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Wenn ich ein Mädchen wär

 

Es gehört zu einem souveränen Umgang mit Misogynie, sich despektierliche Fremdbezeichnungen zu eigen zu machen. Angela Merkels Umgang mit ihrem Spitznamen „Mutti“ ist ein Beispiel dafür. Oder die US-amerikanische Pussy Hat-Bewegung, die sich nach dem Grabbing-Aufruf Donald Trumps benannte.

Warum erwachsene Frauen damit anfingen, sich selbst als Mädchen zu bezeichnen, ist jedoch unklar. Vielleicht machte Cyndi Lauper mit Girls Just Wanna Have Fun den Anfang. Spätestens in den Neunzigern war man sich jedenfalls von den Riot Grrrls bis zu den Spice Girls über den empowernden Charakter der Mädchenhaftigkeit einig. Auch in den vergangenen Jahren war Girls nicht nur der Titel von Lena Dunhams HBO-Serie und Beyoncés Antwort auf Who Run The World. Sogar Laurie Penny sprach in Unspeakable Things von den „fucked-up girls“. Ob das jeweils eine bewusste Aneignung oder vielmehr eine gedankenlose Reproduktion war, sei mal dahingestellt. Dass das subversive Potenzial des Mädchenseins obsolet ist, ist jedoch nicht erst seit Heidi Klums Ä-lastigen Ansprachen entlarvt.

Das hat sich wohl auch die US-amerikanische Schauspielerin Mayim Bialik (Big Bang Theory) gedacht. Vor einigen Tagen postete sie auf Facebook ein Video, in dem sie die Abschaffung des inflationären Mädchenbegriffs forderte. Frauen sollten als Frauen bezeichnet werden, schließlich würde man Männer an der Bar auch nicht diminutivierend als „Jungs“ bezeichnen. Was im deutschen Sprachgebrauch noch denkbar wäre, ist im Englischen scheinbar unüblich.

Mayim Bialik verweist in ihrem vierminütigen Video auf die Sapir-Whorf-Hypothese, die den Einfluss der Sprache auf unser Denken und Wahrnehmen der Welt beschreibt. Innerhalb der Linguistik ist diese Hypothese umstritten: In ihrer stärksten Auslegung bedeutet sie, dass unser Denken an die Grenzen der Sprache stößt, dass wir also nur das denken können, was wir auch sprachlich zu fassen im Stande sind.

Im Sinne Bialiks heißt das: Indem wir Frauen als Mädchen bezeichnen, denken wir sie auch als Mädchen. Als kindliche Wesen also, die nicht das sprachliche Gegenstück zum Mann sind, sondern ihm unterlegen, inferior. Bialik richtet sich auch an Frauen, die kein Problem damit haben, als Mädchen tituliert zu werden. Sie appelliert an ein Bewusstsein dafür, dass die Welt, in die wir hineingeboren werden, eine männlich geprägte ist. Dass wir vorherrschende Vorurteile gegenüber Frauen übernehmen, wenn wir sie nicht hinterfragen. Solche Frauenbilder rührten jedoch noch aus einer Zeit, in der Frauen im öffentlichen Raum nicht vertreten waren. Heute seien sie überholt und taktlos, outdated and insensitive.

Zweifelhaft wiederum scheint Bialiks Definition dessen, ab wann jemand kein Mädchen mehr, sondern eine Frau ist: Indizien dafür, zählt sie lakonisch auf, seien ein Hochschulabschluss, ein Beruf, eine Autoversicherung, ein eigenes Zuhause oder eine 401k, eine Mischung aus privater und betrieblicher Altersvorsorge – Parameter, die aus Sicht einer gut verdienenden Schauspielerin und Doktorin der Neurowissenschaften vielleicht selbstverständlich scheinen, es jedoch nicht für jede Frau jenseits der 21 Jahre sein müssen.


Dennoch ist es zu begrüßen, dass sich eine Frau mit einer derartigen Reichweite dieses Themas angenommen hat. Die acht Millionen Aufrufe ihres Videos lassen darauf hoffen, dass ihre Botschaft viral wird – auch wenn sich „Women Just Wanna Have Fun-Damental Rights“ nicht ganz so gut singen lässt.