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Einfach so mit der S-Bahn fahren

 

Vor Kurzem war ich in Köln, um einen Vortrag zu halten. Die Veranstaltung war am Vormittag, mein Flug nach Hause ging erst am Abend und so entschloss ich mich, in die Innenstadt zu fahren, bummeln zu gehen und mich dort in ein Café zu setzen, um ein bisschen zu arbeiten. Ich nahm also die Straßenbahn zum Hauptbahnhof, gab dort meinen Koffer in die Gepäckaufbewahrung und wollte herausfinden, ob ich mit öffentlichen Verkehrsmitteln am Abend zum Flughafen fahren kann oder ob ich mir ein Taxi nehmen muss, was ich in der Hauptverkehrszeit eigentlich vermeiden wollte.

Ich stellte mich also am Servicepoint an und eine sehr hilfsbereite und freundliche Bahnmitarbeiterin bediente mich. Ich erklärte ihr, dass ich nicht aus Köln sei, mich nicht auskenne und gerne wissen möchte, ob ich irgendwie barrierefrei zum Flughafen Köln-Bonn käme. Sie sagte mir, dass es eine S-Bahn zum Flughafen gebe, aber ob alles barrierefrei sei, wisse sie nicht so genau, aber sie würde sich da mal schlau machen. Sie griff zum Telefon, rief irgendwo an, erklärte die Lage und alle Beteiligten waren sich am Ende einig, wenn ich den Spalt in die S-Bahn alleine hinbekäme, könne ich problemlos zum Flughafen fahren.

Ich wollte auf Nummer sicher gehen, fuhr hoch zum S-Bahngleis und stellte tatsächlich fest, der Spalt war überhaupt kein Problem für mich. Also ging ich für ein paar Stunden bummeln und ins Café, um dann um 18 Uhr die S-Bahn zu nehmen.

Vom Hauptbahnhof zum Flughafen

Als ich gerade aus dem Fahrstuhl kam, stand da schon die S-Bahn. Ich stieg schnell ein und versicherte mich bei den beiden Bahnmitarbeitern, die zufällig an meiner Tür standen, dass das die richtige S-Bahn zum Flughafen war. Sie war es.

„Aber Sie können doch nicht einfach so mit der S-Bahn fahren“, sagte der Bahnmitarbeiter zu mir. Na klar, eine erwachsene Frau, die im Rollstuhl sitzt, möchte in einer deutschen Metropole vom Hauptbahnhof bis zum Flughafen. Im Jahr 2016! Welch unerhörter Vorgang! Das sagte ich nicht zu ihm, sondern atmete erst einmal tief durch, parkte auf dem Rollstuhlplatz der S-Bahn ein und fragte dann ganz ruhig: „Und warum nicht?“. Seine Antwort kam sofort: „Sie wissen doch gar nicht, ob der Bahnsteig, an dem wir am Flughafen einfahren, barrierefrei ist!“

Ich musste ihn enttäuschen. Ich erklärte ihm, dass ich mich in der Tat in Köln überhaupt nicht auskenne, aber genau aus diesem Grund extra heute morgen zu seiner Kollegin am Servicepoint gegangen sei, um mich zu erkundigen, ob ich barrierefrei zum Flughafen komme, und dies sei mir versichert worden.

Das Gespräch sorgte für allgemeine Erheiterung und Kopfschütteln bei den anderen anwesenden Fahrgästen. „Heute morgen konnte die Kollegin noch gar nicht wissen, auf welchem Bahnsteig der Zug am Flughafen einfährt“, wurde ich belehrt. Ich erklärte ihm, dass die Bahnmitarbeiterin und auch die Person, die sie telefonisch um Rat bat, sicher waren, dass es kein Problem geben dürfte. Von „barrierefreiem oder nicht barrierefreiem Bahnsteig“ sei überhaupt nicht die Rede gewesen. Was ich denn noch tun solle, außer die Bahn zu fragen, ob ihre Bahnhöfe barrierefreie seien? Wenn die es nicht wissen, wer dann? Das beeindruckte ihn gar nicht.

Als Rollstuhlfahrerin müsse ich immer vorne beim Lokführer einsteigen, belehrte er mich stattdessen. Das müsse ich doch wissen! Auch das hatte mir die Mitarbeiterin nicht gesagt, zumal ich auch noch in einen Wagen mit Rollstuhlstellplätzen eingestiegen war. Warum soll ich also vorne einsteigen, wenn hinten die Rollstuhlplätze sind? Auch darauf hatte der Bahnmitarbeiter eine Antwort: Zwar gebe es hinten auch Rollstuhlplätze und sogar eine Rampe, die man an den Zug anlegen könne, wenn wir am nicht barrierefreien Bahnsteig ankommen, aber er dürfe das nicht. Er habe sogar den passenden Schlüssel. Aber aus versicherungstechnischen Gründen dürfe er mir nicht helfen. Klar, da lässt die Bahn für viel Geld Personal in ihren Zügen mitfahren, nur das eigene Equipment in Form einer Rampe dürfen sie nicht anfassen.

Ich bin in solchen Situationen meistens recht ruhig. Weder gerate ich in Panik, wie ich jetzt aus dem Zug kommen soll, noch fühle ich mich für die Unzulänglichkeiten von Unternehmen verantwortlich, wo die eine Hand nicht weiß, was wie andere macht, und die Hand, die helfen könnte, versicherungstechnisch daran gehindert ist.

Lösungssuche

Ich bin aber lösungsorientiert und so bot ich dem Mitarbeiter an, an der nächsten Station den Zugteil zu wechseln, um vorne beim Lokführer zu sein. Das wurde abgelehnt, das würde ich zeitlich nicht schaffen. Ob man nicht dem Lokführer Bescheid geben könne, kurz zu warten, fragte ich. Nein, auch das ginge nicht.

„Noch sieht es aber ganz gut aus. Der Zug fährt auf dem barrierefreien Bahngleis ein, wenn sich das nicht kurzfristig ändert“, sagte er, nachdem er sein Handy zum gefühlt zehnten Mal in die Hand nahm, um zu überprüfen, auf welchem Bahnsteig wir am Flughafen ankommen werden.

Nach mehr als 20 Minuten Debatte, ob und wie ich wohl aus dem Zug komme, stellte sich bei der Einfahrt des Zuges heraus: Alle Diskutiererei, ob ich als Rollstuhlfahrerin „einfach so“ mit der S-Bahn fahren kann, war völlig unnötig gewesen. Die S-Bahn fuhr am barrierefreien Bahnsteig ein. Kein Stufenproblem und auch versicherungstechnisch wurde niemand herausgefordert. Und, liebe Bahn, die korrekte Antwort auf die Frage, ob man barrierefrei vom Kölner Hauptbahnhof zum Flughafen kommt, lautet dann ja wohl: „Ihre Chancen stehen 50:50“.

6 Kommentare

  1.   Arthur

    Ohje… Das kommt mir so schrecklich bekannt vor. Sei es auf Konzerten oder auf Reisen: 50:50 dass ich was „sehe“ oder „ankomme“.

    Sorry, aber hier ist Deutschland einfach ein Entwicklungsland ohne Entwicklung. Dabei könnte es doch so einfach sein: https://www.getnasty.net/2016/02/29/1290/

  2.   eroll8-kritik

    Es ist sehr bedauerlich, und sicher kein Qualitätssiegel wert, dass nicht Menschen mit den entsprechenden Befugnisse ausgestattet, den ganzen Müll aufräumen.

  3.   Jana

    Herrlich. Ich hatte auch schon ähnliche Diskussionen mit der Bahn – immer wieder ein Fest!

  4.   Rolf Allerdissen

    Empfehle den DB Slogan: „Zeit den Weg zu finden anstatt zu suchen.“ Selbstbestimmtes Ein-/Aussteigen ist weiterhin ein Abenteuer im ÖPNV. #sogehtmenschlich

  5.   TheaTralisch

    Ich durfte leider letztens auch die Erfahrung machen, dass „einfach mal so“ echt schwierig ist. Dabei wars garnicht „einfach mal so“ sondern angemeldet und zwar eine Gruppenreise mit der Bahn. 3 Rollifahrer waren dabei und für die ganze Gruppe von 50 Personen war reserviert. Man hat die Rollis auch in den Zug gebracht aber da ein ICE nur 2 min Umsteigezeit hat, gab es dadurch Verspätung. Das machte den „Schaffner“ sauer. Immerhin dürfen in dem ICE nur 2 Rollies mitfahren. Davon dass die Reservierung für den Rest nicht angezeigt wurde und man sich mit einer Gruppe Menschen mit Behinderung irgendwie Plätze suchen musste, kein Wort der Entschuldigung.
    Dabei wäre es doch so einfach gewesen schon vor 20 Jahren auf Barrierefreie Züge und Bahnhöfe umzusteigen, allein es fehlt der Wille. Dabei hilft das echt allen die ihre Koffer in den Zug wuchten müssen, den Leuten mit Kinderwagen und älteren mit Rollator. Die Umsteigezeiten wären verkürzt und könnten eingehalten werden. Eine Modulbauweise würde das Verschieben von Sitzreihen ermöglichen und somit Rolliplätze nach Bedarf schaffen. Man muss nur Lösungen finden wollen.

  6.   Ralph von Mühldorfer

    Da muss ich einmal unseren Verkehrsverbund in Dresden loben. Von mir aus in Laubegast, fahre ich mit meinem Rollstuhl 250 m bis zu nächsten Bushaltestelle. Dank Niegetechnik kann ich in den Bus hereinfahren. Dann mit dem Bus zur nächten S-Bahn-Haltestelle. Mit der S-Bahn geht es zum Hautbahnhof, von dort aus mit derselben oder einer anderen S-Bahn zum Flughafen und barrierefrei zu den Flugsteigen. Alles perfekt rollstuhlzugänglich. Da wurde ganze Sache gemacht.
    Danke.