Wir müssen reden. Über Nazis.

Nazi-Morde stoßen auf Gleichgültigkeit

Von 8. September 2008 um 13:02 Uhr

Letzte Woche habe ich in der Süddeutschen Zeitung einen Bericht gelesen, der mich sehr erschüttert hat und mir seit einigen Tagen nicht aus dem Kopf geht:

Da werden zwei junge Menschen von bekannten Neonazis brutal ermordet – und die Polizei verschweigt der Öffentlichkeit offenbar gezielt die politische Gesinnung der Täter. Nach dem zweiten Mord in Bernburg habe es laut Mitteldeutscher Zeitung gar eine Vereinbarung zwischen der Staatsanwaltschaft Magdeburg und der Polizei, nur “auf Nachfrage” von Journalisten Details zu den Morden dazu bekanntzugeben.

Lediglich die aktuell einsetzenden Pressereaktionen, sorgen gerade dafür, dass die politischen Hintergründe dieser grausamen Taten überhaupt thematisiert werden.

Magdeburg: Nazihintergrund verschleiert

In Magdeburg wurde am 17. August der 20-jährige Kunststudent Rick L. von einem 20järigen Neonazi namens Bastian O. ermordet. Der weltoffen eingestellte Kunstudent geriet mit Bastian O. in einer Großraumdisco in Magdeburg in einen Streit und bezeichnete ihn als Nazi. Dies war offenbar sein Todesurteil, er wurde auf dem Nachhauseweg vor einem Gebüsch umgebracht. In der Wohnung des Tatverdächtigen Bastian O. seien anschließend Gegenstände des Ermordeten gefunden worden, ebenso fanden sich DNA-Spuren des Getöteten an der Kleidung des Verhafteten.

Bastian O. gilt als stadtbekannter Nazi, ist wegen eines brutalen Überfalls auf einem Menschn aus Togo vorbestraft, hat ein tätowiertes Hakenkreuz und bietet seine Wohnung als Treffpunkt für gewaltbereite Nazis an. Doch für die Lokalpresse, so berichtet der SPIEGEL weiter, sei der Fall kaum der Rede wert gewesen – nur ein “Disco-Mord”, mehr nicht. Auch die zuständigen Behörden schwiegen sich aus.

Mittlerweile gab es immerhin eine öffentliche Gedenkkundgebung für Rick L.

Auch in Bernburg eine Mauer der Gleichgültigkeit

Wie auf der Seite von Mut gegen rechte Gewalt berichtet wird, wurde eine Woche später Mordfall Nummer zwei ähnlich beiläufig behandelt:

“Keine 50 Kilometer entfernt, in Bernburg (auch Sachsen-Anhalt) wurde am 24. August der 18jährige Marcel W. ermordet aufgefunden. Unter erheblichem Tatverdacht steht der 19jährige Neonazi David B., gegen den W. am Dienstag letzter Woche vor Gericht aussagen sollte. Doch da war er bereits tot – getötet durch zahlreiche Messerstiche, die dem Opfer zugefügt wurden – aus ungeklärten Umständen in der Wohnung des Täters.

Opfer und vermeintlicher Täter seien zuvor in einer Discothek, dem “Bernabeum” gesichtet worden, Freunde vermuten, Marcel W. habe sich vom Täter bequatschen lassen, ihm nach Hause zu folgen, “zum saufen oder so”. Der Tatverdächtige tischt natürlich eine andere Geschichte auf, Marcel W. sei bei ihm eingebrochen und er habe in Notwehr zugestochen. Doch diese Schilderung scheint den Ermittlern relativ unwahrscheinlich zu sein und gilt als Schutzbehauptung des zur Tatzeit angetrunkenen Hauptverdächtigen. Er, David B., habe sein Opfer schon häufiger attackiert, zuletzt massiv am 20. November 2007. Marcel habe seitdem “panische Angst” vor dem Neonazi gehabt, berichtete eine Freundin dem SPIEGEL-Reporter Sven Röbel.

Dennoch sei wahrscheinlich, dass dieser Fall eher als Gewaltdelikt zwischen alkoholisierten Jugendlichen in die Polizeistatistik eingehe, obwohl David B. bereits als rechtsextremer Gewalttäter polizeilich erfasst sei. Auch trage er mehrere rechtsradikale Tätowierungen und sei als Mitdemonstrant des rechtsextremen “nationalen Widerstands” aufgefallen. Aber sogar Sachsen-Anhalts Innenministerium habe zunächst keine Ahnung von dem Fall gehabt, was der SPIEGEL wie folgt als unfassbar kommentiert:

`Dabei ist die kriminalstatistische Frage, ob die Tötungen von Bernburg und Magdeburg unmittelbar politisch motiviert waren, unerheblich. Fakt ist, dass sich die beiden Tatverdächtigen in einem rechtsradikalen Milieu bewegten, in dem Menschenleben, vorzugsweise die von “Schwächreren”, nicht viel zählen und in dem eine unfassbare Verrohung jeden Tag Opfer fordern kann. Sowohl Bastian O. als auch David B. werden von bekannten als “tickende Zeitbomben” beschrieben, bei denen es “nur eine Frage der Zeit” gewesen sei, “bis mal was passiert”. Entschärft hat sie keiner.´”

Gleichgültigkeit stärkt Nazi-Täter

Diese beiden Beispiele sind nur die Spitze eines Eisberges neonazistischer, antisemitischer und rassistischer Gewalt. Die unfassbare Gleichgültigkeit, mit der diese beiden Nazi-Morde in den Behörden und in weiten Teilen der Öffentlichkeit verhandelt wurden und werden, macht die menschenverachtende Nazi-Szene stark und wird von diesen als eindeutiges Signal dafür gewertet, dass sie oftmals nicht bzw. nur im geringen Umfang mit strafrechtlichen Folgen für ihr Gewalt- und Mordtaten rechnen müssen.

So sei laut Heike Kleffner von der Mobilen Opferberatung das Selbstbewusstsein der Nazi-Schläger gestiegen. Niemand greife ein, niemand halte sie auf, niemand ziehe sie zur Rechenschaft, es gebe an vielen Orten viel zu wenig Gegenwind. Wenn dann sogar die Polizei den rechtsextremen Hintergrund verschleiert, können Nazis dies meines Erachtens schon fast als Einladung zum Weitermachen begreifen.

Mich macht das einfach nur wütend…

Kategorien: bundesweit
Leser-Kommentare
  1. 1.

    Hallo Albert, wir haben deinen Beitrag gelöscht, weil er gegen unsere Blogregeln verstoßen hat. // Mod. JT

    Antworten

    • 8. September 2008 um 14:10 Uhr
    • Albert
  2. 2.

    Ja, das macht traurig und wütend. Mit der Anzahl der Opfer konservativer Gewalt erhöht sich auch die Mauer des Schweigens, weil Bürgerliche und Nazis unter einer Decke stecken und man meinen könnte, das ist alles geplant, um politische Gegner zu beseitigen.

    Antworten

    • 8. September 2008 um 14:42 Uhr
    • Judith
  3. 3.

    1) So bekannt kann der Täter wohl nicht sein, wohnte bis vor kurzem in Magdeburg und kenn denjenigen überhaupt nicht (auch meine Bekannten scheinen von dem Typen je irgendwas gehört zu haben).

    2) Die Frage bleibt offen, was die Hintergründe des Mordes durch den mutmaßlichen Täter gewesen sind. Die beiden sollen im FunPark (alkoholisiert?) aneinander geraten sein – warum? Ich denke nicht, dass beide nichts besseres zu tun hatten, als sich über ihre politische Gesinnung auzutauschen. Da noch nicht geklärt ist was zu der Tat führte (Motiv?) ist es ziemlich spekulativ, den Mord mit Rechtsextremismus als solchen in Verbindung zu bringen.

    Der Artikel bemängelt vor allem, dass der rechtsextremistische Hintergrund der Tat verschwiegen wurde, es ging also nicht um den Mord an sich, sondern nur um den politischen Hintergrund in Verbindung mit dem Mord. Da aber über die Motivlage auch im Artikel nichts stand, keinerlei Belege angeführt wurden, wäre eine solche Berichterstattung rein spekulativ gewesen – ob das gut sein soll, muss sich jeder selbst beantworten.

    Vielleicht wäre es schön, wenn man ein paar Links anführt, die über die Hintergründe mehr Aufschluss geben (Interviews mit Zeugen, oder Geständnis des Täters)…

    Zu Bernburg kann ich leider nichts sagen…

    Antworten

    • 8. September 2008 um 17:23 Uhr
    • Sebastian Ziegler
  4. 4.

    Da wichtigste ist doch nicht, daß die Presse alles erfährt, sondern daß die jeweiligen Straftaten aufgeklärt werden und da kann es manchmal schon recht hilfreich sein, wenn die Presse halt nicht alles erfährt.

    Zudem war der Fall in Magdeburg kein Fall mit rechtsradikalem Hintergrund, sow ei ich das sehe. Der Täter hätte genausogut auch ein ganz normaler besoffener Jugendlicher sein können.

    Mir scheint, hier spricht hier nur ein wenig das beleidigte Ego eines Journalisten der einfach nur alles wissen will, aber nicht alles erfährt.

    Wir sollten vielleicht einfach nur mal etwas mehr für die Jugendlichen tun, dann kommen sie auch nicht auf dumme Gedanken und fallen nicht auf die plumpen Sprüche einiger Nazis herein.

    Antworten

    • 8. September 2008 um 18:12 Uhr
    • Torsten
  5. 5.

    @ Sebastian
    1. Dass du den stadtbekannten Nazi nicht kennst, muss nicht heissen, dass es ihn nicht gibt (außer du bist selbst in der Szene).

    2. Wenn jemand ein Hakenkreuz tätowiert hat, muss er mir nicht mehr seine persönliche politische Gesinnung näher erläutern, die wird damit relativ schnell klar und ist auch mit 2,5Promille nicht zu übersehen.

    Die Presse ist übrigens Multiplikator von Wissen. Wenn es die Presse nichts erfährt, erfahren wir es normalerweise auch nicht. Das Verschweigen von Informationen ist auf jedenfall schlechter, als eine Vermutung (die als solche auch gekennzeichent ist) aufgrund des neonazistischen Umfeldes des Täters. Die Information über das Umfeld des Täters halte ich für relevant, besonders wenn er aus einem gewaltbereiten Spektrum kommt und wegen eines ausländerfeindlichen Übergriffs bereits verurteilt wurde.

    Das Verschweigen solcher Tatsachen durch die Presse führt m.E. zu einer Bagatellisierung des Vorfalls zu einer “Jugendstreiterei”. Politisch motivierte Taten möchte ich auch als solche gegennzeichnet wissen, damit man die Gefahr die davon ausgeht auch einschätzen kann.

    LG
    lamer

    Antworten

    • 9. September 2008 um 10:18 Uhr
    • lamer
  6. 6.

    @lamer

    “1. Dass du den stadtbekannten Nazi nicht kennst, muss nicht heissen, dass es ihn nicht gibt (außer du bist selbst in der Szene).”

    Da gebe ich dir recht, allerdings habe ich etwas anderes auch nie behauptet. Ich meinte lediglich “bekannt kann der Täter wohl nicht sein”. Im Beitrag wurde behauptet das es sich um einen “stadtbekannter Nazi” gehandelt hätte – davon kann wohl weniger die Rede sein, wenn dieser stadtbekannt gewesen wäre hätte dies auch geheißen das an der Person ein besonderes öffentliches Interesse gestanden hätte. Dem scheint wohl nicht so zu sein – es handelte sich als eher um einen “aus der Szene” der (und nur) dort (und bei der Polizei) einschlägig bekannt war.

    2. Momentan handelt es sich um Spekulation, dass der mutmaßliche Täter aus einem politischen Hintergrund gehandelt hat. Da die Polizei die Informationen (noch nicht) preisgibt kann man schlicht noch keine Informationen publizieren – es gibt einfach keine verlässlichen.

    Zwar kann man den Umgang mit den Information durch die Polizei/Staatsanwaltschaft kritisieren, nicht aber, dass (zu) wenig über den Vorfall berichtet wurde, schließlich gibt es bisher keine verlässlichen Informationen über die man berichten könnte (bzw. zu dem Augenblick konnte).

    Das dürfte vor allem dann interessant sein, wenn Leute die gebotenen spekulativen Informationen verwenden, um die Gewaltätigkeit der Szene vor Ort einzuschätzen. Solche Einschätzung werden immer wieder gerne in Diskussionen verwendet, führt man solchen Debatten entsprechend (falsche bzw. nicht verlässliche) Informationen zu, heißt man die “Stimmung” noch mehr auf und entfernt sich immer weiter von einer sachlichen Diskussion und ansprechenden Lösungen.

    Ganz nebenbei, Spekulationen zu veröffentlichen ist nicht unbedingt Aufgabe der Presse, zumal man damit die Polizeiarbeit unnötig erschwert. Viel wichtiger finde ich es, wenn man über den Ausgang des Prozesses abwartet und danach auf einen möglichen politischen Hintergrund des mutmaßlichen Täters eingeht.

    Antworten

    • 9. September 2008 um 13:00 Uhr
    • Sebastian Ziegler
  7. 7.

    der artikel hinterlässt bei mir ein eher ungutes gefühl — ich fühle mich irgendwie an die strategie gewisser blätter erinnert, bei jedem passenden verdächtigen erstmal das ausländische herauszustreichrn — ganz egal, ob das in irgendeinem zusammenhang mit der tat steht oder nicht, solange sich nur klischees bedienen lassen.

    über die schlichte voraussetzung hinaus, dass ostdeutsche presse und polizei kein interesse haben an der publikmachung nazistisch begründeter untaten gibt es keine beleg, dass da tatsählich was verschwiegen wird.
    dass es sich bei den verdächtigen beide male anscheinend um anghörige der nazi-szene handelt, legt die vermutung eines einschlägigen hintergrunds nahe — aber beweist sie nicht.

    es wäre interessanter gewesen, etwaige begründungen der polizei/staatsanwaltschaft zu hören, statt mit pauschalurteilen die welt in gut und böse zu scheiden …

    Antworten

    • 9. September 2008 um 14:26 Uhr
    • arne anka
  8. 8.

    “Mit der Anzahl der Opfer konservativer Gewalt erhöht sich auch die Mauer des Schweigens, weil Bürgerliche und Nazis unter einer Decke stecken und man meinen könnte, das ist alles geplant, um politische Gegner zu beseitigen.”
    Jetzt sind wir also schon bei der “konservativen Gewalt” angekommen.
    Diese andauernden im Rahmen der Gleichsetzungsstrategie unternommenen Versuche Nazi=Rechte=Konservative(hier sogar = Bürgerliche) stinken ganz gewaltig.
    @ Topic im engeren Sinne: Ich glaube, reißerische Berichterstattung über Gewalttaten gibt es genug, ein Vorrecht für Berichte über vermeintlich politisch motivierte Gewalt kann ich nicht sehen, zumal die entsprechenden Probleme im Umfeld von regen-reißerischen Presseberichten (z.B. Vorverurteilung und Missbrauch des Opfer durch Vereinnahmung) doch schon mehrfach zu sehen waren.

    Antworten

    • 9. September 2008 um 15:48 Uhr
    • Nele
  9. Kommentar zum Thema

    (erforderlich)

    (wird nicht veröffentlicht) (erforderlich)

    (erforderlich)