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Julie und die satanischen Verse

 

Anfänglich ist es noch lustig: "Ich würde gerne eine Petition starten, um alle Links auf Julie Dicaros Twitter-Stream zu verbieten." Julie Dicaro lacht. Beinahe intim sitzen Sarah Spain und sie abwechselnd mit je einem fremden Mann im Zweiergespann. Dann schlägt die Stimmung um.

Einer der Männer stockt, rückt nervös auf seinem Stuhl hin und her, blickt unsicher über die Schulter. "Muss ich das wirklich vorlesen?", scheint die Geste zu sagen. Auch Julie ist inzwischen ernst. Sie weiß, was jetzt kommt, bereitet sich vor.

Genau deswegen stellen wir keine Frauen an, es sei denn, wir brauchen jemanden, der unsere Schwänze lutscht oder uns etwas kocht.

Scheiß' auf diese blöde Schlampe!

"Ich muss sie wirklich alle vorlesen, richtig?", vergewissert sich der Mann. "Ich schätze schon", sagt Julie.

Ich hoffe, du wirst noch einmal vergewaltigt!

Seine Worte waren es gar nicht, trotzdem entschuldigt sich der Mann hinterher bei Julie. Es waren Tweets, wie sie Julie und Sarah regelmäßig auf Twitter erhalten. So wie viele andere Frauen und Männer auch.

Dass Frauen häufiger als Männer Opfer von Hatespeech werden, zeigte vor Kurzem eine Analyse des Guardians. Und typischerweise drohen solche Kommentare mit sexueller Gewalt. Das überrascht niemanden mehr, der sich mit den verschiedenen Kommentarkulturen im Netz auch nur beiläufig auseinandersetzt. Aber wie geht man damit um?

Den Hass auf die Bühne zu heben und den Zuschauer damit zu konfrontieren, dass es Menschen sind, gegen die er sich wendet, ist eine inzwischen beliebte Methode. Jimmy Kimmel verhalf dem Format 2012 zu weltweiter Bekanntheit: Regelmäßig lesen Berühmtheiten in seiner Show Jimmy Kimmel Live Mitteilungen vor, mit denen Fremde sie auf Twitter beleidigen – manche sind witzig, die meisten gemein.

In abgewandelter Form haben sich viele das Format zu eigen gemacht. Hier im Teilchen-Blog wiesen wir schon zweimal darauf hin. Das Podcast-Team "Just not Sports" liefert eine Variation, die uns daran erinnert, dass es eine Dringlichkeit gibt, betroffenen Menschen zu helfen.

Ausführlicher wird das Thema im 26. Podcast von "Just not Sports" behandelt, den Sie hier auf Englisch nachhören können.

Weitere Netzfundstücke von ZEIT ONLINE finden Sie hier.

3 Kommentare

  1.   Perlhuhn

    Ich finde die Typen peinlich. Warum trauen die sich nicht den Frauen in die Augen zu schauen beim vorlesen und warum kucken die so betreten?
    Die ätzenden Kommentare kamen ja nicht von Ihnen.

  2.   Kann Perlhuhn nur zustimmen ...

    Die ganze Szenerie ist unauthentisch und unglaubwürdig. Kein normaler Mensch in meinem Umfeld würde (instinktiv) so übertrieben und verunsichert auf die Tweets reagieren.

    Es beschleicht mich das Gefühl, als ob die Typen dazu angehalten wurden, möglichst betreten zu schauspielern, um dem ganzen einen maximalst-dramatischen Anstrich zu verleihen.

    Sorry, aber auf so ein Gesabbel von ein paar verzweifelten Kellerkindern auf Twitter kann man auch souveräner reagieren.

  3.   Jan Schloesser

    Ich verstehe das Setting und seinen pädagogischen Wert nicht.
    Erstens: Menschen trauen sich ja gerade erst wegen der Anonymität und/oder der räumlichen Entfernung zur Adressatin, dermaßen zu entgleisen. Insofern erschließt sich mir diese „reale“ Bühne nicht.
    Zweitens: Ist das Gießkannenprinzip und man hofft, durch die willkürliche Auswahl an Vorlesern auch welche zu erwischen, die vielleicht mal so geschrieben haben? Welchen Effekt soll es denn erzielen, dass Männer Beleidigungen von anderen, fremden Männern vorlesen? Außer vielleicht schlimmstenfalls, dass die echten Absender sich einen feixen, dass da jemand seinen Kommentar vorlesen muss.
    Das ganze wirkt nach so einer auf den ersten Blick medientauglichen, aufmerksamkeitsstarken Idee, die man nur ihrer Klickbarkeit wegen macht ohne einen echten Wert zu hinterfragen.