‹ Alle Einträge

Rechtsextremismus beginnt in der Mitte der Gesellschaft

 
Thomas Rettig, Anmelder der Pegida-Kundgebung und letztjähriger AfD-Kandidat hinter dem Fronttransparent des Pegida-Aufmarsches (mit orangefarbener Jacke) | © Christian Martischius
Männlich und gebildet: Die Pegida-Gefolgschaft schlägt die Brücke nach rechts außen © Christian Martischius

Das Ressentiment Fremdenfeindschaft brachte einst die Leitkulturdebatte und im vergangenen Herbst Pegida hervor. Dass Zehntausende in Dresden auf die Straße gingen, um als Komparserie Protest darzustellen, ohne Hauptdarsteller, ohne erkennbare Regie, ohne Thema und Plan, das verwunderte wegen des organisierenden Personals und bestürzte wegen der inhaltsleeren Wut, die agiert wurde. Statt einer charismatischen Führergestalt stupide Vereinsmeierei unter dubiosem Kommando, statt revolutionären Aufschreis geklaute Parolen und das zur Schau getragene dumpfe Unbehagen der „Patriotischen Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes“.

Von Wolfgang Benz, ehemaliger Leiter des Zentrums für Antisemitismusforschung der TU Berlin. Zuerst erschienen im Tagesspiegel.

Ein neuer Kulturrassismus ist entstanden

Die Ethnisierung sozialer Probleme hat einen Kulturrassismus hervorgebracht, der an das alte Übel anknüpft, Menschen aufgrund ihrer Herkunft als höher- oder minderwertig zu klassifizieren. Minderheiten sind damit zugleich als Gefahr für die Mehrheit stigmatisiert. Wagenburgmentalität innerhalb der Mehrheitsgesellschaft und das Verlangen, Intoleranz als Tugend zur Abwehr vermeintlicher Gefahren zu kanonisieren, sind Reaktionen der Unsicherheit. Die Botschaft, die Ideologen verbreiten, findet den Nährboden in existenziellen Ängsten. Die Adressaten sind resistent gegen rationale Argumente, denn Bedrohungsszenarien und Verschwörungsfantasien sind wirkungsvoller als alle Vernunft und jede Logik.

Wutentbrannte Einheimische demonstrieren derzeit gegen Bürgerkriegsflüchtlinge. Der Aufruhr bürgerlicher Bosheit gegen Flüchtlinge ist symptomatisch für den Zustand der Gesellschaft: Im ersten Halbjahr 2015 hat es schon mehr Übergriffe gegen Unterkünfte von Asylbewerbern gegeben als im ganzen Jahr zuvor – und beinahe täglich werden es mehr. Die Saat der Ausländerfeinde ist aufgegangen, die Schläger und Brandstifter der NPD und sonstiger rechtsextremer Observanz führen aus, was räsonierender und pöbelnder Mittelstand vor Wohnheimen und auf Pegida-„Spaziergängen“ intendiert hat.

Die Bürger randalieren, als sei die Wohlstandsgesellschaft bedroht

Der Strom der Flüchtlinge, die in Europa Zuflucht suchen, in deren Heimat Bürgerkrieg herrscht oder auch „nur“ existenzielle wirtschaftliche Not, hat in Deutschland zwar viel Verständnis und Hilfsbereitschaft ausgelöst, aber auch beschämenden Fremdenhass. Als seien sie persönlich bedrängt, als würden sie individuell zur Kasse gebeten, als gäbe es eine fundamentale Bedrohung der Wohlstandsgesellschaft, randalieren Bürger in Tröglitz, in Freital oder Heidenau nächtelang vor Flüchtlingsunterkünften, grölen ausländerfeindliche Parolen, üben Gewalt. Brandstiftung gegen Wohnheime, als vorbeugende Maßnahme zur Abwehr von Flüchtlingen, artet im Sommer und Frühherbst 2015 zum Volkssport aus. Politik und Medien verurteilen mit kräftigen Worten die Rechtsextremisten für das traurige und beängstigende Geschehen.

Aber der Rechtsextremismus beginnt schon in der Mitte der Gesellschaft, und er ist mehr als eine Randerscheinung, von der man sich leicht distanzieren kann. Demagogen setzen die Zeichen, Rechtsextreme fachen die Wut der Unbedarften an. Die Täter und ihre Sympathisanten gehören aber auch zum Kreis der Wohlsituierten, die keine materiellen Sorgen haben, denen nichts weggenommen wird, die aber von Ressentiments geleitet glauben, etwas verteidigen zu müssen, das sie für bedroht halten.

Arbeiter und Unterschichten sind bei Pegida kaum vertreten

Die Pegida-Gefolgschaft ist laut seriösen sozialwissenschaftlichen Studien mehrheitlich männlich und mittleren Alters, meist verheiratet, überdurchschnittlich gut gebildet und gut verdienend. Arbeiter und Unterschichten sind wenig bis kaum vertreten, als Beschäftigungsstatus überwiegt das Angestelltenverhältnis. Unter der Oberfläche des Feindbildes „Fremde“ plagt diese Menschen ein diffuses Gemenge von Unsicherheit und Angst, von Ratlosigkeit und Unverständnis gegenüber rasanten und komplexen Veränderungen: Werden die Sozialsysteme überfordert, sind Zukunft und Alter unsicher, ist die Vision Europa von Politikern zerredet und von Bürokraten in Brüssel so kleingearbeitet worden, dass nur noch nationaler Patriotismus die Rettung bringt? Ein zentrales Motiv, das den Ressentiments zugrunde liegt, ist das Gefühl, nicht genug partizipieren zu dürfen, die Empfindung der Ohnmacht gegenüber Obrigkeiten, gegenüber unkalkulierbaren Entwicklungen.

Pegida ist zwar organisatorisch als Versuch zur Gemeindebildung gescheitert. Aber als Protestbewegung aus der Mitte der Gesellschaft behält Pegida eine Brückenfunktion zum Rechtsradikalismus. Die Abneigung gegen Fremde, gegen die Eliten in Politik, Gesellschaft, Medien, und die Demagogie, mit der Minderheiten stigmatisiert, denunziert und ausgegrenzt werden, sind eine Einladung an Extremismus und zur Gewalt.

Der Autor ist Historiker und Vorurteilsforscher. Ein von ihm herausgegebenes Themenheft der „Zeitschrift für Geschichtswissenschaft“ über „Rechtsextremismus in der Mitte“ erscheint im September im Metropol-Verlag Berlin.

1 Kommentar

  1.   Catarina G.

    Es ist erstaunlich wieviel Mühe man sich gibt etwas zu verdrehen. Ich bin Frau und Arbeiterin, bin gebildet, spreche fliessend 3 Sprachen, habe schon in 3 europäischen Ländern gelebt, und bekenne ich mich mit der PEGIDA Bewegung. Es gab vor etwa einem halben Jahr ein Artikel von dieser selben Zeitschrift in der eine genauso subjektive Studie erklärte dass unter Anderem PEGIDA Anhänger keine andern politischen Interessen hätten und keinen Harry Potter mögen. Ich finde sowas eine totale Zeitverschwendung, und wer wird eigentlich bezahlt um solche Statistiken zu veröffentlichen? Ausserdem ist das falsch! Ich bin ein großer Harry Potter fan! Ich habe alle Bücher gelesen, die letzten drei sogar mehrmals. Jedes Buch innerhalb einpar Tage.
    Ich kann natürlich noch weiter darüber erzählen, wenn das für die Leser so interessant ist…
    Meine facebook Seite kann ich auch nicht mehr nutzen seit den letzten paar Tagen, komischerweise direkt nach der Veröffentlichung eines Kommentars auf der Seite von Die Welt, keine Beleidigung, nur Ehrlichkeit wie hier. Das erste mal in 3 Jahren dass ich den Netzwerk nicht aufrufen kann. Hmm…
    Warum PEGIDA? Naja, sind sie letztens in München eine Hauptstraße runtergelaufen? Oder in Stuttgart in einem Park gewesen? Ich schon, und ich muss sagen, dass das nicht Deutschland war wo ich mich befand. Kein Deutsch und keine Deutschen in Sicht. Deutschland lässt sich erobern und es ist ehrlich gesagt nicht mein Problem, weil ich die Deutsche Identität nicht habe, ich bin aber Europärin und das ganze betrifft mich in dem Sinne also trotzdem. In Frankreich und anderen nicht so traumatisierten Ländern kommen diese Leute, die kein Harry Potter mögen, immer mehr zusammen und erkennen das sie sich durchs Nichts-Tun austauschen lassen. Das ist kein Hass, das wissen auch die Leser, das ist Selbst-Schätzung und Erhaltung. Ich habe nichts gegen andere Völker, sie haben ihre Länder, ihre Regionen und mit denen sollen sie wie bislang sie mehr oder weniger tausende Jahre geschaft haben auch noch weiterhin klarkommen. Damit gehört auch das wir militärisch von diesen Gebieten zurücktreten.
    Es soll kein anderer Europäer sich für die Deutschen einsetzten, nicht jetzt und nicht in der Zufunkt, es ist keine Feindlichkeit, es ist die Tatsache, dass die Deutschen almählich lernen sollten einbisschen aufständischer und kritischer zu sein, dass wer auch immer da oben hockt euch nicht wie Marionetten behandelt. Es ist Zeit, dass ihr das mal alleine macht.