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Taschentücher für den Mann in Schwarz

 

Da ist kein Kitsch und keine Scham: Auf „A Hundred Highways“ singt Johnny Cash seine letzten Lieder, rau und direkt. Die Abschiedsgesänge sind ergreifend und traurig. Und manchmal kaum zu ertragen

Cover Hundred Highways

Mit Tränen in den Augen sitze ich auf dem Bett und suche Taschentücher. So viel Todesnähe spürt man selten in Musikstücken – da ist kein Kitsch, keine Scham. Die Lieder sind traurig und ergreifend, die Stimme vom Alter brüchig und immer noch eindringlich. Der Mann, der da singt, blickt voller Ruhe dem Tod ins Auge. Sein Abschiedsgesang lässt mich innehalten, ich kann ihn kaum ertragen.

Johnny Cash ist 2003 gestorben. Über ein halbes Jahrhundert lang hat er Lieder aufgenommen. Man muss kein Liebhaber des Genres sein, um den King of Country-Music zu mögen, eigentlich war er gar kein typischer Country-Musiker. Er war ein einsamer Rebell, der „Mann in Schwarz“. Er erzählte Geschichten vom Leben der Unterprivilegierten, vom Tod, von Gott und seelischen Abgründen. Einige seiner letzten Aufnahmen mit dem Produzenten Rick Rubin, der ihn Anfang der Neunziger Jahre aus der Versenkung geholt hatte, sind auf dem Album American V – A Hundred Highways versammelt. Zwölf Lieder, auf das Wesentliche reduziert: Johnny Cash und seine raue Stimme, zurückhaltend begleitet von einer Gitarre. Auf manchen Stücken ist auch ein Cembalo, eine Orgel und ein Klavier zu hören.

Warum nur stimmt mich dieses Album so schrecklich traurig? Elvis Presley war schon tot, als ich seine Musik wahrnahm, ich musste ihn nicht verabschieden. Johnny Cash aber war immer da, spielte unermüdlich über die Jahre. Und obwohl er nie einer meiner ganz großen Helden war, schätzte ich ihn immer. Er hat mich begleitet, vielleicht fällt der Abschied deshalb so schwer.

Cash thematisierte seinen nahenden Tod immer wieder. In dem Musikvideo zu Hurt sah man ihm 2002 seine Gebrechen deutlich an. In Bildern rauschen hier Stationen seines Lebens vorbei und er zieht Bilanz: Wenn er sein Leben erneut zu meistern hätte, er würde alles wieder genau so machen. Das ist vermutlich das Schönste, was man am Ende eines Lebens sagen kann.

Seine große Liebe und zweite Ehefrau June Carter stirbt im Mai 2003, Cash folgt ihr nur wenige Monate später, im Alter von 71 Jahren. Kurz zuvor, von schwerer Krankheit gezeichnet, besingt er den Tod im letzten Lied, das er selbst geschrieben hat: Like The 309. Einsam und müde bittet er Gott um Hilfe in Help Me und interpretiert das tragische Hank Williams-Stück On The Evening Train, in dem die Geliebte im Abendzug für immer „nach Hause“ gebracht wird. Johnny Cash nimmt Abschied. In Würde und in Schwarz.

„American V – A Hundred Highways“ von Johnny Cash ist als LP und CD erschienen bei Mercury/Universal

Hören Sie hier „Help Me“

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5 Kommentare

  1.   Klaus

    Eine geradezu wunderbare Kritik!

    herzlichsten Dank dafür!

  2.   Martin Lexa

    Sehr geehrte Frau El-Nawab,
    denken sie wirklich, dass „if I could start again, a million miles away, i would keep myself, i would find a.. way.“ mit „Wenn er sein Leben erneut zu meistern…“ gleichzusetzen ist? Abgesehen davon, dass der Text, wie sie bestimmt wissen, ja gar nicht vom Man in Black selbst stammt (sondern es sich um ein NineInchNails-Cover handelt), dachte ich immer die Zeilen meinen, er WÜRDE er selbst bleiben, was er in diesem Leben nicht immer geschafft hat.

  3.   Susanne El-Nawab

    Sehr geehrter Herr Lexa,
    Im Zusammenhang mit den Bildern und der Stimmung des Videos verstehe ich das Lied (frei übersetzt) wie in meinem Text beschrieben: Cash blickt auf sein Leben zurück und ist trotz aller Zweifel, Rastlosigkeit und Fehler auf eine eigentümliche Art zur Ruhe gekommen. Sie mögen mit Ihrer Interpretation Recht haben, aber das ist doch gerade das Schöne und Bezaubernde an Musik: Sie bleibt immer auch Auslegungssache, ein kleines oder großes Rätsel und – im Falle von Cash – für mich eine Herzensangelegenheit.
    Freundliche Grüße von Susanne El-Nawab

  4.   lars ruge

    Sehr geehrte Frau El-Nawab!
    Sehr spät (aber es ist ja niemals zu spät) ein Kommentar von mir: Ich gehe immer mit einer gewissen Portion Skepsis an CD-Kritiken heran – insbesondere im Falle dieser CD. Ihr Text hat mir aber sehr sehr gut gefallen – denn er trifft es irgendwie ziemlich genau. Er ist mit sehr viel Gefühl verfasst und beschäftigt sich gar nicht erst mit der „Qualität“ der Musik selbst (wie immer eine solche auch zu definieren ist) – sondern eben mit dem Gesamtgefühl, welches tranportiert wird. Wenn Sie mich fragen, wäre „A Hundred Highways“ nicht nötig gewesen. Ich liebe die letzten CDs (in denen Rick Rubin als Produzent fungiert) ganz besonders – und die letzte, zu Lebzeiten aufgenommene Scheibe „When The Man Comes Around“ wäre – meiner Meinung nach – ein wundervoller Abgang gewesen, aber gut. „A Hundred Highways“ empfand ich somit zuerst als ein wenig schlapp und nichtig – aber eben mit dem Cash-Bonus versehen. Sie ist für mich jedoch gewachsen – und zwar als ich begann, sie ausschließlich mit dem Herzen zu hören… Von daher: Vielen Dank für Ihre „Beurteilung“.

    Gruß Lars Ruge


  5. […] haben ihr eine Reife verliehen, wie man sie, einige Lagen tiefer, aus den späten Jahren von Johnny Cash […]