Wir müssen reden. Über Nazis.

„Zwei bis drei rechte Gewalttaten pro Tag“

Von 22. Dezember 2009 um 21:15 Uhr
Mit Gewalt gegen Demokraten - eindeutige Botschaft auf dem T-Shirt eines Neonazis

Gewalt als Programm - eindeutige Botschaft eines Nazi-Shirts © J. Radke

Die Bundesrepublik wurde auch in diesem Jahr wieder massiv von rechtsextremer Kriminalität heimgesucht. Es sei eine Gesamtzahl von „um die 20 000 Delikte“ zu erwarten, sagte der Präsident des Bundeskriminalamts, Jörg Ziercke.

Von Tagesspiegel-Autor Frank Jansen

Die Bundesrepublik wurde auch in diesem Jahr wieder massiv von rechtsextremer Kriminalität heimgesucht. Es sei eine Gesamtzahl von „um die 20 000 Delikte“ zu erwarten, sagte der Präsident des Bundeskriminalamts, Jörg Ziercke, vergangene Woche in Berlin. Er sprach von einer „ähnlich hohen Tendenz“ wie 2008. Im vergangenen Jahr hatte die Polizei bundesweit 20 422 rechte Straftaten registriert, das war ein deutlicher Anstieg gegenüber 2007 (17 607). Außerdem bleibe der Anteil der rechten Gewaltdelikte mit ungefähr sechs Prozent stabil, sagte Ziercke. Es würden in Deutschland „zwei bis drei rechte Gewalttaten pro Tag“ begangen. Und Ziercke verwies darauf, dass die Zahl der Todesopfer rechter Gewalt, die seit der Wiedervereinigung zu beklagen sind, seit 2008 um drei Fälle auf insgesamt 47 gestiegen sei. Recherchen von Tagesspiegel und „Frankfurter Rundschau“ ergaben indes schon 2003 eine Zahl von 99 Toten.

Mit dem Ausblick auf die Entwicklung rechter Kriminalität begann Ziercke die Vorstellung einer vom BKA in Auftrag gegebenen Studie zu „NPD-Wahlmobilisierung und politisch motivierter Gewalt“. Das umfangreiche Werk haben an der Technischen Universität Dresden der Vizedirektor des Hannah-Arendt-Instituts für Totalitarismusforschung, Uwe Backes, und seine Mitarbeiter erstellt. Untersucht wurde für die Zeit von 2003 bis 2006 die Wechselwirkung zwischen Wahlerfolgen der NPD und Gewalt von Neonazis und anderen Rechtsextremisten – sowie den militanten Aktionen linker Nazigegner. Die Studie beschränkt sich auf Sachsen und Nordrhein-Westfalen. Sachsen kann aber wegen der Wahlerfolge der NPD zumindest in Teilen als exemplarisch für Ostdeutschland gelten, Nordrhein-Westfalen ragt mit seinem Bevölkerungsreichtum im Westen hervor.

Ein wesentliches Ergebnis der Studie lautet: Das Ostland ist von der Auseinandersetzung zwischen Rechtsextremisten und Antifa deutlich stärker betroffen als das Westland. In Sachsen seien die rechte und die linke „Konfrontationsgewalt“ nach der Landtagswahl 2004 signifikant angestiegen, heißt es in dem Papier. Die NPD war in dem Jahr überraschend mit 9,2 Prozent ins sächsische Parlament eingezogen. In Nordrhein-Westfalen hingegen, wo die NPD bei der Landtagswahl 2005 über 0,9 Prozent nicht hinauskam, sei lediglich „ein leichter Anstieg des Gesamtaufkommens rechter Gewalt“ festgestellt worden. Und die Wahl hat sich laut Studie auch kaum auf die rechte und linke Konfrontationsgewalt ausgewirkt.

Die Autoren schreiben zudem, in Sachsen war nach „medialen Erregungswellen“ beim Thema Rechtsextremismus etwa einen Monat später „ein deutlicher Anstieg linker Gewalttaten feststellbar“. In Nordrhein-Westfalen sei dieser Zusammenhang jedoch nicht zu erkennen. Außerdem fiel in Sachsen auf, dass NPD und gewaltbereite Rechtsextremisten „häufig in den gleichen Räumen zu Hause sind“. Zu einem ähnlichen Ergebnis kam der Berliner Verfassungsschutz, als er in einer Studie auch für die Jahre 2003 bis 2006 rechte Gewalt in der Stadt analysierte.

Die Zielrichtung rechter Gewalt habe sich in Sachsen deutlich verändert, steht in der Backes-Studie. „Die gegen politisch-weltanschauliche und lebensstilistische Feinde vorgetragene Konfrontationsgewalt hat die gegen Migranten und andere Minoritäten gerichtete Hassgewalt überflügelt“. In Nordrhein-Westfalen hingegen dominiere bei rechter Kriminalität die fremdenfeindliche Gewalt. Allerdings, darauf verwies auch Ziercke, wird auch im Westland der Rechts-links-Konflikt härter. Ein Beispiel war der Angriff „Autonomer Nationalisten“, die in ihrem militanten Auftreten die linken Autonomen kopieren, auf Gewerkschafter am 1. Mai 2009 in Dortmund.

Kategorien: bundesweit
Leser-Kommentare
  1. 1.

    Erschreckend. Aber die Berechnung verstehe ich nicht. 2-3 rechte Gewalttaten ergibt bei 365 Tagen rund 1000 Verbrechen, aber keine 20.000.
    Was ist mit dem Rest, wo kommt der her ?

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    • 25. Dezember 2009 um 18:32 Uhr
    • dennis II
  2. 2.

    20 422 rechte Delikte, davon sind, wie im Text beschrieben, sechs Prozent Gewalttaten.

    Antworten

  3. 3.

    Schon wieder ein Opfer rechter Gewalt:

    http://www.hurriyet.com.tr/dunya/13302386.asp?gid=200

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    • 26. Dezember 2009 um 16:34 Uhr
    • MT
  4. 4.

    Die Diskrepanz bei der Zählung von Toten ist sehr interessant, warum vertieft Jansen das nicht weiter?
    Leider hat er unlängst sehr dubios-verschwurbelt über hessische Linksextremisten geschrieben und sich zu entsprechenden Rückfragen auch nicht geäußert. Etwas mehr Transparenz täte gut.
    http://spiegelkritik.de/2009/12/14/tagesspiegel-luftet-bekanntes-geheimnis-und-erzahlt-ein-bisschen-drumrum/

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  5. 5.

    Danke für die Information Johannes, dann sind also 94 % der Delikte keine Gewalttaten. Das ist ja interessant.

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    • 26. Dezember 2009 um 18:54 Uhr
    • dennis II
  6. 6.

    Hallo

    um die Rechenspielchen mal zutreiben. Die 1000 Delikte aus Post 1 sind rund 20% der Gesamtsumme oder? Insgesamt gibs aber bloß 6% Gewalttaten, ergo kann es ja, rein rechnerich gesehen, gar kein 2-3 Gewalttaten pro Tag gegeben haben. Bitte korrigiert mich falls ich in Mathe geschlafen haben sollte.

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    • 26. Dezember 2009 um 19:35 Uhr
    • m.d.a.
  7. 7.

    @Spiegelkritik:
    Frank Jansen vertieft dieses Thema doch schon seit Jahren. Unter anderem sind seine gemeinsamen Recherchen Mit Heike Kleffner die Grundlage für die Ausstellung “Opfer rechter Gewalt”
    http://www.opfer-rechter-gewalt.de

    Antworten

  8. 8.

    @ m.d.a.
    6% Gewalttaten von 20.000 Delikten sind 1200 Gewalttaten, das macht bei 365 Tagen ca. 3,25 Gewalttaten am Tag.
    Übel und noch übler im Verein mit den zunehmenden übrigen politisch motivierten Delikten im Lande.

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    • 28. Dezember 2009 um 13:14 Uhr
    • Mathe
  9. Kommentar zum Thema

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