‹ Alle Einträge

„Die Entdeckung der Unendlichkeit“

 

Eddie Redmayne hat den britischen Filmpreis BAFTA für seine Rolle im Film „Die Entdeckung der Unendlichkeit“ bekommen. Er spielt den weltberühmten Physiker Stephen Hawking. Der Film zeigt die ersten Jahre Hawkings an der Universität Cambridge. Er zeigt auch die ersten Anzeichen von ALS, einer unheilbaren Nervenerkrankung, durch die Hawking erst einen Rollstuhl braucht, dann auch einen Sprachcomputer nutzt, um zu kommunizieren. Aber auch von Hawkings Familie handelt der Film, nicht zuletzt von seiner Frau Jane. Ihre Autobiografie war Grundlage für den Film.

In ihren Memoiren Die Liebe hat elf Dimensionen: Mein Leben mit Stephen Hawking beschreibt sie, wie sie ihn Anfang der sechziger Jahre an der Uni kennenlernt, als beide noch Studenten waren. Kurz darauf wird bei Hawking ALS festgestellt. Hawking habe nur noch zwei Jahre zu leben, sagen ihm die Ärzte.

Gespräche und Recherche zu ALS

Redmayne spielt die Rolle von Stephen Hawking großartig. Der BAFTA ist absolut verdient – obwohl ich eigentlich lieber behinderte Schauspieler in der Rolle von behinderten Menschen sehe. Aber ALS verläuft nun einmal fortschreitend, was es schwierig macht, die Rolle mit einem behinderten Schauspieler zu besetzen. Möglich wäre es dank Maskenbildnern dennoch.

Die Kritiker fanden vor allem überzeugend, wie glaubwürdig Redmayne die Krankheit ALS zeigte. Dafür hatte er sich mit Menschen, die ALS haben, getroffen und umfangreich recherchiert. Ich fand seine Darstellung manchmal ein wenig überzeichnet, aber nie massiv störend. Dennoch sah man mit geübten Augen an einigen Stellen, dass ein nicht behinderter Schauspieler eben schauspielert.

Was mir an dem Film hingegen gut gefallen hat, war die Darstellung von Behinderung, ohne ins Schmierige abzurutschen und Mitleidseffekte mitzunehmen. Im Gegenteil, der Film zeigt so pragmatische Dinge wie die Organisation der Assistenz, die mangelnde Barrierefreiheit der Uni. Sogar das Thema Sexualität kommt zur Sprache, denn das Umfeld der Familie Hawking war sichtlich überrascht, dass dieser trotz starker Behinderung drei Kinder zeugen konnte.

Nur einmal kitschig

Nur eine Szene gefiel mir nicht: Als Hawking sich vorstellt, dass er aufstehen kann und einer Zuhörerin in der ersten Reihe den Stift aufhebt, der ihr heruntergefallen ist. Das war mir zu kitschig und unnötig.

In den britischen Medien wurde nicht zuletzt das Thema Sexualität und Behinderung diskutiert. So hat Hawking nicht nur wichtige Pionierarbeit im Bereich der Physik geleistet, sondern indirekt offensichtlich auch in diesem Bereich. Ich musste etwas schmunzeln, als ich den ein oder anderen Kommentar gelesen habe. Die pure Information, dass jemand wie Hawking nicht enthaltsam lebt oder leben muss, scheint für so manchen Filmkritiker neu gewesen zu sein.

Ich fand einen anderen Aspekt viel interessanter: Hawkings Frau hat ihre Karriere aufgegeben, um sich um ihren Mann zu kümmern. Das wurde damals wohl als selbstverständlich angesehen. Er hingegen machte eine steile Karriere, weil er einfach so gut war, dass seine Genialität die Behinderung überlagerte. Er kämpfte mit den Stufen an der ehrwürdigen Uni, tat sich zunehmend schwerer damit, Vorträge zu halten und dennoch zählte am Ende eines: sein Können.

Als Hawking gar nicht mehr sprechen kann, hilft ihm ein Sprachcomputer, zu kommunizieren und Vorträge zu halten. Er schreibt einen Bestseller mit dem Computer und seiner Eingabesoftware. Das fand ich eine der wichtigsten Botschaften des Films: Wer kommunizieren kann, kann die Welt verändern. Dafür muss man unter Umständen die Möglichkeiten schaffen, aber am Ende geht es eben doch. Der Film zeigt, was mit Behinderung möglich ist und bejammert nicht, was angeblich nicht geht.

21 Kommentare


  1. Immer wenn ich in der Vergangenheit mit Menschen im Gespräch war die Behinderte nicht ernst nehmen habe ich genau mit diesem Mann gepunktet, er ist der real existierende Beweis dafür das auch Behinderte es verdienen anerkannt zu werden.

  2.   Tomjoe

    Unumwunden, wir sind in der Inklusion angekommen, medial, soziologisch, ökonomisch, pädagogisch uind politisch. Wer den Zöpfen des Mittelalters nachtrauert möge sich mit der Integration, wie es Collier tut, beschäftigen.

  3.   Steven Morgner

    Stephen Hawking hat das größtmöglich Erreichbare für sein Leben umgesetzt. Ich gratuliere ihm. Die Unterstützung seiner Familie, von Freunden aber auch von gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Einrichtungen und Initiativen war dafür notwendig. In Deutschland hätte er scheitern müssen.

    Diskriminierung und Benachteiligung von allen die vom Idealtypus „potentieller Banker“ abweichen sind bei uns Standard. Bis hin zu den Arbeitsgerichten wird diese Benachteiligung als allgemein gerechtfertigt angesehen.
    Die urchristliche Einschätzung das behinderte Menschen Mitleid, Führung und ständiger Betreuung bedürfen ist oberste Leitmaxime.

    Ordne Dich unter und gib Deine Selbstständigkeit auf! Du bist körperlich behindert. Im Büro kannst du nicht genauso agieren wie die Gesunden? Dann geh in die WfbM und störe nicht unser sonniges Weltbild.
    Und mit jeder Regierungsinitiative wird die Bevormundung noch schlimmer. Und deine Chancen kleiner.

  4.   RuBuKuL

    Das was für und durch Stephen Hawking möglich gemacht wurde ist absolut beachtlich. In meinem beruflichen Alltag, u. a. mit körperlich schwerbehinderten Schülern, tauchen allerdings ganz banale Hürden auf:

    In welchem Betrieb findet man z. B. für jemanden mit einer schweren Köperbehinderung (Tetraspastik, Sehbehinderung) und dem Potenzial für die Fachhochschulreife ein Halbjahres-Praktikum, um danach ein FH-Studium aufnehmen zu dürfen?

    Für Hinweise (Raum Hamburg) wären wir dankbar…

    Gruß RuBuKuL

  5.   Draalo

    Link zum youtube trailer:

    https://www.youtube.com/watch?v=575tESPdUbM

    Werde ich mir definitiv ansehen.

  6.   Betroffener

    Seit Februar 2014 lebe ich mit der Diagnose ALS. Leider verläuft die Krankheit sehr schnell. Zum damaligen Zeitpunkt konnte ich noch normal gehen, ja sogar ca. 20 Minuten joggen. Mittlerweile sitze ich im Rollstuhl, kann die Arme nicht mehr heben und die Hände werden immer schwächer.

    Als Betroffener war ich gespannt auf diesen Film. Er hat mich positiv überrascht. das Schauspiel von Eddie Redmayne empfand ich als sehr realistisch.

    Gerade der Punkt, dass Körperbehinderung nicht bedeutet seine Persönlichkeit zu verlieren, wurde gut transportiert. Es hat mir Mut gemacht und Hoffnung gegeben von den Mitmenschen auch in Zukunft mit dem gleichen Respekt behandelt zu werden wie vor der Erkrankung.

    Leider hatte ich nicht so viel Glück wie Hawking. Meine Partnerin trennte sich kurz nach der Diagnose von mir. Der Wunsch nach einer ausgefüllten Partnerschaft, Sexualität und Liebe besteht weiterhin. Auch wenn ich die Hoffnung diesbezüglich noch nicht ganz aufgegeben habe, so ist mir natürlich klar, dass die Chancen dafür sehr klein sind.

    Abschließend muss ich sagen, der Film hat mich dazu ermutigt in 2015 zu versuchen weiterhin meiner Arbeit als Psychologe nachzugehen und in der mir noch bleibenden Zeit sinnvolles in Angriff zu nehmen.

  7.   gaffel

    das ist zu begrüßen, dass der Blick weg von den Defiziten hin auf die Potentiale gewendet wird. Das gilt nicht nur für Behinderte. In dieser Online-Ausgabe ist auch von der Fehlblickrichtung bei Hartz-IV-Empf. berichtet worden. Würden wir Menschen über das, was sie können ansprechen, statt ihnen ständig zu sagen, was sie nicht können, der Erfolg unserer Bemühungen wäre ungleich größer.

    Schade nur, dass so ungewöhnliche Personen wie Stephen Hawking für das wichtige Thema heran gezogen werden. Seine Genialität verhindert ja schon wieder die Verallgemeinenrung.

    Es gibt so gute Beispiele aus dem Alltag. ich empfehle den Medien einen Bericht aus dem Erfolg des Projektes im Albert-Schweitzer-Familienwerk in Göttingen, wo genau durch diese Umkehr im Denken möglich wurde, was niemand für möglich hielt: schwerst psychisch Kranke, die wieder arbeiten, Familen gründen, leben…

  8.   engelx4

    hört sich an wie ein schulaufsatz. und wenn sie das buch von jane hawking gelesen hätten, und nicht eine glattgebügelte hollywood version gesehen, wüßten sie welche rolle sie in cambridge gespielt hat. reduziert auf pflegerin, hausfrau und mutter. nach der trennung hat sie ihren doktor nachgeholt.

  9.   6bb6

    Der Humor ist ihm auch nicht abhanden gekommen: