Wir müssen reden. Über Nazis. Ein Blog

Frei.Wild: Gehasst, Verdammt, Vergöttert!

Von 1. November 2012 um 12:50 Uhr

Aus dem Musikclip „Wahre Werte“ © Screenshot YouTube

Von Antifaschisten verdammt, von den Fans geliebt und von einigen Medien als Rechtsrock zerrissen. Frei.Wild hat sich wörtlich von Rassismus und Faschismus distanziert und lässt volle Konzerthallen laut „Nazis Raus“ rufen. Kann diese Band dennoch völkischen Nationalismus in ihren Liedern verbreiten?

Eine ausführliche Kritik an der Band des „Identitätsrocks“ übte Thomas Kuban – der als Undercover-Journalist jahrelang auf Neonazikonzerten recherchierte – bereits im Februar. Dumpfer Patriotenrock aus Südtirol erobert die Arenen in ganz Deutschland, schreibt Zeit- und Störungsmelder-Autor Johannes Radke. Als der NPD-Funktionär Patrick Schröder und sein anonymer Co-Moderator des neonazistischen Internetprojektes „FSN TV“ Mitte Oktober die Südtiroler Band supporteten, thematisierte dies Felix Benneckenstein. „Kein Frei.Wild!“ fordert der Watchblog Publikative.org. Organisationen und Parteien reagierten auf den heutigen „Freiwild“-Auftritt in Dortmund. Wie „rechts“ Frei.Wild wirklich sind, erörterte Thomas Kuban. “unpolitischer” Hass auf “Gutmenschen”, titelte Patrick Gensing und Andreas Strippel zu den Deutschrockern.

„Wahre Werte“ © Screenshot von YouTube

Von den Fans und der Band Frei.Wild selbst wird dagegen mit dem Video „Wahre Werte“ aus dem Album „Gegengift“ argumentiert. Im Vorspann wird Bezug zur Heimat genommen und sich von faschistischen Symbolen distanziert sowie die Parole „Nie mehr Faschismus, Nie mehr Nationalismus und Freiheit für jeden Menschen dieser Welt“ eingeblendet. Die Band stellt sich laut diesem Vorspann gegen den italienischen Faschismus  – der Südtirol als Teil Italiens und nicht als Teil Österreichs oder Großdeutschlands sieht – und gegen Nationalismus, also auch gegen den italienischen Nationalismus, der sich gegen ein autonomes deutschsprachiges Südtirol wendet.

Vielleicht richtet sich das Video auch gegen den deutschen Nationalsozialismus, der Südtirol 1939 mit einem Abkommen zwischen Mussolini und Hitler bei Italien beließ und sich somit den Vorwurf des „Heimatverrats“ von Seiten rechtsradikaler deutschsprachiger Südtiroler aussetzte. „Freiheit für jeden Menschen dieser Welt“ passt ideologisch in den „Ethnopluralismus“ der „Neuen Rechten“, wonach jeder Mensch die Freiheit haben soll, bei „seinem Volk“ zu leben.

Nach dem Vorspann geht es in dem Musikclip mit dem Sänger und Gitarristen Philipp Burger weiter, der singt:

„Da, wo wir leben, da wo wir stehen,
ist unser Erbe,
liegt unser Segen,
Heimat hat Volk, Tradition und Sprache“

Das dies kein völkischen Nationalismus sein soll, fällt schwer zu glauben.

„Für uns Minderheiten eine Herzenssache
Das, was ich meine und jetzt werft, ruhig Steine
Wir sind von keinem Menschen die Feinde,
doch wir sind verpflichtet, dies zu bewahren,
unser Tirol gibts seit zwölfhundert Jahren“

Die Rede muss hier entweder von den deutschsprachigen Südtirolern sein, die mit einem Anteil von fast 70 Prozent die Mehrheit der Einwohner der autonomen Region „Trentino-Südtirol“ stellen, oder meint Frei.Wild hier eine vermeintliche „arische“ Minderheit? Ein rassistischer Song gegen Rassismus?

„Wo soll das hinführen,
wie weit mit uns gehen
Selbst ein Baum, ohne Wurzeln,
kann nicht bestehen
Wann hört ihr auf, eure Heimat zu hassen
Wenn ihr euch Ihrer schämt, dann könnt ihr sie doch verlassen“

Singen Neonazibands andere Songzeilen?

„Du kannst dich nicht drücken,
auf dein Land zu schauen
Denn deine Kinder werden später drauf bauen
Sprache, Brauchtum und Glaube,
sind Werte der Heimat
Ohne sie gehen wir unter,
stirbt unser kleines Volk“

Klingt doch irgendwie nach kulturellem Rassismus.

„Die Wurzeln des Landes,
wie kann man die hassen
Nur um es manchen,
recht zu machen
Die nur danach trachten, sich selbst zu verachten“

Veröffentlichte eine Band, die angeblich gegen jegliches rechtes Gedankengut ist.

„Wo soll das hinführen,
wie weit mit uns gehen
Selbst ein Baum,
ohne Wurzeln,
kann nicht bestehen
Wann hört ihr auf,
eure Heimat zu hassen,
wenn ihr euch Ihrer schämt,
dann könnt ihr sie doch verlassen
Du kannst dich nicht drücken,
auf dein Land zu schauen
Denn deine Kinder werden später drauf bauen
Sprache, Brauchtum und Glaube,
sind Werte der Heimat
Ohne sie gehen wir unter,
stirbt unser kleines Volk“

Passt irgendwie nicht zu „Nazis raus!“

„Nicht von gestern, Realisten
Wir hassen Faschisten, Nationalsozialisten
Unsere Heimat hat darunter gelitten
unser Land war begehrt, umkämpft und umstritten
Patriotismus heißt Heimatliebe
Respekt vor dem Land und Verachtung der Kriege
Wir stehen hier, mit unseren Namen
Wir werden unsere Wurzeln immer bewahren“

Klingt wieder sehr nach südtirolisch-völkischen Parolen gegen die angeblichen italienischen Besatzer unter dem faschistischen Diktator Mussolini und den angeblichen nationalsozialistischen „Volksverrätern“, die Südtirol nicht „Heim ins Reich“ holten.

Vielfältige Toleranz?

Des Weiteren wird das Lied „Schwarz & Weiß“ als angebliche Stellungsnahme von Frei.Wild für eine vielfältige Welt angeführt. Außer der Gleichstellung von „Diktatur, Demokratie, Kommunismus und Anarchie“ sowie von „rot und braun“ lässt sich sehr viel in den Songtext hineininterpretieren und mit den Satz „wir sind hier und du bist dort, weit weg von mir“ ist auch wieder eine neurechte-ethnopluralistische Auslegung des Songs möglich.

Klarstellung?

In seiner Videostellungsname „Klare Worte“ von Mittwoch spricht sich der Sänger und Bandgründer von Frei.Wild, Philipp Burger, wörtlich gegen „einem Nationalsozialismus“ und „jeglicher rechter Gesinnung“ aus und sagt, dass die Band keine Nazis auf ihren Konzerten dulde. Er gibt an zu glauben, dass die Frei.Wild-Fangemeinde ganz weit von jeglichem rechten Gedankengut entfernt sei.

Ein „heimatbezogener“ und patriotischer Sänger einer angeblichen unpolitischen Band, der sich von jedem Extremismus distanziert und alle „Anspielungen“ von den Medien als „vollkommen haltlos und an den Haaren herbeigezogen“ bezeichnet, erinnert unwillkürlich an Aussagen aus Islamhassblogs wie PI oder an die ständigen Distanzierungen von kulturrassistischen Splitterparteien wie „Die Freiheit“ und „Pro NRW“.

Anlass dieser aktuellen Stellungsnahme könnte sein, dass die Band aufgrund der „harschen Kritik“ Probleme mit Geschäftspartnern bekommt und wörtlich „volle Pulle unter Beschuss genommen“ wird. Laut Burger haben sich Polizei, Staatsschutz und viele Journalisten zur laufenden Tour angekündigt. Der Deutschrocker macht in dem Video eine Front des „Wir“ – die Fans und die Band – gegen die „Anderen“, die verschwörungstheoretisch umschriebenen angeblichen „Frei.Wild-Hasser“ und „Anti-Frei.Wild-Liga“ auf, bevor er vermeintlich pauschal Richtung Kritiker das Wort „Arschlöcher“ verwendet.

Kategorien: bundesweit
Leser-Kommentare
  1. 65.

    Frei.Wild ist nicht rechts und aus. Übrigens dies was hier geschrieben wird ist einfach lächerlich!!!!

    • 2. Dezember 2012 um 22:54 Uhr
    • Sebastian Krainz
  2. 66.

    Schön, wenn man seine Heimat liebt, das tun sicher die meisten. Manchmal kommen Leute sogar dahinter und erkennen, dass Heimatliebe kein besonderes Lebensgefühl o. ä. ist, das einen irgendwie auszeichnet, zumal sich Heimat für jeden anders definiert. Manche wiederum haben offensichtlich keine spannenderen Themen.
    Manche Leute haben sogar verstanden, dass Liebe und Stolz zwei verschiedene Dinge sind und dass man sich nicht in seinen Gefühlen angegriffen oder ausgegrenzt fühlen muss, wenn man diese Begriffe mit einem gewissen historischen Bewusstsein benutzt. Die Fakten lehren, wie schnell diese Gefühle missbraucht werden können.
    Wer sich gekränkt fühlt, weil er daran erinnert wird, sollte für einen Moment hinterfragen, welche Prioritäten er in seinem Leben setzt. Keiner soll sich schämen oder für Geschichte büßen, aber nachdenken über Anfänge und vor allem Wirkungen ist Pflicht. Erst recht, wenn man sein Geld damit verdienen will, eigene Gedanken vertont darzubieten und damit (zwangsläufig aber selbst gewählt) in die Situation kommt gemocht, nicht gemocht oder sogar interpretiert zu werden.
    Die Altersgruppe der FW-Fans ist in einer Lebenssituation in der Identitätssuche eine große Rolle spielt und offensichtlich scheint das ohnehin eine große zeitgenössische Frage zu sein.
    Bleibt zu hoffen, dass alle, die ihre Identität durch so etwas wandelbares, unstetes und zufälliges wie Region, Nation, Sprache etc. definieren sich irgendwann mal mit der ganz allgemeinen Menschheitsgeschichte beschäftigen… Wäre doch ‘ne gute Sache, Heimat und Liebe zu dem, was die eigene herkunft ausmacht einfach so ganz für sich auszuleben, ohne das irgendwie ‘total provokant’ zu finden und dauernd laut herauszuquaken.

    • 3. Dezember 2012 um 18:41 Uhr
    • lw
  3. 67.

    ich bremse nicht für frei.wild

    dein vater war ein tumber wicht
    noch blöhder gar: dein onkel
    die fahne hoch, die birne dicht
    im kopf bleibts zappendonkel

    du südtiroler schluchtenschmock
    bist jetzt ins heimreich einmarschiert
    dein unterschichtschwachmatenrock
    mit nationalholz ausstaffiert

    dank beißreflex und selbstmitleid
    den letzten krümel hirn gekillt
    entkernt der geist, es ist so weit:
    nun bist du frei, nun bist du wild

    • 3. Dezember 2012 um 20:28 Uhr
    • 1ng0
  4. 68.

    Warum beschäftigen euch nicht weit aus wichtigere Dinge, als auf einer Frei.Wild Platte nach rechtem gedankengut zu suchen.
    Warum werden Lieder nicht verboten oder erst ab 18 freigegeben in denen es heißt ” Blas meine Flöte Baby”
    Dies können 12 Jährige Kinder singen. Doch wir dürfen nicht stolz auf unsere Herkunft sein. Jeder der vom Land kommt weiß das. Es gibt nichts schöneres als dem Ort von dem du kommt, und so ist es verständlich darauf Stolz zu sein !!

    mfg

    • 4. Dezember 2012 um 09:45 Uhr
    • Tati
  5. 69.

    @Roland Sieber
    Sie sagen zB., dass Liedpassagen nach “südtirolisch-völkischen Parolen” klingt aber geben nicht dem Leser die Chance sich dazu eine eigene Meinung zu machen.

    Ihr gesamter Artikel geht rein gegen Frei.Wild Pro-Argumente setzen sie selbst sofort außer kraft. Sollte ein professioneller Artikel nicht frei von eigener Meinung des Autors sein? ich dachte mir wäre so….

    Eine Gründlichere Recherche hätte dabei geholfen. Mir fällt sofort die Passage aus Schwarz&Weiß ein, in der es heißt “Rot und Braun keinem kannst du traun”.

    Alles in allem kann man sagen dieser Text wäre der Bild würdig und fällt schon fast unter den Fall der Üblen Nachrede §186 STGB.

    Nun den zum Abschied noch ein passendes Zitat: “Schenkt uns Dummheit kein Niveau das dumme Volk ist schnell zufrieden”(Frei.Wild)

    MfG

    • 10. Dezember 2012 um 18:06 Uhr
    • Tim224433
  6. 70.

    moin zusammen,
    es ist doch wirklich sehr interessant, wie intensiv sich die deutsche medienlandschaft auf einmal mit frei.wild beschäftigt.
    den hype um frei.wild verstehe ich als polarisierenden wachmacher. rechtes gedankengut sollten in deutschland keine chance mehr bekommen. und das wird es auch nicht – sofern wir endlich wach werden. Es sollten sich mal die regierenden parteien hinterfragen: integriert endlich die menschen, denen wir den wirtschaftsaufschwung nach dem 2. wk zu verdanken haben! schafft chancen für deren nachkommen! schafft bildung! – kein geld dafür? wie wäre es denn mal, wenn ihr die steuergelder nehmt, die ihr sonst in “fragwürdige” projekte versenkt!

    das ist der schlüssel – und darauf sollte sich auch die medienlandschaft verstärkt konzentrieren. unterstützt mit einer aufmerksamen berichterstattung diese wege für unser land.
    anstatt die zeit mit einer band zu verbringen, deren vision ihr nicht versteht.

    frei.wild polarisiert, regt zum nachdenken an, schafft aufbruchstimmung. all das, was ein land braucht ( und die menschen, die darin leben).

    frei.wild kann musikalisch nur unterstützen und motivieren. die richtigen akzente müssen andere setzen!

    übrigens: welche “nazi-band” schreit auf ihrem konzert NAZIS RAUS! ins mikrofon?
    es gibt sicherlich textpassagen, die viel interpretationsspielraum geben. – dafür sind sie auch da. dennoch gibt es aussagen, deren interpretaionsspielraum gleich null ist – und dabei sollte man es auch belassen!

    • 16. Dezember 2012 um 09:06 Uhr
    • Adi
  7. 71.

    Es ist doch immer wieder schön, mitzuerleben, wie jedem Menschen, egal welcher Herkunft, ausgenommen natürlich aus dem deutschsprachigen Raum (wie rechts das wieder klingt), zugestanden wird, seine “Kultur zu leben”. Ein in Österreich eingebürgerter Türke, z.B., würde niemals davon Abstand nehmen, Türke zu bleiben, wohingegen in unseren Breiten jedes Vokabel, das nur in die Nähe von “Heimat” kommt, automatisch mit dem braunen Sumpf in Zusammenhang gebracht wird.
    Schon mal draufgekommen, daß die Texte von Frei.Wild vielleicht Teil einer Marketingstrategie sind, da in der heutigen Zeit jegliches Auflehnen gegen Obrigkeiten selbst von der breiten Masse goutiert wird?
    Wenn ich Frei.Wild, oder die Onkelz höre bin ich also ein Rechter, der sollte ich mir eine Viertelstunde später die Sex Pistols auflegen, blitzartig zum Anarchisten mutiert. Interessante Sichtweise von pseudointellektuellen Unmusikalischen, kann ich dazu nur sagen. Abschließend noch einen großen Dank für die Gratis-Promotion einer aktuell (gottseidank) sowieso erfolgreichen Rockband.

    • 20. Dezember 2012 um 13:06 Uhr
    • Redneck
  8. 72.

    Ihr von der Zeit habt ja komplett keine Ahnung von dieser Band. Sie kommt aus Südtirol wo immer von Heimat gesprochen wird. Auch in der Volksmusik singt jeder von Heimat und den Bergen. Mir kommt manchmal vor in Deutschland gibt es keine Heimat mehr. Darf man denn seine Kultur, sein Land, seine Sprache, seine Traditionen überhaupt nicht mehr lieben?

    • 24. Dezember 2012 um 10:17 Uhr
    • Moralapostel
  9. Kommentar zum Thema

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