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Brutaler Nazi-Angriff – zweifelhafte Rolle der Polizei

 
c/o recherche nord

„Gladiator Germania“ – Teil gewalttätiger Nazi-Strukturen aus dem Raum Tostedt

In der Gemeinde Wistedt (Niedersachsen) dringt vergangenen Sonntag in den frühen Morgenstunden eine Horde vermummter Neonazis in eine WG ein, in der politische Gegner vermutet werden.  Die Nazis schlagen mit brachialer Gewalt u.a. mittels Spaten auf Köpfe und Körper ein – zwei der Angegriffenen müssen schwerverletzt ins Krankenhaus.

Was passiert? Die eintreffende Polizei stürmt das Haus und  nimmt die Personalien der Bewohner und der herbeigeilten antifaschistischen Unterstützer auf. Und die Nazis? Die sind längst über alle Berge, obwohl sie den brutalen Angriff vorher offen und lautstark ankündigten.

Hinter den Angriffen stecken offensichtlich seit langem organisierte Nazi-Strukturen, wie aus Berichten antifaschistischer Recherche-Seiten hervorgeht. Dass dieser brutale Angriff so ungehindert hat stattfinden können, scheint auch eine Folge davon zu sein, dass in der Öffentlichkeit – seitens der Presse oder der Kommunen- keine Diskussion über die Gefährlichkeit der organisierten Nazi-Szene geführt wird – das Problem wird wie so oft verschwiegen. Hinzu kommt, dass insbesondere von polizeilicher Seite entpolitisiert wird. Organisierte Angriffe nationalsozialistischer Schlägertrupps auf linke Jugendliche werden als  „Auseinandersetzungen zwischen Jugendbanden“ verharmlost. In solch einem Klima der Anonymität und des Wegsehens können sich die menschenverachtenden Nazi-Banden natürlich weitgehend sicher fühlen und ungehindert mittels Terror ihren „Kampf um die Straße“ führen.

Die Antifa-Recherche Seite „Recherche-Nord“ schreibt über den brutalen Nazi-Anfgriff und den organisierten Hintergrund der Neonazis:

„Der ganze Flur war voller Blut“ – Neonaziattacke in Wistedt

Geschrieben von Recherche Nord

23.05.2010 / Wistedt: Der niedersächsische Landkreis Harburg kommt nicht zur Ruhe. Seit Monaten hinterlassen organisierte Neonazis in der Region eine Spur der Gewalt. Übergriffe sind an der Tagesordnung. So auch am vergangenen Wochenende, als rund 15 militante Neonazis eine Wohngemeinschaft in der Gemeinde Wistedt attackierten. Angesichts der derzeitigen Explosion an Gewaltakten wirkt das Verhalten staatlicher Stellen zunehmend befremdlich. Die nationalsozialistische Ideologie der TäterInnen und der von ihnen propagierte „Kampf um die Straße“ werden von den zuständigen Behörden konsequent in Abrede gestellt, geleugnet und verheimlicht. Geplante Gewalttaten von Neonazis werden zu „Auseinandersetzungen zwischen verfeindeten Jugendgruppen“ herunter gespielt, Opfer zu Täter_innen umgedeutet.

Die jüngste Attacke am vergangenen Sonntag im niedersächsischen Wistedt offenbarte abermals den derzeitigen Grad der Eskalation. In den frühen Morgenstunden verschafften sich bewaffnete Neonazis gewaltsam Zugang zu einem Wohnhaus. Ihr Ziel: politische Gegner_innen. Mit brachialer Gewalt schlugen die Angreifer auf Körper und Köpfe der Betroffenen ein. Die Bilanz des Überfalls: zwei Schwerverletzte, die im Krankenhaus notversorgt werden mussten. Zuvor hatten die Angreifer ihre Opfer mit Spaten traktiert. „Der ganze Flur war voller Blut“ berichteten Zeug_innen des Angriffs im Nachhinein.

Die Tat ereignete sich indes nicht ohne Vorankündigung. Das Gebäude war bereits in der Vergangenheit Ziel von Angriffen. Mehrfach wurden vor dem Anwesen neonazistische Hetzparolen und Drohungen gegröhlt, Scheiben wurden zertrümmert. Und auch der jüngste Vorfall kam nicht überraschend. Bereits am Vorabend der Tat versammelte sich in Wistedt eine Gruppe Neonazis, schmierte Parolen und kündigte die geplante Attacke lauthals an. Auch am darauf folgenden Tag neigte man nicht zu verborgenem Vorgehen. Wenige Stunden vor dem Angriff versammelten sich die beteiligten Neonazis, weithin sichtbar, vor dem Jugendzentrum in Tostedt und zogen von dort aus ins benachbarte Wistedt.

Nur wenige Wochen zuvor ereignete sich eine ähnliche Tat im nahe gelegenen Hollenstedt, als vermummte Neonazis ins Innere einer Wohnung eindrangen. Die bewaffneten Angreifer agierten ebenso gewaltbereit wie kompromisslos, schlugen und traten gezielt auf die Köpfe der am Boden liegenden Personen ein und verletzten diese zum Teil schwer. Auch hier galt die Attacke politischen Gegner_innen. Politische Motive, die sich in einem anschließend veröffentlichten Polizeibericht nicht wiederfinden. Dass die namentlich bekannten Angreifer den neonazistischen Gruppen „Nationaler Widerstand Tostedt“ sowie „Gladiator Germania“ zuzurechnen sind – ein eindeutiges Indiz für eine politische Motivation – wurde schlicht ausgeklammert. Die Pressestelle der Polizeidirektion Tostedt degradierte den Vorfall stattdessen zu einem persönlichem Streit, der seit „geraumer Zeit“ existiere.

c / o recherche nord

Nazis vom „Nationalen Widerstand Tostedt“, rechts Stefan Silar (Betreiber  des Naziladens „Streetwear Tostedt“)

Die beiden Gruppierungen gehören zum militanten Netzwerk der „Nationalen Sozialisten Niedersachsen“ (NASO-N), einem organisatorischen Dachverband niedersächsischer Neonazis, welches der Koordinierung politischer Aktivitäten dient – und scheinbar auch der Planung von Gewalttaten, wie die jüngsten Vorfälle vor Augen führen. Neben den, im Landkreis Harburg operierenden, Neonazigruppen gehören Kameradschaftsgruppen aus Schneverdingen, Celle, Hannover, Lüneburg, Uelzen, Hildesheim und Schaumburg zur Organisationsstruktur.

Angesichts der Vorfälle werfen nicht nur die, in den polizeilichen Pressemitteilungen verbreiteten, Einschätzungen Fragen auf. Zweifelhaft ist auch der von den Behörden praktizierte Umgang mit den Betroffenen. Opferschutz scheint hier ein Fremdwort. Wie auch am vergangenen Wochenende in Wistedt. Einsatzkräfte der Polizei, welche den Ort des Geschehens erreichten, versuchten stattdessen ihrerseits das Gebäude zu stürmen. In dem Wohnhaus hatte sich zu diesem Zeitpunkt eine größere Gruppe Antifaschist_innen versammelt, welche den Betroffenen zu Hilfe geeilt war. Eine Begründung für das gewählte Vorgehen lieferten die eingesetzten Beamten hingegen nicht. Ein karges „Wir dürfen das!“ ersetzte den Durchsuchungsbeschluss und rechtfertigte die anschließende Umstellung des Hauses. „Es ging um die Feststellung der Personalien“, so ein Anwohner. Von den Angreifern fehlte zu diesem Zeitpunkt bereits jede Spur.

Zumindest bis zum nächsten Tag. Als Reaktion auf die Ereignisse des Vortages formierte sich am gestrigen Montag eine Spontandemonstration in Tostedt. In Sprechchören wurde auf die gewaltsamen Aktivitäten der Neonaziszene aufmerksam gemacht. Deren AnhängerInnen hatten sich zu diesem Zeitpunkt vor dem Ladengeschäft „Streetwear-Tostedt“, einem neonazistischen „Szeneladen“ im benachbarten Todtglüsing versammelt. Unter ihnen auch Mitglieder der sogenannten „Snevern Jungs“, einer als gewaltbereit geltenden Neonazigruppierung aus Schneverdingen. Als sich der antifaschistische Demonstrationszug dem Gebäude näherte, griff die Polizei ein und umstellte die Demonstration. Die angereisten Neonazis versuchten daraufhin die nun Eingeschlossenen zu attackieren. Es kam zu Festnahmen. Mehrere Mitglieder der „Gladiator Germania“ fanden sich anschließend in vorrübergehendem Polizeigewahrsam wieder. Unter ihnen auch Stefan Silar, seines Zeichens Betreiber des „Streetwear Tostedt“.

Die Verdrängung der Neonaziproblematik verschafft sich indes weiter Raum. Den Betroffenen in Wistedt wurde aufgrund der Attacke der Mietvertrag inzwischen fristlos gekündigt.

Nicht nur angesichts dieser enthemmten Gewalttaten von Seiten der Extremen Rechten erscheint es mir als eine Farce, dass sich die Innenminister bei ihrer Konferenz  nun schwerpunktmäßig mit der angeblich gestiegenen Zahl „linksextremistischer Gewalttaten“ beschäftigen. Den Nazi-Schlägern bundesweit spielen solche Signale in jedem Falle deutlich in die Karten.

12 Kommentare

  1.   blupser

    Ich verstehe nicht wie Deutschland immer noch so blind sein kann was Ihre rechte Szene betrifft, die teilweise sogar verdammt gut, leider zu gut Organisiert ist. Jeder lebt für sich, jeder lebt in seiner eigenen kleinen Welt. Nein in meiner Welt gibt es keine rechte Gewalt. Ich verschließe Ohren, Augen und Mund. Alles was auserhalb von meiner kleinen Welt passiert, geht mich nichts an…..

    Wacht doch mal bitte auf und schaut nicht alle weg….


  2. Es wird doch deutlich, was hierzulande von der Sache gahlten wird, wenn man sich die Anzahl der Kommentare anschaut. Obwohl viele es nicht öffentlich zugeben, unterstützen sie diese Nazis wie dieser Artikel das auch unter Beweis stellt. Ich hoffe das die Geschichte sich nicht wiederholt allerdings sieht es nicht gut aus wenn Nazis von der Polizei übersehen werden.


  3. Mittlerweile berichtet übrigens auch die taz-Nord über den Nazi-Angriff und das Schweigen der Behörden, der Polizei und der Öffentlichkeit:

    http://www.taz.de/1/nord/artikel/1/nazis-nicht-bei-uns/

    Was Stefan Silar (Foto) angeht, vergaß ich zu erwähnen, dass es sich bei ihm um den brutalen Totschläger handelt, der vor 18 Jahren Gustav Schneeclaus totschlug, weil dieser Hitler als den „größten Verbrecher“ bezeichnete.

    Umso unverständlicher, dass die Polizei und Behörden die terrormäßigen Nazi-Strukturen um Totschläger Silar so gewähren lassen und im Gegenteil gegen antifaschistische Jugendliche aktiv werden.


  4. Recherche Nord berichtet noch von einem weiteren heftigen Nazi-Angriff im Landkreis Harburg (Niedersachsen): Zwei vermummte Nazis dringen am frühen Morgen in eine Wohnung eines antifaschistischen Jugendlichen ein und verletzen diesen und seine Freunde zum Teil schwer:

    http://recherche-nord.com/cms/index.php?option=com_content&task=view&id=465&Itemid=232

    Und die Polizei? Macht wieder einen „Streit unter Jugendlichen“ daraus, verharmlost und trägt so mit dazu bei, dass sich Nazis ermuntert fühlen dürften, ihren Terror weiter auszuüben.

  5.   SiriusB

    Das geht ja nun schon seit dem Mauerfall so und wird immer schlimmer- der proklamierte „Kampf gegen Rechts“ hat doch komplett versagt und diese Glatz-Zecken konnten sich ungehindert vermehren und vernetzen-
    gegen so Überfälle kann man sich nur mit ebensolcher Brutalität wehren – so primitiv es ist – weil die schlagen einen aus Spaß tot-
    wer da auf Polizei hofft der ist verloren – die tauchen mal spät auf wenn schon alles vorbei ist- in Bayern ist es nicht anders- da wählen 60% der Poliz. rechts- wer Glück hat bekommts mit den restl. 40% zu tun mit denen man wenigstens noch reden kann- die Politik hat 20 Jahre bisher komplett diese Neonazis und die NPD dazu negiert und tuts bis heute – man wird sich gg. diese Totschläger bewaffnen müssen – weil als Einzelner hast du gg. dieses braune Pack keine Chance und die Polizei und geschweige Politik unternimmt nichts gg. sie – also was tun ? Hilflos dastehen und sich den Schädel einschlagen lassen ? Nö- das spielts nicht – ich möchte noch länger leben

  6.   WuDang

    Wobei das seine bekannte Logik hat: Presse und Politik prügeln verbal auf Linke und Ausländer ohne Universitätsabschuss ein, Nazis mit Fäusten und Waffen.

  7.   sauce

    Die Tostedter rechte Szene ist schon seit vielen Jahren fest etabliert und hat seitens der örtlichen Exekutive nichts zu befürchten.
    Die jährlichen Aufmärsche werden mindestens geduldet.
    Das Grundgesetz gilt in diesem idyllischen Heidestädtchen nur begrenzt.
    Schlimm!


  8. […] (Quelle: Störungsmelder/Zeit.de) […]

  9.   bibo

    es ist doch scheißegal von welcher seite man kommt, fakt ist, dass jeder sich selbst der nächste sein sollte. die linke szene schiebt der rehten szene der schwarzen peter zu und umgekehrt. steineschmeißer und blind mitlaufrende gibt es auf beiden seiten. es wird auch immer beide seiten geben. das ganze ist zu einem gesellschaftsproblem geworden, geschürt durch falsche integration und politischen fehlentscheidungen, die nicht erst gestern getroffen wurden. aufruhr ist doch in jedem von uns, auf gewisse art und weise. ich glaube nicht, dass die linke szene gut heißt, wenn menschen zb. in bayern totgeprügelt werden, weil sie einer gruppe von eiwanderern bittet die musik leiser zu stellen. oder das leute aus den eigen reihen „abgezogen“ oder verprügelt werden. was leider sehr häufig von ausländischen mitbürgern durchgeführt wird. da ist doch eigentlich das problem. bei solchen vorfällen wird dann gesagt, sie hätten eine schlechte kindheit, oder integrationsswchwierigkeiten gehabt. zu 85% kommt es bei solchen vorfällen zu keiner verurteilung. deutschland würde ihnen nicht helfen sich einzugliedern, sie bekommen keine chance. auf die idee von alleine mal etwas zu tun damit ein besseres zusammenleben möglich werden kann kommen die meisten aber nicht. darin liegt doch eher das hauptproblem, was dazu führt das die rechte szene wieder zu nimmt. verschiedene ansichten, glaubensrichtungen oder „ideologien“ gibt es doch schon seit es christen und katholiken gibt. und die können auch miteinander leben.

  10.   Ingo

    Also ich habe schon weit bessere“Wortergreifungsbeiträge“ gelesen.

    Aber wie immer bei Rechtsextremen: Thema verfehlt, sechs, setzen!