Wir müssen reden. Über Nazis. Ein Blog

“Sarrazins Thesen sind absurde Ergüsse”

Von 24. August 2010 um 10:49 Uhr

Ex-Senator Sarrazin erhält für sein neues Buch viel Applaus aus der rechten Szene © dpa

SPD-Landeschef Michael Müller kritisiert das Buch “Deutschland schafft sich ab” des Ex-Senators Thilo Sarrazin. Genossen fordern seinen Austritt aus der SPD.

Von Tagesspiegel-Autor Ulrich Zawatka-Gerlach

In der Berliner SPD wächst der Druck auf den früheren Finanzsenator Thilo Sarrazin, das rote Parteibuch zurückzugeben. „Seine Positionen haben absolut nichts mit sozialdemokratischer Integrationspolitik oder überhaupt mit demokratischer Politik zu tun“, sagte der SPD-Landeschef Michael Müller dem Tagesspiegel. Die reine Lust an der Provokation treibe ihn zu „immer fragwürdigeren und menschenverachtenden Aussagen“. Anlass der Kritik ist ein Buch Sarrazins über muslimische Migranten, das Ende August erscheint. Der Titel: „Deutschland schafft sich ab“. SPD-Chef Müller sprach von „absurden Ergüssen“.

Für den Spandauer SPD-Kreischef Rahed Saleh gehört der Ex-Senator und Bundesbanker nicht in die SPD, sondern „zu den Rechtspopulisten von Pro Deutschland oder in die NPD“. Saleh, der in West-Jordanien geboren ist, sieht Sarrazins Positionen „völlig quer zur Sozialdemokratie“. Er grenze aus, stigmatisiere und schüre Vorurteile. Mit seinem Buch reihe er sich endgültig in die anti-islamische Hetze ein, die von Ultrarechten wie Geert Wilders oder Patrik Brinkmann europaweit angeheizt werde. Saleh erwartet vom SPD-Parteichef Sigmar Gabriel und Landeschef Müller, „dass sie Sarrazin auffordern, die SPD zu verlassen“.

Auch Robert Drewnicki, der die SPD-Abteilung Neu-Westend leitet, in der Sarrazin organisiert ist, forderte den Genossen „dringend auf, sein Parteibuch abzugeben“. Als gegen den Finanz- und Wirtschaftsexperten, der 1974 in die SPD eintrat, auf Betreiben der Spandauer und Pankower Sozialdemokraten 2009 ein Parteiordnungsverfahren eingeleitet wurde, hatte sich der Ortsverein noch zurückgehalten. Erst nachdem Sarrazin während eines Vortrags in Hessen die These vertreten hatte, dass Deutschland wegen der wachsenden Zahl der Muslime „durchschnittlich dümmer wird“, luden ihn die Charlottenburger Parteifreunde zur internen Diskussion ein. Aus Termingründen sagte er ab und verteidigte in einem kurzen Brief seine Positionen. „Die Abteilung forderte daraufhin ihr Mitglied Thilo Sarrazin auf, sich von seinen Äußerungen zu distanzieren oder zu überlegen, ob er die Partei nicht verlassen will“, sagte der Vorsitzende Drewnicki.

Die Abgeordnete Ülker Radziwill, die die SPD-Arbeitsgruppe „Migration“ leitet, warf Sarrazin am Montag eine „menschenverachtende Grundhaltung“ vor. Sein Weltbild über Muslime sei diffamierend und gefährlich. Wer Menschen allein nach ihrem wirtschaftlichen Mehrwert beurteile, habe in der Sozialdemokratie keine politische Heimat mehr.

Ob es ein neues Parteiordnungsverfahren geben wird, bleibt vorerst offen. Im März hatte das SPD-Landesschiedsgericht den Bundesbank-Manager von dem Vorwurf freigesprochen, sich rassistisch geäußert und gegen Grundsätze seiner Partei verstoßen zu haben. Aber der Genosse wurde verwarnt. Der Beschluss des Schiedsgerichts sei „kein Freifahrtschein für alle künftigen Provokationen“. Rundumschläge gegen weite Bevölkerungskreise seien „auf Dauer geeignet, parteischädigend zu sein“, und von einem Mitglied zu unterlassen, das auch in Zukunft die SPD als politische Heimat ansehe.

Der Vorsitzende der Linksfraktion, Udo Wolf, kritisierte Sarrazins neue Veröffentlichung als „unerträglich rechtspopulistisch“ und an der Grenze zur Volksverhetzung. Seine Thesen wirkten „gesellschaftszersetzend“. Auf den Internetseiten von Rechtsparteien hat Sarrazin inzwischen einen festen Platz. Pro Deutschland bemüht sich seit Jahresbeginn erfolglos darum, den SPD-Mann zur Abgeordnetenhauswahl 2011 als Zugpferd für die Rechtspopulisten abzuwerben. Die DVU lobt Sarrazins Thesen und nimmt ihn gegen „politisch korrektes Trommelfeuer“ in Schutz. Auch die NPD gemeindet Sarrazin in einem Papier „gegen die Islamisierung“ wohlwollend ein.

Kategorien: Berlin
Leser-Kommentare
  1. 9.

    Es ist schon schlimm genug das sich ein Verlag in Deutschland findet welcher eine derartige Hetze in den Handel bringt. Schlimmer ist aber das Sarrazin als Beamter in der Bundesbank weiter arbeiten darf und nicht aus dem Dienst entfernt wird , er weiter SPD Mitglied sein kann und vor allem das die Bild-Zeitung ihm eine derartige Plattform bietet, einen moderierten Blog eröffnet in dem alle gegenteiligen Meinungen NICHT veröffentlicht werden und gleichzeitig Hetze ohne Ende zugelassen ( oder eher gefördert wird ). Es wird Dunkel in Deutschland !!!!

    • 24. August 2010 um 13:29 Uhr
    • Uwe
  2. 10.

    Ich bin ziemlich erstaunt, das Buch ist noch nicht im Handel dafür aber eine ganze menge Meinungen dazu im Umlauf. Hierzu sei mal ein Blick auf Amazon empfohlen, dort wird das Buch schon angepriesen obwohl es (noch) über keine Leser verfügen dürfte. [Journalisten ist es aber in der Regel möglich, vor der Veröffentlichung ein Rezensionsexemplar zu bekommen.]

    Abgesehen davon wäre es auch schön gewesen, wenn der Autor des Beitrages sich nicht nur darauf beschränkt hätte Stellungnahmen zum Buch zu veröffentlichen. Um diese Einordnen zu können ist es nötig, die Hauptthesen des Buches vorzustellen und die grundlegenden Gendakengänge zu erläutern. Ansonsten kann man sich die Ganze Angelegenheit irgendwie sparen.

    Um vielleicht auch mal in die Diskussion einzusteigen, die sich ja offensichtlich an den vorherigen Diskursen um Sarrazin orientieren, würde ich mal die Behauptung aufstellen das Populismus der Demokratie eher hilft als schadet. Ich denke im Grunde dreht es sich doch um diese Frage, oder? Sarrazin ist Populist und artikuliert Meinungen, die durchaus in bestimmten teilen der Bevölkerung Zuspruch finden.

    Die Frage ist dahingehend nur: Wie geht man damit um? Vertreter der von Sarrazin proklamierten Positionen als Vollidioten abzustempeln, zu ignorienen oder nicht ernst zu nehmen halte ich für alles andere als demokratisch. Im endeffekt läuft das darauf hinaus, dass man einige Teile komplett die Kompetenz abspricht politische Urteile abzugeben – mit Demokratie hat das nichts mehr zu tun. Man sollte sich lieber mit den Ängsten (so irrational sie auch sein mögen) auseinandersetzen und sie für “voll” nehmen. Das heißt im Übrigen nicht, dass man diese für gut/schlecht heißen muss, sondern ist eher eine Aufforderungen die Provokation als Chance zu nehmen um einen gesellschaftlichen Diskurs zu führen. Demokratie heißt letztendlich auch Integration – und das gilt nicht nur für Emigranten sondern auch Teile der Gesellschaft (die vermeintlich abstruse Positionen vertreten).

    • 24. August 2010 um 13:35 Uhr
    • XYZ
  3. 11.

    „Seine Positionen haben absolut nichts mit sozialdemokratischer Integrationspolitik oder überhaupt mit demokratischer Politik zu tun“, sagte der SPD-Landeschef Michael Müller.

    Möglicherweise beschreibt Sarrazin die Realität, was dann bedeutet, dass die sozialdemokratische Integrationspolitik oder überhaupt die Politik der SPD (und anderer Parteien) nichts mit der Realität zu tun hat.

    Die Volksparteien wundern sich über Politikmüdigkeit, Mitgliederschwund und Rückgang ihrer Wählerstimmen. Die Erklärung dafür liegt auf der Hand.

    • 24. August 2010 um 14:27 Uhr
    • Martin
  4. 12.

    Vieles kann man Sarrazin vorwerfen. Unter Realitätsverlust und Zivilcourage leidet er jedoch nicht. Dies erkennen natürlich auch seine Kritiker und ergehen sich in polemischen Ergüssen gegen seine Person, statt sich einer sachlichen Diskussion zu stellen.

    • 24. August 2010 um 14:36 Uhr
    • Moni
  5. 13.

    [...] seines Buches hagelt es Kritik aus ParteienBZdomradio – nachrichten -FOCUS Online -ZEIT ONLINE (Blog)Alle 72 [...]

  6. 14.

    egal was man wählt, man kann/soll seine Meinung auch als Beamter/Vorstand sagen, aber die Wirkung in diesem Falle ist Verstärkung von Vorurteilen, die etwa die Hälfte der Bevölkerung mehr oder weniger hat

    • 24. August 2010 um 16:44 Uhr
    • Kurt
  7. 15.

    Na ja, es gibt immer ein sowohl als auch: Mein engster Mitarbeiter (im Ruhrgebiet) ist türkischer bzw. kurdischer Abstammung, noch dort geboren, deutscher Dipl.-Kaufmann, sein Sohn geht zur kath. Grundschule (“weil da nicht so viele Türken sind”.
    Besuche ich aber meine Tochter, die im Wedding wohnt, kann ich auch Sarrazin verstehen.

    • 24. August 2010 um 16:54 Uhr
    • w. Serner
  8. 16.

    Nicht schon wieder eine Bühne für diesen Spinner! Der gehört zwangseingewiesen und in lebenslange Sicherheitsverwahrung. Wie oft hat er nun schon gegen Arme, Arbeitslose und Ausländer gehetzt? Wie oft wurde er deswegen kritisiert und seine “Argumente” zerpflückt? Als Innensenator war er Rekordhalter bei “Nebenjobs” bei Politikern, dann wechselte er opportunistisch in die Bundesbank (noch mehr Geld) und mischt sich weiterhin in die Politik ein. Er schreibt sogar Bücher, während er das Geld für weiterhin mehr als 30 Tätigkeiten kassiert. Und so jemandem bietet die Presse auch noch wieder und wieder eine Bühne!

  9. Kommentar zum Thema

    (erforderlich)

    (wird nicht veröffentlicht) (erforderlich)

    (erforderlich)