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Einfach Ideal

 

Über die Jahre (11): Im August widmet sich der Tonträger Platten aus vergangenen Tagen. Heute: „Keine gute Frau“, das packende Debüt des Berliner Duos Sender Freie Rakete. Intelligente Texte, eine wahnsinnige Stimme und eingängige Melodien. Was kann man mehr erwarten?


Cover Sender Freie Rakete

Selten hat mich Musik so gepackt wie diese: Mitten im Berliner Spätfrühling erwischten mich Sender Freie Rakete, ein Duo aus der Spreestadt. So wie Musik heutzutage den Musikschreiber erwischt: ein Hinweis hier, ein Reinhören da. Täglich stochert man im digitalen Brei zwischen MySpace, PureVolume, Radioblogclub und BeSonic. Immer auf der Suche nach den Trüffeln, die einem die Werbe-Maschinerie der großen Plattenfirmen nicht präsentieren kann – weil sie die Künstler nicht unter Vertrag hat. Ich stolperte über das Lied Uncool, und war sofort gefangen. Keine Gute Frau musste her, ein Minialbum mit sechs Stücken, die damals noch einzige Veröffentlichung aus dem Jahr 2005.

Emma Berit Ott und Stefan Machalitzky sind die beiden Raketenmusiker. Sie singen auf Deutsch. Sie stellen viele Fragen – und geben gleich noch Antworten, ohne dabei in den Irrgarten der Banalitäten abzugleiten. „Ist es normal“, fragt die Sängerin, „dass ich alle Bands viel besser fand, als sie noch arm und unbekannter waren?“ Aufgrund des gewaltigen Drucks in ihrer Stimme wird sie oft mit Ideal-Sängerin Annette Humpe verglichen. Glatt und rau zugleich ist sie, rotzig frech und doch einfühlsam. Derweil flitzen Machalitzkys Finger gekonnt die Saiten hinauf und hinunter, spielen eingängige Linien, einfach, aber nie anspruchslos. Jedes Lied hinterlässt tiefe Spuren in meinen Gehörwindungen.

Vorbei sind offenbar die Zeiten, in denen der Wortschatz deutschsprachiger Rockbarden nicht größer sein durfte als der seiner Hörer. Die Texte von Emma Berit Ott sind gut und intelligent. Sie sind ironisch, die Doppeldeutigkeiten sind an Eindeutigkeit nicht zu überbieten. „Meine voll emanzipierte Mutter denkt, ich spinne – weil sie merkt, ich will anders als sie sein.“

Sie verstehen sich auch auf die ruhigen Stücke. Bestes Beispiel: Wir sind drüber. Leise, einfühlsam – und doch nicht einfach nur ein Liebeslied. Sondern ein Stück über das Ende einer Beziehung. Immer wieder thematisieren sie die spannungsgeladenen Nebenwirkungen des Alltags. Dabei klingen sie wie eine zeitgemäße, rockige und zugleich intelligente Ausgabe von Ideal.

Solche Werke sind selten. Und noch seltener knüpfen Künstler nahtlos an diese an. Das 2006 erschienene zweite Minialbum Nadine ist leider Opfer dieser Regel.

„Keine gute Frau“ von Sender Freie Rakete ist im Eigenverlag veröffentlicht worden, es ist über die Website der Band und bei Finetunes erhältlich

Hören Sie hier „Uncool“

Weitere Beiträge aus der Serie ÜBER DIE JAHRE
(10) Herbie Hancock: „Sextant“ (1973)
(9) Depeche Mode: „Violator“ (1990)
(8) Stevie Wonder: „Music Of My Mind“ (1972)
(7) Tim Hardin: „1“ (1966)
(6) Cpt. Kirk &.: „Reformhölle“ (1992)
(5) Chico Buarque: „Construção“ (1971)
(4) The Mothers of Invention: „Absolutely Free“ (1967)
(3) Soweto Kinch: „Conversations With The Unseen“ (2003)
(2) Syd Barrett: „The Madcap Laughs“ (1970)
(1) Fehlfarben: „Monarchie und Alltag“ (1980)

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2 Kommentare

  1.   papamax

    Gemeint ist sicherlich ein Plattenlabel, eine Plattenfirma.

    Ein Musikverlag verlegt die Komposition, aber er veröffentlicht (in der Regel) keine Tonträger.

    Das verwechselt das Feuilleton leider immer wieder mit dem Buchwesen. Dort sind es in der Tat die “Verlage”, die die Ware für die Kunden zum in-die-Hand-nehmen-und-lesen veröffentlichen. In der Musik ist das etwas anders. Einfaches Beispiel: Der Verleger der Beatles-Titel war damals die Firma “Northern Songs”. Die Plattenfirma war die EMI.

    Also nochmal: wenn eine Platte, eine CD veöffentlicht wird, macht das eine Plattenfirma. Der “Musikverlag” ist eine interne Sache im Hintergrund, die die Leser von Publikumszeitungen wenig interessiert.

  2.   Falk Lueke

    Danke für den Hinweis, der hier allerdings nicht ganz zutrifft (evtl. auch missverständlich formuliert): Sowohl die Verlags- als auch die Produktions-, Vertriebs- und Vermarktungsrechte sind in diesem konkreten Fall bei den Künstlern. Vollkommen korrekt ist, dass Verlagsrechte etwas anderes sind als die Rechte, mit denen der normale Musikkäufer mittelbar in Berührung kommt.