Wir müssen reden. Über Nazis. Ein Blog

Neue Rechte plant Tagung in Berlin

Von 29. September 2012 um 15:26 Uhr

Homepage der neurechten „Freie Messe Berlin“ © Screenshot

Medien und Politiker reißen gezogene Linien zwischen Konservativen und Neurechten ein. Möchtegern-Elite und Internethetzer kommen sich näher. Verschwörungsideologen und neurechte Akteure treffen sich zunehmend auf Veranstaltungen. Für Oktober wird eine „Freie Messe“ in Berlin zur Vernetzung einer breiten nicht NS-bezogenen Rechten angekündigt, wie sie es vorher noch nicht gab.

Die Fixierung auf die Gegnerschaft von Multikulturalismus und „Linksextremismus“ eint die nicht NS-bezogene Rechte: Ursache allen Übels sei die „falsche“ Toleranz des Linksliberalismus der 68er. Dieses gemeinsame Feindbild ist auch das Scharnier zum Rechtskonservatismus.

Mit seinem Kommentar „Ende der Sozialromantik“ zum Pogrom von Rostock-Lichtenhagen riss der verantwortlicher Redakteur für Innenpolitik der konservativen FAZ, Jasper von Altenbockum, die mühsam errichtete Brandmauer zur „Neuen Rechten“ ein. Dem rassistische Mob, der im August 1992 die Zentralen Aufnahmestelle für Asylbewerber in Lichtenhagen in Brand stecke und stundenlang die Feuerwehr daran hinderte Menschen aus dem brennenden Gebäude zu retten, gewinnt Altenbockum positiv ab, dass dieser nach ihm erst die „Sozialromantiker“ zur Besinnung brachte und so den Weg für eine gesteuerte Einwanderungspolitik frei machte. Dies war wohl selbst für die FAZ zuviel des Positiven für ein Pogrom, so dass die Onlineversion nachträglich entschärft wurde. Aber auch danach war noch von einer „Utopie namens Multikulturalismus“ die Rede, die gerade erst geboren worden war, aber schon den Keim des Scheiterns in sich trug.

Zuviel war auch ein von der Brandenburger CDU-Chefin Saskia Ludwig geschriebener Artikel in der neurechten Wochenzeitung „Junge Freiheit“. In dem Rechtsaußenblatt griff sie die rot-rote Landesregierung und Teile der Medien scharf an und schrieb im rechten Duktus von einem „politisch korrekten Gleichmachungs- und Gleichschaltungswahn, der unsere Freiheit, Individualität und Tradition zerstören möchte“ sowie von einer angeblichen „falschen und gelenkten Berichterstattung“. Der Kampf gegen eine „Political Correctness“, die angeblich die Meinungsfreiheit unterdrückt, schaffte es mit dem Satz „Man wird ja wohl noch sagen dürfen“ während der Sarrazin-Debatte auf die Titelseite der Bild und ist Namensvorbild des kulturrassistischen Webblogs „Politically Incorrect“. Nach dem Vertrauensentzug durch ihre Fraktionskollegen musste Ludwig als Landes- und Fraktionsvorsitzende zurücktreten.

Antimuslimischer Rassismus

Richard Millet, ein angesehenen Lektor und Herausgeber des französischen Verlags Gallimard, lobt Breivik als Künstler, sieht die christliche Zivilisation vom Multikulturalismus und Islam bedroht und den Antirassismus als eine Form des „intellektuellen Terrorismus“. Seitdem darf er zwar weiterhin für den Verlag als Lektor Autoren betreuen, allerdings nur als freier Mitarbeiter von zu Hause aus.

Bereits 2011 gaben die Publizisten Manfred Kleine-Hartlage und Martin Lichtmesz das Buch „Europa verteidigen“ mit zehn Texten des Breivik-Vorbilds Fjordman im neurechten Verlag Antaios heraus. Sein neustes Buch „Neue Weltordnung“ durfte Kleine-Hartlage im Mai diesen Jahres auf Einladung der Freien Wähler in Frankfurt vorstellen. Im Rahmen dieser Lesereihe traf der Sozialwissenschaftler anschließend in Stuttgart die rassistischen BPE-Aktivisten Ilona Schliebs und Michael Merkle alias Kybeline und Michael Mannheimer, wie er auf seinen Blog „Korrektheiten“ mitsamt Foto berichtet.

Kleine-Hartlage und Mannheimer © Screenshot von: korrektheiten.com

Neurechte Messe

Inhaber des Antaios-Verlags ist Götz Kubitschek, der Initiator der „Freien Messe Berlin“ am 6. Oktober. Zusammen mit Kleine-Hartlage präsentiert er dort das Herbstprogramm von Antaios. Kubitschek – der als einer der deutschen Vordenker der Neuen Rechten gilt – ist zugleich verantwortlicher Redakteur der Zeitschrift Sezession. Als Mitorganisator der Messe im Berliner Stadtteil Wilmersdorf tritt Felix Menzel auf, der Gründer und Chefredakteur des neurechten Jugendmagazins „Blaue Narzisse“.

Die Messe soll das erste „zwischentag“ genannte Vernetzungstreffen von konservativen und neurechten Initiativen und Organisationen werden. Zu dem angekündigten Großevent sind bisher 24 Aussteller namentlich auf der Homepage veröffentlicht, darunter die Wochenzeitung „Junge Freiheit“, die Stresemann Stiftung, einige Burschenschaften sowie der Allgemeine Pennälerring (APR), in dem burschenschaftlich ausgerichtete Schülerverbindungen organisiert sind.

Der „zwischentag“ auf Facebook © Screenshot

Den ganzen Messetag über soll in einem Saal für jeweils rund 100 Hörer ein Begleitprogramm an Lesungen, Präsentationen und Podiumsdiskussionen angeboten werden. Von 15:30 bis 16:00 Uhr eine Diskussion mit der Fragestellung: „Ist der Islam der Feind?“. Diese wird zusammen von Vertretern des nationalistischen Monatsmagazins „Zuerst“ und PI-News moderiert. Zum Abschluss feiert abends das Institut für Staatspolitik (IfS) – das bedeutendste deutschsprachige neurechte „Think Tank“ – die 50. Ausgabe seiner Zeitschrift „Sezession“.

Am Veranstaltungsort vor dem AVZ Veranstaltungszentrum „Logenhaus“ im Berlin-Wilmersdorf ist an diesem Samstag mit antirassistischen Gegenprotesten zu rechnen.

Kategorien: Berlin, bundesweit
Leser-Kommentare
  1. 9.

    Herr Roland Sieber,

    Vorab, die Zeichenbeschränkung hier lässt keine ausführliche Antwort zu- allerdings habe ich auch nicht den Eindruck, dass Sie für andere Perspektiven offen sind?

    Haben Sie Verteter der Konservativen (Ideologie, wie Sie es nennen) gelesen und verstanden? Wo Sie damals gestanden hätten wissen wir heute nicht- von den Konservativen, auf die sich die Neue Rechte bezieht, wissen wir es.
    Wer so so argumentiert: “die sind böse, weil sich andere nachgeborenen Böse auf sie bezogen haben”, hat aus meiner Sicht nicht nur allgemeinen Renovierungsbedarf sondern sollte möglicherweise Grundsätzliches in seinem Horizont überdenken. Abgesehen davon, dass es schlicht falsch ist.
    Warum erwähnen Sie nicht die Parallelen der NS zur Bolschewistischen Ideologie? Gab es diese nicht?
    Was stört Sie an Diskussionen dieser Art?

    • 5. Oktober 2012 um 01:54 Uhr
    • Chris
  2. 10.

    @Monika:
    Es ist eine perfide Logik zu argumentieren, dass, wer von Rassismus spricht, selbst an die Rassenideologie glaube.
    Vielmehr beschreibt das Wort “Rassismus” ein Handlungsmuster, dass, basierend auf der Rassenideologie, Menschen, denen bestimmte Merkmale fremdzugeschrieben werden, pauschal bewertet.

    • 5. Oktober 2012 um 19:28 Uhr
    • nils
  3. 11.

    @Monika: Ja, wer davon spricht, sich für seine Rasse und sein Volk gegen eine angeblich geplante Rassenvermischung durch die Europäische Union einsetzen zu wollen, den halte ich für einen Rassisten.

    Ein Rassist ist eine Person die Menschen angeblichen Menschenrassen zuordnet und diese mit pauschalisierten Vorurteilen verknüpft. Es gibt wissenschaftlich belegt keine unterschiedlichen Rassen beim heutigen Menschen aber Rassismus. Demzufolge gibt es auch keine muslimische Rasse, aber Personen die Menschen aufgrund deren (religiösen) Herkunft pauschalisierte Vorurteile zuschreiben und davon ausgehen, dass diese Eigenschaften auch auf deren Kinder weiter gegeben werden. Dies hat Parallelen zum Antisemitismus und geht über den Kulturalismus hinaus, der auch ohne diese „erbähnliche“ Weitergabe von angeblichen „Kultur- oder Religionseigenschaften“ auskommt, aber indem Menschen nach Kulturkreisen getrennt und mit pauschalisierten Vorurteilen belegt werden.

    @Chris: Ich habe Texte von Armin Mohler und Stefan Breuer zum Thema gelesen sowie Texte von Oswald Spengler, Ernst Jünger, Ernst Niekisch, Carl Schmitt und Thomas Mann und nach Meinung meiner akademischen Prüfer auch verstanden. Die angeblichen oder tatsächlichen Überschneidungen mit den Theorien von Lenin oder das was später die Nationalsozialisten als „bolschewistische Ideologie“ bezeichneten ist nicht Thema des Artikels und ich werde hier auch nicht auf Grundlage von neurechter Ideologie darüber diskutieren.

    • 6. Oktober 2012 um 00:47 Uhr
    • Roland Sieber
  4. 12.

    Aus der Verwendung des Begriffes ist nicht abzuleiten, dass MKL eine rassistisches Gesinnung vertritt.

  5. 13.

    Ich bin sicherlich kein Freund der genannten Medien und Organisationen, aber sie bewegen sich allesamt im demokratischen Spektrum. Daher finde ich es äußerst bedenklich, diese mit (Neo-)Nazis auf eine Stufe zu stellen.

    Nicht alles was “rechts” von ihnen steht, Herr Sieber, ist tatsächlich rechts. Zwischen ihnen und rechts liegt eine doch eine ansehnliche Mitte.

    Ausserdem sollten sie in ihren Übereifer nicht vergessen, dass weder “rechts” noch “links” für sich in Anspruch nehmen kann “gut” zu sein. Dem politischen Extremismus bis in die Verfassungsfeindlichkeit sollten Demokraten entgegenstellen. Da sind ihre Beiträge, die ich quer über verschiedene Plattformen verfolgt habe, nur in seltenen Fällen tatsächlich hilfreich.

    • 15. Oktober 2012 um 09:35 Uhr
    • Matthias
  6. 14.

    [...] Neue Rechte will eine Massenbewegung werden. Zum Konzept gehören Distanzierungen von Rassismus und [...]

  7. 15.

    [...] Neue Rechte will eine Massenbewegung werden. Zum Konzept gehören Distanzierungen von Rassismus und [...]

  8. 16.

    Was meinen sie mit einer “angeblich falschen bzw gelenkten brerichterstattung”?
    So etwas wie die “berichterstattung” über den mord in kirchweyhe ?

    • 20. März 2013 um 14:44 Uhr
    • ernsthaft
  9. Kommentar zum Thema

    (erforderlich)

    (wird nicht veröffentlicht) (erforderlich)

    (erforderlich)