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Ein See-Elefant ist in Russland ein Netzheld

 

Der Frühling lässt ebenso auf sich warten wie die Erhöhung der Renten oder die Aufhebung internationaler Sanktionen. In Russland ist man es gewohnt, sich in Geduld zu üben, egal ob in der Politik, an der Supermarktkasse oder auf der Post. Dieser gesellschaftliche Gleichmut hat nun ein Maskottchen gefunden: eine Skulptur mit raupenartigem Körper, menschlichen Zügen und dem Kopf eines See-Elefanten. Rasend schnell hat sich die Figur in den sozialen Netzwerken verbreitet, wie ein Video der französischen Zeitung Le Monde zeigt. Die graue, sanftmütig dreinschauende Kreatur wird in Bilder, Pressefotos, Gemälde montiert und auch mal an den Tisch von Präsident Wladimir Putin gesetzt. So hat sie sich zu einer Art russischem Nationalhelden des Internets gemausert.

Eine Auswahl der lustigsten Memes hat beispielsweise die russische Zeitung Wedomosti gesammelt. Das Video belegt, die See-Elefanten-ähnliche Erscheinung hat es nicht nur in die russischen Wohnzimmer, sondern auch in den Kreml geschafft – und sieht dabei urkomisch aus.

Eigentlich heißt die Skulptur Homunculus Loxodontus. Seit einem guten Jahr ist sie in der Universitätsklinik im niederländischen Leiden ausgestellt. Die Künstlerin Margriet van Breevoort hatte sie ursprünglich entworfen, um die Patienten im Wartezimmer abzulenken, Kranke aufzumuntern.

Seit der vermenschlichte See-Elefant aber Anfang Februar in einem Foto vom Prozess gegen den Oppositionsführer Alexej Nawalny auftauchte, ist er zu einer Berühmtheit geworden. So berühmt, dass die niederländische Klinik zu einer Netzsensation geworden ist, wie die niederländische Zeitung NL Times berichtet, und sich mittlerweile auch Soziologen und Politologen mit dem Phänomen beschäftigen.

Ein See-Elefant wird in Russland zum Internethit
@ Screenshot Le Monde

Angesichts ausbleibender politischer Reformen und kulturellem Stillstand hat die russische Gesellschaft in dem apathisch wirkenden See-Elefanten offenbar ein Sinnbild ihres Alltags gefunden: das Ausharren. Dafür steht auch der Name der Figur. Angelehnt an das russische Verb schdat haben die Fans ihren Netzliebling Schdun getauft, was so viel heißt wie: der Wartende. Laut Radio France Internationale symbolisiert Schdun die passive und resignierende russische Gesellschaft.

@ Screenshot radio free europe radio liberty

"Diese bizarre Figur steht für Inhaltsleere, die Gesellschaft erwartet etwas, ohne genau zu wissen, was", wird der Soziologe Alexeï Rochine von Le Monde zitiert. Der Schdun sei ein Symbol für die generelle Verarmung des Intellektuellen und Spirituellen. Denn in Russland passiere schlicht nichts Interessantes.  Zugleich fürchteten die Menschen einen Stabilitätsverlust, denn in ihrer Vorstellung verschlimmere jede Veränderung den Status quo. Rochine bezeichnet dies als putinesken Konsens. Wo es stagniert, wird sich eben mit Satire beholfen. "Also adoptiert man voller Selbstironie Schdun", schließt Rochine.

@ Margriet van Breevoort "Homunculus Loxodontus"

Wie viel Fantasie und Kreativität die Russen dabei an den Tag legen, veranschaulicht eine Sammlung von Memes des Portals Meduza. Den Eifer der Meme-Bastler hat die Kunstfigur vermutlich ihrer sympathischen Ausstrahlung zu verdanken.

Der See-Elefantenmensch Schdun verkörpere das moderne Russland wie keine andere Figur. Er sei optimistisch, er verzweifle nicht, schreibt der russische Politologe Dmitri Trawin in einem Essay für die Zeitung Wedomosti. "Er sitzt da und wartet einfach." Und genau damit trifft die sympathische graue Kunstfigur den Nerv der russischen Gesellschaft.


12 Kommentare

  1.   Breinhardt

    Eine alltägliches Meme, wie sie inzwischen in allen Gesellschaften mit freiem Internet auftauchen, mag ja eine berichtenswerte Anekdote sein. Doch wie aus einem Reflex heraus wird es verwendet, um erneut ein düsteres Bild der russischen Gesellschaft zu zeichnen.

    Der unsägliche Begriff „Lügenpresse“ hat die Diskussion um die Glaubwürdigkeit der Presse in einen „Wer nicht für uns ist, ist gegen uns“-Hexenkessel verwandelt. Der verstellt den Blick auf eine eigentlich ganz simple, historisch immer wieder bestätigte Wahrheit: Die freie Presse lügt meistens nicht, aber natürlich ist sie tendenziös. Ganz gleich, welche Gründe sie dazu hat, seien es nur die persönlichen politischen Überzeugungen der Chefredakteure.

    Russland, so die deutlich spürbare Tendenz in der Berichterstattung, hat in einem zwielichtigen, unpersönlichen Licht zu stehen. Sähe man sich in der Mission des Friedens, würde man nach vermenschlichenden Geschichten aus dem russischen Volk suchen oder in Bildern demonstrieren, dass auch in Russland ganz normale Menschen ihren ganz normalen Alltag bestreiten.

    Stattdessen ist Russland nur ein düsterer Ort, an dem die gesichtslosen Menschen nicht mehr tun können, als in ihrem furchtbaren Schicksal auszuharren – ein furchteinflößendes Bild, dessen Anlass nicht mehr sein muss als ein kleiner Scherz, den sich die russischen Bürgern zur Zeit gegenseitig auf ihren Smartphones zeigen.

  2.   Hamada

    Ach, würden doch einmal die deutschen Redakteure Russland besuchen und durch die Städte schlendern und das sehen was sie nicht sehen wollen.
    Tagsüber eine normale Gesellschaft die ihren Arbeitsplatz aufsucht, den sie Abends wieder verlässt. In den Großstädten geht es nach Feierabend in die Kneipe von nebenan oder die jüngeren in die Disko.
    Und wenn man aufs Land fährt wähnt man sich wie im mittleren Westen der USA oder in der Eifel, es sind nur marginale Unterschiede. Eines haben diese ländlichen Gebiete auf der ganzen Welt gemeinsam, sie sind sehr gastfreundlich.
    Es ist nicht fair wie Russland immer dargestellt wird; denn im Gegensatz zu vielen armen Gegenden des Westens, sind die russischen Gegenden zufrieden mit dem was sie haben, sie hadern nicht mit ihrer gesellschaftlichen Position.