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Nichtbehinderte Schauspieler – ziemlich schlechte Rollstuhlfahrer

 

Sonntag. 20.15 Uhr. ARD. Es läuft Tatort. Die Tochter des Kommissars ist gelähmt und es dauert nicht lange bis ich augenrollend vor dem Fernseher sitze. Es ist einfach zu offensichtlich, dass die Frau, die da spielt, gelähmt zu sein, es eben nicht ist. Sie bewegt ihre Beine unnatürlich oder auch unnatürlich nicht. Und vor allem fährt sie Rollstuhl wie der erste Mensch. Das liegt auch daran, dass sie in einem Rollstuhl sitzt, der für sie viel zu groß ist.

Ich erkenne nichtbehinderte Schauspieler, die behinderte Menschen spielen, so gut wie immer. Das ist auch bei den angehenden Sozialpädagogen und Freiwilliges-Soziales-Jahr-Absolvierern so, die einen Nachmittag im Rollstuhl durch die Stadt fahren, um mal zu sehen „wie das so ist im Rollstuhl“. Die sitzen auch immer in viel zu großen Rollstühlen, können kaum damit umgehen und man wartet förmlich jede Sekunde darauf, dass sie aufspringen und den Rollstuhl eine Bordsteinkante hochheben, weil sie sonst nicht drüber kämen. So wirken auf mich die meisten nichtbehinderten Schauspieler auch, die im Film Rollstuhlfahrer spielen. Es gibt nur einige wenige Ausnahmen, bei denen das nicht so ist. Patrick Bach in „Anna“ fand ich beispielsweise großartig.

Schauspielerisches Scheitern

Trotzdem scheint es als völlig normal zu gelten, Rollen von behinderten Personen nicht an behinderte Schauspieler zu geben. Selbst wenn sie den ganzen Film durch behindert sind, werden diese Rollen nur selten an behinderte Schauspieler vergeben. In den Fällen, wo jemand während des Films eine Behinderung bekommt, könnte man ja noch argumentieren, dass er damit nicht sein Aussehen verändern kann. Okay, geschenkt. Aber selbst in den anderen Fällen, brechen sich nichtbehinderte Schauspieler einen ab, möglichst behindert zu wirken und scheitern teilweise völlig, um nicht zu sagen, sie machen sich lächerlich.

Früher wurden Frauen auf der Bühne von Männern gespielt, weiße Schauspieler malten sich schwarz an, um schwarze Rollen zu spielen. Beides gilt heute als verpönt und lächerlich. Nur behinderte Menschen müssen ständig zuschauen, wie ihnen nichtbehinderte Schauspieler nicht nur ihre Rollen wegnehmen, sondern auch wie sie teilweise völlig unrealistisch dargestellt werden. Es ist wohl eine der wenigen Gruppen, die sich nicht selber spielen darf.

Lächerlich und klischeehaft

Manchmal muss ich lachen, wie schlecht manche Schauspieler Rollstuhl fahren, manchmal ärgere ich mich über die Klischees, die sie damit verbreiten, die teilweise gar nicht stimmen. Blinde Menschen zum Beispiel wirken in Filmen sehr oft völlig hilflos, wenn sie von Sehenden gespielt werden. Weil Sehende, denen man das Augenlicht nimmt, eben hilflos sind. Blinde Menschen, die daran gewöhnt sind, nichts zu sehen, sind das aber nicht. Sie hatten im Normalfall Mobilitätstraining, in dem man lernt, sich blind zu orientieren und erlernen lebenspraktische Fertigkeiten, wie Kochen zum Beispiel, ohne sehen zu können.

Eine Frage der Qualität

Also warum finden es Filmemacher und Regisseure immer noch in Ordnung, Rollen von behinderten Menschen mit Nichtbehinderten zu besetzen? Ich glaube, weil sie den Wert nicht erkennen, den jemand einem Film bringen kann, der wirklich selber die Behinderung hat. Sie haben Angst, niemanden beim Casting zu finden, der die Rolle spielen kann, ohne es überhaupt zu versuchen. Oder sie befürchten, dass das Filmen länger dauert oder es organisatorische Probleme gibt.

Sie nehmen damit aber in Kauf, dass die Qualität des Filmes leidet. Dass Vorurteile transportiert werden. Und dass eine behinderte Person wirkt wie eine nichtbehinderte Person, die eine behinderte Rolle spielt. Ich sitze dann manchmal im Kino oder vor dem Fernseher und lache über die Fehler der Schauspieler. Es ist manchmal für mich unbegreiflich, wie wenig Ahnung Leute davon haben, Rollstuhl zu fahren oder mit einem Blindenlangstock zu laufen, aber glauben, damit in einer millionenschweren Filmproduktion einfach durchzukommen. Und das vor dem Hintergrund, dass es Schauspieler gibt, die das in ihrem Alltag tun und es deshalb aus im Film könnten. Eine Rolle eines Pferdewirts geht sicher auch nicht an einen Schauspieler, der nicht reiten kann. Warum wird also akzeptiert, dass so viele behinderte Menschen in Filmen einfach nur schlecht dargestellt werden?

11 Kommentare

  1.   Petra Müller

    Wahrscheinlich schlägt hier wieder zu, dass „wir“ in „ihrem“ Alltag, in „ihrer“ Denke einfach nicht vor kommen.

    „Wir“ hocken in unseren Sonderwelten und sind bei sowas „Normalem“ wie z.B. Tatortgucken einfach nicht dabei – wahrscheinlich, weil im Heim dann schon Bettzeit ist.

  2.   Anja66

    so wie die Tatsache, dass man SchauspielerIn ist einen nicht notwendigerweise dazubefähigt „professionell“ Rollstuhl zu fahren (für die falsch Größe kann übrigens der Schauspieler nichts, der besorgt den nicht selbst), so befähigt die Tatsache, dass man im Rollstuhl sitzt nicht zum Schauspielen.

    In Film und Fernsehen ist zweiteres in der Regel wichtiger.

    Zumindest steht vor dem Erhalt einer Rolle die Aufnahme in eine Agenturkartei. Wenn da keine Rollstuhlfahrer drin sind – weil sie sich vielleicht nicht gemeldet haben (wäre ja evtl. möglich) – dann können auch keine in den Film kommen.

    Für die Besetzeung des „Pferdewirtes“ wird im Zweifel auch eher Aussehen, Ausstrahlung, Verfügbarkeit und Gagenverhandlung ausschlaggebend sein, als die Frage ob der Darsteller reiten kann.

  3.   Andreas

    Der Schauspieler der den Pferdewirt spielt bekommt dann aber zumindest eine Profi als Berater an die Seite gestellt, warum macht man das nicht auch bei der Rolle eines Rollstuhlfahrers oder Blinden? Bei einem Tatort, der immerhin durch Gelder vom öffentlich rechtlichen Rundfunk gefördert wird, würde ich allerdings schon erwarten das man auch in der Lage ist Behinderten eine Rolle zu geben wenn dies möglich ist. Der deutsche öffentlich rechtliche Rundfunk sollte in meine Augen sowieso mal den Bild arbeiten das er vom Menschen mit Behinderung verbreitet, das ist oft zum heulen,

  4.   MM

    Im Blogpost steht:

    „In den Fällen, wo jemand während des Films eine Behinderung bekommt, könnte man ja noch argumentieren, dass er damit nicht sein Aussehen verändern kann. Okay, geschenkt.“

    Und das ist exakt bei dem genannten Tatort der Fall und zwar seit dem Fall „Abgründe“, der am 2. März 2014 ausgestrahlt wurde, wo ‚die Rolle‘ einen Autounfall hatte und seitdem gelähmt ist.

  5.   Anja66

    „Der Schauspieler der den Pferdewirt spielt bekommt dann aber zumindest eine Profi als Berater an die Seite gestellt“
    in der Regel träumt ‚der Schauspieler‘ von sowas allenfalls.

    „Behinderten eine Rolle zu geben wenn dies möglich ist“
    Da ist die Frage, ob die Schauspielagenturen Behinderte in ihren Karteien haben. Wenn ja, und wenn diese „trotzdem“ für so eine Rolle nicht gebucht werden (obwohl Alter/Geschlecht/blablubb passt), DANN ist es möglicherweise ein Grund sich aufzuregen, DAS erfordert aber dann noch, dass es entsprechende Bewerber bei den Agenturen gibt/gab, die nicht aufgenommen wurden.
    ‚Von der Straße‘ wird quasi niemand engagiert, auch wenn das immer wieder als schöne Geschichte erzählt wird.

  6.   Thomas Mitterhuber

    Ich stimme mit dir überein, dass Nichtbehinderte „behinderte“ Rollen oft vermasseln. Und dass immer noch zu wenig um behinderte Schauspieler bemüht wird. Aber diesen Satz kann ich nicht unterschreiben:

    „Eine Rolle eines Pferdewirts geht sicher auch nicht an einen Schauspieler, der nicht reiten kann.“

    Ich denke, genau das kommt oft genug vor. Und damit ist das Grundproblem auf den Punkt gebracht. Denn vielen Regisseuren sind authentische Darstellungen eher nachrangig. Weil zu aufwändig und zu teuer. Hat sich der Regisseur bereits um einen behinderten Darsteller bemüht und keinen gefunden, dann geht ein nichtbehinderter natürlich in Ordnung (wie bei „Die Sprache des Herzens“, hier spielte eine gehörlose Frau die taubblinde Protagonistin und zwar überzeugend). Für mich zählt der Wille. Aber dann sollte zumindest ein Berater engagiert werden.

    Außerdem stört den meisten Zuschauern die falsche Darstellung nicht. Weil sie die Fehler eben gar nicht bemerken. Für die Aufklärungsarbeit ist das aber fatal, denn dadurch werden Vorurteile gefestigt – und genau das erschwert die Inklusion behinderter Menschen die Gesellschaft.

  7.   Monika Burger

    Manche Schauspieler bemühen sich in Eigeninitiative, ihrer Rolle gerecht zu werden:
    „Für ihre Hauptrolle in der Askania Media-Produktion „Endstation Liebe“ absolvierte Gaby Dohm ein besonderes Training: Um sich in die Situation der behinderten Susanna Hagen einzufühlen, die seit Jahren im Rollstuhl sitzt, war die Schauspielerin unter Anleitung einer körperbehinderten Trainerin zwei Tage lang im Rollstuhl im Englischen Garten in München unterwegs. Verkleidet mit Sonnenbrille und Kappe machte sie in Sachen Hilfsbereitschaft nur positive Erfahrungen.
    „Ein toller Einsatz und eine vorbildliche Vorbereitung auf die Rolle“, lobt Produzent Martin Hofmann.“ (Quelle: http://www.bavaria-film.de)
    Die Aussage stimmt, ich kenne die „Trainerin“ persönlich. Gabi Dohm ist nicht nur im Rollstuhl gefahren, sondern hat z. B. auch geübt, sich ohne Anspannen der Beinmuskeln vom Rollstuhl ins Auto oder ins Bett zu setzen.

  8.   Mela

    Regisseure und andere Filmschaffende greifen nicht auf behinderte Schauspieler zurück, weil sie Vorurteile und Stereotype im Kopf haben. („Was mache ich bloß mit dem hilflosen Blinden am Set!“)

    Die Stereotype und Vorurteile schaffen es dann wieder in die Filme, weil kein Mensch mit Behinderung an der Produktion beteiligt war.

    Aktive und zukünftige Regisseure und Filmschaffende sehen die Stereotype, denken, sie bilden die Realität ab und deswegen erwägen sie beim nächsten Projekt erst gar keinen Schauspieler mit Behinderung einzubinden. Und wie die Behinderung dargestellt wird, ist auch schon fest im Kopf verankert.

    Und der Kreislauf beginnt von vorne.


  9. Müssen dicke Rollen von Dicken besetzt werden? Warum wurden Gilbert Grape und Forrest Gump nicht von Geistig Behinderten gespielt? Wieso müssen wir so oft schlechten russischen Akzent hören, anstatt endlich Russen heranzukarren? Warum werden Schwangere nicht schwanger? Wieso doubelt man ständig? Wahrscheinlich gibt es eine Vielzahl von Gründen – gesellschaftliche Konventionen, Kosten und Zeitgründe, andere Prioritäten ( Typus, schauspielerische Leistung, Couch), Starfaktor etc. Aber ich gebe Ihnen recht, ein guter Coach wäre schön ein Gewinn.


  10. Idee: Hollywoodjobs für Behinderte – als Rolli oder Blindencoach :) Für das Piano hatten sie schon jemanden.