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Mutterkorn: Aus dem Leben eines jungen Punks und seines Alltags in Bayern

Von 23. Februar 2013 um 13:38 Uhr

MutterkornIn dem Roman „Mutterkorn“ erzählt der Autor Leonhard F. Seidl die Gesichte eines jungen Punks mit dem Namen Albin O., der aus der bayerischen Provinz kommt – und im Laufe seiner Zeit immer wieder auch mit gewaltbereiten Neonazis zu kämpfen hat. Besonders stark ist das Buch vor allem, weil es ihm hervorragend gelingt, die vielen geschickt platzierten sozial- und gesellschaftskritischen Töne mit der bewegenden Story zu kombinieren.

Albin O. ist ein junger, politisch engagiert Punk aus Bayern, der mit einer Vielzahl von Problemen zu kämpfen hat. Sein Job als Altenpfleger frustriert ihn wegen der bestehenden Ungerechtigkeit im Pflegesystem. Immer wieder hat er mit seiner Drogenabhängigkeit zu kämpfen, die ihm regelmäßig Halluzinationen beschert, die wiederum im Dienst nach und nach für Probleme sorgen. Und zu allem Überfluss verfolgt ihn auch noch ein persönliche Tragödie, die ihm schwer zu schaffen macht und ihn nicht mehr loslässt. All das zieht sich wie ein roter Faden durch die Geschichte von Mutterkorn – dem faszinierenden Erstling von Leonhard F. Seidl.

Was Seidl beschreibt hat viel mit der Realität zu tun. Die Geschichte selbst ist zwar fiktiv, doch bei weitem nicht unrealistisch. In dem Buch geht es um vieles – und schließlich doch um das ganz simple Leben mit all seinen Höhen und Tiefen. Erzählt wird die Handlung in zwei Abschnitten: der düstern, dunklen, anfänglich hoffnungslos erscheinenden Gegenwart und der eher glücklich anmutenden Vergangenheit. Wie es soweit kommen konnte, dass Albin schließlich wegen seiner Drogensucht in einer Therapieeinrichtung landet, erfährt man nur dann, wenn man die Vergangenheit kennt, die Seidl – neben der Gegenwart – eindrucksvoll beschreibt.

Die Handlung kreuzt immer wieder auch bedeutsame Ereignisse, die mittlerweile etliche Jahre zurückliegen. Nachdem er auf einem Dorffest von einem Neonazi zusammengeschlagen wird, lernt er ein Mädchen kennen, das sich um ihn kümmert und mit dem sich allmählich eine Beziehung entwickelt. Auch an dieser Stelle thematisieret Seidl die traurige Realität: und zwar den rechtsradikalen Alltagsterror, mit dem viele engagierte Personen auf Dörfern tatsächlich zu kämpfen haben. Irgendwann besuchen sie ihre Eltern, fahren nach Rostock – und engagieren sich dort schließlich gegen das Pogrom in Rostock–Lichtenhagen.

Gemeinsam mit anderen Antifaschistinnen und Antifaschisten demonstrieren sie gegen die Ausschreitungen und lernen dabei eine Staatsmacht kennen, die sich vor allem durch ihre Untätigkeit auszeichnet. Die Geschichte von damals passt auch zu der von heute. Wenn man das Entsetzen der Protagonisten über das Verhalten der Polizei erfährt, muss man zwangsläufig auch an das Versagen der Sicherheitsbehörden im NSU-Komplex denken. In Lichtenhagen ging man gegen Antifaschistinnen und Antifaschisten vor, ließ aber die Rassistinnen und Rassisten lange Zeit über gewähren. Beim NSU kriminalisierte man jahrelang die Opfer, kam aber nicht ein einziges Mal auf die Idee nach Neonazis als Täter zu suchen. Die Parallelen sind da – und drängen sich zwangsläufig auf. Irgendwann kreuzt der Punk auch die Chaostage in Hannover, endet erst einmal im Polizeigewahrsam und fährt schließlich zusammen mit einem Freund nach Holland, wo sich nach und nach die Nebenwirkungen des exzessiven Drogenkonsums bemerkbar machen. So wird Albin in den Niederlanden allmählich paranoid und fährt irgendwann in folge seiner Paranoia fluchtartig mit dem Intercity-Express zurück in Richtung Fürth.

In der Gegenwart ist Albin schließlich in seiner Therapieeinrichtung, in der sich bereits die ersten Probleme entwickeln. Die Mitglieder seiner Therapiegruppe sind nämlich Neonazis, die gerne auch mal neonazistische Musik im Aufenthaltsraum abspielen. Unmöglich kann Albin aus seinem Privatleben erzählen, wenn die Nazis zuhören. Der Horror, den Albin dabei fühlen muss, wird durch die geschickte Art des Erzählen eindringlich deutlich, Seidl macht die Gefühle von Albin auf eine realistische Art und Weise begreifbar. Nur einer einzigen Person kann der Punk letztlich noch vertrauen: Seiner Krankengymnastin. Während Albin ihr nach und nach die Geschichte der Tragödie anvertraut, spitzt sich die Situation mit den Neonazis weiter zu. Gekonnt treibt Seidl die Geschichte zum Höhepunkt, bis schließlich ein schlimmer Verdacht im Mittelpunkt der Handlung steht: Planen die Neonazis etwa einen Anschlag?

Geschickt gelingt es dem Nürnberger Autoren, die Handlungsfäden auf nur 162 Seiten miteinander zu verknüpfen und eine Geschichte zu erzählen, die den Leser in seinen Bann zieht und bis zur letzten Seite fesselt. Die Story ist spannend, dramatisch – und weckt durch den prompten Einstieg die Neugierde des Lesers. Zunächst bleibt nämlich die beschriebene Tragödie noch im Dunkeln. Wie konnte es dazu kommen, was war der Auslöser und wieso gibt sich Albin dafür die Schuld? Diese und weitere Fragen werden den Leser umtreiben und ihn an die Geschichte fesseln, die rasant und überaus temporeich erzählt wird, zugleich aber nie holprig ist.

Dass Seidl es auch noch schafft, derart viele sozialkritische Töne – gerade auch was den behördlichen Umgang mit Neonazis anbelangt – miteinfließen zu lassen, macht das Buch zu einem spannenden Werk. Einzig der Schluss ist vielleicht etwas zu knapp geraten. Negativ muss das aber nicht sein, immerhin wird dadurch auch die Fantasie des Lesers angeregt.

Kategorien: Bayern
Leser-Kommentare
  1. 1.

    [...] In dem Roman „Mutterkorn“ erzählt der Autor Leonhard F. Seidl die Gesichte eines jungen Punks mit dem Namen Albin O., der aus der bayerischen Provinz kommt – und im Laufe seiner Zeit immer wieder auch mit gewaltbereiten Neonazis zu kämpfen hat. Besonders stark ist das Buch vor allem, weil es ihm hervorragend gelingt, die vielen geschickt platzierten sozial- und gesellschaftskritischen Töne mit der bewegenden Story zu kombinieren. (Stoerungsmelder) [...]

  2. 2.

    Ist mir neu und dass obwohl ich mich sehr intensiv mit dem Thema Punks befasse. Danke und Gruß Nadine.

    • 18. März 2013 um 10:01 Uhr
    • Nadine
  3. Kommentar zum Thema

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