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Was tun, wenn’s brennt?

 

Das Attentat in Passau lässt diese Woche alle den Atem stocken: Die neue Qualität rechter Gewalt ist nicht mehr zu leugnen. Auch in Leipzig ist der Wandel spürbar. Eine Reportage. Von Hannah Eitel und Steffi Hentschke

Der Leipziger Stadtteil Grünau ist zwar kein schönes, aber ein ruhiges Viertel: Auf den Straßen zwischen den alternden Plattenbauten sind vor allem Rentner unterwegs. Vielleicht sind sie auf dem Heimweg vom Einkaufen oder wollen Bekannte besuchen. Sicher ist nur, sie wollen nicht ins Komm-Haus. Seit dem Brandanschlag auf das Kulturzentrum im Stadtteil kann sich dort niemand mehr treffen.

Plötzlich waren sie drin

In der Nacht vom 23. auf den 24. November drangen Unbekannte in das Komm-Haus ein und legten mit Brandbeschleunigern Feuer. „Alle Akten, Geräte und persönlichen Dinge mit ideellem Wert sind verbrannt“, berichtet Klaudia Naceur. Sie ist Mitbegründerin der Bürgerinitiative Buntes Grünau, ein Projekt für mehr Toleranz und Vielfalt im Viertel. Ihr Büro ist vollständig ausgebrannt, auch nach drei Wochen riecht es, als wäre nebenan ein Lagerfeuer. Ein Stück Bildschirm liegt noch unter Schutt und Staub, von zwei Rechnern fehlt jede Spur. Diese wurden vermutlich beim Anschlag gestohlen und mit ihnen wichtige Daten und Adressen. „Wir gehen fest davon aus, dass die Einbrecher unsere Daten wollten. Es ist ja nichts neues, das die es genau darauf abgesehen haben.“

Mit „die“ meint Naceur Aktivisten aus der rechtsextremen Szene und es ist tatsächlich nichts Neues, dass diese gelegentlich alternative Jugendtreffs attackieren.

Das Komm-Haus in Grünau ist aber ein bürgerliches soziokulturelles Zentrum. „Hier geht die Oma tanzen und der Opa Schach spielen“, sagt Naceur lächelnd. Seit Mai trifft sich auch die Bürgerinitiative hier. „Seitdem wir mit der Initiative eingezogen sind, ist das Komm-Haus angreifbar.“

Den Anfang machten gesprayte Parolen an den Hauswänden, dem folgten rechtsradikale Aufkleber auf den Fenstern. 63 Stück auf Einmal.

Dann am 23. November, in der Nacht vor dem Brand, werden die Scheiben des Komm-Hauses eingeschlagen. Selbst in dem vom Feuer verwüsteten Gebäude fallen die großen Sprünge in den Fenstern auf. „An dem Tag dachten wir noch: Hoffentlich kommen die da nicht rein“, erzählt Naceur.
Eine Nacht später sind sie drin. Und sie legen Feuer. Jetzt sind alle nur froh, dass es keine Verletzten gibt.

„Rauchen Sie eigentlich?“

„Wenn die Sache überhaupt etwas Gutes hat, dann, das unser Viertel Zusammenhalt zeigt!“ Naceur ist sichtlich dankbar über die Reaktion der Grünauer Bürger „Viele von jenen, die sonst eher ihre Ruhe wollen, sagen jetzt laut, was sie stört“, sagt sie.
Nach Außen symbolisiert Grünau tatsächlich Geschlossenheit: Überall hängen indes Plakate auf denen sich verschiedene Einrichtungen der Stadt, das nahe gelegene Einkaufszentrum und Privatpersonen mit dem Komm- Haus solidarisieren. Wie es aber in den Bürgern wirklich aussieht, lässt sich nur ahnen: Eine konkrete Aussage gegenüber der Presse jedenfalls traut sich niemand zu: „Mittlerweile hat man hier auch etwas Angst, dazu laut etwas zu sagen. Ich wage nicht zu behaupten, ob die Täter aus der rechtsextremen Szene kommen. Das müssen die Ermittlungen ergeben“, so ein Bürger. Auch er hat mit Nachdruck darum gebeten, anonym zu bleiben.

Die einen wollen Gewissheit, die anderen einfach ihre Ruhe. Aber alle warten auf die Neuigkeiten der Polizei.
Und die hat noch keinerlei Erkenntnisse über Motiv und Täter. Auch die Daten aus den Rechnern seien noch nirgendwo aufgetaucht, teilte ein Pressesprecher mit. Es werde noch in alle Richtungen ermittelt. Wahrscheinlich wurde deshalb auch ein Komm-Haus-Mitarbeiter gefragt, ob er rauche. Er raucht nicht. Außerdem hätten die Ermittler wohl keine Brandbeschleuniger gefunden, wenn das Feuer durch einen Unfall entstanden wäre.

Große Erwartungen gab es deshalb auf der Stadtratssitzung am vergangenen Mittwoch. Zusammen mit seiner Fraktion hatte Rüdiger Ulrich, Geschäftsführer der Partei Die Linke, einen Antrag gestellt, um die wichtigsten Fragen der Bürger in Grünau zu klären: Wird sich jetzt etwas ändern? Wird die Polizei ihre Präsenz verstärken? Aber auch diese Fragen bleiben offen.
Ob die Polizei die Bestreifung des Komm-Hauses verstärke, hänge vom Ergebnis der Ermittlungen ab, so Dr. Georg Girardet, Bürgermeister für Kultur. Außerdem verwies Girardet auf die nächste Landtagssitzung, in der die Frage nach dem Stand der Ermittlungen ausführlich geklärt werden soll. Doch bis dahin dauert es noch. „Die Stadt ist für diese Dinge nicht zu ständig. Polizeiarbeit wird auf Länderebene geregelt, da kann man nur abwarten“, so Ulrich enttäuscht. „Wir haben das Signal bekommen, dass nichts passiert. Das macht sehr unzufrieden“.

Und jetzt?

Trotzdem setzte der Stadtrat am Mittwoch auch ein positives Zeichen: Alle vertretenen Fraktionen erklärten gemeinsam, sich gegen das Auftreten der NPD in Leipzig einzusetzen. „Die Kraft der Argumente und nicht Provokation und gegenseitige Gewalt werden die Widerwärtigkeit der neonazistischen Politik der NPD entlarven“, heißt es in der Erklärung. Ob der Zusammenhalt der Lokalpolitiker den Bürgern wirklich etwas nützt, wird sich zeigen. Im März soll das Komm- Haus wieder geöffnet werden.