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Wie ein Baumarkt sich gegen Neonazis wehrt

Von 15. Februar 2011 um 14:56 Uhr

Nazihetze vom Hornbach-Laster in Dresden © Benjamin Laufer

Als Ursula Dauth am Montagmorgen ihr Emailpostfach aufmachte, traute sie ihren Augen kaum. Ein aufgebrachter Dresdner Bürger hatte der Hornbach-Pressesprecherin Fotos vom Naziaufmarsch am Sonntag geschickt. Zwischen „Bombenholocaust“-Transparenten und Fahnenschwenkenden Neonazis im Skelettkostüm ist dort deutlich das orange Logo der Baumarktkette zu erkennen. Die Rechtsextremen hatten ausgerechnet einen Hornbach Mietlaster zum Lautsprecher- und Bühnenwagen umfunktioniert. In einem Spiegel-Online-Video ist zu erkennen, dass sogar noch ein Anhänger mit Lautsprechern an den Laster gehängt wurde. Wo sonst Hobbytüftler ihre Holzplatten verladen, standen jetzt Neonazis und sangen mit ihren 1300 „Kameraden“ die erste Strophe des Deutschlandliedes „Deutschland, Deutschland, über alles“.

„Wir waren überrascht und empört darüber, dass die Rechten unser Fahrzeug für ihren Aufmarsch missbraucht haben “, sagte Dauth dem Störungsmelder. Seither seien dutzende Emails und Anrufe von verstörten Kunden eingegangen, die glaubten der Baumarkt hätte den rechten Aufzug bewusst unterstützt.

Hornbach reagierte schnell. „Das Unternehmen wehrt sich in aller Schärfe gegen Anschuldigungen, die es in Verbindung mit Rechtsextremisten bringen,“ stellte der Vorstandsvorsitzende Steffen Hornbach in einer Presseerklärung klar. Gleichzeitig wurde die juristische Abteilung des Marktes beauftragt die Mietverträge für die Zukunft so zu ändern, dass die Nutzung für rechtsextreme Veranstaltungen ausgeschlossen wird.

Angemietet wurde der Laster von Kai Pfürstinger, dem Landeschef der Jungen Landsmannschaft Ostdeutschland, die seit Jahren Europas größten Neonaziaufmarsch organisiert. Für kommenden Samstag, wenn erneut rund 6000 Rechte in Dresden aufmarschieren wollen, muss er sich nun einen anderen Vermieter suchen.

Eine gewisse Komik birgt die ganze Geschichte trotzdem. Denn mit der Lastwagenmiete haben die Neonazis ohne es zu wissen indirekt Projekte gegen Rechtsextremismus unterstützt.

Gespenstisch - Neonazifackelmarsch am 13. Februar 2011 in Dresden © AFP

Gespenstisch - Neonazifackelmarsch am 13. Februar 2011 in Dresden © AFP

Hornbach wies am Dienstag ausdrücklich darauf hin, dass das Unternehmen sich bewusst an der Stiftungsinitiative der deutschen Wirtschaft zur Entschädigung der Zwangsarbeiter aus der NS-Zeit beteiligt hat. „Hornbach selbst beschäftigte während des Dritten Reichs keine Zwangsarbeiter, sondern stellte sich mit der freiwilligen Spende der Verantwortung gegenüber der Vergangenheit aller Deutschen.“ Zudem wurde Hornbach 2007 Mitglied im Verein „Gesicht Zeigen! Aktion Weltoffenes Deutschland e.V.“ und fördert dort immer wieder Aktionen gegen den Rechtsextremismus und Rassismus. Außerdem unterstützt Hornbach als Mitglied im Förderverein „Gedenkstätte für NS- Opfer in Neustadt“ die Umwandlung des ehemaligen Gefängnisses im Quartier Hornbach in Neustadt in eine Gedenkstätte. Sie soll an die über 300 Inhaftierten aus 60 Gemeinden der Pfalz erinnern. In der ehemaligen Nachrichtenkaserne befand sich im Frühjahr 1933 eines der ersten Schutzhaftlager, beziehungsweise „wilden Konzentrationslager“ für Gegner des Nazi-Regimes Das wird noch für Diskussionsstoff in der rechtsextremen Szene sorgen.

Kategorien: Sachsen
Leser-Kommentare
  1. 1.

    Es war ein Vermächtnis an die Menschheit, als
    Wolfgang Borchert schrieb:

    Du. Mann an der Maschine und Mann in der Werkstatt.
    Wenn sie Dir morgen befehlen, du sollst keine Wasserrohre und keine Kochtöpfe mehr machen —- sondern Stahlhelme und Maschinengewehre, dann gibt es nur eins:
    Sag NEIN! …

    Du. Forscher im Laboratorium. Wenn sie dir morgen befehlen, du sollst einen neuen Tod erfinden gegen das alte Leben, dann gibt es nur eins:
    Sag NEIN! …

    Du. Pfarrer auf der Kanzel. Wenn sie dir morgen befehlen, du sollst den Mord segnen und den Krieg heilig sprechen, dann gibt es nur eins:
    Sag NEIN! …

    Du. Mutter in der Normandie und Mutter in der Ukraine… – Mütter in allen Erdteilen, Mütter in der Welt, wenn sie morgen befehlen, ihr sollt Kinder gebären, Krankenschwestern für Kriegslazarette und neue Soldaten für neue Schlachten,
    Mütter in der Welt, dann gibt es nur eins:
    Sagt NEIN! Mütter, sagt NEIN! …
    Denn wenn ihr nicht NEIN sagt, wenn IHR nicht nein sagt,
    Mütter, dann: …
    Dann wird der letzte Mensch, mit zerfetzten Gedärmen und verpesteter Lunge, antwortlos und einsam unter der giftig glühenden Sonne und unter wankenden Gestirnen umherirren, einsam zwischen den unübersehbaren Massengräbern und den kalten Götzen der der gigantischen betonklotzigen verödeten Städte, der letzte Mensch, dürr, wahnsinnig, lästernd, klagend – und seine furchtbare Klage: WARUM? Wird ungehört in der Steppe verrinnen, durch die beorstenen Ruinen wehen, versickern im Schutt der Kirchen, gegen Hochbunker klatschen, in Blutlachen fallen, ungehört, antwortlos, letzter Tierschrei des letzten Tieres Mensch – all dieses wird eintreffen, morgen, morgen vielleicht,
    vielleicht heute Nacht schon, vielleicht heute Nacht schon, wenn – wenn – wenn
    ihr nicht NEIN sagt.

    Konstantin Wecker vertextete und vertonte 1992 sein „Sage NEIN“:

    Wenn sie jetzt, ganz unverhohlen,
    wieder Nazi-Lieder johlen,
    über Juden Witze machen,
    über Menschenrechte lachen,
    wenn sie dann in lauten Tönen
    saufend ihrer Dummheit frönen,
    denn am Deutschen, hinterm Tresen,
    muss nun mal die Welt genesen,
    dann steh auf und misch dich ein:
    Sage NEIN!

    Meistens rückt dann ein Herr Wichtig
    Die Geschichte wieder richtig,
    faselt von der Auschwitzlüge
    - leider kennt man`s zur Genüge –
    mach dich stark und misch dich ein,
    zeig es diesem dummen Schwein:
    Sage NEIN!

    Ob als Penner oder Sänger,
    Bänker oder Müßiggänger,
    ob als Priester oder Lehrer,
    Hausfrau oder Straßenkehrer,
    ob du sechs bist oder hundert –
    sei niht nur erschreckt, verwundert,
    tobe, zürne, misch dich ein:
    Sage NEIN!

    Und wenn aufgeblas`ne Herren
    Dir galant den Weg versperren,
    ihre Blicke unter Lallen
    nur in deinen Ausschnitt fallen,
    wenn sie prahlen von der Alten,
    die sie sich zu Hause halten,
    denn das Weib ist nur was wert
    wie dereinst – an Heim und Herd,
    tritt nicht ein in den Verein:
    Sage NEIN!

    Und wenn sie in deiner Schule
    Plötzlich lästern über Schwule,
    schwarze Kinder spüren lassen
    wie sie andere Rassen hassen,
    Lehrer, anstatt auszusterben,
    Deutschland wieder braun verfärben,
    hab dann keine Angst zu schrei`n:
    Sage NEIN!

    Ob als Penner oder Sänger
    Bänker oder Müßiggänger,
    ob als Schüler oder Lehrer,
    Hausfrau oder Straßenkehrer,
    ob du sechs bist oder hundert –
    sei nicht erschreckt, verwundert,
    tobe, zürne, misch dich ein:
    Sage NEIN!

    • 15. Februar 2011 um 19:00 Uhr
    • friedhelm markus
  2. 2.

    [...] Von Johannes Radke, Störungsmelder [...]

  3. Kommentar zum Thema

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