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Die Ehe als psychologischer Trick

 

Früher haben die Menschen geheiratet: Weil Gott es verlangt. Weil die Eltern einen Partner ausgesucht haben. Weil sie endlich Sex haben wollten. Weil uneheliche Kinder noch als Bastarde beschimpft wurden. Weil ein Mann ohne Frau und Kinder beim Arbeitgeber irgendwie verdächtig war.

Aber gibt es heute, hier in Europa, noch einen vernünftigen Grund zu heiraten? Menschen leben zwar immer häufiger ohne Trauschein zusammen und bekommen uneheliche Kinder. Außerdem wird jede dritte deutsche Ehe wieder geschieden und das ist verdammt teuer. Die Deutschen heiraten auch erst spät, Anfang 30 im Schnitt. Aber die Ehe ist trotzdem nicht out. Im Gegenteil, sie ist sogar sehr beliebt. Junge Deutsche zwischen 20 und 29 halten sie nur zu einem Drittel für überholt.

Warum nur? Ist die Kirche, der gesellschaftliche Zwang doch noch so stark? Oder ist es pure, irrationale Romantik?

Eine schlichte, aber nett anzuschauende Animation der School of Life, in London mitbegründet vom populären Philosophen Alain de Botton, zeigt, dass es doch noch sachliche Gründe gibt, zu heiraten. Nur kommen sie seltener von außen, als gesellschaftliche oder religiöse Verpflichtungen, sondern von innen – die Ehe als psychologischer Trick.

Als Erklärung muss mal wieder der berühmte Marshmallow-Test herhalten. Kindern wurde die Süßigkeit vor die Nase gelegt. Die Ansage: Wenn du fünf Minuten durchhältst und ihn nicht isst, kriegst du zwei. Diejenigen, die der Versuchung widerstanden haben, sollen auch später ihr Leben besser im Griff gehabt haben.

Die Ehe könnte also eine Krücke sein, um durchzuhalten bis zum zweiten Marshmallow: Männer und Frauen errichten sich selbst ein Hindernis, behauptet die School of Life, um ihre impulsiven Wünsche, die sie später bereuen könnten, in den Griff zu kriegen. Toller Sex mit dem coolen Typen da drüben? Schluss machen wegen ein paar vergossenen Tränen? Die Peitsche rausholen und zuschlagen? Da gehen in der Animation plötzlich die Schranken runter: Oh je, ich bin verheiratet. Eine Trennung wäre peinlich, teuer und langwierig. Vielleicht überlege ich lieber noch mal, ob ich sie wirklich will oder ob es mir langfristig nicht leid tun würde. Wir brauchen Struktur und gestehen uns mit der Hochzeit ein, dass wir uns einsperren müssen, weil wir uns selbst nicht über den Weg trauen können.

Die School of Life vereinfacht die Welt und ein Filmchen von gut fünf Minuten tut das erst recht. Trotzdem erläutern der Sprecher und das bunte Pärchen, an dem Anwälte und diverse Versuchungen zerren, durchaus interessante psychologische Muster. Zum Beispiel, dass wir uns nicht unbedingt weiterentwickeln, wenn wir immer schnell davonlaufen.

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