, friedliches und “gesundes” Zusammenleben nicht formulieren. Ob einer Nationalist ist oder auch nicht, ist für mich gar nicht die Frage, mit der ich mich länger beschäftigen möchte. Einzig interessant ist, ob jemand Zwang und Gewalt anwendet bzw. propagier oder nicht. Und da sind irgendwelche Nationalisten die letzten, vor denen das friedliche, gewaltfreie Zusammenleben bedroht wird. Der größte, aggressivste und mächtigste Aggressor ist immer noch der Staat.
Kommentar von Marco — 6. Juli 2008 @ 13:36
Alle Systeme, die das Selbst transzendieren sind letzten Endes “eine Flucht vor dem Tod”. Das ist ja auch legitim, wenn nicht unvermeidlich. Ernest Becker hat dazu eine klassische Studie verfaßt:
http://en.wikipedia.org/wiki/The_Denial_of_Death
Es ist sehr leichtfertig, von “Auswegen” zu sprechen, wenn es eben nicht darum geht, auszuweichen und zu fliehen, sondern einen Weg einzuschlagen, der Arbeit, Askese, ein Dienen am Ganzen vorsieht. Das ist ja keine Endstation, sondern erst der Anfang. Ein Weg, der ohne einen gewissen “Eros”, ein gewisses Pathos, nicht möglich ist. Ebenso leichtfertig ist es, vorschnell von “billigen” Fluchten zu sprechen. Welche Fluchten wären denn nicht “billig”? Und wenn man von “Ersatzreligion” spricht, gerade als säkularer Mensch, muß man sich fragen, was denn dann “echte” Religion sei. Wenn man selbst nicht gläubig oder agnostisch ist, und sich die religiöse Wahrheitsfrage nicht stellt, dann ist doch eine “Flucht” so gut wie die andere, sofern sie produktiv ist, das Leben erträglich macht und erhält, und einen anspornt, Verantwortung zu übernehmen.
Ist das Christentum etwa, mit seiner Verheißung des ewigen Lebens, auch eine “billige” Flucht? Die Frage ist: wer vermag “das Tragische im Leben” denn überhaupt zu ertragen, ohne sich in Fühlung mit etwas zu wissen, das über ihn selbst und seine endliche Existenz hinausweist? Die Antwort sollte klar sein: Fast niemand kann das. Dem standzuhalten, ohne jegliche Illusion, ist nur die Sache von Einzelgängern. Mehrheitsfähig ist das nicht. Man versuche sich etwa eine Gesellschaft aus hartgesottenen Existenzialisten vorzustellen, deren Bewußtseinslage von einem Ausblick à la Cioran oder Clément Rosset gekennzeichnet wäre. Es ist schlicht und einfach unmöglich, nicht einmal ein Fußballmatch könnte diese “Gesellschaft” gewinnen.
Gerade wenn man vom klassischen Nationalismus (den es ja heute nicht mehr gibt) spricht, ist dieser ein schlechtes Beispiel für eine “billige Flucht vor dem Tragischen im Leben.” Es handelte sich hier um heroisches Pathos, das zum Teil aus Kampf und Not entstanden ist, und auch den eigenen Tod und das Selbstopfer verklärt. Darüberhinaus sollte man die Leistungen des historischen Nationalismus nicht unterschätzen, immerhin wurde hier die Grundlage für die Welt gelegt, in der wir heute leben. Chesterton meinte einmal, man sollte nicht die Leiter verächtlich machen oder umstoßen, auf der man hochgeklettert ist.
Und ausgerechnet Jünger zu zitieren, ist hier denkbar fehl am Platz, denn Jüngers Konzeption beruht auf einem tragischen, beinah nihilistischen Weltbild, auf einer Position, die Aug’ in Aug’ mit dem Tod steht, auf einer Position, die auf jene zugeschnitten ist, die dem Grauen des Weltkriegs begegnet und widerstanden sind.
Und weiter: es ist zutiefst menschlich, das Eigene weiterzugeben, weiterleben lassen zu wollen. Damit sind auch Fragen der Verantwortung für die Bestände der Vergangenheit und der Zukunft nach uns, unserer Kinder etwa, berührt. Individuuen, die sich keinem großen Ganzen verpflichtet fühlen, werden schnell in eine defaitistische “Nach-mir-die-Sintflut”-Haltung verfallen, wie es ja heute weit verbreitet ist.
Kommentar von Kreuzberg — 6. Juli 2008 @ 14:53
Wieder mal ein erstklassiger, niveauvoller Beitrag. Respekt.
Zu einem Thema, das Schnittmengen mit diesem hier aufweist, habe ich vor zwei Monaten einen Text verfasst, den ich in den nächsten Tagen ins Weblog der Blauen Narzisse einstelle.
Kommentar von Albert — 6. Juli 2008 @ 18:12
Ja, und hinkt der rechten Nationalismus-Debatte um ein paar Jahrzehnte nach, da war man schon zur Zeiten der KR weiter als das…
Kommentar von Kreuzberg — 6. Juli 2008 @ 23:42
Bei allem respekt Marco, aber:
“Der größte, aggressivste und mächtigste Aggressor ist immer noch der Staat.”
Der Staat sind wir, das genau bedeutet Demokratie im Endeffekt.
Und Zwang von staatlicher Seite in einer Demokratie kommt, wenn kein Missbrauch vorliegt, von der sich jeweils im Diskurs gebildeten Meinungsmehrheit gegenüber denen, die die Umsetzung der Mehrheitsmeinung aktiv ablehnen.
Kommentar von Zagreus — 7. Juli 2008 @ 09:58
“Was du nicht willst, das man dir tu’, das füg’ auch keinem and’ren zu.” Einfacher kann man die Ethik für ein aus meiner Sicht freies, friedliches und “gesundes” Zusammenleben nicht formulieren.
Lieber Marco, ich stehe drauf, dass man mich schlägt. Dann darf ich dich nun also auch verprügeln, ja?!!
Kommentar von akino — 7. Juli 2008 @ 10:28
Entschuldigung, aber das ist abstrus. Mal ganz davon abgesehen, dass ich gar nicht “der Staat” sein will.
“das genau bedeutet Demokratie im Endeffekt.”
Naja, der Theorie nach. Aber schon in der Theorie ist ja vorgesehen, dass die Mehrheit über die Minderheit herrscht. Somit “partizipierst” du, wenn du zur Minderheit gehört, eben nicht. Und als freiheitsliebender Mensch gehörst du in diesem, in jedem Staat immer zur Minderheit.
“Und Zwang von staatlicher Seite in einer Demokratie kommt, wenn kein Missbrauch vorliegt, von der sich jeweils im Diskurs gebildeten Meinungsmehrheit gegenüber denen, die die Umsetzung der Mehrheitsmeinung aktiv ablehnen.”
Auch nur eine Idealvorstellung. Was ist außerdem, wenn ich keinen Diskurs führen, sondern einfach nur in Ruhe gelassen werden will. Das kennt der Staat, insbesondere der demokratische Staat aber nicht. Er verlangt Teilnahme, sonst wird eben komplett über meinen Kopf entschieden. Mit welchem Recht?
Kommentar von Marco — 7. Juli 2008 @ 10:32
P.S. Übrigens, wenn ich mich dem Staat nicht mehr entziehen kann, ist das nicht die Definition von totalitär?
Kommentar von Marco — 7. Juli 2008 @ 10:33
Naja, Marco:
“Er verlangt Teilnahme, sonst wird eben komplett über meinen Kopf entschieden. Mit welchem Recht?”
Mit dem recht, dass du hier lebst.
Du bist wie ich doch bestandteil eines riesigen geflechtes von verbindungen zwischen uns allen - du nutzt die öfffentliche Strasse, die schulen hast du genutzt, das krankenhaus genauso wie den Arzt usw…
Zugleich hast du wie jeder andere Staatsbürger auch das Recht mitzubestimmen - aktiv oder passiv.
Und mitbestimmen heisst hier nicht viel mehr, als dass deine Meinung einfließt in einen riesigen Austarierungsprozess von allen möglichen Beteiligten. Was da auch immer herauskommt ist dann dasjenige, was stattfinden soll und auch darauf achten muss, dass es stattfinden kann, dass sich alle, denen es angeht, daran beteiligen.
Wenn es eine Schule für alle geben soll, dann wird von allen auch etwas Geld dafür genommen - es geht nicht an, dass dann einer sagt: nein, ich sehe das nicht ein, ich will und brauche keine schule, ich gebe kein Geld - und dann geht trotzdem sein Kind, eben weil die schule für alle ist, darauf. usw…
Wenn du wirklich in Ruhe gelassen werden möchtest, musst du auf eine einsame, abgelegene Insel ziehen, auf der es keine anderen Menschen außer dich gibt - da hast du deine Ruhe. Sonst bist du in einem geflecht von abhängigkeiten.
Das Internet, das du nutzt, kannst du eben nur nutzen, weil viele andere dir all diese möglichkeiten zur verfügung gestellt haben und weil jeder von uns seinen teil dazu beiträgt - und sei es mit steineklopfen. ja, selbst ein Hartz-IV-Empfänger trägt mit bei, denn selbst dieser ist durch das Geld, das er erhält udn ausgibt, mit eingebunden.
Zum Thema Staat:
Staat bist du u. a. - denn du beziehst dich auf Staat (wenn auch als das andere, das angeblich ’schlechte’).
Staat existiert nur in unseren Köpfen - als ein konzept an dem wir alle teihaben und an dem wir uns aneinander ausrichten. Und wenn mögen alle dieses Konzept vergessen würden, gäbe es keinen staat mehr.
Kommentar von Zagreus — 7. Juli 2008 @ 11:02
“Mit dem recht, dass du hier lebst.”
Aha. Was für ein Schwachsinn. Eine Gang gewalttätiger Leute (Staat) hat ein bestimmtes Gebiet unter ihre Kontrolle — und mit ihm Menschen — gebracht. Aus diesem Grunde ist Zwang und Gewalt plötzlich legitim. Das ist Darwin vom Feinsten. Ich habe keine Willenerklärung abgegeben hier und unter den Bedingungen des Staates abgegeben. Ich bin zufällig hier, zufällig in dieser Zeit geboren. Wenn das Zwang und Gewalt rechtfertigt, dann sind wir vom Rassimus etc gar nicht so weit entfernt. Mit der gleichen Begründung (”Weil Du hier lebst!”) kann jedes Verbrechen des Staates, also von Menschen, die sich ‘nen Titel geben und dann Zwang und Gewalt ausüben (lassen), gegenüber den Menschen, die zufällig in diesem Gebiet, zufälig zu dieser Zeit existieren.
“Staat existiert nur in unseren Köpfen”
Ganz genau … es gibt den Staat nicht. Es sind Menschen wie Du und ich, die sich anmaßen, über andere Menschen Gewalt auszuüben.
“an dem wir uns aneinander ausrichten.”
Ich möchte mich weder an Dir noch an jemand anderem ausrichten, es sei denn ich habe Bock drauf oder meine, eine Notwendigkeit bestünde. Du hast keinen Anspruch auf mein Leben, meine Freiheit und mein Eigentum, noch hat jemand anders diesen.
Kommentar von Marco — 7. Juli 2008 @ 16:59
Deine “Gang gewalttätiger Leute (Staat) hat ein bestimmtes Gebiet unter ihre Kontrolle — und mit ihm Menschen” haben wir nicht - falls es dir nicht aufgefallen ist, diese leute sind gewählt worden.
Und sie haben die Legitimation zu Zwang, damit zwang und gewalt nach möglichkeit minimiert werden. Die alternative ist, dass das dann andere machen und zwar willkürlich.
Dzu musst hier nicht leben - du hast das recht auszuwandern.
Und wenn du dich misshandelt fühlst vom “Staat” oder einer “Behörde” hast du das Recht dagegen zu klagen.
Was du willst ist, dass du machen kannst, was du willst - ungeachtet dessen, ob du damit andere schädigst oder nicht.
Dein Eigentum existiert auch nur in deinem Kopf - das Kozept eigentum ist genauso wie Staat einbildung. Meinst du, nur weil du sagt: etwas gehört nun zu mir - wär es mit einem mal ein teil von dir?
Das du überhaupt eigentum haben kannst und dass es geschützt ist bis zu einem bestimmten, juristisch festgelegten Grad, ist ergebnis davon, dass es Staat gibt - sprich, dass menschen sich daran halten oder das über andere menschen sie daran gehindert werden sich daran zu vergreifen.
Kommentar von Zagreus — 8. Juli 2008 @ 09:19
@ Zagreus:
Tja, das ist das Problem mit der Freiheit à la Marco. “Homo homini lupus” will man nur, wenn man am längeren Hebel sitzt und die eigenen Schäfchen im Trockenen sind.
Kommentar von Apeiron — 8. Juli 2008 @ 10:54
Marco - Sie dürfen sich mitsamt ihrem Eigentum, sofern dieses auf rein persönlicher Leistung beruht und der Eigentumserlangungsprozess nicht etwa von staatlichen Umfeld begünstigt/ermöglicht wurde, gern in die Klause des Eremiten entfernen. Kein Staat wird Sie hindern, dort ihre Ruhe und Freiheit zu finden.
Nur, das wollen Sie doch gar nicht, Sie wollen von den Wohltaten des Staates profitieren ohne etwas einzubringen bzw. bestimmte von Dritten formulierte Notwendigenkeiten zu akzeptieren.
Welch wild-freiheitlich verbrämte Trittbrettfahrerei.
Kommentar von Peter — 8. Juli 2008 @ 12:23
“Was du willst ist, dass du machen kannst, was du willst - ungeachtet dessen, ob du damit andere schädigst oder nicht.” (Zagreus)
“Tja, das ist das Problem mit der Freiheit à la Marco. “Homo homini lupus” will man nur, wenn man am längeren Hebel sitzt und die eigenen Schäfchen im Trockenen sind.” (Apeiron)
“Nur, das wollen Sie doch gar nicht, Sie wollen von den Wohltaten des Staates profitieren ohne etwas einzubringen bzw. bestimmte von Dritten formulierte Notwendigenkeiten zu akzeptieren.” (Peter)
Wer so gedankenlos und hasserfüllt gegen andere Menschen hetzt, der ist Freiheitsfeind, der bleibt Freiheitsfeind. Anhand meiner Beiträge, die ich in diesem Blog schon zur Thematik geschrieben habe, sind alle (…) verleumderisch intendierten Unterstellung widerlegbar. Das wissen die drei Hetzer natürlich auch. Ich habe keinen Bock mehr, mich von staatsgeilen Faschisten und Sozialisten beleidigen zu lassen und mich ständig wiederholen zu müssen, darauf habe ich auch keinen Bock. Die Leute ohne Verleumdungsdrang, die an einer konstruktiven Diskussion zur Thematik/Staat interessiert sind, finden in meinem Blog sicherlich ihr Plätzchen. Diskussion beendet.
Kommentar von Marco — 8. Juli 2008 @ 15:53
Oje, da mimt aber einer den aufrechten (konservativ-libertären (na sowas auch)) Freiheitskämpfer. Wo bitte verfolgt denn da jemand den armen Marco hasserfüllt und zwingt ihn zum Rundumschlag gegen Faschisten und Sozialisten?
Ist Ihnen langweilig in Ihrem Blog oder haben Sie auf die Art des Beitrags 19 schon alle Leser vertrieben, dass Sie hier um Besuch schnorren?
Kommentar von peter — 8. Juli 2008 @ 21:55
Egal, wen er zu meinen glaubt, wenn solche Marco-Rotzlöffeleien stehenbleiben wie “hasserfüllt ….hetzt” oder “mich von staatsgeilen Faschisten … beleidigen zu lassen” und Erwiderungen quarantäniert werden, dann können die Blogger/Mods schlussendlich auch gern allein bleiben.
Kommentar von Peter — 9. Juli 2008 @ 07:43
@ Marco:
Also jetzt kriegen Sie sich mal wieder ein. Nur weil drei Menschen hier Kritik an Ihrem Freiheitsverständnis bzw. der Art, wie Sie es darstellen haben, ist es noch lange kein Grund, sich persönlich angegriffen zu fühlen.
Ich gebe ja gerne zu, Sie als Reaktion auf Ihre Ausführungen manchmal auch härter angegangen zu sein. Aber Zagreus und Peter, mit denen ich keineswegs immer übereinstimme, haben sich da nun echt nichts vorzuwerfen. Meine Bitte: Rüsten Sie mal rhetorisch ab und überlegen Sie nochmal, warum Sie hier aus diversen Richtungen Widerspruch ernten.
Kommentar von Apeiron — 9. Juli 2008 @ 09:30
@Brodkorb
Ein sehr interessanter Versuch, der mir doch zwangsläufig ein Lächeln abringt, die “große Frage” nach dem Sinn des Lebens zu beantworten.
Warum stellen Sie jedoch nur den Nationalismus und den Kommunismus als mögliche Antwort in den Vordergrund?
Philosophisch betrachtet wird die Sinnfrage wiederum interessant. Letztendlich geht es um die Beantwortung einer sehr einfachen Frage: Kann Leben als solches eine sinnvolle Handlung oder eine Aufgabe unterstellt werden?!
Die Beantwortung füllt Abende und gipfelt in der Regel in wenigsten zwei feindlich gegenüberstehenden Positionen. Der Mensch hat nur eine kleine “Schwäche” - er will in allem einen Sinn sehen (wie sind denn sonst Religionen entstanden).
Ich denke, die Suche nach dem Sinn des Lebens ist eine rein menschliche Suche nach Erklärungen. Sie ist keinem politischen Lager zuzuordnen. Hingegen gibt es immer wieder Menschen, die ihr Verständnis vom Sinn des Lebens verheißen und hierbei selbstverständlich Anhänger finden. Wie einfach können manchmal Bedürfnisse befriedigt werden!
Kommentar von Torsten G. — 9. Juli 2008 @ 12:04
@ Marco
“das genau bedeutet Demokratie im Endeffekt.”
“Naja, der Theorie nach. Aber schon in der Theorie ist ja vorgesehen, dass die Mehrheit über die Minderheit herrscht. Somit “partizipierst” du, wenn du zur Minderheit gehört, eben nicht. Und als freiheitsliebender Mensch gehörst du in diesem, in jedem Staat immer zur Minderheit.”
Ich halte letzteres für eine ganz schlechte Argumentation. Das klingt zum einen nach Selbststilisierung als Opfer des vermeintlich so freiheitsfeindlichen, allmächtigeren Staates. Zum anderen klingt es allzu passiv: Wer hindert Dich denn in einer Demokratie, für Deine Interessen in Deiner Stadt und Deinem Land aktiv zu werben und andere davon zu überzeugen, daß der von Dir favorisierte Weg / Partei der / die bessere ist. Immer zur Minderheit gehört vermutlich der am meisten, der tatsächlich danach strebt, immer wieder zur Minderheit zu gehören und diesen Minderheitenstatus auch pflegt. Dann kann man sich aber letztlich nicht darüber beschweren, daß die anderen “mehr” sind und folglich gesellschaftlich auch mehr Gewicht haben.
Der Ursprungsbeitrag ist zwar ganz interessant, erscheint mir aber letztlich zu bemüht und zu weit hergeholt. Ich finde es eine Stärke der pluralistischen Gesellschaft, daß jeder letztlich selbst definieren kann, was im Leben einen besonderen Wert hat. Danach richtet sich das Streben und die Orientierung der Einzelnen, den natürlich möchte man das Wertvolle und Erhaltenswerte auch für künftige Generationen sichern. Wichtig ist für mich einzig und allein die Definition des Weges: Die eigenen Interessen dürfen nur im Rahmen der Demokratie und nicht rücksichtslos auf Kosten anderer durchgesetzt werden.
Kommentar von Ekkehard — 10. Juli 2008 @ 08:32
[...] Mythos des wirtschaftlichen Wohlstandes, der alles philosophieren überflüssig mache. So wird die Sinnsuche gleich gänzlich eingestellt. „Diese Basis ist für den westlichen wie für den kommunistischen Mythos im wesentlichen [...]
Pingback von Cavalcare la Tigre V « Mit elektrischer Feder — 4. September 2008 @ 09:49
Liebe/r Dr. Strangelove, Ihr Beitrag wurde editiert, da er off topic war. Bitte bleiben Sie beim Thema der Ausgangsfrage. Vielen Dank. // Moderator_VR
Kommentar von Dr. Strangelove — 14. Oktober 2008 @ 14:11
Liebe/r Hartmut Slomski, Ihr Beitrag wurde editiert, da er off topic war. Bitte bleiben Sie beim Thema der Ausgangsfrage. Vielen Dank. // Moderator_VR
Kommentar von Hartmut Slomski — 14. Oktober 2008 @ 14:59