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Die Wilders Show

 
Blumen gab es für Rechtspopulist Wilders in Berlin keine © Matthias Zickrow

Was für eine Meldung: Geert Wilders kommt nach Berlin. Just einen Tag vor den diesjährigen Einheitsfeierlichkeiten. Was wird er sagen? Wo wird er sprechen? Am Ende war dann doch alles unspektakulärer als gedacht. Ein kleiner Rückblick.

Während meine Grünen Parteifreundin Clara Herrmann, ihres Zeichens Mitglied des Abgeordnetenhauses und emsige Aktivistin im Kampf gegen Rechtsextremismus, auf dem Weg zur Gegenkundgebung mehrmals gebeten wurde sich auszuweisen, konnte ich, meines Zeichens junger Deutscher mit Migrationshintergrund – und an jenem Tag gefährlich unrasiert – ohne Schwierigkeiten vom U-Bahnhof Nollendorfplatz zum Veranstaltungsort spazieren. Als ich dort gegen 12 Uhr ankam, hatten Dirk Stegemann und das Bündnis „Rechtspopulismus stoppen“ – besonderer Dank gilt an dieser Stelle der Gewerkschaft Verdi – Lautsprecherwagen und Transparente in Stellung gebracht. Nicht ohne Probleme. Innensenator und Polizei gaben sich redlich Mühe Auftrittsort und Anfangszeit der Wilders’schen Inszenierung geheim zuhalten. Erfolglos.

Rund 300 Demonstranten fanden sich denn auch ab 12 Uhr zusammen, um vor dem Hotel „Berlin, Berlin“ am Lützowplatz ein lautstarkes Zeichen zu setzen. Gegen die extrem rechte Partei „Die Freiheit“ und gegen Geert Wilders. Dieser sollte an diesem Tag in den Niederlanden in Regierungsverantwortung gehoben werden. Die Gruppe der Gegendemonstranten war bunt gemischt. Zumindest bunter als die hauptsächlich grauen, alten Männer, die sich langsam im Hotel einfanden. Eine niederländische Demonstrantin aus Venlo, der Heimatstadt des Rechtspopulisten Geert Wilders, konnte es kaum fassen, dass im toleranten und weltoffenen Berlin eine solche Veranstaltung mitten im Zentrum zustande kommen konnte. Es war schon bemerkenswert, wie viele Niederländer und Berliner mit niederländischem Hintergrund bei der Kundgebung zu gegen waren. Einerseits zeigt dies europäische Solidarität, andererseits, dass man sich mit dem von Wilders vermittelten Bild der Niederlande nicht abfinden möchte. Das Hotel „Berlin, Berlin“ darf sich angesichts der Tatsache, dass es von diplomatischen Vertretungen und internationalen Organisationen gerne gebucht wird, fragen lassen: Warum hier? Sichtlich verwundert nahmen denn auch ausländische Gäste das politische Theater in und unmittelbar vor dem Hotel zur Kenntnis.

Gegen 14 Uhr zeigte sich René Stadtkewitz vor dem Hotel. Fest entschlossen mit den Protestierern auf der gegenüberliegenden Straßenseite den Dialog zu suchen. Das lassen zumindest die Aufnahmen von Spiegel Online erahnen. Der Empfang für den Ex-CDU-Politiker fiel jedoch freundlich gesagt distanziert aus. Mit Trillerpfeifen und Trommeln, Plakaten und Sprechchören, einige sogar auf niederländisch, machten die Berlinerinnen und Berliner ihrem Unmut über dieses rassistische Spektakel Luft. „Wir sind Freiheit was seid ihr?“ schallte es entschlossen über die Straße. Stadtkewitz’ Reaktion ließ nicht lange auf sich warten. Er flüchtete sich zurück in die Hotel-Lobby. Drinnen wurden indes die Gäste durch den „Politically Incorrect“ Gründer Stefan Herre begrüßt. Der Sportlehrer aus Bergisch Gladbach gab sich betont bürgerlich in Anzug und Krawatte. Ein bisweilen durchschaubarer Versuch, mangelnde politische Seriosität durch Wahl der entsprechenden Kleider zu kaschieren.

Geert Wilders spulte anschließend in 52 Minuten das bekannte Portfolio islamfeindlicher und kulturrassistischer Propaganda ab. Ohne dabei mit gut gemeinten Ratschlägen an die deutsche Politik zu geizen. Islamisierung, Verlust nationaler Identität, Migrantengewalt. Argumente, die von amerikanischen Rassisten wie Robert Spencer bis hin zu Berlinern wie René Stadtkewitz, immer dieselben sind. Der Islam wird abwechselnd mal mit Nationalsozialismus, mal mit Kommunismus gleichgesetzt. Getreu dem Motto: „Ein Gespenst geht um in Europa – das Gespenst des Islam.“. Historische Einordnungen oder gar nachvollziehbare Argumente? Fehlanzeige. Hauptsache die Message stimmt: „Der Islam ist gefährlich und totalitär“. Begründen müssen Rechtspopulisten wie Wilders ihrer Anhängerschaft ohnehin nichts. „Deutschland ist das Land der Deutschen“. So einfach kann es manchmal sein.

Vor dem Hotel ist die Stimmung bis zum Ende der Kundgebung friedlich und gut. Neben Clara Herrmann, die auf die europäische Dimension des Rechtspopulismus eingeht und den „perfiden politischen Wettlauf am rechten Rand“ geißelt, spricht auch die Bundestagsabgeordnete der Linken, Sevim Degdelem. Sie betont, dass es vor allem sozialpolitische Herausforderungen sind, denen sich die Politik zu stellen habe. Ethnisierung und Diskriminierung würden mehr Probleme schaffen als lösen. Und drinnen? Dort philosophiert man zum Ende der Veranstaltung lieber über das „deutsche Schuldtuch“ und die Frage, ob man als „mittelalte Frau im Minirock“ noch unbehelligt durch Berlin laufen darf. Verzerrte Wahrnehmung eint denn auch Redner und Zuhörer. Bis zum nächsten Mal wenn es heißt: „Die Freiheit“ ruft, die Rassisten kommen.

6 Kommentare


  1. […] Amsterdam: Wilders droht Strafe wegen VolksverhetzungFinancial Times DeutschlandWELT ONLINE -ZEIT ONLINE (Blog) -NZZ OnlineAlle 705 […]


  2. […] Wilders, der Florian Silbereisen unter den Rechtspopulisten, hat sich Samstag in Berlin schon mal ein wenig Unterhaltung für die Pausen in seinem Prozess wegen Volksverhetzung schenken […]


  3. “Eine niederländische Demonstrantin aus Venlo, der Heimatstadt des Rechtspopulisten Geert Wilders, konnte es kaum fassen, dass im toleranten und weltoffenen Berlin eine solche Veranstaltung mitten im Zentrum zustande kommen konnte.”

    Warum kam die Dame nicht auf die Idee, dass genau diese Veranstaltung eine Normalität in einem “weltoffenen und toleranten Berlin” sein sollte? Weiß sie nicht, dass Freiheit immer die Freiheit des Andersdenkenden ist, wie das Rosa Luxemburg treffend geschrieben hat? Sie und andere Kritiker hätten die Toleranz aufbringen sollen, sich die Meinung Wilders anzuhören:

    “Bevor ich fortfahre und um jedes Missverständnis zu vermeiden, möchte ich betonen, dass ich über den Islam spreche, nicht über Muslime. Ich mache immer einen klaren Unterschied zwischen den Menschen und der Ideologie, zwischen Muslimen und dem Islam. Es gibt viele moderate Muslime, aber die politische Ideologie des Islam ist nicht moderat und hat globale Ambitionen. Sie beabsichtigt, der ganzen Welt das islamische Gesetz, die Scharia, aufzuzwingen. Dies soll durch den Dschihad erreicht werden. Die gute Nachricht ist, dass Millionen von Moslems auf der Welt – darunter viele in Deutschland und die Niederlanden – den Vorgaben der Scharia nicht folgen, geschweige denn, sich im Dschihad engagieren.”

    Hier der ganze Text:

    http://www.pvv.nl/index.p

    “Bis zum nächsten Mal wenn es heißt: „Die Freiheit“ ruft, die Rassisten kommen.”

    In Ihrem Artikel kritisieren Sie Wilders dafür, dass er keine Argumente für seine Behauptungen liefert: “Begründen müssen Rechtspopulisten wie Wilders ihrer Anhängerschaft ohnehin nichts.”
    Jetzt bin ich gespannt, wie Sie mir und Ihrer Anhängerschaft den Rassismus-Vorwurf gegen Wilders begründen.

  4.   Ario Ebrahimpour Mirzaie

    Menschen die Intoleranz und Menschenfeindlichkeit predigen, werden in einem weltoffenen Umfeld naturgemäß auf Widerstand stoßen. Wir kennen die Diskussion doch schon aus dem rechtsextremen Umfeld. Die Demonstrantin spielte übrigens nicht etwa auf ein “Verbot” der Veranstaltung an, sondern wunderte sich vielmehr über den Ort der Veranstaltung. Es gibt ja so etwas wie Hausrecht, auch für das Hotel “Berlin, Berlin”.

    Konsequente Akzeptanz unterschiedlicher Lebensweisen beinhaltet für mich immer auch die Ablehnung von Intoleranz. Insofern verstehe ich die Demonstrantin aus Venlo in diesem Punkt. Keine Toleranz gegenüber Intoleranz. Alles andere wäre ja auch im Kant’schen zu Ende gedacht unlogisch.


  5. “Menschen die Intoleranz und Menschenfeindlichkeit predigen, werden in einem weltoffenen Umfeld naturgemäß auf Widerstand stoßen.”

    Dieser Widerstand ist natürlich korrekt und notwendig. Aber ist er hier angebracht?
    Ich kann keine “Menschenfeindlichkeit” bei Wilders erkennen und es wird Ihnen schwer fallen, sie nachzuweisen. Im Gegenteil, er kämpft gegen Intoleranz und Menschenfeindlichkeit einer Ideologie, die der rechtsextremen sowie der linksextremen sehr ähnelt. Wenn Verteidigern der Aufklärung, der westlichen Werte der Toleranz und des friedlichen Zusammenlebens aller Lebensweisen, aller Religionen und Lebensentwürfe, Rassismus, Faschismus u.s.w. angedichtet werden, ist das ein Verrat am Fortschritt und an der Menschlichkeit. Mich erinnert diese Diskussion und die Unterstellungen an die Demagogie in der DDR. Da war es ganz üblich, Demokraten als Faschisten zu diffamieren und aus Kritikern Nazis zu machen.

    “Keine Toleranz gegenüber Intoleranz.”
    Sehen Sie, eben diese Ihre Forderung ist die Leitidee von Wilders, nichts anderes. Es ist nicht Intolerant gegen Andersgläubige oder gegen andere Ethnien, Sie werden bei Wilders nichts finden. Wilders ist gerade kein Haider oder Le Pen, das erklärt auch die große Zustimmung in den Niederlanden zur Regierungsbildung. Die Niederländer wollen tolerant bleiben und wehren sich deshalb gegen Intoleranz. Es wird nicht gelingen, aus Wilders einen Rassisten zu machen, wie es auch bei Sarrazin nicht gelungen ist.
    Und über Meinungsfreiheit brauchen wir nicht zu reden, die ist selbstverständlich Freiheit ist übrigens nur die Freiheit des Andersdenkenden, alles andere ist keine Freiheit.

    Sehen Sie sich das Bild des NDR-Blogs “Geschenk für Wilders” an. So also lacht der ÖR-Antifa? Auf diesem Niveau war nicht mal das Neue Deutschland lustig, so bösartig schon. Demagogie, wie sie schon Victor Klemperer in LTI beschreibt.


  6. @Ario Ebrahimpour Mirzaie
    “Konsequente Akzeptanz unterschiedlicher Lebensweisen beinhaltet für mich immer auch die Ablehnung von Intoleranz. Insofern verstehe ich die Demonstrantin aus Venlo in diesem Punkt. Keine Toleranz gegenüber Intoleranz.”

    Das gleiche nimmt Wilders für sich in Anspruch. Allerdings ist es es, der wegen mehreren Mordversuchen unter ständigem Personenschutz steht, und nicht seine Kritiker. Wer für Toleranz eintritt, müsste m.E. zunächst daher den gewalttätigen Haß gegen Wilders kritisieren, wenn er glaubwürdig bleiben möchte.