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Irgendwas mit Inklusion aber ohne behinderte Menschen

 

Ich bekomme viele Einladungen zu Veranstaltungen, die sich um das Thema Inklusion drehen. Es geht um schulische Inklusion, Inklusion auf dem ersten Arbeitsmarkt, politische Themen, das Teilhabegesetz. Die Spannweite des Themas ist weit, das spiegelt sich auch bei den Veranstaltungen wider.

Inklusion steht hoch im Kurs, jedenfalls als Schlagwort. Wenn ich mir dann aber anschaue, wer da so diskutiert, bin ich regelmäßig überrascht. Veranstalter schreiben sich Inklusion auf die Fahnen, setzen sie aber nicht um. Wer über Inklusion diskutiert, könnte vielleicht auf die Idee kommen, auch behinderte Menschen diskutieren oder vortragen zu lassen. Das geschieht jedoch nur selten.

Nichts über uns ohne uns

„Nichts über uns ohne uns“ ist eine Standardforderung der Behindertenbewegungen weltweit. Dieses Ziel ist noch lange nicht erreicht. Man redet weiterhin lieber über behinderte Menschen statt mit ihnen. Dabei finden sich in fast allen Fachbereichen behinderte Experten, Akademiker und Redner. Man muss sie nur einladen. Die Bewegung ist gut vernetzt. Es ist also leicht herauszufinden, wer zum Thema etwas zu sagen beziehungsweise geforscht hat.

Am Wochenende spülte mir Facebook einen guten Aufsatz in meine Timeline. Je mehr behinderte Menschen etwa bei Veranstaltungen und in den Medien sichtbar werden, desto mehr trauen sich andere zu ihrer Behinderung zu stehen, war eines der Argumente der Autorin. Sie hat Recht. Darüber hinaus geht es um die Selbstvertretung. Wenn ich wissen will, was behinderte Menschen denken, lade ich nicht irgendeinen Experten ein, sondern einen Behindertenvertreter. Genau so gehen wir inzwischen auch mit anderen Minderheiten um.

Neulich machte ein Foto die Runde, auf dem eine Diskussionsrunde auf einer Bühne zu sehen war, die ausschließlich aus Männern bestand. Dahinter hingen Plakate mit der Aufschrift Global Summit of Women. An dieses Foto muss ich immer denken, wenn ich etwas über Veranstaltungen zum Thema Inklusion lese, die mit nicht behinderten Gästen besetzt sind. Der Unterschied: das Foto mit den Männern wurde in sozialen Netzwerken tausendfach geteilt und verlacht.

Dass Veranstaltungen zu Inklusion ohne behinderte Menschen stattfinden, finden hingegen alle normal. War ja schon immer so. Dass mit dem Paradigmenwechsel hin zur Inklusion auch dieses Gebaren der Vergangenheit angehören müsste, hat sich offensichtlich noch nicht herumgesprochen. Es zeigt aber leider, wie ernst es manche mit dem Thema meinen. Das Wort Inklusion schmückt, aber leben wollen die Leute es nicht.

Deshalb gehe ich nicht auf solche Veranstaltungen. Ich kann sie nicht ernst nehmen. Ich hoffe, in ein paar Jahren lachen die Menschen genauso über derart besetzte Veranstaltungen wie über eine Frauenkonferenz, die von Männern bestritten wird.

10 Kommentare


  1. […] Zum Thema: Irgendwas mit Inklusion aber ohne Behinderte Menschen […]

  2.   Vegetius76

    So ist das eben in unserer Welt – die Generalzuständigen für Ungleichheit und Ungerechtigkeit sind eben die allwissenden Linksfraktionen. Selbige berücksichtigend würde ich übrigens meinen, dass die Ausgangshypothese mit der gewählten Begrifflichkeit und den definitorischen Merkmalen steht und fällt :/

  3.   yohak

    „Ich bekomme viele Einladungen zu Veranstaltungen, die sich um das Thema Inklusion drehen.“ schreibt die (selbst behinderte) Autorin, um sich dann zu beklagen. „Man redet weiterhin lieber über behinderte Menschen statt mit ihnen.“.
    Das erscheint mir dann doch als etwas widersprüchlich.

  4.   Krizz86

    Eigentlich wäre das doch ein guter Anlass selbst was auf die Beine stellen, Es ist sehr einfach bestehende Verhältnisse zu kritisieren aus der Rolle des passiven, sie haben doch mit diesem Artikel bewiesen was sie können, na los wird schon!!!

  5.   Googlefix

    Satire?

  6.   Chris Holzapfel

    Genau, am besten gar nicht mehr helfen oder beachten, denn dadurch fühlen sich behinderte offenbar diskriminiert oder „behindert gemacht“, nicht wahr Frau Link?

  7.   Esther Grunemann

    Dieser Artikel spricht mir aus der Seele.Wie oft war ich in meiner Zeit als Behindertenbeauftragte die einzige Frau mit Behinderung weit und breit.Auf den Podien saßen die sogenannten Experten ohne sichtbare Behinderung, aber oftmals mit Doktortitel.Nein, es geht kein Aufschrei durch die Reihen ob dieses Missverhältnisses.Dennoch stirbt die Hoffnung zuletzt, dass Menschen mit Behinderung sich überall Plätze erobern und genug Selbstbewusstsein haben werden, sich Raum und Gehör zu verschaffen! Der Protest gegen das geplante Bundesteilhabegesetz von uns Menschen mit Behinderung zeigt, dass Viele sich gegen Ungerechtigkeit lautstark wehren!

  8.   Wolfsspitz

    Wenn das mal so einfach wäre. Was glaubst wie viele sich darüber schon lange Ärgern, nur was soll man deiner Mein nach genau machen? Die Autorin schriebt ja öffentlich ihre Meinung nur Journalisten sind halt keine Aktivisten. Wenn ich mal von mir ausgehe, ich rege mich regelmäßig über Stuss den unser Politik gerade im Bereich Barrierefreiheit und Behindertenpolitik fabriziert auf nur wie lange gibt es jetzt schon Kritiker nur ändert sich wirklich etwas. Mal eine Frage was hast du den schon so an Protestveranstaltungen auf die Beine gestellt? Man stellt sich das immer so einfach vor nur mach das mal neben deinen Broterwerb. Ja, wir Betroffenen sollten uns wirklich besser Organisieren und für unsere Interessen eintreten aber das gilt für viele andere auch.

  9.   Heimet

    Ich stimme dir zu, was das organisieren betrifft. Viele demonstrieren gegen das Bundesteilhabegesetz. Es gibt also behinderte Menschen, die sich engagieren. Hoffentlich auch wenn dies Thema, zeitweise zumindest, beendet ist. Woran erkennt man übrigens, welcher Mensch behindert ist und wie. Diemeisten Behinderungen erkennt man übrigens nicht.