Wir müssen reden. Über Nazis.

Der Nationalismus als Flucht vor dem Tod – Ein Versuch zu verstehen

Von 5. Juli 2008 um 20:00 Uhr

In ihrem Werk “Vita activa” charakterisierte die politische Publizistin Hannah Arendt den antiken Begriff des Politischen dahingehend, dass der Betätigung der Menschen im öffentlichen Raum “eine potentielle Unvergänglichkeit eignet, weil sie sich von sich aus der andenkenden Erinnerung der Menschen einprägen.” Die antike Politik geriet so angeblich zu dem Versuch, sich selbst auf Erden unsterblich zu machen. Während Arendt sich mit Blick auf die Interpretation Platons und Aristoteles’ mächtig gewaltig irrte, könnte diese Figur jedoch die Motive eines so manchen Nationalisten aufklären helfen.

Arthur Schopenhauer bemerkte bekanntlich einmal, dass “erbärmliche Tröpfe” lediglich deshalb Nationalstolz empfänden, weil sie sonst nichts hätten, worauf sie stolz sein könnten. Wenn die Welt so einfach wäre, hätten wir nur wenig zu befürchten. Indes ist diese Figur vor allem geeignet, sich auf Seiten der Linken zu beruhigen und sich selbst spöttisch über seinen Gegner zu erheben. Unter Nationalisten finden sich indes leider nicht nur “erbärmliche Tröpfe”.

Alles in allem keine guten Voraussetzungen, die bestehenden Probleme zu beseitigen oder zumindest zu verkleinern. Denn wer Nationalismus und Rechtsextremismus erfolgreich bekämpfen will, muss dies von innen heraus unternehmen. Das selbstgefällige Einschlagen auf den Feind macht diesen hingegen lediglich unzugänglich und ist daher kaum geeignet, Einfluss auf ihn zu gewinnen. Für Pädagogen ist dies freilich eine selbstverständliche Einsicht. Wer also Nationalisten, Rechtsextremisten etc. aus ihren Milieus herausbrechen will, muss bereit sein, sich auf sie einzulassen, nach ihren Motiven zu fragen: sie zu VERSTEHEN. Nationalistische Ideologien mögen verheerende Versuche der Welterklärung und -aneignung sein, aber sie sind immerhin das: Versuche, die Welt zu verstehen und sich in ihr zu orientieren.

Auch Nationalisten sind Menschen – geplagt von Sorgen um die Bedingtheiten des menschichen Daseins. Hierzu zählt nicht zuletzt das tragische Bewusstsein um die eigene Sterblichkeit, die jedwedem Handeln im Kleinen gänzlich allen Sinn zu rauben droht. Der Natalismus entbindet dabei von der alltäglichen, konkreten Selbstsorge um den Lebensinn, indem er sie auf die eigenen Nachkommen überträgt. Die Sinnlosigkeit des irdischen Daseins wird so aufgehoben in der unbedingten Liebe für das hilflose Eigene, das wie ganz selbstverständlich und ursprünglich Anspruch auf Fürsorge für sich reklamiert. Plötzlich gibt es keine Sinnfrage mehr – scheinbar.

Denn die Sorge um den eigenen Nachwuchs vermag nur im Augenblick und im Konkreten von der Sinnfrage zu suspendieren. Sobald die Kinder für sich selbst sorgen können, spätestens jedoch zum Ende des eigenen irdischen Daseins kehrt sie mit aller Wucht ins Leben zurück. Ein Ausweg aus der Sinnkrise scheint einigen der Nationalismus zu sein. In der Nation (und damit teilweise auch in den Kindern) könne der Tod transzendiert werden, indem das Individuum “Spuren” in der Geschichte und im kollektiven Gedächtnis hinterlässt. Der Nationalismus gerät so zu einer Art säkularisierter Ersatzreligion, zu einer Rettung aus der Sinnkrise, zu einem Himmel auf Erden.

Es wird daher kein Zufall sein, dass ausgerechnet der Soldat Ernst Jünger diesem Motiv in Vor- und Nachwort zum Buch “Die Unvergessenen” (1928) nachgegangen ist. Im Soldaten gewinnt die Bereitschaft zur Aufopferung für ein Ganzes und damit die Sinnfrage ihre dichteste Gestalt. Die Aufopferung lebt geradezu von dem Motiv, dass man “in einem lebendigen Bilde, das als Teil eines anderen Menschen noch lange Zeit durch diese Welt getragen wird”, weiter lebt. Diese Aufopferungsbereitschaft dürfte dabei um so höher ausfallen, je mehr sich der Einzelne selbst als Gemeinschaftsleistung erlebt und daher eine Verpflichtung dieser Gemeinschaft gegenüber verspürt. Nationalisten sind – so gesehen – keine Anti-Individualisten, sondern haben einen anderen Begriff vom “Individuum”. “Jedes Einzelleben ist (…) das Abbild der wirkenden Kräfte einer Zeit, die auch in allen anderen lebendig ist.”, so Jünger. Ohne die Gemeinschaft wäre das Individuum demnach also schlicht nicht möglich. Für Jünger sind die Toten am Ende sogar “lebendiger” als die Lebenden, weil Erstere das Äußerste gewagt hätten, wozu Menschen in der Lage wären.

Jedoch nicht nur der Soldat und Schriftsteller Jünger, sondern auch der Soldat und NPD-Fraktionsvorsitzende Pastörs ringt mit dem Sinn des Lebens. Pastörs erklärte so vor geraumer Zeit in einer Saalveranstaltung, dass der Sinn des Lebens ursprünglich das “Weitergeben des Lebens” gewesen sei und aktualisiert diesen für seine Politik wie folgt: “Der Sinn des Lebens ist ganz einfach, dass wir in tausend Jahren jemandem noch ins Gesicht schauen können, der so ähnlich aussieht wie wir.”

Darüber mag man freilich schmunzeln und sich an einen “erbärmlichen Tropf” erinnert fühlen. Indes ändert dies nichts an der Tatsache, dass die Politik der säkularisierten Gesellschaft eine Antwort auf die Sinnfrage nicht nur nicht bietet, sondern bereits das Aufwerfen der Frage unterlässt. Verhandelt und diskutiert wird über Steuersätze, das Wachstum des Bruttoinlandsprodukts, die Höhe des Kindergeldes – über den Sinn unseres Tuns, über das gute Leben, über die Grundfragen unseres menschlichen Zusammenlebens in einem politischen Gemeinwesen hingegen diskutieren wir nicht. Für die Sozialdemokratie argumentierten einst Thomas Meyer, Johanno Strasser oder Anthony Giddens für eine “Politik des guten Lebens” oder eine “Politik der Lebensführung” – jenseits aller der ausschließlich auf das Individuum konzentrierten Fragen des irdischen Daseins. “Spuren” hinterlassen haben diese Beiträge in der gegenwärtigen Politik indes bis heute nicht.

Allerdings vermag auch und gerade der “Ausweg” des Nationalismus keiner zu sein. Genau genommen ist er vielmehr sogar eine billige Flucht vor dem Tragischen im menschlichen Leben. Die Frage nach dem Sinn läuft letztlich zu in der Sehnsucht nach der Ewigkeit. Hierin berühren sich die Motive von gleichermaßen eschatologisch inspirierten Nationalisten und Kommunisten. Nichts Irdisches jedoch ist ewig. Es gibt keinen Himmel auf Erden: Weder den der Nation noch den des kommunistischen Paradieses.

gewidmet: einem Manne, auf den Verlass ist

michael-schaefer
weitere Informationen: http://www.endstation-rechts.de

Kategorien: bundesweit
Leser-Kommentare
  1. 1.

    “Nationalisten, Rechtsextremisten etc. aus ihren Milieus herausbrechen”
    Solch unangemessene “Gleichsetzungstrategie” führt doch nur zu einer unnötigen Verunglimpfung der Nationalisten.
    Grundsätzlich habe ich auch Verständnis für das Ringen um etwas Bleibendes, einen alltags- und zukunftstauglichen “Anker”. Ich kann auch kaum Böses erblicken in der Suche, diesen in Familie, Religion, Kultur oder meinetwegen auch Nation zu finden. Das Problem ist doch nicht der existierende oder nur eingebildete “Anker” sondern eher der herabsetzende Vergleich zu anderen “Ankern” nach dem Motto: Meine Familie, Religion, Kultur, Nation ist besser als Deine.

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    • 5. Juli 2008 um 21:52 Uhr
    • peter
  2. 2.

    Nun, peter sagt da einiges Wahres – aber den wichtigen Kern ihrer Aussagen ist damit in meinen Augen noch nicht berührt.

    leider komme ich gerade von einer kleinen Party, hab ein Bier intus, bin satt, faul und vollgefressen und kann ihren text nicht so antworten, wie er es verdient – und das meine ich mit einem respekt gesagt, da ich ihnen ein paar der von ihnen oben getroffenen erkenntnisse nicht zugetraut hätte.

    Ein paar sachen trotzdem:

    Ihren Ansatz – oder aufhänger – halte ich für falsch in ein paar auch in systematischer Hinsicht wichtigen Fragestellung:

    Sinnverlust bedeutet erst das aufkommen der frage nach Sinn – nicht der zustand der Sinnlosigkeit.
    Und natalismus hin oder her – Der Mensch macht die erfahrung des sinnvollen, nämlich des lebens zuerst – das Lebendige selbst ist die erste Erfahrung des Menschen, nicht das Tote – und diese Erfahrung beinhaltet auch die Erfahrung der eigenen Lebendigkeit als intensionale qua eben der Erfahrung der Welt als Lebende.
    Man könnte daraus vermuten, dass wir somit im Grunde für uns selbst unsterblich sind – und erst in der Erfahrung des Toden unsere eigene Vergänglichkeit erahnen und somit befürchten.

    Dann dieses:
    “Nationalisten sind – so gesehen – keine Anti-Individualisten, sondern haben einen anderen Begriff vom “Individuum”. “Jedes Einzelleben ist (…) das Abbild der wirkenden Kräfte einer Zeit, die auch in allen anderen lebendig ist.”, so Jünger. Ohne die Gemeinschaft wäre das Individuum demnach also schlicht nicht möglich.”

    Dies würde ich ihnen sofort so wie es dasteht uneingeschränkt unterschreiben. Sie haben einen anderen begriff von Individuum, ja, lieber brodkorb?
    Dann formulieren sie ihn doch einmal – und ich bin gespannt, wie sie das tun ohne dabei in einen Art Seelenglauben abzurutschen.

    Pastör macht etwas anders daraus – und das hätte ihnen auffallen müssen – er spricht nämlich nicht mehr von ‘erinnerung’, von Prägung eines ganzen (das man unter Nation auch fassen kann – aber auch anders), sondern von biologischen, von physischen Merkmalen:
    ““Der Sinn des Lebens ist ganz einfach, dass wir in tausend Jahren jemandem noch ins Gesicht schauen können, der so ähnlich aussieht wie wir.””

    Das ist etwas anders als die eigetlich logische weiterführung: “der so ähnlich denkt wie wir” oder “dessen Denken partiell von uns entstammt”. Pastör verändert: von der Kultur(leistung) zur (Biologischen) Abstammung.

    “Allerdings vermag auch und gerade der “Ausweg” des Nationalismus keiner zu sein. Genau genommen ist er vielmehr sogar eine billige Flucht vor dem Tragischen im menschlichen Leben. Die Frage nach dem Sinn läuft letztlich zu in der Sehnsucht nach der Ewigkeit. Hierin berühren sich die Motive von gleichermaßen eschatologisch inspirierten Nationalisten und Kommunisten. Nichts Irdisches jedoch ist ewig. Es gibt keinen Himmel auf Erden: Weder den der Nation noch den des kommunistischen Paradieses.”

    Ihr schluss nötigt mir dann auch noch ein paar abschließeneden Worte ab – viel wahres, viel daneben zugleich – udn zum teil erstaunlicherweise sogar daneben.

    Zuerst einmal – sie sagen:

    “Nichts Irdisches jedoch ist ewig.”

    Nun, klingt nett, klingt einleuchtend – leider falsch, aber sonst sehr gut.
    Doch es gibt ewigkeit und unsterblichkeit – sie und ich praktizieren sie täglich – denn sie und ich sind ewig und unsterblich – denn nur so kennen wir uns.
    Und das ist kein ‘billiger tachentrick’ jetzt.
    Sie legen einen Masstab an – irgendeine zeitliche latte und sagen – so, ab hier gibt es etwas, davor nicht, und ab da gibt es etwas nacht mehr. Das ist mit allem, an dem ich diesen Massstab anlege so, ergo: es gibt nichts ewiges.
    Nun, nicht mit allem, legen sie doch einmal diesen masstab an sich selbst an – und nehmen sie sich zu dem, was sie sind, nämlich auch zur Grundlage der messung. Sie kennen nur immer sich und nur immer soweit, wie sie sich erinnern. und sie leben bis ans ende der erinnerung, nämlich ihrer.
    Und das ist das tragische – das im scheitern selbst sich zum göttlichen erheben, die autoepiphanie.
    Wir menschen sind erinnerungen, und erinnerungen sind wir – denn wir nehmen uns selbst eben immer nur in den erinnerungen wahr, der vergleich, der rückbezug eines immer nach rückwärts blickenden Wesens, dass blind vorwärts tappt.
    Und da steckt auch eine Art Unsterblichkeit eben drinnen, die über unser leben selbst hinausgeht – in der vermittlung an die uns folgenden. Platon lebt, nämlich als das an Platon erinnern durch sie und mich z. b. und er lebt selbst dann noch, wenn niemand mehr den namen platon kennt, aber er als kuilturwesen etwas ererbt, was positiv von platon abstammt.
    Das gedächtnis, die erinnerung, ist die dauer, die in sich als abgeschlossene ein unbegrenstes darstellt, denn ihre grenzen können eben von innen heraus nicht erfasst werden. Diese Form des grenzenlosen selbst ist eine form der ewigkeit udn grundlage ihrer quantitaiven Mess-ewigkeit, dann das erinnern der einzelnen Messschritte ist Bedingung der Messung selbst.
    Und das ist eben auch eine Form des Bocksgesangs, des Gottesdienstes an den Herrn des Lebens und des Todes, dem Herrscher nach Zeus, dem mit dem Spiegel und den Ball spielenden Kindes.
    Das Erinnern durch das, das menschliche Masss übershreitende Scheitern und das somit Unsterblich werden in der Erinnerung.
    Viele Dinge sind gewaltig, doch nichts ist gewaltiger als der Mensch.
    Nun, und auch dies war eine Form des nationalismus, denn ich habe gerade dasjenige angewandt, was sie als wesensmerkmal des nationalismus richtig erkannt haben, ohne dabei leider zu reflektieren, dass dieses Wesensmerkmal das wesensmerkmal jeder bewegung ist – ob der kommunistischen, jeder religiösen oder auch den der Arbeiterbewegung, der spd der fahnen und aufmärsche. Steuerrecht reist wirklich wenige nur mit, dass sich selbst erleben im gemeinschaftlich vollzogenen ereignis der bedeutungszuschreibung wie z. b. einem aufmarsch, einem chor, einem gebet oder einer massenansprache tut es hingegen – denn es generiert Sinn.

    Antworten

    • 6. Juli 2008 um 00:17 Uhr
    • Zagreus
  3. 3.

    @ Zagreus:

    “leider komme ich gerade von einer kleinen Party, hab ein Bier intus, bin satt, faul und vollgefressen und kann ihren text nicht so antworten, wie er es verdient – und das meine ich mit einem respekt gesagt, da ich ihnen ein paar der von ihnen oben getroffenen erkenntnisse nicht zugetraut hätte.”

    Oh Zagreus, was täten wir bloß, wenn wir Sie nicht hätten!

    Antworten

  4. 4.

    “Oh Zagreus, was täten wir bloß, wenn wir Sie nicht hätten!”

    ??? Was wohl? Weinen, bitterlich weinen; tränen des leides und des Verlustes vergiesen, was sonst?

    Antworten

    • 6. Juli 2008 um 07:05 Uhr
    • Zagreus
  5. 5.

    Kleine ergänzungslektüre fürs Wochenende – dürfte ihnen sogar gefallen – von H. M. Enzensberger: der radikale Verlierer, vor allem in seiner kollektiven Erscheinungsform:

    http://wissen.spiegel.de/wissen/dokument/dokument.html?id=42983347&top=SPIEGEL

    Und wie gsagt: ich würde mich über ein anders als das pobrige Konzept von “Individuum” im verhältnis zu “Kollektiv” (ob als Familie, gesellschaft oder wie auch immer) freuen.

    Antworten

    • 6. Juli 2008 um 13:34 Uhr
    • Zagreus
  6. 6.

    Von Roland Baader gibt es ein gutes Buch mit dem Titel “Totgedacht: Warum Intellektuelle unsere Welt zerstören”. Man kann’s mit dem gedanklichen Durchdringenwollen auch übertreiben. Dabei kann das Leben doch so einfach sein, da muss ich nicht wildeste Gedankenkonstrukte basteln. “Was du nicht willst, das man dir tu’, das füg’ auch keinem and’ren zu.” Einfacher kann man die Ethik für ein aus meiner Sicht freies, friedliches und “gesundes” Zusammenleben nicht formulieren. Ob einer Nationalist ist oder auch nicht, ist für mich gar nicht die Frage, mit der ich mich länger beschäftigen möchte. Einzig interessant ist, ob jemand Zwang und Gewalt anwendet bzw. propagier oder nicht. Und da sind irgendwelche Nationalisten die letzten, vor denen das friedliche, gewaltfreie Zusammenleben bedroht wird. Der größte, aggressivste und mächtigste Aggressor ist immer noch der Staat.

    Antworten

    • 6. Juli 2008 um 13:36 Uhr
    • Marco
  7. 7.

    Alle Systeme, die das Selbst transzendieren sind letzten Endes “eine Flucht vor dem Tod”. Das ist ja auch legitim, wenn nicht unvermeidlich. Ernest Becker hat dazu eine klassische Studie verfaßt:

    http://en.wikipedia.org/wiki/The_Denial_of_Death

    Es ist sehr leichtfertig, von “Auswegen” zu sprechen, wenn es eben nicht darum geht, auszuweichen und zu fliehen, sondern einen Weg einzuschlagen, der Arbeit, Askese, ein Dienen am Ganzen vorsieht. Das ist ja keine Endstation, sondern erst der Anfang. Ein Weg, der ohne einen gewissen “Eros”, ein gewisses Pathos, nicht möglich ist. Ebenso leichtfertig ist es, vorschnell von “billigen” Fluchten zu sprechen. Welche Fluchten wären denn nicht “billig”? Und wenn man von “Ersatzreligion” spricht, gerade als säkularer Mensch, muß man sich fragen, was denn dann “echte” Religion sei. Wenn man selbst nicht gläubig oder agnostisch ist, und sich die religiöse Wahrheitsfrage nicht stellt, dann ist doch eine “Flucht” so gut wie die andere, sofern sie produktiv ist, das Leben erträglich macht und erhält, und einen anspornt, Verantwortung zu übernehmen.

    Ist das Christentum etwa, mit seiner Verheißung des ewigen Lebens, auch eine “billige” Flucht? Die Frage ist: wer vermag “das Tragische im Leben” denn überhaupt zu ertragen, ohne sich in Fühlung mit etwas zu wissen, das über ihn selbst und seine endliche Existenz hinausweist? Die Antwort sollte klar sein: Fast niemand kann das. Dem standzuhalten, ohne jegliche Illusion, ist nur die Sache von Einzelgängern. Mehrheitsfähig ist das nicht. Man versuche sich etwa eine Gesellschaft aus hartgesottenen Existenzialisten vorzustellen, deren Bewußtseinslage von einem Ausblick à la Cioran oder Clément Rosset gekennzeichnet wäre. Es ist schlicht und einfach unmöglich, nicht einmal ein Fußballmatch könnte diese “Gesellschaft” gewinnen.

    Gerade wenn man vom klassischen Nationalismus (den es ja heute nicht mehr gibt) spricht, ist dieser ein schlechtes Beispiel für eine “billige Flucht vor dem Tragischen im Leben.” Es handelte sich hier um heroisches Pathos, das zum Teil aus Kampf und Not entstanden ist, und auch den eigenen Tod und das Selbstopfer verklärt. Darüberhinaus sollte man die Leistungen des historischen Nationalismus nicht unterschätzen, immerhin wurde hier die Grundlage für die Welt gelegt, in der wir heute leben. Chesterton meinte einmal, man sollte nicht die Leiter verächtlich machen oder umstoßen, auf der man hochgeklettert ist.

    Und ausgerechnet Jünger zu zitieren, ist hier denkbar fehl am Platz, denn Jüngers Konzeption beruht auf einem tragischen, beinah nihilistischen Weltbild, auf einer Position, die Aug’ in Aug’ mit dem Tod steht, auf einer Position, die auf jene zugeschnitten ist, die dem Grauen des Weltkriegs begegnet und widerstanden sind.

    Und weiter: es ist zutiefst menschlich, das Eigene weiterzugeben, weiterleben lassen zu wollen. Damit sind auch Fragen der Verantwortung für die Bestände der Vergangenheit und der Zukunft nach uns, unserer Kinder etwa, berührt. Individuuen, die sich keinem großen Ganzen verpflichtet fühlen, werden schnell in eine defaitistische “Nach-mir-die-Sintflut”-Haltung verfallen, wie es ja heute weit verbreitet ist.

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    • 6. Juli 2008 um 14:53 Uhr
    • Kreuzberg
  8. 8.

    Wieder mal ein erstklassiger, niveauvoller Beitrag. Respekt.

    Zu einem Thema, das Schnittmengen mit diesem hier aufweist, habe ich vor zwei Monaten einen Text verfasst, den ich in den nächsten Tagen ins Weblog der Blauen Narzisse einstelle.

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    • 6. Juli 2008 um 18:12 Uhr
    • Albert
  9. Kommentar zum Thema

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