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Auf schwierigen Wegen zu Angela Merkel

 

Auf schwierigen Wegen zu Angela Merkel

Vergangene Woche war die Syrien-Geberkonferenz in London. Ich hatte extra am Tag zuvor schon meine Akkreditierung abgeholt, weil ich mir das Pressezentrum vorher ansehen wollte. Ich kannte das Gebäude nicht. Es war ein altes Kirchengebäude neben dem Konferenzzentrum und ich hatte etwas Sorge, dass es dort keinen stufenlosen Zugang geben könnte. Da die Kommunikation mit der Pressestelle der Konferenz extrem schleppend verlief, fing ich gar nicht erst an, mit ihnen auch noch das Thema Barrierefreiheit zu diskutieren. Ich war schon froh, dass ich endlich akkreditiert war.

Viele Zäune und noch mehr Barrieren

Wenn in London politische Großevents wie dieser stattfinden, ist man schon einiges an Sicherheitsmaßnahmen gewöhnt. Aber die Arbeiten rund um das Konferenzzentrum gegenüber Westminster Abbey überraschten mich dann doch. Es gab nicht nur einen Zaun, es gab mehrere Zäune hintereinander sowie Barrieren, Tore und überall Polizei. Ich ahnte schon, dass das die Zugänglichkeit für mich am nächsten Tag nicht gerade erleichtern würde.

Aber zuerst wollte ich das Medienzentrum besuchen, um zu schauen, ob ich da überhaupt arbeiten konnte. Das allein war schon schwierig, denn es war ja noch gar nicht geöffnet, und außer den Mitarbeitern, die alles aufbauten, hatte niemand Zugang – eigentlich. Ich fand immerhin eine als barrierefreien Eingang ausgeschilderte Tür, aber die war verschlossen. Ein Mitarbeiter öffnete mir, und bevor er überhaupt sagen konnte, dass noch geschlossen sei, sagte ich: “Ich muss was wegen der Barrierefreiheit prüfen” und war drin. Zu meiner großen Freude gab es zwei Fahrstühle, und alle Stockwerke waren damit zu erreichen, sogar das Café im Keller. Ich musste nicht einmal hungern.

Am nächsten Tag hatte sich die Anzahl der Polizisten verdreifacht, und die Zäune waren noch länger geworden. Zudem waren die Straßen für den Autoverkehr gesperrt. In einer Seitenstraße war der einzige Eingang zur Konferenz. Es gab Sicherheitskontrollen wie am Flughafen. Ich steuerte zielstrebig den barrierefreien Eingang an, den ich am Tag zuvor schon ausgekundschaftet hatte, aber er war verschlossen. Ich fand dann dennoch jemanden, den ich beauftragen konnte, diesen öffnen zu lassen und war pünktlich zum vereinbarten Termin da, um am Pressestatement von Angela Merkel teilnehmen zu können. Dieses sollte gegenüber im Konferenzzentrum stattfinden.

Die Unwahrscheinlichkeit in Person

Ich musste also wieder durch den barrierefreien Eingang raus, aber dann wusste niemand, wie denn der barrierefreie Weg ins Gebäude gegenüber war. Es war ja alles verzäunt und abgesperrt. Man schickte uns von A nach B, aber überall waren Stufen. Es hatte was von stiller Post. Jeder hatte irgendwie irgendwas gehört, dass am Eingang dort hinten keine Stufen seien. Die nette Mitarbeiterin des Pressezentrums, die mich begleitete, erzählte mir noch, sie habe sich am Morgen noch gefragt, was eigentlich passiere, wenn einer der Journalisten Rollstuhlfahrer sei, aber man versicherte ihr, das sei sehr unwahrscheinlich. Diese Unwahrscheinlichkeit stand jetzt vor ihr und suchte den barrierefreien Zugang.

Wir sprachen mit einem Sicherheitsmanager, und ich merkte an, ob es nicht zufällig sein könne, dass der einzige barrierefreie Zugang zum Konferenzzentrum der Haupteingang sei. Den kannte ich von früheren Veranstaltungen und dieser hatte eine Rampe. Einziges Problem: Es war überhaupt nicht vorgesehen, dass der Haupteingang von jemand anderem benutzt wurde als von den Staatschefs. Ich verursachte nicht nur ein Sicherheitsproblem, sondern auch noch ein Protokollproblem.

Konferenzzentrum

Protokollproblem

Der Sicherheitsmensch sah ein, dass ich recht hatte: Es gab keinen anderen stufenlosen Eingang. Er sagte, er werde das mit dem Protokoll absprechen und sicherstellen, dass sie mich durchließen.

Gegenüber des Haupteingangs hatte man für die Fotografen und die Kamerateams eine Tribüne aufgebaut. Scheinwerfer leuchteten auf den Eingang. Und so hoppelte ich im Schneckentempo im Scheinwerferlicht über das Kopfsteinpflaster vor dem Konferenzzentrum vor den Augen der versammelten Weltpresse. Es war schon ein bisschen lustig, aber ich hatte keine andere Wahl. Ich wollte ja ins Gebäude.

Die Politiker waren noch nicht da und so störte ich wenigstens nicht den Ablauf – und sie mich nicht beim Navigieren über das wirklich sehr nervige Pflaster. Und die Rampe musste ich auch noch hoch und dann hatte ich es geschafft: Ich kam zum Pressetermin mit der Kanzlerin.

Am späten Nachmittag gab es dann eine Pressekonferenz, und ich musste wieder über das Kopfsteinpflaster um die Zäune herum auf die andere Seite. Da mich dann schon alle kannten – die Sicherheitsleute und das Protokoll – winkte man mich durch und ich eierte wieder schneckenlangsam an den Fotografen und Kameras vorbei die Rampe hoch ins Konferenzzentrum. Fast hätte ich dann doch noch das Protokoll durcheinandergebracht: Als ich nämlich das Gebäude verlassen wollte, fuhren gerade die Limousinen vor, um die Politiker abzuholen. Aber ich bin dann auf der Rampe stehengeblieben und habe gewartet, bis alles vorbei war.

3 Kommentare

  1.   zappp

    Erstens, barrierefreie Zugänge und Wege nützen nicht nur Rollstuhlfahrern und Gehbehinderten, sondern auch den nicht weniger vernachlässigten Möbelpackern.

    Zweitens, im Alter wird irgendwann jeder zumindest zu einem leicht Gehbehinderten. Vielleicht bewegt der Gedanke an die eigene Zukunft die Planer mehr, als Rücksicht auf unwahrscheinliche Randgruppen.

  2.   Crest

    Der Bericht hat mir gefallen.

    Ein noch besserer Artikel wäre denkbar gewesen – man verzeihe mir meine schwarze Seele – wenn es mit dem Zugang nicht geklappt hätte, da man – so müssen wir annehmen – dies nicht einkalkuliert hatte: dass “einer der Journalisten Rollstuhlfahrer sei, …, das sei sehr unwahrscheinlich”.

    Da macht man Barrierefreiheit seit etlichen Jahren zur Fast-Chefsache und dann diese Bemerkung.

    Also, daraus hätte man im Versagensfalle eine Knallerstory machen können. ;-)

    Zu den Protokollen: Diese sind, wenn wir an Kommunikationsprotokolle denken unverzichtbar. In der Politik mutieren sie allerdings zu einem Jahrmarkt der Eitelkeiten und werden zu einem Spiel, hinter der der ursprüngliche Zweck verschwindet. Die Syntax erschlägt die Semantik.

    Wenn solche Protokolle also auf “innovative Weise” sagen wir vorgeführt werden, dann lacht sie sogar: meine schwarze Seele :-)


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