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Tatort „Totenstille“ – Einblick in die Gehörlosenkultur

 
Vier Schauspieler des Tatort
Bild: SR/Manuela Meyer

Ich sage es lieber gleich, ich bin ein Tatort-Fan. Ich habe kein Lieblingsteam, sondern schaue mir fast jeden Tatort an und gehöre auch zu den Menschen, die sich wahnsinnig gerne auf Twitter über das Gesehene austauschen. Dass das Saarbrücken-Team den Kultstatus von Münster mit Jan Josef Liefers und Axel Prahl nicht erreicht, stört mich dabei gar nicht. Der Tatort: Totenstille aus Saarbrücken, der am kommenden Sonntag gezeigt wird, hat für mich trotzdem schon jetzt so was wie Kultstatus.

Nichts über uns ohne uns

Ich halte ihn für ziemlich wegweisend, denn er zeigt, was passieren kann, wenn man behinderte Menschen in einen Krimi mit und über behinderte Menschen einbindet. In Totenstille beobachtet ein gehörloser junger Mann, der einen Leichenschmaus in einem Hotel besucht, ein Telefonat. Da er gut von den Lippen ablesen kann, versteht er, dass der Mann am Telefon gerade versucht, einen Freund zu überreden, eine Leiche wegzuschaffen.

Seine Geliebte kam beim Sex im Hotel ums Leben. Und weil der gehörlose Mann dringend Geld braucht, erpresst er den Mann. Nachdem die Polizei die Leiche gefunden und identifiziert hat, ermitteln Kriminalhauptkommissar Jens Stellbrink und sein Team zunächst unter den Gästen der Beerdigungsgesellschaft, die aber mit der Toten in keiner Verbindung stehen. Als aber dann eine schwerhörige junge Frau ermordet aufgefunden wird, hat Stellbrink einen Schlüssel zur Lösung in der Hand, weil beide Fälle über Ben miteinander verbunden scheinen.

Drehbuch mit Expertin

Der Film profitiert davon, dass alle tauben Beteiligten von gehörlosen Schauspielern gespielt werden. Auch dass sich der Drehbuchautor Peter Probst eine gehörlose Expertin, nämlich die Bloggerin Julia Probst (der gleiche Nachname ist Zufall), an die Seite geholt hat, hat dem Film gutgetan. Er stellt gehörlose Menschen mit ihrer eigenen Kultur und Sprache realistisch dar. Man lernt so viel über die Kommunikation zwischen Menschen, die nicht die gleiche Sprache verstehen und auch, dass Lippenlesen lange nicht genug ist, um zu kommunizieren, oder ein Polizeiverhör über sich ergehen zu lassen.

Und er feiert die Gebärdensprache als das, was sie ist: Eine ziemlich schön anzusehende Sprache, die es sich lohnt zu lernen. Wenn Kommissar Stellbrink (Devid Striesow) vor seinem Rechner sitzt und die Gebärde für Polizist nachschlägt (Spoiler: Hand geht mit ausgestrecktem Zeigefinger zur Stirn als Anlehnung an die alte Pickelhaube), kann man gleich die erste Gebärde lernen. Deutsch/Deutschland wird übrigens genauso gebärdet. Und dass auch gehörlose Menschen durchaus gute Tänzer sind, auch davon kann man sich im Tatort überzeugen.

Es ist eine alte Forderung von tauben Menschen, doch endlich auch gehörlose Schauspieler in entsprechenden Rollen einzusetzen. Dem Saarländischen Rundfunk ist es gelungen, exzellente taube Schauspieler wie Jessica Jaksa, Benjamin Piwko und Kassandra Wedel zu finden, die man hoffentlich nun öfter im deutschen Fernsehen sehen wird. Vor allem Benjamin Piwko spielt die Rolle ausdrucksstark und durch und durch überzeugend. Jessica Jaksa und Kassandra Wendel spielen authentisch und facettenreich. Insbesondere Jessica Jaksa ist eine schauspielerische Entdeckung.

Es ist sicher nicht der actionreichste Tatort, der nun am Sonntag läuft, aber dennoch ein abwechslungsreicher und durchaus sehenswerter. Und geküsst wird auch.

4 Kommentare

  1.   Nepoliticos

    Also, davon abgesehen, daß der zweite Abschnitt mit der Inhaltsangabe fast wortwörtlich aus der Programmzeitschrift kopiert ist, ohne das zu kennzeichnen, (ich dachte, das habe ich doch heute schon mal bei TV Info gelesen, und siehe da, es stimmte), ist es zu begrüßen, daß auch einmal eine andere „Minderheit“ den Weg in den Tatort gefunden hat, die dort noch nicht so oft vertreten war.
    Wobei es in Deutschland nicht wenige Gehörlose gibt, die man eben nicht so stark wahrnimmt.
    Man kann übrigens die Nachrichten auf PHOENIX in Gebärdensprache schauen, wenn man sich dafür interessiert.
    Und manchmal kann man über die Gebärden wirklich herzhaft lachen, wenn man gleichzeitig hört, was sie bedeuten. Teilweise sind die Bedeutungen wirklich so frappierend umgesetzt, daß man sich den Bauch halten muss. Man stelle sich vor: im Hintergrund spricht Sigmar Gabriel bedeutungsschwangere Sätze, und vorne wird das in Gebärdensprache übersetzt….
    Und das soll nicht euch ins Lächerliche ziehen, liebe Gehörlose, das versichere ich.

    Die Beschreibung stammt nicht aus der Programmzeitschrift, sondern aus dem Pressetext der ARD zum Tatort. cl

  2.   Kati

    Ich fand den Tatort hauptsächlich deswegen gut, weil er „die Welt der Gehörlosen“ realistisch (weil gut beraten) darstellt. Die Story an sich fand ich ok, aber nicht überragend.
    Ich würde mir eine solch realistische Darstellung auch bei anderen Behinderungen wünschen, damit z. B. die Karodecken auf dem Schoß von Rollstuhlfahrern aufhören oder die Märchen, was angeblich alles nicht mehr geht (Sex, Schwimmen und so weiter).

  3.   Haminac

    Es freut mich, dass mal eine Sendung positiv aufgefallen, wo zuletzt nur Kritik angebracht werden konnte (Rollstuhlfahrer im Tatort nicht von wirklichem Rollstuhlfahrer gespielt).
    Eine Frage habe ich nun aber doch zur Wortwahl im Artikel: Weiter unten verwenden Sie öfter den Begriff „taub“ anstelle von „gehörlos“. Im Zuge der Beschäftigung mit dem Thema Gebärdensprache und Gehörlosenkultur vor ein paar Jahren habe ich erfahren, dass der Begriff „taub“ vermieden werden sollte, da er synonym für „gefühllos“ verwendet werden kann, was Gehörlose selbstverständlich nicht sind. Ist diese Wortwahl evtl. bewusst erfolgt und mein Informationsstand veraltet/überkorrekt?

    Mit freundlichen Grüßen.