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Soft angetäuscht: Frau Electras Rockschwalbe

 

Von links außen spielt sich eine neue Favoritin ins Feld der Berliner Songschreiber. Die Australierin Justine Electra hat den Folk auf dem Fuß und noch ein paar Samples im Ärmel

Cover Electra

Soft Rock? Hilfe, blüht uns hier etwa femininer Kitsch? Weich gespülte Frauenbewegtheit wie von Ani DiFranco und Konsorten? Der Gedanke läge nahe, hätte sich nicht inzwischen längst herumgesprochen, dass Justine Electra wirklich so heißt und sich hinter dem verdächtigen Titel ihrer ersten Langspielplatte ein ganz heißer Tipp verbirgt. Für die schicken Namen der vor wenigen Jahren aus Australien zugewanderten Wahlberlinerin sind tatsächlich ihre musikbegeisterten Hippie-Eltern verantwortlich. Und mit Soft Rock gelingt ihr gerade die seit langem raffinierteste, verführerischste Instandsetzung einiger – Klischees?

Schon das irritierend purpurne Pink des CD-Covers ist der Wahnsinn. Bonbonfarben, aber wärmer, hat es mit den Goldbuchstaben und der Gitarrenattrappe Signalcharakter. So fragil die verschleppten Folk- und Bluesharmonien in den dreizehn Songs erscheinen, im eigenen Echo der doppelt bis dreifach gelegten Vokalspuren wirkt Justine Electras Gesang beinahe beharrlich. Betörend, verstörend kommen einem die hellen Kopfstimmenschlenker nahe wie Fledermäuse im Flug, unberechenbar, zum Greifen lebendig, und plötzlich verschwunden im raschelnden Dunkel von ein paar Akustikgitarrenriffs, psychedelischer Orgel, schlurfenden Rhythmen.

Justine Electra hat eine Zeit lang probeweise mit der Band Tarwater musiziert und sie liebt es, einen gewollt schlampigen Sound mit Knacksern zu betonen. Doch anders als beim oft konstruiert klingenden Datenfolk verströmen ihre Samples die Wärme und den Soul alter Plattenaufnahmen. Darin aufgehoben zerbrechen die LoFi-Intimität, die zarten Lyrics und Melodien niemals völlig, sie gewinnen vielmehr neue Stärke – wie aus kindlichem Fieberglühen.

In dem Song Killalady schließt Justine Electra traditionelles Songwriting mit modernstem R‘n‘B kurz, ohne sich den Schuh wirklich anzuziehen. Ein harmloses Glöckchen zerschneidet wie ein Alarmton das MTV-kompatible „Ah-haa!“ im Chorus, die augenzwinkernd provokativen Beats und kleinen Gitarrenbratzer, und verweist auf die Gefahr: Alte Modelle werden im HipHop oft nur durch neue Dogmen ersetzt, die das Bild der Frau nicht weniger fragwürdig wiedergeben, als im guten alten Zweierkistendrama in der klassischen Ballade.

Auch Erscheinung und Auftreten der zierlichen Sängerin, deren Konzerte im Ruf einer schillernder Atmosphäre stehen, changieren wie ihre Musik und Texte zwischen einem altklug verschlissenen Überbewusstsein und einer ständigen Zerstreutheit. Im banalen Alltag findet sich diese Art wissenden Abgelenktseins häufig bei Müttern und Krankenschwestern – im Künstlerdasein deutet sie auf einen hippieesken Hintergrund. In den Songs Mom & Dad & Me & Mom, Motorhome und Defiant And Proud geht es um unübliche Familienverhältnisse und unruhige Existenzgrundlagen, in denen Justine Electra zugleich den Überlebenswillen einer freiheitlichen naturnahen Sozialordnung schlummern sieht: „Smell the air and feel the leaves / Let’s burn the television / Buy some tennis rackets, books to read.“

Mitsamt Bubblegum-Piano-Clustern entführt sie den Folk von den staubig sonnigen Straßen ihrer Kindheit. Unter dem Nachhall elektronisch verebbender Mundharmonikaakkorde lässt sie in Blues And Reds das trügerische Glitzern der Erinnerung hinter sich: „Somebody‘s been walking in my shoes“. Die Unruhe wird wohl bleiben, in ihr spiegeln sich die vertraute Leere, der ziellose Drang nach Veränderung, die vom virtuell reisenden Großstadtneurotiker bis zum heimlich träumenden Kulturpessimisten jeder in sich wieder erkennt.

„Soft Rock“ von Justine Electra ist als LP und CD erschienen bei City Slang

Hören Sie hier „Killalady“ und „Blues and Reds“

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