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Nur ein lokaler Streit um einen pronazistischen Pädagogen?

 
Studierende protestieren in Jena gegen den umstrittenen Pädagogen als Namensgeber

In der Stadt Jena ist ein zentraler Platz seit 1991 nach Peter Petersen benannt (vorher hieß er Karl Marx-Platz und 1933-45 Adolf Hitler-Platz). Petersen ist vor allem durch sein reformpädagogisches Konzept, den sogenannten Jenaplan bekannt. Weniger populär war seine pronazistische Vergangenheit. Ein von Gewerkschaftsstiftungen gefördertes Forschungsprojekt an der Goethe-Universität suchte jedoch sämtliche Schriften von vier führenden deutschen Erziehungswissenschaftlern zusammen – darunter auch deren NS-Publikationen und nahm diese unter die Lupe. Dazu gehören auch die Veröffentlichungen Peter Petersens, dessen antisemitische und rassistische Haltung dabei allzu deutlich wird.

Ein Gastbeitrag des Frankfurter Erziehungswissenschaftlers Dr. Benjamin Ortmeyer

Das brachte erhebliche Unruhe in die pädagogische Landschaft. Insbesondere an den Schulen, die sich am Jenaplan aus dem Jahre 1927 orientieren (Wochenplan, schriftliche Beurteilungen statt Noten, jahrgangsübergreifenden Gruppen) oder gar seinen Namen tragen, kam es zu heftigen Diskussionen über die Frage, ob ein solcher Mann als Vorbild eingeschätzt werden kann. Rasch reagierte eine Schule in Darmstadt-Weiterstadt, dann ein Schule in Hamburg. Dort wurde Peter Petersen als Schulname schon gestrichen, andere Schulen in Mannheim, Hannover und Frankfurt haben dasselbe angekündigt.

Anders jedoch in Jena: Auch hier wurde die Frage der Umbenennung gestellt, allerdings kam es nach einer ersten Phase ruhiger Aufklärung und Diskussion ab November 2010 in der Stadt zu heftigen Auseinandersetzungen. Kritiker Peter Petersens wurden diffamiert, während seine sehr expliziten Aussagen verharmlost oder umgedeutet wurden.

Ab Dezember 2010 wurde die Sache dann auch von der Neonazi-Szene auf Homepages aufgegriffen. Die schon lange im Visier der Staatsanwaltschaft Rostock stehende Homepage „Altermedia“ bezeichnete den Autor dieses Textes, den Leiter des oben erwähnten Forschungsprojektes und Autor der Studie „Mythos und Pathos statt Logos und Ethos“ in der es auch um Petersens NS-Positionen geht, als „Ungeziefer“. Er solle „ab ins gelobte Land“, was noch nett im Vergleich zur Forderung ist, ihn „im Wald abzuladen“ und einen „Davidstern“ für sein Grab zu spenden. Der Frankfurter Erziehungswissenschaftler Micha Brumlik wurde als „Ostjude“ und „Parasit“ bezeichnet.

Neben diesen brutalisierten, antisemitischen Tiraden tauchten dann antisemitische Passagen von Peter Petersen auf. Petersens These aus dem Jahre 1933, dass es “dem Juden unmöglich wird, unsere Art innerlich mitzuleben“ wirke eben „zersetzend, verflachend, ja vergiftend“, wird zitiert und kommentiert. „Da hat Petersen doch ganz klar recht. Ortmeyer sei nur ein Agent der ‚Judenmafia’“.

Die Anzeige von mir bei der Rostocker Staatsanwaltschaft wird bearbeitet und fließt wohl in die Vorbereitung eines Prozesses gegen die Betreiber der Homepage ein, der demnächst beginnen soll.

In Jena jedoch wurde und wird ein Eiertanz aufgeführt: Insbesondere ein Gruppe von drei Wissenschaftlern um den Oberbürgermeister Schröter (SPD) plädiert vehement dafür, die Frage nicht dahingehend zu stellen, ob Peter Petersen überhaupt als Vorbild und Namensgeber gelten könne, sondern „abzuwägen“: Hier die Verdienste um den Jenaplan, dort die „Anpassung“ an das NS-Regime.

Durch neuere Forschung wurde zudem bewiesen, dass Peter Petersen im Rahmen einer von der SS angeordneten Kampagne zur „Germanisierung“ von norwegischen Studenten, die nach Protesten an der Universität Oslo ins KZ Buchenwald verschleppt worden waren, Vorträge im KZ Buchenwald gehalten hat. Einer der Titel dieser SS-Werbevorträge im KZ-Buchenwald hieß perverser Weise auch noch: „Wissenschaft im Dienst des Lebens“. Nun wurde die Vermutung kolportiert, Petersen habe dies doch aus „humanistischen Motiven“ getan.

Wundert es da, dass die Nazis in und um Jena solche Vorlagen aufgreifen?

Hier stellt sich nun mit Max Frisch die Frage nach den „Biedermännern“ einerseits und den Brandstiftern“ andererseits. Sind nicht jene Historiker in Jena und der Oberbürgermeister ganz in der Rolle der von Frisch beschriebenen Biedermänner, die sich demnächst angesichts der Neonazi-Hetze sicher auch „betroffen zeigen“ und diese verurteilen, gleichzeitig aber Peter Petersen mit seinen nazistischen und rassistischen Parolen und Passagen dennoch als Vorbild, als zu ehrende Persönlichkeit bezeichnen?

Das Problem der nicht direkten, sondern indirekten Verbindung der Neonazi-Szene mit rechtsnationalen Kräften wird deutlich.

Auf die unerwünschte, aber nicht unlogische Einmischung der Nazis in diese öffentliche Debatte in Jena hat der Oberbürgermeister nicht reagiert. Es heißt, es gebe eine Art Abmachung auch mit Teilen der lokalen Journalistinnen und Journalisten, über Nazis nicht weiter zu berichten, da diese dadurch nur „aufgewertet“ würden. Ein gefährliches Spiel mit dem Feuer, bei dem es wohl eher um das „Ansehen der Stadt“ als um genau kalkulierte Strategie und Taktik gegen die Nazi-Verbrecher geht.

Aber das „Ansehen der Stadt“ – ein Joker. Der Oberbürgermeister beginnt zurückzurudern: nach einer Patt-Situation im Kulturausschuss, der zufolge der Platz weiter Petersen-Platz heißen müsste, hat er nun erneut die Sache als offen erklärt und an den Stadtrat übergeben, der im März oder April dann erneut diskutieren und entscheiden soll.

Weitere Informationen zu dem Streit unter: www.streitumpetersen.wordpress.com

1 Kommentar


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